„CopStories“-Kritik: Ep 1.03: „Liebesg’schichten“

Manchmal ist sie die Lösung, manchmal das Problem: die Liebe. Foto: CopStories DVD, Gebhardt Productions.

Bevor im Herbst Staffeln 3 und 4 im Fernsehen anrollen sollen, strahlt der ORF zuvor noch einmal die ersten beiden aus. In Folge 3 dreht sich alles um die Liebe, eine berührende Begegnung endet im Altenheim und ein Missgeschick vor einer Wirtschaft droht zu eskalieren.

Auf den ersten Blick ist „Liebesg’schichten“ jene Folge, die den bislang stärksten roten Faden hat – alle Fälle drehen sich, teilweise gelungen überraschend, rund um die Liebe und ihre unterschiedlichsten Auswüchse. Doch der Schein trügt, weil es in „CopStories“ ja nicht wirklich um die Einzelfälle geht, sondern eigentlich um die PolizistInnen – und bei denen finden sich nicht wirklich Parallelen, oder zumindest nicht dergestalt, dass „Liebesg’schichten“ eine ansprechende Verbindung zwischen ihren jeweiligen Handlungssträngen konstruiert. Das tut dem vielversprechenden Serienauftakt aber keinen Abbruch, weil es die Serie gleich zu Beginn versteht, wie sie die Fälle dazu nutzen kann, um die Figuren zu beleuchten – und gerade „Liebesg’schichten“ kann das besonders nuanciert.

Zum Beispiel bei Flos Fall rund um den tobsüchtigen Yassir Wassermann. Wenn der schmierige Rechtsberater, den wir aus Folge 1 kennen, behauptet, Flos Protokoll über den Vorfall sei „stark emotional gefärbt“, glaubt man natürlich zuerst sofort, dass hier die Fakten verdreht werden – insbesondere, wenn Flo protestiert. Doch Flos Verhalten während dieses Falles vermittelt uns subtil, dass er sich tatsächlich emotional in den Fall verwickeln lässt (ganz unabhängig davon, dass Wassermann tatsächlich der gefährliche Verbrecher ist, den Flo in ihm sieht): Er wird sofort wegen des Urteils wütend, er scheint Marianne ein Versprechen gegeben zu haben, das er nicht einhalten kann, und er besucht Marianne nach Dienstende mit einem Strauß Blumen im Spital – was man naiv als positive Geste lesen kann (und Flo selbst tut das mit Sicherheit), ist im Grunde das eindeutige Übertreten der Linie zwischen Beruf und Privatleben. In diesem Fall ist alles gut gegangen, und es schwingen ein paar romantische Gefühle mit, aber früher oder später wird ihm wohl seine emotionale Beteiligung an Fällen zum Verhängnis werden. Bonuspunkte an alle Beteiligten für die Inszenierung des Kampfes: so brutal schaut ein Faustschlag selten aus.

Der Blick des Pragmatikers

Auch Eberts wird in dieser Episode erstmals bedient – während in den Folgen zuvor seine rassistischen Bemerkungen bloß als unliebsam abgetan wurden, bringt der Fall des ermordeten Hindu den Hitzkopf zum Kochen. Altan besitzt die Professionalität, ihn lediglich bezüglich jener Kommentare anzusprechen, die deutlich über der Linie sind – der Chef selbst ist da hingegen rigoroser und verordnet eine Therapie. Was „CopStories“ hier gut hinbekommt, ist, dass die Argumentation Eberts nicht flach ist, sondern Hand und Fuß hat: Es ist tatsächlich ein kulturelles Problem, wenn ein junger Mann ermordet wird, um die Ehre der Familie zu bewahren. Nur begreift Eberts nicht, dass das Stigmatisieren und als „Ausländer halt“ Abstempeln solcher Taten nicht nur nichts dagegen nutzen, sondern Teil des Problems werden. Für gesunde Integration braucht es den Wohlwollen beider Seiten.

Eberts ist Pragmatiker, sein Blick ist, schon rein aufgrund seiner Berufswahl, primär auf die Straße gerichtet, nicht so sehr auf die gesamte Gesellschaft. Täglich hat er es mit Einzelfällen zu tun, und diese prägen dann auch sein Weltbild. Und es ist ja auch durch Statistiken belegbar, dass es bei den Straftaten in Wien einen überproportionalen Ausländeranteil gibt – ohne das jetzt über die bisherigen Folgen hochgerechnet zu haben, denke ich, dass „CopStories“ da ein recht realistisches Bild zeichnet. Eberts ist es aber egal, ob da auch der soziale Hintergrund von Verbrechern eine Rolle spielt oder wie man sich dieses gesellschaftlichen Problems annehmen kann, er löst Fall für Fall – das ist sein Job. Er weiß, dass er dabei ein Grantler ist, aber das lässt sich leicht mit seiner Weltsicht vereinbaren: Es kann schwer sein, das Gute in den Menschen und Kulturen zu sehen, wenn man ständig mit dem Schlechten konfrontiert wird.

Zwischen Serialität und in sich abgeschlossenen Geschichten

„Liebesg’schichten“ zeichnet ein besseres Bild, wie die Fälle über die Staffel hinweg verwoben werden. Zum Beispiel wird jene kurze Szene in der Vorfolge („Zund“) erklärt, in der Efe wortlos vor einer riesigen Lieferung Kebab stand – eine seiner zweifelhaften Investitionen. Weiters bringen Selma und Bergfeld eine Storyline bezüglich schwer vermittelbarer Arbeitskräfte im Einsatz für die Polizei ins Rollen, die vorerst noch nicht wirklich anrollt – doch Fortsetzung folgt.  Besonders aber der sich seit Folge 1 streckende und nun gelöste Fall Hartmann ist gelungen: was in den Episoden zuvor ulkige kleine Vignetten waren, findet hier einen besonders treffenden, melancholisch-schönen Schluss im Seniorenheim.

Zuerst erklären Roman und Syvester noch kurz humorvoll, was in Sachen Frau Hartmann zu erledigen ist, was zu einer köstlichen Persiflage unnützer Polizeiarbeit und Bürokratie wird: „original gor nix“, weil Arbeit um der Arbeit willen halt auch wenig Begeisterung generiert. Sie tun das überhaupt nicht böswillig, sondern sehen das einfach so, dass ihre Ressourcen anderswo besser aufgehoben sind. Tina aber – und das, sehen wir, zeichnet Tina aus – sieht den Menschen hinter der Geschichte; mehr noch, sie sieht es als ihre Aufgabe, dieser Frau zu helfen – zumindest, nachdem ihr Bergfeld passenderweise klar macht, dass sie selber was tun soll, wenn sie sich wünscht, dass der Frau geholfen wird. Es stellt sich zwar heraus, dass sie ihr nicht nachgehen hätte müssen – Frau Hartmann geht ja nur spazieren, das Seniorenheim kann und will sie ja nicht in ihren Hallen einsperren – trotzdem kann Tina dem Fall viel abgewinnen,die Begegnung bedeutet den beiden sichtlich viel.

Die Qualität der Inszenierung variiert dabei stark – einerseits ist die Musik toll gewählt, andererseits muss (zumindest auf der DVD) scheinbar aus lizenzrechtlichen Gründen das CD-Cover unrühmlich ausgeblendet werden, und wie die Senioren alle plötzlich zu tanzen beginnen, wirkt ziemlich unnatürlich. Schlussendlich produziert der Handlungsstrang aber einen richtigen Feel-Good-Moment, der in einer auch in dieser Folge tollen Musikmontage mündet. Dafür hat „CopStories“ einfach ein Händchen – und so schafft es die Serie, aus drei kurzen Anekdoten einen emotional resonanten Handlungsstrang zu schmieden.

Dass der CopStories DVD die teuren Lizenzen fehlen, macht sich in dieser Szene besonders bemerkbar. Peinlich, wenn auch verständlich. Foto: CopStories DVD, Gebhardt Productions
Dass der „CopStories“-DVD die teuren Lizenzen fehlen, macht sich in dieser Szene schmerzlich bemerkbar – aber der Udo, der ist halt ein ganz schön Schlimmer… Foto: CopStories DVD, Gebhardt Productions

Andere Geschichten, etwa die Sandwicherie-gegen-Taxler-Geschichte oder Tom Gassners Behauptung, bestohlen worden zu sein, sind hingegen gänzlich in sich geschlossen. Obwohl es eigentlich bloß eine einzige Szene ist, ist gerade die Vignette rund um den sich übergebenden Restaurantgast überraschend inhaltsreich: Während die Beziehung zwischen Sylvester und Tina nicht wirklich einen Schritt weiterkommt, verkörpern die Beiden hier so einen typischen Fall, wo beide Parteien Schuld sind, aber nur einer dafür beanstandet werden kann – und wenn dann selbst die Polizei zweier Meinungen ist, muss man darauf hoffen, dass die beiden Streithähne das selbst untereinander ausmachen – was dann insofern getan wird, als dass der betrunkene Gast einfach geht (oder gegangen wird). Eigentlich eine triviale Angelegenheit, und deshalb ist es auch nur die eine Szene, trotzdem sind es gerade solche Lächerlichkeiten, die täglich für Ärger sorgen.

Trotz der gemeinsamen Thematik der Fälle ist „Liebesg’schichten“ also nicht wirklich so aus einem Guss, wie man sich das vielleicht gewünscht hätte, weil sich der Faden nicht bis zu den Protagonisten erstreckt. Die findige Erzählweise – und insbesondere die Selbstsicherheit, mit der „CopStories“ in der dritten Episode bereits seine Geschichten verwebt – führt aber dazu, dass „Liebesg’schichten“ doch sein Herz am rechten Fleck hat. Die Stilsicherheit ist gerade in dieser Folge sicherlich dem geschuldet, dass „CopStories“ ja eigentlich ein (zumindest in der ersten Staffel) bis auf die Wiener Eigenheiten sehr vorlagentreues Remake einer niederländischen Serie ist („Van Speijk“) und sich daher schon an Erfahrung bedienen kann, die „CopStories“ gar nicht selber machen musste. Da das Original allerdings wohl nur einer Minderheit bekannt sein dürfte, steht „CopStories“ aber schlussendlich auf eigenen Beinen, mit all seinen Stärken und Schwächen.

„CopStories“ Staffeln 1 und 2 werden seit 7. Juli jeden Dienstag um 21:05 Uhr auf ORFeins ausgestrahlt. Danach sind die Folgen für sieben Tage in der ORF-TVthek (auch europaweit) verfügbar. Beide Staffeln sind als DVD erhältlich.

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