„Mehr als zwei Leute kriegen zusammen keine Visionen zustande“: David Schalko auf der Cologne Conference

"Eine Komödie, die nichts Tragisches erzählt, ist ein Lustspiel": David Schalko in Köln; Foto: kir

Seit „Braunschlag“ wird Autor und Regisseur David Schalko auch in Deutschland für sein unkonventionelles Erzählen gefeiert, seine neue Serie „Altes Geld“ hatte Mittwoch hierzulande Premiere auf dem Kölner Festival. In einem Werkstattgespräch sprach Schalko gestern über die Unterschiede zwischen österreichischem und deutschem Fernsehen, die Besetzung Udo Kiers und seine Haltung zum Medium.

Unscheinbar wirkt der als Erneuerer des österreichischen Serienfernsehens gefeierte Schalko, wie er da so auf seinen Auftritt wartet, in grauer Stoffhose, kariertem Hemd und Turnschuhen. Auf der Bühne dann, lang ausgestreckt in seinem Sessel, schafft er das Kunststück, einen gleichzeitig nervösen und locker-coolen Eindruck zu erwecken. „Es ist nicht so, dass wir bei uns jedes Jahr fünf ‚Braunschlags‘ machen“, erwidert er auf die Frage des moderierenden Leiters der WDR-Serienredaktion Gebhard Henke, ob die schräge Serie von 2012 eigentlich auch in Österreich als so etwas Besonders wahrgenommen wurde.  Aber das Land habe eben schon seit Jahrzehnten eine Tradition, Nabelschau zu betreiben – siehe Thomas Bernhard. Auch das TV-Programm in seiner Heimat sei von Mainstreamserien und Krimis dominiert, aber die Risikobereitschaft, auch einmal etwas Abseitigeres auszuprobieren, sei trotzdem größer als in Deutschland. Das läge zum einen daran, dass die Programmplätze nicht so stark standardisiert seien und zum anderen an den kürzeren Wegen. Es werde insgesamt viel weniger produziert, aber es zerredeten dann auch nicht „zu viele Köche“ alle Formate wie hierzulande. „Mehr als zwei Leute kriegen zusammen keine Visionen zustande“, so Schalkos Feststellung.

Verständnislosigkeit provoziert Henkes Frage, warum kleine Länder wie Dänemark oder eben Österreich für ihre neueren Serien im Ausland gefeiert würden, nur Deutschland nicht. Schalkos einzig sinnvolle Reaktion: „Ihr könnt des ja auch machen.“ Ja, Herr Henke, warum macht der WDR denn statt etwas wirklich Innovativem nur „Meuchelbeck“, möchte man zurückfragen. Im Übrigen sei „Braunschlag“ wegen der Sprache auch im Herkunftsland höchst unterschiedlich aufgenommen worden, so Schalko: „Im Osten war es ein Riesenerfolg, in Vorarlberg hatte es nur zwei Zuschauer.“

Von unsympathischen Menschen empathielos erzählen

Zwischen „Braunschlag“ und seiner neuen Serie „Altes Geld“ sieht der Macher viele Gemeinsamkeiten. In beiden ginge es um das Thema Gier, mit einem weiteren Achtteiler will er das Ganze zur Trilogie ausbauen. Außer, dass der sehr ernst und dunkel werden solle, wollte Schalko aber noch nichts zum Nachfolgeprojekt verraten. Die Idee von „Altes Geld“ sei gewesen, nur Menschen zu zeigen, die unsympathisch handeln, keinerlei Entwicklung durchmachen und das empathielos zu erzählen. Die Frage sei, was dann übrig bliebe.  Ursprünglich sollte Gert Voss die Hauptrolle des Familienpatriarchen Rauchensteiner spielen. Als der Burgtheaterschauspieler nach sieben Drehtagen starb, habe Schalko nur zwei Möglichkeiten gehabt: jemand Ähnlichen finden oder das genaue Gegenteil nehmen. Und letzteres sei Udo Kier. „Durch Änderung eines Zahnrädchens ändert sich ein ganzes Projekt“, meint der Regisseur. „Udo spielt wie ein Ganove, der die Rolle durchtänzelt. Ich dachte mir, Bösewichte müssen ja auch etwas Sympathisches haben, weil sie sonst nicht damit durchkämen.“

Selbst sieht Schalko, der, wie er sagt, „von der Lyrik“ kommt und demnächst verstärkt Theater machen will (im Dezember inszeniert er ein Musical in Köln), das Fernsehen ambivalent. „Die Zeiten ändern sich: Leute sehen heute eher fern als ins Kino zu gehen – und das ist auch gut so.“ Selbst habe er schon seit sechs Jahren keinen Apparat mehr, schaue aber natürlich das eine oder andere am Laptop. Nach einigen Folgen einer Serie scheine ihm dann aber meist zu stark das Schematische durch, weswegen er Miniserien lieber möge. Seine Lieblingsserien seien auch schon älter: „Twin Peaks“, „Dallas“, Lars von Triers „Geister“ (übrigens eine WDR-Koproduktion). Für ihn sei der Reiz gewesen, zu einem „trashigen Medium zu gehen, mit dem keiner was zu tun haben wollte“. Das Fernsehen lasse sich aber oft zu wenig Zeit, weswegen es viel Fließbandfernsehen produziere. „Ich schreib deshalb zwischendurch auch gerne mal ein Jahr lang einen Roman.“ Das sollte sich vielleicht der eine oder andere deutsche Fernsehmacher zum Vorbild nehmen.

One comment

  1. Ja, wir als Österreichen haben mit dem Schalko, aber mehr noch mit der Bereitschaft, den Schalko werkeln zu lassen, schon ein Glück. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Österreich ist aber wohl auch wegen dem Publikum gegenüber der deutschen Konkurrenz ein wenig bevorteilt: Die ARD und das ZDF haben nun mal den Ruf, eher altbacken zu sein, weil ihre Zuseher durchschnittlich 60 Jahre alt sind. In Österreich schaut auch ein Teil des jungen Publikums ORF, weil die privaten österreichischen Alternativen aufgrund ihrer Größe/Budgets nicht an die Professionalität und Qualität der deutschen Privaten heranreicht.

    Dass „Twin Peaks“ eine seiner Lieblingsserien ist, überrascht mich jetzt gar nicht. Davon ist wohl gerade „Altes Geld“ inspiriert. Beide Serien stechen durch ihren andersartigen Stil sicher heraus.

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