Und ewig dräuen die Wälder: Premiere des Mystery-Thrillers „Weinberg“ von TNT Serie

Held ohne Namen und mit zweifelhafter Vergangenheit: Friedrich Mücke ©TNT Serie / Martin Rottenkolber

2015 wird vielleicht als das Jahr in die deutsche Fernsehgeschichte eingehen, in dem plötzlich alle Sender ambitionierte Serien produzieren wollten. Aber es reicht eben nicht, das nur zu sagen. Der kleine Pay-TV-Kanal TNT Serie macht mit seiner ersten eigenen Dramaserie (ab Dienstag, den 6. Oktober) sehr viel richtig. „Weinberg“ könnte tatsächlich zum Game-Changer werden.

RTL ging dieses Jahr mit der Frauenknastserie „Block B“ schon sang- und klanglos unter, das edgy Thrillerdrama „Blochin“ des ZDF entpuppte sich doch nur als etwas ambitionierterer „Tatort“, das im Ausland schon gefeierte „Deutschland ’83“ von RTL und die Krankenhausserie „Club der roten Bänder“ von VOX stehen noch aus. Und nun also „Weinberg“, die lange angekündigte erste Dramaserien-Eigenproduktion eines deutschen Pay-TV-Senders überhaupt – wenn auch zunächst „nur“ als sechsteilige Miniserie.

Nach der ersten Folge zu urteilen (und einigen Szenen aus den weiteren Folgen, die der Presse vorab zur Verfügung gestellt wurden), muss man sagen: Hier hat ein Sender endlich einmal Ambition nicht nur behauptet, sondern auch konsequent durchgezogen. Das beginnt mit dem Design des Titellogos, setzt sich über die Gestaltung des Vorspanns fort, der dem aufwändigen Stil der Opener von HBO- oder Showtime-Serien folgt, und ist auch in der Folge selbst immer wieder erkennbar. Dass die Anfangs- und Schlusstitel in Englisch gehalten sind, wirkt hier einmal nicht größenwahnsinnig, sondern folgerichtig. Denn die Serie orientiert sich klar an internationalen Vorbildern und einem internationalen Markt, ohne die lokale und regionale Identität aufzugeben – ganz im Gegenteil.

Die tote Weinkönigin Sophia (Sinha Melina Gierke) hängt im Weinberg © TNT Serie / Martin Rottenkolber
Die tote Weinkönigin Sophia (Sinha Melina Gierke) hängt im Weinberg © TNT Serie / Martin Rottenkolber

Es ist nämlich etwas typisch Deutsches, das der unheimlichen Atmosphäre zugrunde liegt: die ewig dräuenden Wälder, die nebelverhangenen Weinberge und Täler an der Ahr, wo überwiegend on location gedreht wurde (übrigens entstanden auch die Innenaufnahmen nicht im Studio, sondern in echten Gebäuden in Nordrhein-Westfalen und anderswo). Das ist etwas, was auch im Ausland sofort als deutsch wiedererkannt werden dürfte, ohne dass es nach Heimatfilm aussieht. Für Deutsche ist der Handlungsort zudem klar als Rheinland im weiteren Sinne zu erkennen, ohne dass die Schauspieler bemüht Platt sprechen müssten. Diese Spielart deutscher Romantik, die schon Heinrich Heine in seinem berühmten Gedicht von der Loreley eingefangen hat, ist tief in den Flusstälern zwischen Köln und Mainz verankert, für „Romantik-Schiffstouren“ reisen japanische und amerikanische Touristen extra weit an.

Gleich die Anfangsszene gibt den stilistischen Ton vor: Da erwacht unser Held mitten zwischen den Reben, in Großaufnahme sehen wir sein Gesicht auf der Erde liegen, Blut tropft ihm von der Schläfe. Und über ihm, in den Reben, hängt eine tote junge Frau mit einer Krone. Der Mann weiß weder, wo er ist und wie er dorthin gekommen ist, noch wer er überhaupt ist. Im nahegelegenen Dorf Kaltenzell halten ihn scheinbar alle für verrückt – vor allem, weil die Leiche nicht mehr auffindbar ist und die angeblich tote Weinkönigin kurz darauf höchst lebendig vor ihm steht.

Man muss nun nicht ein Dutzend Mysteryserien gesehen haben, um zu verstehen, dass in der abgeschlossenen Dorfgemeinschaft Vieles nicht mit rechten Dingen zugeht. Das Böse scheint sich einen Weg durch die Wälder und in die Köpfe der Menschen zu bahnen – und es scheint hier nicht zum ersten Mal zuzuschlagen. Die Autoren Jan Martin Scharf (auch Regie einiger Folgen) und Arne Nolting (zusammen bereits für die wunderbare Komödie „Wahrheit oder Pflicht“ mit Katharina Schüttler verantwortlich und auch für den VOX-Club der roten Bänder) haben das Genre nicht neu erfunden, bedienen es aber konsequent. Die Handlung ist spannend, ohne dass der Humor zu kurz kommt oder aufgesetzt wirkt. So gibt es eine nihilistische Punkband, deren jugendliche Mitglieder mit ihrer Haltung gegen die dörfliche Spießigkeit rebellieren, und einen vietnamesischen Pfarrer, der seine Schäfchen schon rein sprachlich kaum versteht. Und immer wieder steht die übergeordnete Frage im Raum, was den ganzen unerklärlichen Ereignissen zu Grunde liegt: eine Wahnvorstellung des Protagonisten, eine Zeitschleife? Oder doch nur ein böser Traum?

Ein bemerkenswertes Ensemble haben der Turner-Sender und die Kölner Produktionsfirma Bantry Bay vor der Kamera versammelt: Friedrich Mücke trifft den richtigen Ton zwischen ratlosem (Anti-)Helden, der als Identifikationsfigur für die Zuschauer dient, und Mann, dem selbst etwas Unheimliches anhaftet, dem man so wenig trauen kann wie er sich selbst. Gudrun Landgrebe sorgt als pensionierte Psychotherapeutin für etwas grandezza. Dazu kommen viele bekannte Fernsehgesichter, deren Namen man meist nicht kennt: So war etwa Arved Birnbaum, der den bedrohlichen Bürgermeister und Gastwirt spielt, schon in „Im Angesicht des Verbrechens“ dabei. Laura Tonke und Jenny Schily kennt man hingegen eher aus dem deutschen Arthouse-Kino.

Bürgermeister Zepter (Arved Birnbaum) dreht durch © TNT Serie / Martin Rottenkolber
Bürgermeister Zepter (Arved Birnbaum) dreht durch © TNT Serie / Martin Rottenkolber

Till Franzen drückt der Serie mit der Inszenierung der Pilotfolge konsequent (s)einen stilistischen Stempel auf: interessante Kamerafahrten durch die Weinberge oder -flüge über das im Nebel verborgene Dorf, stimmige Farbbearbeitung, visuell ausgefallene Erinnerungsfetzen. Sogar die Sexszene sieht nicht so aus, wie solche Szenen normalerweise im deutschen TV aussehen, ist stark abstrahiert und stilisiert. Hinzu kommt ein stimmiges Sounddesign und die passende atmosphärische Filmmusik von Christopher Colaco und Philip Schaeper.

Immer wieder betonen die Autoren, Regisseure und Produzenten in Interviews (auch dem Autor dieser Zeilen bei einem Setbesuch gegenüber) die ungewöhnlich großen Freiheiten, die die Senderverantwortlichen ihnen bei der Entwicklung und Umsetzung gewährt haben. So seien die Autoren auch über die reine Drehbucharbeit hinaus in die weiteren kreativen Prozesse wie Casting, Locationsuche oder Schnitt involviert gewesen. Statt die Macher zu mehr Kompromissen zu drängen, habe es eher die Aufforderung gegeben, „anders“ zu denken als in den üblichen deutschen TV-Serienstrukturen. Das merkt man dem Ergebnis tatsächlich an. Während in jeder ZDF-Serie mindestens ein Ermittler im Mittelpunkt stehen muss und auch mit einem stilistisch eigentlich hervorragenden Regisseur wie etwa Matthias Glasner bei „Blochin“ am Ende eben doch wieder alles so ähnlich aussieht wie beim „Alten“, damit sich der ZDF-Stammzuschauer auch „wiederfindet“, setzt TNT Serie konsequent auf die Pay-TV-Nische. Dabei ist eine Serie entstanden, die es eben nicht jedem Recht machen will und dabei in der Beliebigkeit versinkt. Sondern eine, die weiß, was sie sein will und das auch durchzieht. Und ein weiteres Indiz für die These, dass die Zukunft der erzählerisch und stilistisch interessanten Serien eben nicht bei den großen Free-TV-Sendern liegt, sondern bei den kleineren Kabel-, Pay-TV- und Streaminganbietern.

TNT Serie zeigte „Weinberg“ ab dem 6. Oktober 2015. VOX übernimmt die Serie als Free-TV-Premiere vom 9. bis zum 11. November: jeweils zwei Folgen laufen ab kurz nach 22 Uhr.

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