Drei bis vier Folgen machen noch keine Serie

Die verschenkten Möglichkeiten des deutschen Fernsehens, (wieder) seriell erzählte Formate zu etablieren

Ein Kommentar von Jens Mayer

Quotenflop oder Programmhighlight? „Im Angesicht des Verbrechens“; Foto: © ARD/Julia von Vietinghoff

Seit Jahren dreht sich die Debatte in Deutschland im Kreis, wenn es um die Produktion neuer Serien geht. Die Argumente der Kritiker und die Erwiderungen der Verantwortlichen wiederholen sich in einer Endlosschleife, so dass jeder Versuch, der Diskussion über einen längeren Zeitraum mit wachem Verstand zu folgen, nur in Gotham Citys Arkham Asylum enden kann. Dabei geht es schon lange nicht mehr um Vergleiche mit der Serienübermacht USA oder den Produktionen Großbritanniens. Mittlerweile reden wir von Ländern wie Dänemark, Schweden, Israel oder sogar Österreich, die es schaffen, mit herausragenden Serienproduktionen teilweise weltweit für Aufsehen zu sorgen. Hierzulande dagegen die alte Leier: Es sei doch alles gar nicht so schlecht, es sei alles auch nicht so einfach, die Sendeplätze fehlten, es sei alles ganz schön teuer, das Risiko sei zu hoch und – das vielleicht witzigste „Argument“ – Deutschland sei eben weniger ein Serienland, sondern ein TV-Filmland, auch schon mal auf zwei bis drei Neunzigminüter verteilt, das seien ja im Grunde auch Miniserien. So, so. Und dann kommen die ewiggleichen Beispiele: Der Turm, Das Adlon, Unsere Mütter, unsere Väter. Tut mir leid, ich muss gähnen, denn darum geht es doch überhaupt nicht (ganz abgesehen davon, dass man doch aus dem Stegreif zig erfolgreiche deutsche Serien aus den 80ern und 90ern aufzählen könnte, die eine deutsche Serienkultur durchaus belegen würden).

Apropos ewiggleiche Beispiele: Obwohl Dominik Grafs Im Angesicht des Verbrechens quotentechnisch als Flop gilt, der auf dem Freitagssendeplatz der ARD unterging, werden die Verantwortlichen nicht müde, diese Produktion von 2010 in der Argumentation hervorzukramen, wenn es darum geht zu zeigen, was „wir“ können. Eine Fortsetzung oder eine Nachfolgeserie gibt es trotzdem nicht. Auch der KDD – Kriminaldauerdienst (2007-2009!) wird immer noch und immer wieder bemüht, um die „Qualität“ der deutschen Serie zu beweisen. Dass er nach drei Staffeln ebenfalls ein wenig rühmliches Ende fand und die Nachfolgeproduktionen (die ebenfalls von Orkun Ertener konzipierten Die Chefin und Die letzte Spur) wieder weitaus konventionellere deutsche Serienkost sind, bleibt meistens unerwähnt.

„Aber wir haben sie doch!“, hört man die Stimmen aus der anderen Ecke. Der Grimme-Preis für Der Tatortreiniger sei doch der Beweis, dass auch aktuell neue Serien das Publikum erreichen. Nun ja, die wenig rühmliche Entstehungs- und Ausstrahlungsgeschichte dieser Produktion ist ja hinlänglich bekannt. Und auch, wenn sich NDR/ARD die Auszeichnungen stolz ans Revers heften, was selbstverständlich vollkommen legitim ist, frage ich mich ständig: Serie? Vier Folgen in der ersten Staffel, fünf in der zweiten, davon allerdings nur drei im TV ausgestrahlt. Das ist doch keine Serie! Mal ganz davon abgesehen, dass die kammer- bis lustspielartige Inszenierung ja auch nur aus der Not heraus geboren ist, weil schließlich nur ein Minimalbudget zur Verfügung steht, um das auch noch immer wieder gekämpft werden muss. Wenn Der Tatortreiniger tatsächlich so ein Vorzeigeobjekt ist, warum werden dann nicht einfach einmal zehn Folgen in Auftrag gegeben? Das klappt bei Vorabendserien doch auch.

Auf der „Innovationsfläche“ versendet: „Lerchenberg“; Foto: ZDF/Andrea Enderlein

Ähnlich steht es mit Lerchenberg: Nette Idee, aber vier Folgen à 25 Minuten? Das ist keine Serie, das sind einfach vier Folgen, die eben wunderbar zum 50-jährigen Geburtstag des ZDF gepasst haben, weil sie zeigen, dass man auch „jung und selbstironisch“ kann, und die mit medialem Tamtam an einem Abend im Spätprogramm von ZDFneo und an zwei Freitagabenden auf der „Innovationsfläche“ um 23 Uhr im ZDF verballert wurden. Kann man ja machen, aber bitte nicht anschließend als leuchtendes Beispiel für eine öffentlich-rechtliche Serie hochhalten!

In Wahrheit sieht die ARD-/ZDF-Welt nämlich so aus: Man stellt endlich einmal altgediente Serien wie Der Landarzt und Forsthaus Falkenau ein, um als Nachfolgeformate Produktionen mit Titeln wie Die Ostseecops und Die Familiendetektivin zu präsentieren. Und während sich am Dienstagabend im Ersten weiterhin die gute Tierärztin Dr. Mertens um gefiederte und vierbeinige Freunde kümmert, steht die zweite Staffel zur Vorzeigeserie Weissensee seit 2012 in Wartestellung, so dass letztendlich mindestens drei Jahre zwischen der Ausstrahlung der ersten und der zweiten Staffel liegen werden.

Wir wissen auch heute noch, auf welchem Sender das lief: „Der Fahnder“ prägte das ARD-Vorabendprogramm der 1980er Jahre; Foto: WDR

Wenn etwas passiert, dann da, wo aus der Not eine Tugend gemacht wird und trotz kleinerer Budgets einfach mal ausprobiert wird. Zwar mag die TNT Serie-Produktion Add A Friend weder die aufregendste noch die lustigste Serie der Welt sein, aber zumindest haben sich die Verantwortlichen einfach einmal dazu hinreißen lassen, zwei Staffeln mit jeweils zehn Folgen zu produzieren und im Rahmen der Möglichkeiten ein hohes Niveau zu etablieren. Und auch die Ulmen TV-Produktion About: Kate auf arte geht in dieser Hinsicht aufs Ganze und nimmt den Zeitgeist ernst. Dass die Erzählweise und Machart dabei so speziell sind, dass es wirklich nur eine sehr eingeschränkte Zielgruppe anspricht, ist dabei ausschließlich als Pluspunkt zu werten (wer „spitz“ erzählt, wird nicht von allen geliebt, gut so!). Auch hier hat man es übrigens irgendwie geschafft, gleich vierzehn Folgen zu produzieren.

Bei all der aktuellen Euphorie über die (zumindest hierzulande) meist positiven Reaktionen auf Mehrteiler wie Unsere Mütter, unsere Väter vergessen die Programmmacher anscheinend gerne die Identitätsstiftung, die eine über Jahre laufende Serie für einen Sender bieten kann. Wir wissen auch heute noch, auf welchem Kanal Monaco Franze oder Kir Royal liefen, Der Fahnder oder Auf Achse, Die Schwarzwaldklinik oder Ich heirate eine Familie. Es wird vergessen, wie sehr fortlaufend erzählte Stories und langlebige Figuren die Zuschauer an die Sendermarke binden, wie positiv sie damit besetzt wird. Plötzlich passierte es hier in Deutschland, dass aufgrund der fantastischen David-Schalko-Serie Braunschlag von uns Kritikern und Serienfans sogar der ORF gepriesen wurde. DER ORF! Mehr muss man doch eigentlich gar nicht sagen.

Jens Mayer ist freier (Medien-)Journalist, Teilnehmer des Seriellen Quartetts und twittert als Jens_Mayer.

13 comments

  1. Och, der NDR hat doch schon angekündigt, wann man die verbliebenen Folgen vom TATORTREINIGER zu sehen bekommt – zu Weihnachten: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/neue-tatortreiniger-folgen-der-ndr-hat-schon-geschenke-fuer-weihnachten/

    Außerdem haben sie jetzt sogar 6 Folgen in Auftrag gegeben – das reicht dann bei dem Tempo wieder zwei Jahre… und wer nicht so lange warten mag, guckt die zwei Folgen hinter der Paywall bei BILD, oder holt sich die DVD/Blu-ray im Handel. Klasse. Die Einnahmen der Fans reichen bestimmt zur Finanzierung der nächsten Folgen, so kostet das den NDR keine Gebühren nicht, die sind dann für wichtigeres frei.

    Vielleicht sollten wir Fans uns gleich zusammen tun, um via Startnext ein paar Folgen mehr zu produzieren, die man dann frei im Netz sehen darf, gerne auch unter dem Originaltitel der Serie (DER LETZTE DRECK), denn genau als solcher fühlt man sich als Zuschauer vom Sender behandelt. Die Preise stellt man sich dort bestimmt trotzdem im Foyer ins Regal, während in einem ganz anderen Regal tief im Keller die verbliebenen und zukünftigen Folgen vergammeln.

    Lieber Schotty, komm zu uns. Auf ein Bier. Darüber besprechen wir dann alles weitere ^^

  2. Der Teaser zum Artikel spricht über verschenkte Möglichkeiten des hiesigen seriellen Erzählens, dabei ist der Artikel selbst eine solch verschenkte Möglichkeit.

    Feste Sendeplätze werden in Zukunft nicht nur, aber vor allem bei horizontal erzählten Serien obsolet sein, besonders wenn neben Netflix Amazon, Microsoft und sowie Youtube als originäre content producer auftreten werden und das „binge watching“ zum Standard machen.

    Da dieses „binge watching“ vor allem junge und gebildete Menschen mit ihrem Wunsch nach hochwertigen Serieninhalten anspricht, für die sie auch zu zahlen bereit sind, die ARD und das ZDF aber eben dieses Publikum vergräzt haben, ist der Zug für die ÖR-Sender doch längst abgefahren.

    Warum sind „Im Angesicht de Verbrechens“ und „KDD“ „gefloppft“? Weil das junge und anspruchsvolle, sich nach Überraschungen und Herausforderungen sehnende Publikum, das diesen Serien zum Erfolg hätte verhelfen können, längst einen großen Bogen um diese Rentnersender macht. Was bleibt, sind jene Zuschauer, die Serien wie „Um Himmels willen“, „In aller Freundschaft“, „Tierärztin Dr. Mertens“, „Tatort“, die Rosamunde-Pilcher-Schmonzetten usw. zu Quotenerfolgen machen. Das und NUR das ist das Publikum, für das die ARD und das ZDF ihr Programm machen. Sie bringen die Quote und sorgen damit für die angebliche gesellschaftliche Relvanz der ÖR-Sender!

    Wer kontinierliches anspruchsvolles deutsches Seriencontent will, kann nicht auf die hiesigen quotenhörigen ÖR- und privaten Sender setzen. Wie lange denn noch eigentlich!? Es waren ja auch nicht CBS und NBC, die mit den „Sopranos“ die Revlution auslösten, sondern der Bezahlsender HBO.

    Wer kontinierliches anspruchsvolles deutsches Seriencontent will, muss sich für einen solchen nach alternativen Finanzierungs- und Ausstrahlungsmodellen außerhalb der ÖR- und privaten Senderstrukturen und den von ihnen okkupierten Filmförderanstalten umsehen.

    Doch solange man hierzulande eine Zwangsabgabe von knapp 18€ pro Monat zu entrichten hat, werden sich kaum Menschen finden, die bereit wären, daneben noch ein „deutsches HBO“ zu finanzieren. So sieht’s aus!

    Bis sich hierzulande etwas ändert, werden die Gremien und Räte und Redakteure weitere Autorengenerationen vernichtet haben.

    1. Ich stimme deiner Zustandsanalyse zu, aber nicht deiner Schlussfolgerung. Genau wie Jens P. denke ich auch, dass wir längst ein deutsches HBO haben: ARD und ZDF. Die finanzieren sich nämlich ebenfalls überwiegend nicht aus Werbung und könnten deshalb auch weitgehend von Quotendruck befreit an Qualitätsserien arbeiten – sie müssten es sogar, denn anders als bei HBO sind ihre Gebühren Zwangsgebühren und deshalb haben sie ja auch den Bildungs- und Kulturauftrag. Zu sagen, wer gute Serien sehen will, muss halt (zusätzlich zum Rundfunkbeitrag) noch einen Netflix- oder Amazon-Account buchen, ist deshalb Unsinn. Man darf die ÖRs nicht aus ihrer Pflicht entlassen. Ob man die tollen Serien, die sie produzieren könnten, dann auf festen Sendeplätzen gucken würde oder doch lieber in der Mediathek, wäre ja dann jedem selbst überlassen.

      Im Übrigen muss ich aber auch sagen, dass ich dieses Gejammere über die ach so schreckliche „Zwangsabgabe“ nicht mehr hören kann. Daraus werden eben auch TV-Sender wie arte oder 3sat finanziert, die es auf einem „freien“ Markt nie gäbe und Dutzender anspruchsvoller Kultur- und Wortprogramme im Radio (die man über Streams und Podcasts inzwischen ja auch alle deutschlandweit genießen kann). Nur die Haupt-TV-Programme „Das Erste“ und ZDF (und überwiegend auch die Dritten) unterscheiden sich halt kaum noch von den Privatsendern.

      1. Hallo,

        und vielen dank für die Antwort. Ich möchte gleich mal ordentlich widersprechen und 10 Gründe nennen, weshalb ARD und ZDF keine „deutschen HBO’s“ sind.

        1. Wie du schon sagst: Zwangsabgabe vs. freiwillige Zahlung an einen Bezahlsender.

        2. Der HBO-Mitgliedsbeitrag fließt weitestgehend ins Programm. Die GEZ-Zwangsabgabe fließt zu einem erheblichen Teil in die Pensionskasse, wovon die Zuschauer nichts haben.

        3. Bei HBO werden Drehbücher nicht von Gremien, Räten und Redaktionen, in der Regel um die zwei Dutzend(!!!) „Entscheider“, zerredet.

        4. Bei HBO entscheiden gestandene Kreative über das fiktionale Programm, keine Kirchenvertreter, Politiker, Soziologen und Pädagogen.

        5. Bei HBO werden Drehbuchautoren auf Händen getragen. Bei der ARD und ZDF sind sie nichts weiter als billige und austauschbare Dienstleister und Handlanger, die man mit Stufen- und Buy-Out-Verträgen am Existenzminimum hält. Zudem werden bei HBO die Drehbuchautoren an den Erlösen aus den DVD-Verkäufen und aus dem digitalen Bereich beteiligt.

        6. Bei HBO gibt es im Gegensatz zur ARD und dem ZDF keine Schwarzen Listen für aufmüpfige Kreative – vor allem für Drehbuchautoren und Regisseure.

        7. HBO respektiert und umwirbt die (angeblich wenigen) anspruchvollen Zuschauer, es verachtet sie nicht. Dafür respektieren und lieben die Zuschauer HBO. Liebst du die ARD oder das ZDF?

        8. HBO scheißt auf die Quote.

        9. HBO löscht seinen Webcontent nicht nach sieben Tagen.

        10. Bei HBO hat man längst begriffen, dass nur Qualitätsinhalte für Relevanz sorgen. Bei der ARD und dem ZDF sorgt der massentaugliche Einheitsbrei für die angebliche Relevanz. „Qualität“ wird auf den unmöglichsten Sendeplätzen versendet, außer es handelt sich um deutsche Geschichte, die als „Event“ daherkommt.

        Außerdem: Ich jammere nicht über die Zwangsabgabe. Ich „jammere“ über das, was mit ihr angestellt wird. Ich zahle gerne, wenn ich damit vor allem unabhängigen (investigativen) Journalismus finanziere. Das ist mir das Geld allemal wert. Aber ich möchte auch mal ab und zu sehen, wie mit der Zwangsabgabe eine Serie oder Miniserie produziert wird, die in mir (und vielen anderen auch) Begeisterungsstürme auslöst und nicht wie üblich den Brechreiz.

        1. Wir sind uns ja, was die Zustandsbeschreibung angeht, weitgehend einig. Ich hätte vielleicht besser schreiben sollen: „ARD und ZDF könnten das deutsche HBO sein“. Dass sie das mit dem Programm, das sie zzt. machen, nicht sind, ist ja klar.

          „Liebst du die ARD oder das ZDF?“

          Die Hauptprogramme sicher nicht, aber ich liebe z.B. arte, EinsFestival und zumindest die Linie, die ZDF_neo bei den Serieneinkäufen fährt. Mad Men, Big C, House of Lies, Misfits, Girls etc. bekämen wir sonst wohl im Free-TV überhaupt nicht zu sehen. Dass einiges davon im ZDF-Hauptprogramm besser aufgehoben wäre, ist auch unbestritten.

          „8. HBO scheißt auf die Quote.“

          Naja, dann hätten sie „John from Cincinnati“ nicht nach 10 Folgen abgesetzt, „Carnivàle“ nicht nach zwei von geplanten sechs Staffeln und „Bored to Death“ nicht nach 24 Folgen. Egal ist die Quote bei HBO auch nicht, die hohen Produktionskosten müssen sich trotz spitzer Zielgruppe(n) da auch irgendwie rechnen. Ist schließlich kein Wohltätigkeitsverein.

          1. Ich kennen leider nicht die drei von dir genannten Serien, so dass ich da jetzt nichts zu sagen kann. Jedoch wird laut Wikipedia seit Januar diesen Jahres an einem Fernsehfilm zu „Bored to Death“ gearbeitet.

            Dass bei dem ganzen Output auch Projekte mal scheller als gedacht eingestellt werden, ist, glaube ich, nicht verwunderlich. Und hier muss man HBO dann doch zugute halten, dass man „The Wire“ über fünf Staffeln laufen ließ, obwohl die Quoten sicherlich nicht der Burner waren. Jedoch hat man bei HBO verstanden, was man da produziert hat, und der anschließende (DVD-)Kult hat HBO’s Mut mehr als belohnt. Und hier wären wir wieder beim „KDD“.

            Ich stimme dir absolut zu, dass man, wenn man schon zahlen muss, Druck auf die Senderverantwortlichen ausüben sollte. Allerdings muss der Druck konzentriert und öffentlichkeitswirksam vonstatten gehen. Wünschenswert wäre vor allem ein Zusammengehen von qualitätsbewussten Zuschauern und den beteiligten Kreativen, wobei viele Kreative jedoch mit negativen beruflichen Konsequenzen seitens de ÖR-Sender rechnen müssten.

  3. P.S.

    Was es in Deutschland braucht, ist zunächst des Beweis, dass ein deutsches Autorenkolletiv in der Lage wäre, eine höchst anspruchsvolle Serie zu liefern. Nur woher soll das Geld für dieses Wagnis kommen? Wer soll das finanzielle Risiko tragen?
    Von den ÖR, die immer mehr Senderplätze mit Gameshows füllen? Von den Privaten, deren Programm weitestgehend nur noch aus billigster Scripted Reality besteht?

    Und wer glaubt denn ernsthaft, dass die ARD oder das ZDF freiwillig Platz machen für alles bestimmende Writer-Producer samt Writer’s Room und damit ihre Macht über die Inhalte abgeben? Das wäre doch der Beginn vom Ende des Intendanten- und Gremien- und Rärefernsehens, weil dann plötzlich die wahren Kreativen das Programm machen würden und nicht sesselfurzende quasiverbeamtete Fictionverwalter!

    Wer auf einen Wandel des hiesigen Fernsehens setzt, glaubt auch an den Osterhasen.

    1. Hallo Lukas – zunächst vielen Dank für deinen tollen Kommentar. Kann ich so unterschreiben. Nur was den Beweis eine deutschen „Autorenkollektivs“ angeht – der wurde schon erbracht: die erste Staffel der Kinderserie ALLEIN GEGEN DIE ZEIT (eine Variation von „24“ für Kinder!) entstand in einem writer’s room, und hat es auf Anhieb zu einer Nominierung der International Emmy Awards geschafft: http://www.iemmys.tv/awards_nominees.aspx

      Das kehrt man natürlich auch lieber unter den Teppich, als weitere Projekte auf diese Weise zu entwickeln. Am Willen der Autoren scheitert es bei uns jedenfalls schon mal nicht…

  4. Hallo Jens,

    da gibt es nichts zu danken. Musste mir nur den Ärger über den Artikel von der Seele schreiben.

    Von „Allein gegen die Zeit“ habe ich nur beiläufig gehört. Gesehen habe ich die Serie noch nie. Aber schön, dass dort der Writer’s Room funktioniert hat.

    „Der Tatortreiniger“ (Der letzte Dreck) ist auch unter den Teppich gekehrt worden. Ein Wunder, dass die „Serie“ überhaupt ein Publikum fand.

    Wie gesagt, der Artikel stellt die völlig falschen Fragen zu einer völlig falschen Zeit. Die grundlegende Frage kann nicht mehr lauten, wie man bei den ÖR-Sendern Qualitätsserien hinbekommt, sondern wie man Qualitätsserien TROTZ der ÖR-Sender hierzulande hinbekommt.

    Gruß
    Lukas

    1. Hallo Lukas,

      mir persönlich ist ALLEIN GEGEN DIE ZEIT zu plotorientiert, aber mit mehr Tempo als im Jahresoutput vom TATORT zusammen, und mit einer unerreicht dynamischen Kameraarbeit – die Serie war ein Schritt in die richtige Richtung, dem leider kein weiterer gefolgt ist. Das ist der Skandal. Und hier solltest du den Artikel zwischen den Zeilen lesen, denn es kann nicht angehen, dass man die ÖR mit den Milliarden so einfach davon kommen lässt. Die haben einen anderen Auftrag, dem sie nicht mehr nachkommen. Das muss man ihnen unter die Nase reiben, und sich nicht damit abfinden.

      Crowdfunding funktioniert in Deutschland einfach noch nicht in einer Größenordnung wie in den USA, ob Zach Braff oder VERONICA MARS – nicht mal bei so etwas „billigem“ wie dem TATORTREINIGER. Jens Mayer unterstreicht doch, dass unser hiesiges Pay-TV erste Babyschritte in die richtige Richtung macht. Natürlich kann uns das nicht schnell genug gehen, weder als Fans, noch als Autoren (denn sowohl obiger Jens als auch ich-der-andere-Jens sind ebenfalls Autoren, die davon träumen einen writer’s room auf zu machen; virtuell haben wir längst einen bezogen, aber eben in unserer Freizeit)

      Während man darauf wartet, dass eine unabhängige, wie-auch-immer produzierte Serie hier im Netz wie eine Bombe einschlägt, und die Sender zum nachziehen zwingt (und das werden sie, wenn sie keine andere Wahl haben), ist es unsere Pflicht auf die Versäumnisse hin zu weisen, den Finger in die Wunde zu legen, und niemals die Klappe zu halten.

      So sehr ich das „binge-watching“ (GAME OF THRONES, BREAKING BAD, MAD MEN…) genieße, so sehr würde ein fester Sendeplatz im sonntäglichen Hauptprogramm der ARD, im Kielwasser ihres fast gleichnamigen Flaggschiffs dem TATORTREINIGER nicht schaden, oder?

      Grüße,

      jp

      1. Hallo Jens,

        selbstverständlich würde eine hinreißende Abwechslung vom Einheitsbrei zu einer Hauptsendezeit nicht schaden. Ob nun mit dem „Tatortreiniger“ oder etwas anderem wäre im Grunde völlig egal. Aber dazu wird es nicht kommen.

        Doch, ich habe den Artikel zwischen den Zeilen gelesen. Aber ich frage dennoch: Sind ARD und ZDF überhaupt bereit, dem Umgewöhnlichen, dem Ungewohnten, dem Herausfordernden, dem Überraschenden einen Platz in ihrem Hauptprogramm einzuräumen, ohne ständig auf die Quoten zu schielen?

        Wo liegt das Problem, eine 60-minütige Serienfolge pro Woche auszustrahlen, die sich grundlegend vom sonstigen Angebot abhebt? 60 Minuten von 24 Stunden am Tag von 7 Tagen in der Woche? Das wären 0,595%(!) der Hauptsendezeit? Wo liegt also das Problem?

        Du schreibst völlig zurecht, dass man die Senderverantwortlichen unter Druck setzen muss. Nur ist das denen doch sch***egal. Herres und Bellut sind meister der Ausrede. Entweder kommen sie dir mit der Quote, fehlendem Geld (bei über 7,5 Mrd. Euro im Jahr), den angeblich fehlenden Sendeplätzen, einer angeblich fehlenden Serientradition – siehste, hab den Artikel doch gelesen -, einem angeblich überforderten Zuschauer – immer schön im Singular – oder für eine Qualitätsserie angeblich fehlenden Autoren.

        Die ARD und das ZDF sind nicht einmal bereit, „The Wire“ oder „Breaking Bad“ (im Zweikanalton mUt) auszustrahlen. „Mad Men“ wird auf ZDFneo versendet, ebenso wie damals „Die Sopranos“ von ZDF auf den unmglichsten Sendeplätzen versendet wurden.

        P.S. Protest: Es bräuchte eine Petition, in der man von der ARD und dem ZDF eine Abkehr vom bisherigen fiktionalen Eiheitsprogramm und der Quotenfixierung hin zu Qualitätsinhalten fordert. Eine solche Petition müsste durch alle entsprechenden Blogs und Foren und sozialen Netwerke und Webseites gehen, die sich mit fiktionalen Angeboten im Film und Fernsehen. Zudem müsste dafür Werbung in der Tages- und Wochenpresse gemacht werden. Vielleicht würde sich dann was ändern.

        1. Lukas, dein Gedanke an eine Petition gefällt mir sehr! Vielleicht eine E-Petition im Bundestag, wobei es ratsam sein könnte, etwas tiefer zu stapeln. Manchmal genügt ein kleiner Schritt, um mehr Menschen die Augen zu öffnen. Salamitaktik. Fordern wir doch den einen Sendeplatz in der Woche ein, nicht nach Mitternacht, sondern zwischen 20 und 23 Uhr. Außerdem soll „der Zuschauer“ selber beeinflussen können, was er dort zu sehen bekommt. Autoren „pitchen“ im Internet Piloten, wie beispielsweise auf screen-pitch.com, und das wird produziert. Oder dürfen MAD MEN, GIRLS oder eine andere bereits eingekaufte Serie dorthin wählen… an den Einzelheiten sollte man feilen. Aber das wird sich herum sprechen, und dann begnügt sich auch die Masse irgendwann nicht mehr mit einem halben Prozent Einfluß, wenn man monatlich den vollen Preis bezahlt. Lassen wir „den Zuschauer“ Blut lecken, und fordern einen, klitzekleinen, „lächerlichen“ Sendeplatz. Einverstanden? Wer könnte so eine Petition aufsetzen/einreichen?

          1. „Wer könnte so eine Petition aufsetzen/einreichen?“

            Im Prizip jeder Bundesbürger. Eine solche Petition müsste natürlich zum Kern der Debatte um qualitativ hochwertiges fiktionales Programm vorstoßen, die Fehlentwicklungen bei den ÖR-Sendern bennenen, selbst praktische Lösungsvorschläge machen und insgesamt so formuliert sein, dass die Senderverantwortlichen von ARD und ZDF nicht mehr mit den ewig gleichen Ausflüchten kommen könnten.

            Die E-Petition des Bundestages würde ich meiden, da die Politik eine viel zu große Nähe zu den Sendern hat.

            Eine gute Plattform ist die „OpenPetition.de“, wo sich schon über 136.000 Unterzeichner gegen die GEZ ausgesprochen haben, wobei es uns nicht um die Abschaffung der GEZ ginge, sondern mit dem Zwangsgebühren ein besseres Programm zu schaffen.

            Aber wie ich schon schrieb: Eine solche Petition wäre deutlich wirksamer, wenn man auch beim Fernsehen beschäftigte Kreative als Unterstützer hätte, die sich namentlich zu erkennen geben.

            Keine Ahnung, ob das Erfolg hätte. Vielleicht ist die übergroße Mehrheit der Deutschen mit den seichten und immer gleichen Serien und Handlungen ja tatsächlich zufrieden, wofür die erfolgreichen deutschen Kinokomödien sprechen könnten.

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