Wunder gibt es nicht! Zum wirklich wahren Zustand des österreichischen Serienwesens

Eine Replik in vier Teilen auf die andauernden Jubelbekundungen über Braunschlag und das Ausrufen eines „Österreichischen Serienwunders“ (auch in der Redaktion). Die Artikelreihe will aufklären über die ökonomischen, politischen und infrastrukturellen Gegebenheiten in der kleinen österreichischen TV-Landschaft, die ein auch von unserem Autor herbeigesehntes „Österreichisches Fernsehwunder“ verunmöglichen. Teil 1: Die österreichische TV-Landschaft

Die österreichische TV-Landschaft ist relativ überschaubar. Aber welche Sender gibt es und welche davon produzieren überhaupt Serien (oder wären dazu in der Lage)? Ich versuche, mich kurz zu fassen und, immer wenn möglich, auf die Fakten bezüglich Serien zu beschränken.

ORF

Da wäre einmal der ORF. Der ORF ist eine klassische gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt und betreibt neben Radiokanälen und diversen anderen Medien- und Serviceangeboten vier Fernsehkanäle:

  • ORFeins kann man inhaltlich als eine Mischung aus RTL und ProSieben bezeichnen: Shows, Formel 1, kurze kompakte News und einige Comedy-Formate (wir nennen es halt Kabarett) wie RTL, amerikanische Serienkost sowohl untertags als auch am Hauptabend, Hollywoodfilme wie ProSieben. Dazu saisonbedingt Fußball oder Skifahren/springen, vormittags und am Wochenende ein ziemlich anständiges Programm für die Kleinsten und natürlich: österreichische Serien (dienstagabends).
  • ORF2 wurde mir gegenüber einmal ironisch und doch zutreffend als „Geriatrie-Sender“ beschrieben. Hier laufen Servicemagazine, Talkshows, politische Diskussionen, Daily Soaps, Tatort und andere deutsche Krimis, Rosamunde Pilcher & Co., Musikantenstadl, Sendungen für Sprachminderheiten und vor allem täglich die meistgesehene Sendung in Österreich: die Nachrichtensendung Zeit im Bild.
  • ORFIII ist relativ jung und das öffentlich-rechtliche Feigenblatt des ORF. Hier steht wirklich viel Kultur und Bildung auf dem Programm. Serien: Fehlanzeige. Und bedingt durch das knappe Budget von ORFIII werden auch sicher keine in Auftrag gegeben werden.
  • ORFsport+ sei noch der Vollständigkeit halber erwähnt. Hier zeigt der ORF regelmäßig den epischen (aber sportlich bedeutungslosen) Sieg Österreichs über Deutschland bei der WM 1978 in Cordoba. Quasi identitätsstiftend. Ansonsten gibt’s noch Liveübertragungen von Randsportarten, denn sogenannter „Premium-Sport“ darf hier nicht gezeigt werden ­– außer in Wiederholungen.

Zusammengefasst gibt es einen Slot dienstagabends, wo ORFeins wirklich regelmäßig eigenproduzierte Serien zeigt. Der Rest des Serienprogramms wird zugekauft und in Dauerrotation abgespielt. ORF2 zeigt Telenovelas wie Sturm der Liebe und Hannah – Folge deinem Herzen und die bekannten Krimireihen wie Tatort und Ein Fall für Zwei.

Für genauere Analysen: http://tv.orf.at/

 

Die Privatsender

Bei den Privaten, obwohl sich deren Sender- und Kanalanzahl ständig erweitert,  gibt es – ich nehme es vorweg – keine eigenproduzierten fiktionalen seriellen Formate. Aber der jüngste der Privaten entpuppt sich immer mehr als Musterschüler, der bisher sehr viel richtig gemacht hat und in den man definitiv seine Hoffnungen setzen kann.

Österreichische Privatsender gibt es überhaupt erst seit 2003. Da begann ATV mit dem Sendebetrieb. Dass die Privatsender auch zehn Jahre später noch einen schweren Stand haben, verdanken sie zum einen dem natürlichen Monopol, das der ORF bisher innehatte und zum anderen der Einstrahlung der deutschen Privaten über Satellit und Kabel. Welche Inhalte hätte ATV mir, der ich mit der ganzen Palette deutscher Sender aufgewachsen war, anbieten können?

Das heutige Alleinstellungsmerkmal von ATV besteht aus Blockbusterpremieren – bedingt durch den Haupteigentümer, den Rechtehändler Herbert Kloiber – und einer ganzen Reihe an (teilweise Scripted-) Reality-Formaten. Durch relativ billiges Kamera-Draufhalten, wenn Jugendliche feiern (Saturday Night Fever), wenn unvermittelbare Männer in den östlichen Nachbarländern auf Brautschau gehen (Das Geschäft mit der Liebe) oder bei Bewohnern von Sozialbauten (Wir leben im Gemeindebau) konnte der Sender nicht nur einige Publikumshits landen, sondern auch einige dieser Formate ins Ausland verkaufen. Außerdem produziert der Sender noch viele billige Reportageformate und auch in Deutschland bekannte Abendshows wie Bauer sucht Frau. Amerikanische Serien älteren Semesters (z.B. Star Trek: TNG) werden vor allem auf dem zweiten Kanal ATVII gezeigt, auf dem Hauptkanal auch die eine oder andere Sitcom oder Crime-Serie.

Für Feinschmecker: alle eigenproduzierten Formate finden sich auf http://atv.at/

Anders Puls4: Als Teil der ProSiebenSat.1-Gruppe zeigt es Formate wie Austrias Next Topmodel, Filme, einiges an Crime-Serien (z.B. Law & Order, NCIS) hat aber auch schon den einen oder anderen seichteren TV-Liebesfilm mit Sat.1 koproduziert. Außerdem wurde mit dem auf ProSieben und Sat.1 durchgeschalteten Frühstücksfernsehen Café Puls (österreichisches) Neuland betreten.

Wirklich aufgerüstet hat Puls4 zuletzt aber im Info- und Politikbereich und versucht meiner Ansicht nach, dort in der ORF-Liga mitzuspielen.

Ebenfalls einige Kostproben gibt es unter http://www.puls4.com/

Bleibt noch ServusTV. Anders als Puls4 und ATV, die entweder innerhalb der großen Gruppe oder weil im Besitz eines Rechtehändlers teilweise als Zweitverwertungssender agieren, fährt ServusTV eine gänzlich andere Strategie. Das Programm ist vom Profil her im Grunde öffentlich-rechtlich: ein extrem hoher Anteil an Dokus, an Magazinen und Information. Das Werbeaufkommen bewegt sich in den Sphären des ORF, der ja gesetzlich limitiert ist. Dazu Live-Sport (im diesem Fall Eishockey), den kein anderer Sender bietet. Außerdem das einzige relevante Filmmagazin (Lichtspiele) und wirklich eine erlesene Filmauswahl (wenn auch meist zu später Stunde) – und das alles in der besten Bildqualität aller Privaten. Für Serien gab es bisher wenig Raum. Allerdings wurde schon Hell On Wheels eingekauft und wird ab September ausgestrahlt und der neue Programmchef Klaus Bassiner kündigte auch weitere Serienpläne des Senders an. Es bleibt zu hoffen, dass ServusTV auf den Geschmack kommt und uns vielleicht mit mehr AMC-Serien beglückt.

Insgesamt würde ich es als eine Mischung aus 3sat und arte plus Eishockey bezeichnen. Und was für ein Potenzial – vor allem finanziell – da noch ist!
Denn wem gehört dieser Sender? Red Bull!

Zusammenfassung

Nach all diesen Fakten sehe ich folgendes Zitat aus einem Kommentar des torrent-Redakteurs Marcus Kirzynowski zum Artikel Drei bis vier Folgen machen noch keine Serie von Jens Mayer, das stellvertretend für viele Aussagen im gegenwärtigen (deutschen) Diskurs steht, als widerlegt an.

„Im Übrigen muss ich aber auch sagen, dass ich dieses Gejammere über die ach so schreckliche “Zwangsabgabe” nicht mehr hören kann. Daraus werden eben auch TV-Sender wie arte oder 3sat finanziert, die es auf einem “freien” Markt nie gäbe […]. Nur die Haupt-TV-Programme “Das Erste” und ZDF (und überwiegend auch die Dritten) unterscheiden sich halt kaum noch von den Privatsendern.“

 

In Österreich gibt es also einen Privatsender, der ein Programm anbietet, das sich hinter arte und 3sat nicht verstecken muss, und wir haben einen öffentlich-rechtlichen Sender, der im Gegensatz zu ARD und ZDF zu 80 Prozent wirklich wie ein Privater agiert und aussieht. Und weil das „Aussehen“ nicht wirklich messbar ist, sei mir nur ein Zahlenbeweis anhand der Finanzierung gestattet:

ZDF: 85 Prozent aus Gebühren und 6 Prozent aus Werbung (Umsatz 2011: 2,06 Milliarden Euro)

ORF: 61 Prozent aus Gebühren (die mit 18 Euro annähernd genauso hoch sind wie in Deutschland) und 22 Prozent aus Werbung (Umsatz 2011: 952 Millionen Euro)

Welcher Sender agiert also mehr wie ein Privater? Der ORF betreibt eine RTL/ProSieben-Chimäre, einen Sat.1/ZDF-Seniorensender und Eurosport für Arme. Seine neun Landesstudios dienen als Versorgungsposten und liefern genau eine halbe Stunde Programm pro Tag, der meistens dazu dient, den jeweiligen Landeshauptmann möglichst gut aussehen zu lassen. Keine Rede von selbstbestimmten Vollprogrammen wie BR, WDR & Co., keine Rede von einem „jungen“ Sender wie ZDF_neo (und damit auch kein Downton Abbey, 30 Rock, Six Feet Under oder Mad Men).

Was sind die wirklichen Aufgaben des ORF?

Der Privatmarkt kämpft mit der Vergangenheit und mit der Finanzkraft des ORF. Ein Beispiel: Puls4 hat sich letztens die Rechte an der Champions League gesichert. Gegenbieter war der bisherige Rechteinhaber ORF. Puls4 hat also viel mehr bezahlt, als wenn nur die Privaten geboten hätten, und der ORF hätte bei einem vorzeitigen Rückzug von Puls4 einen sehr hohen Preis gezahlt.

Meiner Meinung nach sollte der ORF nur die Aufgabe wahrnehmen, dass Fußball überhaupt übertragen wird. Wenn ihm das die Privaten abnehmen, umso besser; dann kann er sich um die Sportarten kümmern, die für die Privaten nicht attraktiv genug sind und auch keine Konkurrenz darstellen. Und das lässt sich auf Filme, Serien, Shows, etc. übertragen. Alles, was die Privaten nicht anbieten können oder wollen, da liegt die Aufgabe des ORF. Dancing Stars, Länderspiele und Daily Soaps können die nämlich auch.

Bleibt noch ServusTV: Ich lege einen Großteil meiner (Serien-)Hoffnungen in die Finanzkraft und das ständig wachsende Medienportfolio von Red Bull. Mir gefällt das, was ServusTV in den letzten Jahren vorgezeigt hat, ungemein und ich staune ob der Professionalität im Hintergrund.

Im zweiten Teil werden die bisherigen wirtschaftlichen Analysen des österreichischen TV- und Serienmarktes etwas vertieft und die politischen Abhängigkeiten, die aktuell besonders zu Tage treten, näher ausgeleuchtet.

Hari List studiert Film-, TV- und Medienproduktion in Wien, verbringt sehr viel Zeit in den Kinos der Stadt und auf der Couch mit seinen Katzen, wo er sich tagelang Serien hingibt. Daneben betreibt er aus Langeweile noch ein Filmblog und singt oft, laut und falsch Songs aus Musicals.

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