Der Kern ist die Geschichte: Internationale Serienmacher in Berlin

Gibt es ein Geheimnis hinter dem weltweiten Erfolg großartiger Serien? Auf dem Internationalen Medienkongress in Berlin gaben House Of Cards-Schöpfer Beau Willimon und die dänische Dramachefin Piv Bernth (Kommisarin Lund, Borgen – Gefährliche Seilschaften) Einblicke in ihre Arbeitsprinzipien.

Von Jens Mayer

„Kein Unterschied zwischen TV und Film“: Drehbuchautor Beau Willimon; Fotos: Medienboard / Ulf Büschleb

Diese Deutschen wieder: „Sie wollen das doch nicht alles ruinieren und über Geld reden“, antwortet Beau Willimon lachend auf die Frage eines Journalisten nach dem angeblichen Hundert-Millionen-Dollar-Budget der ersten Staffel von House Of Cards. Auch wenn der Schöpfer und Showrunner der momentan wohl heißesten neuen US-Serie des Video-on-Demand-Dienstes Netflix die Frage auch anschließend nicht kommentiert, beantwortet er damit indirekt die Ausgangsfrage des Panels, das beim Medienkongress in Berlin hinter das „Erfolgsgeheimnis von wirklich guten TV-Serien“ kommen wollte: Die Kreativen kümmern sich um das, was sie am besten können und sie am meisten interessiert – die Geschichte.

Aus dem Strom wird ein mächtiger Fluss

Zuvor hatte der 38-Jährige via Videoübertragung live eine Keynote-Rede gelesen, die vielleicht etwas weniger wuchtig und eindringlich war als die von Hollywood-Schauspieler Kevin Spacey – dem Star der Serie – auf dem Edinburgh TV Festival, inhaltlich aber in die gleiche Kerbe schlug. Dass Willimon um acht Uhr Ortszeit etwas zerzaust und müde wirkend vom Set der zweiten Staffel zugeschaltet wird, macht seine Präsenz jedoch nicht weniger beeindruckend, es hat alles seinen Sinn: Auf der einen Seite der kraftvolle und strahlende Schauspieler im Rampenlicht, auf der anderen das etwas nervöse und zurückhaltende, aber ungemein sympathische Mastermind hinter den Kulissen. Mit lässiger Selbstironie kommentiert er, dass der Auftakt der Veranstaltung gleich mit einer kleinen Tonpanne startet, die House Of Cards-Protagonist Frank Underwood (Spacey) im Trailer ziemlich sprachlos zeigt: „Der Dialog ist nicht wichtig.“

In seinem Vortrag stellt Willimon Bezüge zwischen der (Übetragungs-)Technik und den Erzähltraditionen her. Er verweist auf den „Stream of Consciousness“, den Bewusstseinsstrom, und stellt fest, dass aus diesem Strom „ein mächtiger Fluss“ geworden sei. „Etikettierungen als ‚TV’ oder ‚Film’ begrenzen diesen Strom“, greift er noch einmal die viel diskutierten Unterscheidungen zwischen Film, TV und Web-TV auf. „Interessiert es die Worte, wie lang die Zeile ist, in der sie stehen?“ zieht der Theaterautor Parallelen zur inhaltlichen Unterscheidung zwischen Lyrik und Prosa. Die Form sei schließlich immer aus ihren aktuellen technischen und ökonomischen Gesichtspunkten heraus definiert worden. Für ihn bestehe zwischen Film und Fernsehen kein Unterschied: „In ihrer Essenz, dem Kern, ist es einfach eine Geschichte.“

Vertrauen statt Kontrolle

Für deutsche Produktionen ist es kaum vorstellbar, dass der Autor, der vor House Of Cards über keinerlei Serien- oder Fernseherfahrung verfügte, dort in Baltimore am Set sitzt und, selbst wenn er wollte, nichts inhaltliches zur zweiten Staffel sagen kann, da das Autorenteam immer noch an den Folgen arbeitet. Das Vertrauen des Senders in seine Arbeit und die „volle kreative Oberhand“ der Macher sind sicherlich eines der Geheimnisse ihres Erfolges.

Eigenwillige und faszinierende Protagonistinnen: DR-Dramachefin Piv Bernth präsentiert Birgitte Nyborg aus „Borgen“

Das bestätigt auch Piv Bernth, die Dramachefin der Danish Broadcasting Corporation und zweite Rednerin an diesem Tag, die mit Serien wie Borgen (Gefährliche Seilschaften) oder Forbrydelsen (Kommisarin Lund) sensationelle Welterfolge feiert: „Wir glauben nicht an Kontrolle, sondern an Vertrauen“, erklärt sie in ihrem Vortrag. Mittlerweile kommen die Senderverantwortlichen aus der ganzen Welt nach Kopenhagen, um hinter das „dänische Geheimnis“ zu kommen, so wie Bernth und ihre KollegInnen Anfang der 1990er Jahre in die USA gefahren sind. Dort wollten sie von den Machern von Serien wie NYPD Blue (New York Cops) und Hill Street Blues (Polizeirevier Hill Street) lernen und herausfinden, „wie das im dänischen Kontext funktioniert“.

Auch wenn sie ihren Vortrag unter die Überschrift „No Secret – Just Hard Work“ stellt, zeigt sie dennoch fünf entscheidende Merkmale ihrer „wirklich guten Serien“ auf:

1. Konsequente Charaktere

Als Beispiel zeigt Bernth zwei Ausschnitte ihrer beiden genannten Erfolgsserien, die zwei äußerst eigenwillige und streitbare, dadurch aber auch glaubwürdige und faszinierende Protagonistinnen als Hauptfiguren präsentieren. Vorauseilende Anbiederung beim Publikum ist nicht notwendig.

2. Eine Vision aller Beteiligten

Produzenten und Kreative arbeiten auf Augenhöhe, letztere werden nicht eingeschränkt. „Wir sind lediglich dafür da, Fragen zu stellen, die Antworten müssen die Autoren kennen“, erklärt Bernth, die von einer „Politik der offenen Türen“ spricht, die auf Austausch und Kommunikation setzt. Dabei hebt sie erneut die Rolle der Autoren hervor, die nicht verwässert werden darf: „Wir brauchen jemanden, der die Story im Blut hat“.

3. Keine Machtspielchen des Senders

„Machtspiele müssen außen vor bleiben, sie ruinieren das gesamte Herz und die Seele einer Produktion“. Statt auf Macht zu setzen, habe der Sender den Mut gehabt, gleich viele Folgen (zum Beispiel zwanzig für die erste Lund-Staffel) zuzusichern. Das habe sich bezahlt gemacht, denn die Unsicherheiten weniger Folgen beeinflussten auch die Erzählweise: „So können sich die Autoren bestimmte Entwicklungen für später aufheben.“ Die so gewonnene Freiheit, Details und Nebenentwicklungen anlegen zu können, führe letztendlich dazu, dass sich die Zuschauer die Serie mehr als nur einmal ansehen würden.

4. Die Zusammenarbeit mit jungen Talenten

Bernth hebt die Zusammenarbeit mit und Förderung von jungen Autoren hervor und nennt als Beispiel Maya Ilsøe, Chefautorin der 2014 startenden neuen Serie The Legacy oder Jeppe Gjervig Gram, einen der Borgen-Autoren, der sich in seiner Serie Follow The Money mit der internationalen Finanzkrise auseinandersetzt.

 

5. Originalstorys

„Originalstorys sind wichtig“, unterstreicht Piv Bernth die Entwicklung von eigenen Serienstoffen, auch wenn es riskant sei. „Wir haben nie mehr als zwei Serien in der Entwicklung. Wenn wir eine ausgewählt haben, gehen wir sehr fokussiert vor.“ Dafür habe man den Anspruch, es immer „noch ein bisschen besser“ zu machen. Was die Sujets ihrer Geschichten angeht, kann sie den weltweiten Erfolg ihrer dänischen Produktionen mit einem griffigen Slogan auf den Punkt bringen: „The more local, the more global.“

One comment

  1. Die hier genannten Arbeits – und Produktionsprinzipien der Dänen fußen auf vier Überzeugungen, die dem deutschen Fernsehen nichts wert sind:

    1. Hochwertige Qualität im fiktionalen Bereich ist kein undefinibares Wischiwaschi, sondern lässt sich im globalen Maßstab sehr wohl klar umreißen.

    2. Qualität kostet.

    3. Respekt und Anerkennung für, Vertrauen in und Unterstützung der Autoren.

    4. Den Glauben an mündige Fernsehzuschauer, die sich immer wieder aufs Neue überraschen und herausfordern lassen und nicht immer nur das Gleiche geboten bekommen wollen.

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