Horror aus dem Lehrbuch: die Pilotfolge von „Fear The Walking Dead“

Travis (Cliff Curtis) und Maddie (Kim Dickens) müssen bald ihre Kinder beisammen halten. Foto: AMC

Die nächste Ausgeburt der Remake-/Spin-Off-Hölle ist da. „Fear The Walking Dead“ macht in der Pilotepisode zwar formal fast alles richtig, aber der fahle Beigeschmack des Ausschlachtens von Seiten AMCs bleibt leider erhalten.

So, jetzt ist das viel erwartete Prequel zur erfolgreichen Zombieserie „The Walking Dead“ also da. Nachdem Robert Kirkman schon im Vorfeld verlautbaren ließ, was alles nicht zu sehen sein würde, war die Ausgangslage eigentlich prekär. Was soll das Spin-Off selbst den hartgesottensten Zombie-Fans noch geben, das das „Original“ (und seine Tausende Vorgänger in Kino und Fernsehen) nicht zu leisten im Stande war?

Die ersten fünf Folgen von „The Walking Dead“ hatten immerhin noch den Anreiz, eine längere Variante von Danny Boyles hervorragendem Film „28 Days Later“ zu sein und deren Setting, Aufbau und eigentlich alles Andere 1:1 zu übernehmen. Das war damals schon ein Indiz dafür, wie schwer es eigentlich ist, wirklich neue Ideen in so einem limitierten Genre zu implementieren. Man gab sich große Mühe und bis zur „CDC-Folge“ (die Robert Kirkman im Nachhinein als großen Fehler bezeichnete) und der von vielen gescholtenen zweiten Staffel auf der Farm gab es auch wenig an der TV-Kopie auszusetzen.

Das Problem jetzt: Wir kennen die Welt, die von „The Walking Dead“ bereits. Was soll also noch kommen? Der Pilot von „Fear“ setzt zu einer Zeit ein, als die Situation noch nach heftiger Grippewelle aussieht. Die Schüler kommen nicht mehr so zahlreich zur Schule und die extrem hohe Zahl an Einsatzsirenen im Hintergrund fällt im gegenwärtigen L.A. noch niemandem auf.

The City of Angels also. Von den ruralen Familienidyllen Georgias zu den prekären Patchworkfamilien der Großstadt ist immerhin schon mal was anders. Den gruseligen ersten Kontakt (in einer Kirche, siehe „28DL“) zu durchleben, bleibt dem drogensüchtigen Sohn der Familie Clark vorbehalten. Nick (Frank Dillane) wird sich daraufhin im Krankenhaus wiederfinden. Zur Abwechslung einmal nicht im Koma liegend, ist er sich noch nicht ganz sicher, dass nicht doch eventuell die Drogen für das  verantwortlich sein könnten, was er glaubt, gesehen zu haben.

Mama Maddie (immer gut: Kim Dickens, „Treme“) und Stiefvater Travis (Cliff Curtis), beide Lehrer an der gleichen High School, die auch Tochter Alicia (Alycia Debnam-Carey) besucht, werden den Rest der Folge fast wie in den üblichen police procedurals damit verbringen, den wirren Aussagen Nicks (und schlussendlich ihm selber) nachzugehen, um am Ende eine grausame Entdeckung zu machen.

Was die Familie langsam Schicht für Schicht für sich selbst freilegt, ist uns natürlich bereits lange klar. Für uns werden geschickt einige falsche Fährten (Beispiel: der röchelnde Bettnachbar) gelegt und auf der Klaviatur der unterschwelligen Manipulation gespielt. Natürlich macht es die Horror-Szenen noch spannender, wenn ein elektronisches Hintergrundbrummen  (Musik: Paul Haslinger) die Kameraschwenks über die Blutflecken untermalt, während Travis nur mit Taschenlampe bewaffnet mitten in der Nacht durch eben jene Kirche wandert, um dann nichts zu entdecken. Ein Brummen, dass nur darauf wartet, im richtigen Moment mit dem schreienden Junkie hinter der Tür laut hervorzustürzen: Grusel aus dem Lehrbuch.

Apropos Lehrbuch: Ein wenig uninspiriert ist es, wenn die Schüler in den zwei Szenen im Unterricht ausgerechnet Jack Londons „To Build a Fire“ und Chaostheorie durchnehmen. Ziemlich sinnlos, wir wissen doch, was bevorsteht und dass der Kampf Mensch vs. Natur in eine neue Runde geht. Man hätte auch die entsprechenden Werke der antiken griechischen Literatur besprechen können, um zu erklären, warum es vor jeder Katastrophe eine warnende Kassandra braucht. Hoffentlich hat der dicke, picklige Junge, der in sehr weit vorauseilenden Vernunft ein Messer mit zur Schule bringt, noch etwas mehr zu bieten als den bitterbösen Blick zum Abschluss.


„Fear the Walking Dead“ wird jeden Sonntag auf dem amerikanischen Kabelsender AMC ausgestrahlt. In Deutschland und Österreich erscheint die aktuelle Folge immer montags ab ca. 20 Uhr exklusiv für Amazon Prime-Kunden.

Die erste Staffel umfasst sechs Episoden, eine zweite mit 15 wurde bereits beauftragt.

Unser Podcast zu „The Walking Dead“ (Oktober 2013)
Haris Vorhersagen zur Zukunft von AMC (September 2013)

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