(The) Sky is the Limit: European Series Day stellt neue Chancen für TV-Autoren heraus

Marseille
Die erste europäische Netflix-Serie von Federation Entertainment: "Marseille" mit Gerard Depardieu; Foto: Federation Entertainment/Netflix

Auf dem European Series Day im Rahmen des Film Festival Cologne gewährten internationale Serienmacher am Montag interessante Einblicke in ihre Arbeit. „Marseillle“-Produzent Ciszewski berichtete von den Herausforderungen europäischer Koproduktionen, während „The Young Pope“-Script Consultant Lusuardi ein leidenschaftliches Plädoyer für stark serialisierte Konzepte hielt.

Zwei Ziele hatte sich die französische TV-Produktionsfirma Federation Entertainment selbst gesteckt, als sie vor einigen Jahren an den Start ging: Sie wollte es schaffen, bei ihren Serien nach dem amerikanischen Modell eine Staffel pro Jahr zu produzieren – und die erste europäische Serie an Netflix zu verkaufen. Beides ist ihnen gelungen. Ihr „Marseille“ war dabei nur der Anfang, inzwischen hat das Unternehmen fünf Serien auf Netflix, wie Jean-Michel Ciszweski, für den internationalen Vertrieb und Koproduktionen zuständig, in Köln berichtete. Dabei ermögliche die Arbeit für den US-Streamingriesen mehr Freiheiten, als es sie bei der Arbeit für klassische Fernsehsender gebe. „Während der Produktion an der ersten ‚Marseille‘-Staffel fragte unser Geschäftsführer einmal schon: ‚Haben wir überhaupt noch einen Vertrag mit Netflix?‘, weil sie sich monatelang überhaupt nicht mehr meldeten und auch keine Anmerkungen zu den Drehbüchern schickten“, so Ciszewski.

Das Pariser Unternehmen produziert aber nicht nur für den US-VoD-Dienst, sondern auch mit Partnern überall in Europa, etwa das Crimedrama „Bordertown“ fürs finnische Fernsehen. Für die deutsch-luxemburgische ZDF-Serie „Bad Banks“ über die Auslöser der Finanzkrise, die Christian Schwochow mit Paula Beer in der Hauptrolle inszeniert hat („ein brillanter Regisseur“), hat Federation den Weltvertrieb übernommen, produziert aber nicht selbst mit. Das sei eine Ausnahme gewesen, erklärte Ciszewski: Normalerweise wolle sich sein Unternehmen mit mindestens 15 Prozent an einer Serienproduktion beteiligen, um den eigenen hohen Anspruch durchsetzen zu können.

Das Wichtigste bei einer Serie, egal in welchen Ländern sie hergestellt wird, sei eine gute Geschichte. Länder- oder Sprachgrenzen spielten inzwischen keine Rolle mehr, da selbst das US-Publikum mittlerweile Serien mit Untertiteln akzeptieren würde – was noch vor einigen Jahren undenkbar war. Am einfachsten sei es, Dramaserien international zu verkaufen, die etwas „edgy“ seien, weil bei Mainstreamserien für große nationale Sender meist auch nur mit inländischen Produktionsfirmen zusammengearbeitet werde. Auch Comedy sei schwierig, da Humor meist kulturell geprägt ist. „Crime und Cop-Shows gehen hingegen überall.“ Sie müssten aber, um international vermarktbar zu sein, schon etwas moderner aussehen als die meisten deutschen Serien. Es gibt aber Hoffnung für deutsche Serienmacher: Bis vor wenigen Jahren seien auch französische Serien im Ausland noch unverkäuflich gewesen. Eine kleine Rolle spiele inzwischen das Budget, man könne ihren Serien nicht ansehen, welche zwei Millionen Euro pro Episode gekostet habe und welche nur 300.000, so Ciszewski.

Nicola Lusuardi
„Don Draper bin ich“: Nicola Lusuardi steigerte sich in einen sehr emotionalen Vortrag; Foto: kir

Goldene Zeiten und universelle Konflikte

Auch der Italiener Nicola Lusuardi betonte, dass wir in goldenen Zeiten für europäische TV-Autoren und -produzenten leben. „Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass wir mit den gleichen Budgets und dem gleichen Anspruch arbeiten können wie in Hollywood“, schwärmte der Drehbuchautor, -dozent und -berater, der unter anderem an Serien wie „The Young Pope“, „Gommorha“ und „1992“ mitgearbeitet hat.  Lusuardi erklärte sehr leidenschaftlich, was seiner Meinung nach eine gute Serie auf Drehbuchebene ausmache. Drei Faktoren seien notwendig, um das Publikum dauerhaft zu packen: eine Gruppe von Figuren, eine „Arena“ (im wörtlichen oder metaphorischen Sinn), in der diese agieren könnten (das kann eine Werbeagentur oder eine Notaufnahme sein), und Potential für multiple Konflikte zwischen den Figuren. Statt einer guten Geschichte brauche eine „echte“ Serie eine potentiell endlose Anzahl möglicher Geschichten.

Viele TV-Autoren dächten noch zu wenig seriell, findet Lusuardi. Deshalb seien viele Miniserien nur Filmideen, die auf sechs Stunden gestreckt würden. Als Beispiele für hervorragendes echtes serielles Erzählen nannte er zwei moderne Klassiker: Bei „Mad Men“ stünde der universelle Konflikt zwischen der sozialen Identität und der erwünschten Identität eines Menschen im Mittelpunkt – verkörpert durch die zwei Rollen der Hauptfigur, Don Draper und Dick Whitman. Dieser Konflikt würde dann in jeder der sieben Staffeln von einer anderen Seite aufgerollt, mal versuche Draper, Whitman ganz zu verdrängen, dann wieder, ganz zu Whitman zu werden. Ebenso bei „Six Feet Under“. „Die Frage nach dem Sinn des Lebens wurde in jeder Staffel mit einer anderen möglichen Antwort durchdekliniert: in einer Staffel das Carpe Diem, in der nächsten das genaue Gegenteil, also einen festen Lebensplan zu haben.“ Potential für endlos viele Geschichten.

Die menschliche Existenz als zentrales Problem

Auch in „The Young Pope“, der Sky-Großproduktion, an der Lusuardi selbst als Script Consultant beteiligt ist, kämen alle Konflikte aus dem Widerspruch, den die von Jude Law gespielte Titelfigur in sich trägt: den Anforderungen, die die Rolle als Papst an ihn stellt, und seinen eigenen Zweifeln, ob Gott überhaupt existiert. Nicht notwendig für eine gelungene Serie seien hingegen: die Fokussierung auf einen Protagonisten und einen Antagonisten sowie ein (einziger) Plot. Keine gute Serienprämisse sei etwa, einen Killer ermitteln und stellen zu müssen. „Wenn der Bösewicht tot ist, ist es meine Serie auch“, kommentierte Lusuardi diesen immer noch weit verbreiteten Ansatz aus Autorensicht. „Das zentrale Problem darf nicht das Fangen eines Bösewichts sein, sondern der Mensch selbst.“ Bei diesem universelleren Vorgehen „merken Sie spätestens in Ihren Vierzigern: ‚Don Draper bin ja ich'“.

Lusuardi selbst arbeitet bereits an Konzepten, um sich einen alten Kindheitstraum zu erfüllen: eine Space-Opera à la „Star Wars“ zu schreiben und verfilmt zu sehen. „Es ist Zeit für europäische Drehbuchautoren, nicht mehr depressiv zu sein“, rief er die anwesenden (Nachwuchs-)Schreiber in Köln auf. Mit all den neuen Möglichkeiten, die die Kabelsender und Streamingdienste mit ihren höheren Budgets eröffneten, fühle er sich – typisch Italiener – „wie ein Baby im Pastageschäft“.

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