Als hätte Lars von Trier „Twin Peaks“ inszeniert: die arte- Eigenproduktion „Kindkind“

Ungleiche Freunde: Eve und Kindkind; Foto: arte France/Roger Arpajou

Immer wenn man denkt, man hätte schon alles einmal in serieller Form gesehen, kommt von irgendeinem Fernsehsender auf der Welt etwas, das wirklich in keine Kategorie passt. So lässt sich die neue eigenproduzierte Serie von arte France (ab dem 18. September) am ehesten noch als Mischung aus „Twin Peaks“ und „Die Kinder von Bullerbü“ umschreiben.

Die bisher von dem Kulturkanal ausgestrahlten Serien aus allen möglichen europäischen und außereuropäischen Ländern von Schwedens „Real Humans“ bis zu Neuseelands „Top of the Lake“ übertrifft „Kindkind“ jedenfalls locker an Skurrilität.

Die Titelfigur ist ein kaum zwölfjähriger Junge, der von allen nur „Kindkind“ genannt wird. Ob das wirklich sein richtiger Name sein soll oder nur ein Spitzname, wird zumindest in der Synchronfassung nicht richtig klar. Wundern kann einen aber ohnehin bald kaum noch etwas, nachdem man eine Weile das dargebotene Treiben in der ländlichen Heimat des Jungen beobachtet hat. Die liegt im Norden Frankreichs, in jenem Teil Flanderns, der nicht zu Belgien gehört. Es ist die Gegend, die durch die Kinokomödie „Willkommen bei den Sch’tis“ auch international berühmt-berüchtigt geworden ist. Dort betreiben Kindkinds Eltern einen kleinen Bauernhof, auf dem auch der geistig behinderte Onkel lebt. Da es für Kinder in der Einöde nicht viel zu tun gibt, werfen Kindkind (Alane Delhaye) und seine Freunde am liebsten Knallkörper in Vorgärten oder prügeln sich ohne Anlass. Abwechslung kommt jedoch in den tristen Alltag, als die Kinder beobachten, wie die Polizei eine Kuh mit einem Hubschrauber abtransportieren lässt. In dem Tier wird der zerstückelte Körper einer Frau gefunden, lediglich der Kopf fehlt. Während der Chef der örtlichen Gendarmerie Van der Weyden (Bernard Pruvost) und sein Assistent Carpentier (Philippe Jore) noch rätseln, wie die Leichenteile in den Magen des vegetarischen Tiers gekommen sind, wird schon die zweite Leiche in einer anderen Kuh gefunden…

Das Schrägste an der Serie sind aber nicht einmal diese ungewöhnlichen Leichenbeseitigungsversuche, sondern die Figuren, die fast ausnahmslos alle leicht oder schwerer neben der Spur wirken. So leidet der leitende Ermittler Van der Weyden unter einer Art Tourette-Syndrom, das sich in ständigen mimischen Entgleisungen äußert. Seine Dialoge mit dem Assistenten erinnern regelmäßig an die klassischen Filmkomödien mit Jaques Tati (wie in diesen wird auch in „Kindkind“ meist nur wenig gesprochen). Obwohl beide Kriminalbeamte etwas schlicht wirken, hindert sie das nicht daran, gerne mal Titel großer Romane der französischen Literatur zu zitieren (Émile Zolas „Die Bestie Mensch“, so heißt auch die erste Episode) oder sich beim Anblick einer schönen (und nackten) Frauenleiche an die Gemälde des flämischen Altmeisters Peter Paul Rubens erinnert zu fühlen.

Während die Ermittler eher ahnungslos von einer Leiche zur nächsten torkeln, bestreiten Kindkind und seine gleichaltrige Freundin Eve (Lucy Caron) ihre Tage mit merkwürdigen Badeausflügen zur kargen Küste oder einem Besuch des Gesangswettbewerbs, an dem Eves Teenagerschwester Aurélie (Lisa Hartmann) teilnimmt. Die freundet sich wiederum mit einem jungen afrikanischen Muslim an, der in dem Dorf nicht nur auf Grund seiner Hautfarbe als natürlicher Außenseiter herhalten muss.

Verhör absurd: Van der Weyden (r.), Assistent Carpentier (M.) und der verdächtige Onkel

Nicht ganz zufällig dürfte mehrmals von der Hölle auf Erden die Rede sein. Dies kann wohl auch als Kommentar des Regisseurs und Drehbuchautors Bruno Dumont verstanden werden, der selbst in dieser Gegend aufgewachsen ist. Am Leben auf dem Land und der condition humaine im Allgemeinen lässt er jedenfalls kaum ein gutes Haar. Dabei ist seine erste Fernseharbeit formal durchaus als Komödie zu verstehen – allerdings eine von der Sorte, bei der einem das Lachen regelmäßig im Halse steckenbleibt. In einem ähnlichen Ambiente spielten auch schon Dumonts Independent-Kinofilme wie „Humanität“ und „Flandern“, mit denen er immer wieder Erfolge beim renommierten Cannes-Festival feiern konnte. Sie brachten ihm auch den Ruf eines der größten Misanthropen und Pessimisten der jüngeren Filmgeschichte ein.

Dass arte nun auf die verwegene Idee kam, ausgerechnet ihn mit einer Fernseh-Comedyserie zu beauftragen, kann man nur als genialen Schachzug bezeichnen. Das ist ungefähr so, als hätte man Lars von Trier gebeten, eine „Twin Peaks“-Folge zu inszenieren. Tatsächlich wirkt „Kindkind“ dann auch mehr wie ein überlanger europäischer Arthouse-Film als wie eine herkömmliche TV-Serie: das Erzähltempo ist extrem langsam, Kameramann Guillaume Deffontaines bevorzugt Weitwinkel-Landschaftsaufnahmen (und extreme Großaufnahmen von Gesichtern) und das Wie der Abläufe ist allen Beteiligten erkennbar wichtiger als das Was der Handlung.

Keine Identifikationsfigur weit und breit

Bemerkenswert ist auch das Darstellerensemble: Wer hier professioneller Schauspieler ist, wer Laie und wer die geistigen Handicaps nicht nur spielt, ist oft nicht auszumachen. So ist eine der absurdesten (und körperlich fast schon schmerzhaften) Szenen der knapp vier Stunden, wenn Van der Weyden mit seinen Gesichts-Ticks den ebenfalls mimisch auffälligen geistig behinderten Onkel verhört. Eher vergeblich sucht man nach einer Identifikationsfigur. Auch Kindkind selbst ist dafür mit seinem meist allzu schroffen Verhalten wenig geeignet. Empathie und Zuneigung zeigt der Junge mit der schiefen Nase und dem platten Gesicht lediglich gegenüber Eve. Die Szenen, in denen die beiden Kinder alleine sind, sind dann auch regelmäßig die warmherzigsten. Hier zeigt sich zwischen den so ungleichen Heranwachsenden (dem asozialen hässlichen Jungen und dem netten hübschen Mädchen) eine Chemie, die zum gedanklichen Weiterspinnen einlädt: Vielleicht werden sie in zehn Jahren einmal heiraten, der Kälte und Menschenfeindlichkeit ihrer Umgebung etwas Liebe entgegensetzen können. Vielleicht wäre aber auch dieser Versuch zum Scheitern verurteilt, scheint doch in diesem Landstrich schon seit Ewigkeiten nicht an den bestehenden Verhältnissen gerüttelt worden zu sein.

Antworten wird man am Ende der Serie übrigens vergeblich suchen. Wer also mit einer Auflösung in die Nacht entlassen werden möchte, wer denn nun für das voranschreitende Grauen verantwortlich ist, sollte von der Miniserie besser die Finger lassen. Ebenso, wer schon aufschreit, wenn es beim „Tatort“ mal etwas experimenteller zugeht als gewohnt. Wer das Werk von David Lynch oder Lars von Trier liebt, dürfte hingegen auf seine Kosten kommen. Wenn nicht (oder gerade weil) der Teufel seine Finger im Spiel hat.

arte zeigt am 18. und am 25. September ab 21 Uhr 45 jeweils zwei Folgen am Stück.

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