Verloren im Mindpalace: „Sherlock – The Abominable Bride“

Was das der letzte Auftritt von Dr. Watson (Martin Freeman) und Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch)? Foto: BBC

Ist es das jetzt schon gewesen? Nach langem Warten hat die BBC uns zu Weihnachten wieder einen „Sherlock“ spendiert. Die umfangreichen Verpflichtungen von Benedict Cumberbatch und Martin Freeman ließen im vergangen Jahr nicht mehr zu; ob es noch weitere Folgen gibt, wird sich erst weisen (geplant, aber noch nicht fixiert sind Dreharbeiten für April 2016).

Sollte es der letzte „Sherlock“ gewesen sein, dann haben die Autoren Mark Gatiss und Steven Moffat ein halbwegs brauchbares Ende geliefert. Das kann man aber auch anders sehen. (Spoiler!)

Im viktorianischen London sehen wir zuerst eine schnelle Wiederholung der Begegnung aus „A Study in Pink“, bevor uns ein Zeitsprung einige Jahre nach vorne spült. Sherlock hat seine spektakulärsten Fälle bereits hinter sich, Watsons Bücher sind erfolgreich. Lastrade (Rubert Graves) – man hat keine noch so kleine Nebenfigur vergessen einzubauen – fragt um Hilfe bei der Aufklärung eines Mordes einer totgeglaubten Frau an ihrem Ehemann. Sherlock kann das Rätsel aber zuerst nicht lösen und wird erst Monate später durch eine neue Klientin wieder auf den Fall aufmerksam. Die weißgewandete Frau, die sich ursprünglich selbst durch eine Kugel in den Kopf umgebracht hatte, ist schon wieder aktiv und bespukt und bedroht einen Adligen in dessen Haus. Sherlock und Watson können den Mord nicht verhindern und Sherlock entdeckt eine Nachricht auf der Tatwaffe: „Miss me?“

Das bringt den gegenwärtigen Sherlock an Bord des Flugzeugs zum Erwachen. War alles nur ein Traum? Watson, Mycroft und Mary gesteht er, dass er durch einen drogeninduzierten Besuch in seinem Mindpalace dem Rätsel um Moriartys Wiederkehr („His Last Vow“) auf die Spur kommen wollte und die Lösung in dem alten, ungeklärten Fall aus der Vergangenheit vermutet.

Was folgt, ist ein Hin und Her zwischen den Welten. Sherlock kämpft mit Moriarty in seinem Mindpalace und kann ihn mit Hilfe von John schlussendlich besiegen. Sein größter Gegner (Zitat Mycroft) ist aber er selbst und so muss er sich noch aus seinem eigenen Hirn befreien. Wieder am Boden angekommen (das Flugzeug wortwörtlich und Sherlock mental), ist der Meisterdetektiv wieder voll da und überzeugt: Moriarty ist tot.

Ein Fest für Fans

Der eigentliche Fall um die Braut hat zwar ein paar gute Gruselelemente, aber richtige Spannung kommt nicht auf. Zu wenig Mühe gibt man sich, um den Zusehern den „wahren Bösewicht“ so lange wie möglich zu verheimlichen – vermutlich war das Absicht. Dass der geniale Sherlock selbst im Traum da nicht sofort die Wahrheit erkennt, ist seiner Arroganz geschuldet und dem offensichtlich vorhandenen Minderwertigkeitskomplex, den er seinem großen Bruder gegenüber hat. Die Gebrüder Holmes betreiben auch im Mindpalace ihr Konkurrenzspielchen und Mycroft schickt seinen Bruder uninformiert auf die Mission, obwohl er die Lösung bereits kennt – es ist ein Krieg, den es zu verlieren gilt.

Das Hin und Her zwischen Gegenwart und viktorianischer Zeit, die implizierte Verfangenheit von Sherlock in seinem eigenen Hirn ist eine gute, logische Fortsetzung zu dem intellektuellen Nicht-Fall in „His Last Vow“ und bietet jede Menge Gelegenheit für Fanservice, sowohl für die Kenner der Bücher als auch der Serie.

Wer Sherlock bisher mochte, wird mit „The Abominable Bride“ seine Freude haben. Sollte die Serie keine Fortsetzung finden, dann wird das Wiederauftauchen des unguten Moriarty ungelöst, ein Fall von Sherlock ungeklärt bleiben. Immerhin wurde die klare Ansage gemacht, dass es der Superschurke keinesfalls selber sein kann. Von diesem Versprechen wird man sich hoffentlich nicht wieder zurückbewegen.

Durch die zahlreichen Sprünge zwischen den Zeiten hat man auch offengelassen, welche der beiden Ebenen die richtige, die wahre ist, und welche nur Traum oder Einbildung. Das ist letztendlich zwar unwichtig, könnte aber, insofern man damit weiter spielt, dazu beitragen, dass Sherlock sich noch weiter in Nebenschauplätzen verliert. Die Abkehr vom genialen Detektiv in der letzten Staffel zum wandelnden Skurrilitätenkabinett haben einige Kommentatoren noch nicht verkraftet und langfristig muss man sich fragen, worin eigentlich die Kernkompetenz von „Sherlock“ besteht und ob man die nicht erhalten sollte – selbst auf Gefahr hin, die Superfans und ihre tumblr-GIFs zu vergraulen.

Was haltet ihr vom „Sherlock“-Weihnachtsspecial?

5 comments

  1. Ich fand die Frauenpower gut. Deine Analyse von Minderwertigkeitskomplex und Mindpalace finde ich gelungen. Der Aspekt mit den starken Frauen wird leider ausgelassen.
    LG A

    1. Danke für das Lob.
      Der Aspekt mit den starken Frauen wäre ein zu großer Spoiler gewesen, aber deswegen stehen auch die „wahren Bösewichte“ unter Anführungszeichen.

      1. Jetzt wo du’s mit den „Bösewichten“ in Verbindung bringst, ist es ein Spoiler.
        Man hätte auch formulieren können „Molly Hooper (Louise Brealey) überzeugt diesmal im Männerkostüm. Abgesehen davon spielen Frauen in dieser Folge eine ganz besondere Rolle. Mehr sei an dieser Stelle, ohne spoilern zu wollen, nicht verraten“

        Die Kostüme waren übrigens allesamt grandios.

        LG A

    2. Da habe ich genau die gegenteilige Meinung: Die Sache mit der Frauenpower war nur halbherzig. Sherlocks Monolog war zwar hübsch, aber führt gleichzeitig sich selbst ad absurdum: Die Frauen schauen ihrem männlichen Helden stillschweigend zu. Es ist ein Mann, der sie in „The Abominable Bride“ aus ihrer Unmündigkeit erlöst, und nicht sie selbst. Schlussendlich dreht sich die Folge nur um Sherlock, Watson, Mycroft und Moriarty – also alles Männer. Die dargestellte Frauenpower ist pures Lippenbekenntnis.

      Dabei bin ich mir aber gar nicht sicher, ob die Episode überhaupt feministisch sein wollte. Wir befinden uns schließlich in Sherlocks Mind Palace – was wir sehen ist nicht die Realität, sondern wie Sherlock sie abbildet. Er sieht sich als kriminalistisches Genie, das den viktorianischen Frauen unter die Arme greift – ein Gentleman halt. Für mich ist die Resolution von „The Abominable Bride“ deshalb eine Darstellung von Sherlocks Frauenbild – und das ist, passenderweise, kein kontemporäres.

      1. Ob sich die Folge tatsächlich in Sherlocks Mindpalace abspielt, ist nicht restlos geklärt. Eine Szene am Ende lässt auch die Variante offen, man befände sich in der Vergangenheit und die Flugzeugszene sei der Phantasie des Jahrhundertwende-Sherlock entsprungen.
        Selbst wenn man die Gegenwart zur Wahrheit erklärt, dreht sich die Geschichte nicht nur um Sherlock, Watson, Mycroft und Moriarty. Auch Mary ist mit von der Partie. In der Flugzeugszene ist sie zugegeben etwas wortkarg, im big picture aber nimmt sie eine gewichtige Rolle ein. Dass ihre Fähigkeiten durchaus mit denen von Sherlock mithalten können, weiß nicht nur Mycroft. Sie hat sie unter anderem bereits in His Last Vow unter Beweis gestellt.
        Auch befreit Sherlock in The Abominable Bride keineswegs die Frauen aus ihrer Unmündigkeit. Sein einziger Verdienst ihnen gegenüber ist die (offizielle) Nichtaufklärung des Falles. Den Kampf um Gleichstellung fechten die Damen alleine aus.
        (Mit Erfolg übrigens: 1903 kommt es in England zur Gründung der Women’s Social and Political Union, 15 Jahre später dürfen englische Frauen erstmals an Wahlen teilnehmen.)
        Sherlock wird von den Frauen bewusst involviert (es ist Lady Carmichael, die ihn kontaktiert). Offenbar haben sie das Bedürfnis die Holmes-Brüder einzuweihen. Mary Watson selbst deutet an, sich für die Suffragetten zu engagieren. Sie ist es schließlich auch, die John und Sherlock zur Kirche führt. Ein Zufall? Wohl eher nicht.

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