Film Festival Cologne: Premieren von „Tempel“ und „Good Behavior“

Bedrohtes kleines Glück: Mark Tempel (Ken Duken) mit Tochter Juni (Michelle Barthel); Foto: ZDF/Reiner Bajo

Am Donnerstag präsentierten deutsche TV-Sender in Köln zwei neue Dramaserien: Während ZDFneo seine erste Eigenproduktion in diesem Genre vorstellte, hatte TNT Serie den Hauptdarsteller seiner US-Koproduktion eingeladen, der darin einen charmanten Auftragskiller spielt.

Jetzt macht ZDFneo ernst. Nachdem sich der kleine Ableger des Zweiten bereits seit Jahren an relativ kostengünstigen Sitcoms wie „Eichwald, MdB“, „Lerchenberg“ oder „Blockbustaz“ versucht hat, steht im November die erste eigenproduzierte Dramaserie auf dem Programm. Anders als international üblich, dauern auch die sechs Folgen von „Tempel“ allerdings nur jeweils 30 Minuten. Sie sehen jedoch wesentlich hochwertiger aus als die vorherigen Serienbemühungen des Senders.

Ken Duken scheint der Schauspieler zu sein,  zu dem deutsche Sender gehen, wenn sie etwas Neues planen. Er war schon der leading man in „Add a Friend“, der ersten fiktionalen Eigenproduktion von Turner in Deutschland. Jetzt ist er der Hauptdarsteller der ersten Dramaserie von ZDFneo. Und er macht dabei eine gute Figur. Duken ist Mark Tempel, Altenpfleger in Berlin, Familienvater und ehemaliger Boxer mit Kontakten ins kriminelle Millieu. Zu Beginn der Auftaktfolge sehen wir ihn gestresst durch den Wedding kurven, um rechtzeitig bei seinen Patienten zu Hause anzukommen. Bei der Pflege einer alten bettlägerigen Dame ist er liebevoll und einfühlsam, bleibt gerne noch auf ein Stück Kuchen.

Aber Tempel ist auch ein Mann mit Problemen. Die Immobilienmafia will das Mehrfamilienhaus entmieten, in dem er mit seiner im Rollstuhl sitzenden Ehefrau Sandra (Chiara Schoras) und Teenietochter Juni (Michelle Barthel) wohnt. Das versucht sie nicht nur mit Mieterhöhungen, sondern auch, indem sie kurzerhand einen Schlägertrupp vorbeischickt, der in Tempels Abwesenheit die Einrichtung zertrümmert. Aber Mark Tempel ist kein Mann, der sich endlos alles gefallen lässt. Zunächst zaghaft nimmt er wieder Kontakt zu seinen alten Freunden aus der Berliner Unterwelt auf. Am Ende der ersten Folge gehen bereits Motorräder in Flammen auf, in der zweiten gibt es schon den ersten Toten.

Der mystische Auftritt der Femme fatale

Autorin Conni Lubek fackelt nicht lange rum, um ihre Geschichte in Gang zu bringen. Mit einer halben Stunde pro Folge hat sie dafür auch nicht viel Zeit. Mit ihrer ambivalenten, innerlich zerrissenen Hauptfigur orientiert sie sich erkennbar an internationalen Serienvorbildern, erdet die Handlung aber stark in der Berliner Realität, so dass das Ganze glaubwürdig bleibt. Das Trendthema Gentrifizierung ist als Ausgangssituation für eine zeitgemäße deutsche Dramaserie höchst interessant. Davon betroffen ist hier auch die Unterwelt, personifiziert durch Thomas Thieme („Rosa Roth“, „Die Stadt und die Macht“), der den Kiezkönig mit Herz und Schnauze gibt. Auch wenn der beteuert, dass es den Kiez doch schon längst nicht mehr gebe. Jetzt lebten dort nur noch „arschlose körnerfressende Yogafotzen“, mit denen sich doch kein Geld verdienen lasse – ein herrlicher Rant gegen die soziale Umwälzung eines ehemaligen Arbeiterstadtteils. Wie überhaupt die Dialoge des Öfteren die Handlung vors Abgleiten in ausgetretene Klischees bewahren, auch in den privaten Nebenhandlungen um Marks Frau und Tochter.

Gelungen ist auch die Inszenierung durch Philipp Leinemann: Wie Antje Traue („Weinberg“) bei ihrem ersten Auftritt als frühere Geliebte oder love interest Tempels fast in Zeitlupe den rötlich beleuchteten Raum betritt, als Verkörperung der mysteriösen Femme fatale, während im Hintergrund eine Stripperin um eine Stange gleitet, das hat eine visuelle Qualität und atmosphärische Wirkung, die auch Dominik Graf gefallen dürfte. Wenn Regie und Drehbuch dieses Niveau über alle sechs Folgen halten können, hat das ZDF hier einen echten Hit am Start.

Begegnung im Neonlicht: der Auftragsmörder (Juan Diego Botto) und die Diebin (Michelle Dockery) in "Good Behavior"; Foto: TM & © Turner Entertainment Networks. A Time Warner Company. All Rights Reserved.
Begegnung im Neonlicht: der Auftragsmörder (Juan Diego Botto) und die Diebin (Michelle Dockery) in „Good Behavior“; Foto: TM & © Turner Entertainment Networks. A Time Warner Company. All Rights Reserved.

Eine Nacht mit dem Auftragskiller: Poetic Noir à la „Good Behavior“

Wesentlich konventioneller fällt die Pilotfolge von „Good Behavior“ aus, einer neuen Eigenproduktion des US-Kabelsenders TNT unter Beteiligung von Turner International. Michelle Dockery, bekannt aus „Downton Abbey“, hat in ihrer neuen Serienhauptrolle das entgegengesetzte Ende der sozialen Leiter erreicht. Mit anderen Worten: Ihre Letty Dobesh ist ganz unten angekommen. Sie saß im Gefängnis, versucht (vergeblich), von den Drogen loszukommen und verliert anfangs auch noch ihren Drecksjob in einem Fast-Food-Laden. Daraufhin besinnt sie sich auf das einzige, was sie offenbar gut kann: Hotelzimmer ausrauben. Mit immer neuen Perücken und Verkleidungen geht sie ihrem kriminellen Geschäft nach. Dabei belauscht sie eines Tages, versteckt im Kleiderschrank, wie ein Killer seinen nächsten Auftrag erhält. Ein Mann will auf diese Weise seine Gattin loswerden. Wenig später trifft Letty ausgerechnet den Killer an der Bar. Warum sie daraufhin erst einmal mit ihm im Bett landet, wissen wohl nur die Serienschöpfer Chad Hodge und Blake Crouch („Wayward Pines“). Die heiße Liebesnacht hält die junge Frau jedenfalls nicht davon ab, dem charmanten Killer Javier in die Parade zu fahren und dessen geplanten Mord an der Ehefrau verhindern zu wollen.

Präsentierten ihre neue Serie in Köln: Juan Diego Botto (r.) und Turner-Geschäftsführer Hannes Heyelmann; Foto: Mathis Wienand / Getty Images for Turner Deutschland
Präsentierten ihre neue Serie in Köln: Juan Diego Botto (r.) und Turner-Geschäftsführer Hannes Heyelmann; Foto: Mathis Wienand / Getty Images for Turner Deutschland

So ganz klar wird in diesen 60 Minuten nicht, wo die Serienmacher hinwollen. Wird das ein Procedural, in dem das ungleiche Paar jede Woche einen Auftragsmord verhindern oder begehen soll? Oder doch eine stark serialisierte Erzählung, aber dann mit welchem roten Faden? Jedenfalls folgt der Pilot zu stark gängigen Genremustern und auch Charlotte Sielings Inszenierung ist recht konventionell ausgefallen. Ein paar schöne Bilder hat die Folge zwar, die aber auch zu sehr auf Oberflächenreize setzen. „Poetic Noir“ nannte Hauptdarsteller Juan Diego Botto das im Anschluss an die Kölner Premiere. Anders als in „Wayward Pines“ werde dieses Genre auch bis zum Ende der Staffel durchgezogen, versicherte der international noch völlig unbekannte Argentinier. Lichtblick des zähen Serienauftakts war allerdings Michelle Dockery. Mit ihrer facettenreichen Darstellung einer Frau, die sich nicht einfach einordnen lässt, rettete sie den Piloten vor der völligen Belanglosigkeit.

„Tempel“ läuft ab dem 29. November dienstags ab 21 Uhr 45 in Doppelfolgen auf ZDFneo. „Good Behavior“ ist ab dem 16. November mittwochs um 21 Uhr 45 auf TNT Serie zu sehen.

One comment

  1. Dann bin ich zum Glück nicht der einzige, der „Good Behavior“s Struktur nicht versteht – auch der Trailer ist diesbezüglich sehr verwirrend – worum geht es bei dieser Serie? Die Bilder und das Noir-Feeling gefallen aber, und die Hauptfigur wirkt auch im Trailer wirklich ausgesprochen faszinierend.

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