Wenn die Revolution ihre Kinder frisst: die ORF-„Arbeitersaga“

Maca Darac (Barbara Auer, mit Helmut Berger) sucht mit allen Mitteln einen Ehemann; Fotos: ORF/Hoanzl

Was Edgar Reitz fürs deutsche Fernsehen ist, ist Dieter Berner wohl fürs österreichische. Mit seiner vierteiligen „Arbeitersaga“ schuf er in den 1980er und frühen 1990er Jahren ein vielfältiges Sittenbild des Landes vom Kriegsende bis in die damalige Gegenwart.

Dass das komplexe serielle Erzählen im Fernsehen nicht erst mit HBO begann, haben wir schon öfter betont. Neu war für mich als „Piefke“, dass sich entsprechende Beispiele nicht nur in der deutschen TV-Geschichte finden lassen („Heimat“), sondern auch in unserem südöstlichen Nachbarland. Schon in den 1970ern erzählte Regisseur Dieter Berner für den ORF seine „Alpensaga“, die Chronik eines oberösterreichischen Dorfs von 1900 bis zum Kriegsende. Einige Jahre später knüpfte er mit einem weiteren Mehrteiler zeitlich quasi daran an: die „Arbeitersaga“ beginnt in den letzten Kriegstagen 1945 und führt bis ins Jahr 1991, als auch der vierte und letzte Film gesendet wurde. Die Entstehung verlief allerdings nicht chronologisch, denn die heute als erster Teil fungierende Folge entstand 1989 erst als drittes, quasi als Vorgeschichte zum bisher Gezeigten.

Dabei ist dieser „Das Plakat“ betitelte Teil der stilistisch und inhaltlich überzeugendste der Reihe. Nicht nur die schöne Schwarz-Weiß-Bildgestaltung erinnert stark an Edgar Reitz, auch die langsame und detaillierte Entfaltung der Geschichte. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs versucht die hochschwangere Olga Blaha im Wiener Bombenhagel zu überleben, während sich ihr Ehemann Karl (Helmut Berger, aber nicht der von Visconti) als Deserteur zur Stadt durchschlägt. Im Luftschutzkeller kommt es zum Wiedersehen, das wegen eines übereifrigen Nazi-Nachbarn fast doch noch tödlich endet. Die Russen kommen in letzter Minute zur Rettung. Während Olga ihren Neugeborenen Rudi trotz Nahrungsknappheit und Krankheit durchzubringen versucht, beleben Karl und seine Genossen die sozialistische Partei wieder – obwohl politische Betätigung unter der sowjetischen Besatzung zunächst verboten ist. Erst in den letzten zehn Minuten wird das Bild farbig, pünktlich zum 1. Mai wehen wieder die roten Fahnen in Wiens Straßen.

Von Genre zu Genre

Die anderen Teile bringen nicht nur starke Zeitsprünge (in die Jahre 1961, 1986 und 1991), sondern unterscheiden sich auch stilistisch stark. Im Grunde wechselt Berner das Genre von Film zu Film. So ist „Die Verlockung“ im Kern eine klassische Coming-of-Age-Geschichte über den zum jungen Mann gereiften Rudi Blaha inklusive erster Liebe und erster Enttäuschungen. „Müllmania“ entpuppt sich hingegen als bis zur Kenntlichkeit überzeichnete Politsatire über einen Müllentsorgungsskandal, den der jetzt von Berger gespielte Rudi (inzwischen Pressereferent eines Wiener Stadtrats) zu vertuschen hilft – und dabei seine sozialdemokratischen Überzeugungen entgültig über den Haufen wirft. Davon sind in „Das Lachen der Maca Darac“ nicht einmal mehr seine Skrupel übrig. In einer Mischung aus Einwandererdrama und Politthriller trifft Parteifunktionär Rudi im Skiurlaub in den Alpen auf die illegale Migrantin aus dem Titel (Barbara Auer) und einen Hilfsingenieur, von dem man lange nicht weiß, ob er paranoid ist oder tatsächlich verfolgt wird. Waffenhandel, Geheimdienste und Zwangspsychiatrisierung spielen auch noch eine Rolle.

"Das Plakat": der junge Karl Blaha mit Frau und Sohn
„Das Plakat“: der junge Karl Blaha mit Frau und Sohn

Ein geschlossenes Werk wie „Heimat“ ist die „Alpensaga“ nicht, nicht nur, weil sie nicht am Stück konzipiert, sondern immer nur ein Film nach dem anderen gedreht wurde. Auch inhaltlich hängen die vier Teile im Grunde nur sehr lose zusammen. Als gemeinsames Element dient Helmut Berger, der mal den idealistischen Sozialisten der (Neu-)Gründergeneration Karl Blaha spielt und mal dessen Sohn Rudi als Prototyp des modernen Politkarrieristen, dem es nur noch um Macht, nicht mehr um Inhalte geht. Diese Entwicklung wäre interessanter gewesen, wenn sie anhand der gleichen Rolle verdeutlicht worden wäre. So bleiben die beiden Blahas letztlich Chiffren, da Berner und seine Ko-Autoren sie je nach Belieben mal so und mal so einsetzen und keine plausible Charakterentwicklung zu erkennen ist.

Der Tanz der „Zigeunerin“

Dabei ist Berger vor allem als junger Karl sehr überzeugend, wie es überhaupt schauspielerisch viele (Wieder-)Entdeckungen gibt. Nicht nur österreichische Stars wie Dietmar Schönherr und Gert Voss geben sich die Ehre, sondern auch spätere deutsche wie Dominic Raacke als Investigativjournalist und Barbara Auer, die den letzten Teil über weite Strecken fast alleine trägt. Etwas holprig sind teils die Drehbücher von Peter Turrini, Rudi Palla und Berner selbst ausgefallen, vor allem bei „Müllmania“. Zwar wirkt einiges von den Wiener Politintrigen mit Blick auf die Gegenwart durchaus zeitlos, aber müssen Figuren gleich solch sprechende Namen tragen wie der Stadtrat Wiedergewinner oder der Unternehmer Kniff-Guldensack?

Am schönsten ist die Saga aber eh, wenn nicht die Botschaft im Vordergrund steht, sondern kleine Momente ihren ganz eigenen filmischen Zauber entfalten. Seien es Eindrücke von einem Sommertag am See als Jugendlicher oder die Augenblicke, wenn Barbara Auer als „Zigeunerin“ Maca ganz selbstvergessen zu tanzen anfängt.

Alle vier Filme sind auf DVD von Hoanzl erhältlich (jeweils zwei zusammengefasst).

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