„In so einer Serie lebt man nicht ewig“: Sarah Wayne Callies im Interview

Diese Woche startete die dritte Staffel von „The Walking Dead“, einer der derzeit erfolgreichsten US-Kabelserien – und brach gleich mehrere Quotenrekorde. So hatte die erste neue Folge die meisten Zuschauer sämtlicher Staffelstarts der US-TV-Saison. Ab Freitag können sich deutsche Pay-TV-Kunden selbst davon überzeugen, ob der Erfolg berechtigt ist. Vorab gibt die Darstellerin der Lori Grimes im ungekürzten torrent-Interview mit Marius Janz schon einmal einen Ausblick, was uns in der neuen Staffel erwartet.

Muss für die anderen stark sein: Lori Grimes (Sarah Wayne Callies); Fotos: ©AMC 2012

Was können wir in der dritten Staffel von Lori erwarten? Wie wird es in ihrer Beziehung mit Rick weitergehen?

Es sieht nicht gut aus zwischen Rick und Lori. Ich denke, ihre größte Herausforderung im Moment ist es, mit dem Selbsthass zurechtzukommen, den sie beide fühlen. Beide sind zu Tode betrübt darüber, was mit Shane passiert ist. Rick und Lori sind zwei wirklich gute Menschen, die sich über alles lieben und die beide eine Reihe von Fehlern gemacht haben. Sie versuchen verzweifelt, einen Weg zurück zueinander zu finden, doch beide fühlen sich so schuldig und verantwortlich, dass sie nicht einmal mehr miteinander reden können. Sie sind wie zwei Boote, die voneinander wegtreiben. Und je größer die Kluft zwischen ihnen wird, desto schwieriger ist es, auf die andere Seite zu schwimmen.

Bei der Comic Con hat Andrew Lincoln erwähnt, dass wir in dieser Staffel mehr von Carl sehen werden. Heißt das, wir erleben auch etwas mehr Kindererziehung von Lori und Rick?

Nun ja, wir haben ihn schon die ganze Zeit erzogen. Und alle, die einen zehn Jahre alten Jungen haben, wissen, dass es nicht einfach ist, ihn zu erziehen – auch ohne Apokalypse. Ich denke, eine große Frage für Lori innerhalb der ersten beiden Staffeln war es: Beschützen wir unseren Jungen, indem wir ihn von der Welt abschirmen oder indem wir ihn ihr aussetzen? Und am Ende der zweiten Staffel haben wir uns dafür entschieden, ihn auf die Welt vorzubereiten. Wir haben akzeptiert, dass seine Kindheit zu Ende ist und dass er als Kindersoldat aufwachsen wird.

Also muss Carl nun ein Mann sein?

Ja, aber er kann es nicht, weil er zehn ist. Ich denke, die Frage in Loris Kopf ist: Wie erziehe ich Carl, ohne dass er sich in Shane verwandelt?

Und Rick ist jetzt ein wenig wie Shane, zumindest ist es das, was Lori fürchtet?

Das war die Bombe, die zwischen Rick und Lori am Ende der zweiten Staffel hochgegangen ist: nicht, dass Rick Shane getötet hat, sondern die Angst, dass Rick dadurch zu Shane geworden ist. Und das macht ihr fürchterliche Angst. Nichts, was Lori seit dem Ende der Welt passiert ist, war so furchteinflößend für sie, wie Shanes Veränderung mitzuerleben: zu sehen, wie jemand, dem sie vertraut hat, den sie geliebt hat und der ihr immer ein guter Freund gewesen ist, sich in jemanden verwandelt, der versucht hat, sie zu vergewaltigen und ihren Ehemann töten wollte. Das war entsetzlich für sie. Denn wenn selbst Shane sich so stark verändern kann, dann kann es jeder. Die Frage, die sich in Bezug auf Carl stellt, ist: Wie kann seine Menschlichkeit noch gerettet werden oder wurde bereits ein so großer, irreparabler Schaden angerichtet, dass sie bereits verloren ist? In der dritten Staffel gibt es einen Punkt, an dem wir uns genau diese Frage stellen: ob Carls Menschlichkeit wirklich schon verloren ist oder nicht.

Staffel 3 spielt hauptsächlich in einem Gefängnis. Wie war es, dort zu drehen und wie war die Erfahrung im Vergleich zu „Prison Break“?

Das ist lustig, dass Sie das fragen. Wissen Sie, gegen Ende der zweiten Staffel saß ich mit Andrew Lincoln auf der Veranda der Farm. Wir saßen in Schaukelstühlen, betrachteten die untergehende Sonne, die Kühe grasten über den Feldern… es war so wunderschön. Ich wandte mich zu ihm und sagte: „Andy, nächstes Jahr sind wir im Gefängnis!“ Und da platzte es aus uns beiden heraus: „Verdammt! Dann ist das alles hier vorbei!“

Der größte Unterschied zwischen dem „Prison Break“- und dem „Walking Dead“-Set ist, dass wir „Prison Break“ on location in Joliet, Illinois gedreht haben. Es war ein verlassenes Hochsicherheitsgefängnis mit Todestrakt, in dem noch bis kurz vor den Dreharbeiten Häftlinge untergebracht waren. Das „Walking Dead“-Gefängnis ist ein Set, das komplett gebaut wurde, was ein unglaubliches Unterfangen unseres Szenenbildners Graham Walker war. Als jemand, der so viel Zeit in einem echten Gefängnis verbracht hat, kann ich sagen, dass er einen fabelhaften Job gemacht hat – bis hin zu den Graffitis und dem Schmutz auf dem Boden.

Trotzdem fühlt es sich natürlich anders an. In „Prison Break“ hat man sich auf eine Pritsche gesetzt und man wusste, dass schon jemand anderes dort gesessen hat, jemand, der ein scheußliches Verbrechen begangen hatte. Unser Set bei „Walking Dead“ wurde um das Produktionsbüro herum gebaut, sodass es immer wieder dazu kommt, dass man sich gerade noch im Gefängnishof befindet, dann durch eine Tür geht und schon in einem klimatisierten Raum steht, in dem gerade Drehbücher ausgedruckt werden. Das kann schon sehr verwirrend sein.

Kämpft um das Leben ihres ungeborenen Kinds: Lori in Staffel 3

Was ist das Thema der dritten Staffel?

Wir treffen darin auf eine andere Gruppe Überlebender, die grundsätzlich andere Entscheidungen über Sicherheit, Menschlichkeit und Gleichheit getroffen haben. Dadurch entsteht ein enormer Kontrast zu unserer Gruppe. Was bedeuten Überleben und Menschlichkeit für uns und was bedeutet es für diese andere Gruppe? Es werden sehr interessante Fragen aufgeworfen, inwiefern wir die richtigen Entscheidungen getroffen haben und inwiefern Ricks Führung angemessen war oder nicht.

Wird sich Ricks Führungsstil ändern? Jetzt herrscht keine Demokratie mehr und nur noch er entscheidet, oder?

Ja und nein. Rick wird mit Sicherheit nicht mehr alles zu Tode diskutieren. Und er wird auch keinen Aufstand mehr dulden, wie es noch bei Shane der Fall war. Inwiefern Rick jedoch ein uneinsichtiger Tyrann werden wird, bleibt abzuwarten.

In den Comics ist Ihre Figur bereits tot. Fürchten Sie, dass Lori auch in der Serie bald sterben wird oder können wir hoffen, mehr von ihr zu sehen?

Ich habe keine Angst davor, dass meine Figur getötet wird, aber es muss dramaturgisch unvermeidlich sein. Was der Verlust Loris bei Rick auslöst, ist in den Comics sehr wichtig. Wenn die Autoren diese Entwicklung auch herbeiführen können, ohne mich zu töten, würde mir das natürlich nichts ausmachen. Ich liebe diesen Job und ich liebe es, mit Andy zu arbeiten. Übrigens wurde mir diese Frage auch dauernd bei „Prison Break“ gestellt.

Da kamen Sie ja auch von den Toten zurück.

Richtig. Und bei einer Fernsehserie wie „The Walking Dead“ kann das ja auch jederzeit passieren. Mein Job ist es, der Geschichte zu dienen und wenn der beste Weg dazu ist, die Serie zu verlassen, dann akzeptiere ich das auch. Bei Serien wie „The Walking Dead“ oder „Prison Break“ erwartet man nicht, ewig zu leben. Das wäre einfältig.

Werden wir in der dritten Staffel mehr „Zombie-Action“ von Lori sehen?

Ja. Ich werde definitiv einige Zombies töten.

Welche Rolle spielt Lori nun innerhalb der Gruppe?

In dieser Staffel ist Lori bestrebt, dass niemand sich selbst in Gefahr für sie bringt, nur weil sie schwanger ist. Eine Schwangerschaft in einer Welt wie dieser hat eine enorme Bedeutung, zumal wir so viel Tod, Trauer und Leid erleben mussten. Die Bedingungen, ein Kind auf diese Welt zu bringen, sind offensichtlich alles andere als ideal. Lori hat Angst davor, das Baby zu verlieren, aber auch davor, das Baby zu bekommen und wie die Geburt aussehen könnte. Sie hat so viele verschiedene Ängste, doch sie behält sie alle ganz tief in sich verborgen, sodass sie für die anderen stark sein kann.

Das heißt, wir sehen, wie das Kind geboren wird?

Das darf ich leider nicht verraten.

Haben Sie derzeit noch andere Projekte, an denen Sie arbeiten?

Ich arbeite momentan an einem Film in Detroit. Er hat noch keinen Titel. Steven Quale führt Regie. Er hat zusammen mit James Cameron an „Avatar“, „Titanic“ und „The Abyss“ gearbeitet. In dem Film geht es um ein Dorf, das von einem Sturm zerstört wird. In gewisser Weise ist der Film für mich das Gegenteil zu „The Walking Dead“, denn ich spiele jemanden, der von außerhalb kommt und der niemanden kennt. Das ist für mich eine sehr interessante Perspektive, da es in „The Walking Dead“ fast nur darum geht, wie meine Beziehung zu meinem Ehemann und meinem Sohn aussieht. Es ist mal etwas anderes, als Außenstehende in eine Geschichte zu kommen. Und außerdem haben wir jede Menge großartiger Effekte im Film, sodass wir alle einfach nur eine Menge Spaß miteinander haben.

Staffel 3 von „The Walking Dead“ läuft seit dem 14. Oktober sonntags auf AMC und ab dem 19. Oktober freitags um 22 Uhr 05 bei FOX Deutschland.

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.