„CopStories“-Kritik: Ep 1.04: „Und Gusch!“

Christoph Feuerstein und Stadträtin Selma (Proschat Madani) wittern eine Story. Foto: CopStories DVD, Gebhardt Productions

Bevor im Herbst Staffeln 3 und 4 im Fernsehen anrollen sollen, strahlt der ORF zuvor noch einmal die ersten beiden aus. In Folge 4 haben die Polizisten mit schwer vermittelbaren Arbeitslosen bei der Polizeiarbeit, einem abenteuerlichen Ehestreit und einer Geiselnahme im Videoladen zu tun.

Café Eisenriegler

„Und Gusch!“ ist der Auftakt für das größte Laster von „CopStories“: Die Teaser, also jene Sequenz, die noch vor dem Vorspann abgespielt wird. In den ersten drei Folgen hat sich die Serie redlich bemüht, unterschiedlich und spannungsaufbauend einzusteigen; mit Folge 4 aber erlegt „CopStories“ es sich selbst auf, so gut wie immer gemütlich im Café Eisenriegler zu beginnen. Das klingt zuerst nach keiner schlechten Idee, weil es wohl auch den Polizistenalltag in Ottakring in leicht romantisierter Fassung widerspiegelt. Doch schon „Und Gusch!“ zeigt, warum diese Art von Episodenbeginn keine gute Idee war.

Kurz zusammengefasst ist die Szene einfach langweilig – nichts passiert. Anstatt die Zuseher in die Episode zu reißen, möglichst mit einem Cliffhanger, schreckt sie eigentlich sogar davon ab, sich die gesamte Folge anzusehen. Da „CopStories“ so viele Handlungsstränge pro Episode verfolgt, ist es natürlich unmöglich, sämtliche davon noch vor dem Vorspann in Gang zu treten – aber zumindest einen Grund, sich die gesamte Episode anzuschauen, muss die Szene schon liefern. Stattdessen hören wir den Polizisten beim Quatschen zu – zwar ganz witzig, aber leider zu irrelevant, um wirklich Interesse zu wecken. Ein paar Handlungsstränge werden kurz mündlich angeschnitten, aber als Serie ist „CopStories“ ja nicht umsonst ein vorrangig visuelles Medium. Eine längere Analyse dazu ist hier zu finden, der Artikel beinhaltet allerdings Spoiler für die ersten beiden „CopStories“-Staffeln.

Humor mit Verstand…

„Und Gusch!“ wählt einen anderen Weg als die Vorfolge „Liebesg’schichten„: Dieses Mal sind die einzelnen Fälle nicht durch ein einzelnes Thema verwoben, sondern ein wilder Mix aus den unterschiedlichsten Geschichten. Die Betonung liegt allerdings ein wenig stärker auf Humor als für gewöhnlich: Viele der Kurz- und Kleinstfälle sind bewusst überspitzt, vor allem was das Ehepaar Hansi und Anna Hofer anbelangt. Ein solch tollwütiges Ehepaar ist mehr Karrikatur als Abbildung der Wirklichkeit, passt aber trotzdem (oder gerade deswegen?) gut in die Welt von „CopStories“, weil es ähnliche Fragen wie einige Fälle der drei Auftaktfolgen aufwirft: Wie geht man mit solchen Menschen um, die keinerlei Respekt vor der Polizeigewalt zu haben scheinen?

Gerade bei diesen zwei Streithähnen besteht die Möglichkeit, bewusst diplomatisch mit ihnen umzugehen – alternativ könnte man sie aber auch für ihre in der Episode begangenen Straftaten ahnden und einsperren. Letzteres wäre rechtens, aber würde wohl auch zu einer Verfestigung gewalttätiger Tendenzen führen – wenn man von der polizeilichen Autorität bestraft wird, fühlt man sich gerne über den Mund gefahren oder schikaniert. Die Fehler werden dann nicht bei sich selbst gesucht, stattdessen entsteht ein Hass auf die Polizei. Helga und Co. entscheiden sich gegen diese Spirale, lassen das Ehepaar vorerst glimpflich davonkommen (auch wenn der kaputte PC natürlich bezahlt werden muss) – ob das aber Wirkung zeigt oder ob wir die beiden wiedersehen, wird sich zeigen.

Eine ähnliche Wechselwirkung zwischen Humor und darunter liegender, eigentlich ernster Thematik gibt es bei Vickerl – während die Harninkontinenz zuerst noch als billiges Scherzchen ausgespielt wird, erkennt Flo, dass die Situation eigentlich recht verfahren ist. Es ist leicht, die behandelnde Ärztin für ihre kühle Art und ihren herabwürdigen Umgang mit Randexistenzen zu verdammen – gleichzeitig sieht sie aber auch der Realität, inklusive begrenzter Zeit und lernunwilligen oder -unfähigen Patienten, ins Auge, auf eine Art, wie es Flo nicht kann. Wie immer zählt für Flo allerdings der Mensch und die Einzelperson, und das hat in diesem Fall Erfolg: Die Ärztin willigt ein, mit Vickerl ein Blasentraining zu beginnen. Dass das nicht immer praktikabel ist, dem muss sich Flo in diesem Moment nicht stellen – und deshalb wird auch die Ärztin nicht ihre grundsätzlichen Ansichten ändern (können).

Als drittes Humor-Standbein stellt sich die Storyline rund um die schwer vermittelbaren Arbeitskräfte dar, die, wie in der Vorfolge schon angekündigt, ihren Dienst als Aushilfssheriffs ohne viel Ausbildung antreten. Dass das nur schief gehen kann, ist eigentlich allen außer der Stadträtin Selma von vorneherein klar, vor allem einem kleinen ORF-Fernsehteam (leider nicht Dominic Heinzl, sondern der sonst seriöse Christoph Feuerstein), das sich sichtlich mehr um eine Story bemüht, anstatt einer sinnvollen Novellierung im Gesetzeshüten nachgehen zu wollen – eine wirklich ausgezeichnet besetzte Rolle.

… und auch ohne.

„Und Gusch!“ zeigt aber auch, dass „CopStories“ tonal auch mal daneben greifen kann, auch wenn die Serie ziemlich frei zwischen humorlastigen und dramatischeren Handlungssträngen oszillieren kann. Diesbezüglich fällt in dieser Folge der gar zu gekünstelte Fall um die himmlische Inventur im DVD-Laden auf: Hier macht sich „CopStories“ nicht die Mühe, dem Verbrecher glaubwürdige Motive zu geben oder auch einen ausgeklügelten Fall darum zu bauen oder nur einen echten Sinn für Gefahr zu erzeugen – stattdessen handelt es sich dabei um gedankenloses Popcorn-Fernsehen, das in anderen Serien wohl besser beheimatet gewesen wäre.

Auch ein wenig in Humor getränkt, aber doch überwiegend melancholisch ist der Fall der Frau Hammerer, die angeblich Misshandlungen bei den Nachbarn durch die Wand hört. Trotz seiner Einfachheit ist er der beste der Folge, weil er den zuständigen Polizisten am stärksten mitten ins Herz trifft. Bei Mathias dreht sich neben seiner Verbundenheit mit seinem Heimatörtchen in Tirol alles um seine Einsamkeit, die zum Teil das Resultat aus der Landliebe ist. In Frau Hammerer sieht er sein Spiegelbild – eine einsame Frau, der ein Anker im Leben fehlt. „Sie sehen einfach durch mich hindurch, wissen Sie das?“, erklärt Frau Hammerer Mathias, als dieser sie korrekt als einsam einschätzt – natürlich ist Mathias ein einfühlsamer Mensch, aber hier tut er sich besonders hervor, aus dem einfachen Grund, weil alles, was er bezüglich ihrer Einsamkeit sagt, auf ihn selber zutrifft.

Es entsteht eine wundersame und auch romantische Dynamik zwischen den beiden (aber nicht romantischer als normal!), die Mathias dann aber zu Gunsten von Chantal in den Wind schlägt. In gewisser Weise „schade“, wie Hammerer melancholisch anmerkt, aber andererseits braucht Mathias Chantal – oder soll man Einsamkeit doch besser mit der Gesellschaft anderer einsamer Menschen bekämpfen? Andererseits ist Chantal auch auf eine gewisse Weise einsam, in einer emotionalen Art, in der es Mathias nicht ist, und vielleicht braucht Chantal deshalb auch die Herzenswärme von Mathias – wir werden sehen.

Nichts mit alledem hat Altan zu tun, dessen Beziehung mit seinem Bruder nach der Hausdurchsuchung unverschuldet in die Brüche geht. Ich halte Efe für eine der bestgeschriebenen Figuren, insbesondere was seine Inkompetenz auf so vielen Gebieten anbelangt – die ist meist auf erstaunlich subtile Art sehr witzig. In dieser Episode etwa bildet er sich ein, dass es ein Druckmittel gegenüber der Hausdurchsuchung sei, dass sein Bruder der einzige Türke bei der Wiener Kripo ist – herrlich naiv und doch zurecht stolz auf seinen Bruder, eine Figur zum Gernhaben einfach. Indes fahndet die Polizei nach wie vor nach der Tatwaffe des Mordes an Theo, und nach wie vor wird Altan von Dogan deshalb erpresst – an dieser Front gibt es also wenig Neues.

Auf frischer Tat ertappt: Altan (Fahri Yardim).
Auf frischer Tat ertappt: Altan (Fahri Yardim); Foto: CopStories DVD, Gebhardt Productions

Insgesamt ist „Und Gusch!“ sicher ein kleiner Wendepunkt in der Geschichte von „CopStories“, insbesondere aufgrund der Tatsache, dass die Folge einen negativen Trend in der Form der Kaffeehaus-Teaser beginnt. Es spricht dafür, dass „CopStories“ in den ersten paar Folgen noch ein klein wenig offener in seiner Struktur war, was auch die thematische Verbundenheit von „Liebesg’schichten“ zeigte. „Und Gusch!“ ist deutlich zerstreuter, was kein Nachteil per se ist – dass ein paar Handlungsstränge eher enttäuschen (Helgas und Tonis Geschichte etwa ist in dieser Episode zu vage, um greifbar zu sein), ist das aber schon.

„CopStories“ Staffeln 1 und 2 werden seit dem 7. Juli jeden Dienstag um 21.05 Uhr auf ORFeins ausgestrahlt. Danach sind die Folgen für sieben Tage in der ORF-TVthek (auch europaweit) verfügbar. Beide Staffeln sind als DVD erhältlich.

4 comments

    1. Die 4. wird gerade gedreht. Und selbst wenn sie noch immer Sommer fix und fertig werden würde geht es sich gar nicht aus, da die 3. noch gar nicht ausgestrahlt wurde und direkt im Anschluss an den derzeitigen Re-Run von 1&2 kommen soll. Wir hatten diese Woche Folge 104, bei 10 Folgen pro Staffel. Dh wir haben noch 26 Folgen, aber weniger Wochen bis Ende des Jahres – und da sind Weihnachtspause, Feiertage, etc. noch gar nicht berücksichtigt. Außerdem Könnte Copstories im Herbst mit der Champions League kollidieren und hin und wieder aussetzen müssen.

    2. Ein ORF-Magazin meinte vor 1-2 Monaten, dass beide neuen Staffeln im Anschluss an die Wiederholungen gesendet werden würden, darauf bezieht sich der erste Satz. Eine Bestätigung seitens von CopStories habe ich leider nicht bekommen, sehe aber auch ein, dass das Ausstrahlen der 4. Staffel noch dieses Jahr immer unwahrscheinlicher wird.

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