„Pregau – Kein Weg zurück“-Kritik Ep. 2: „Die Lügen“

Rosas Tod war erst der Anfang. Foto: ORF/Petro Domenigg

„Kommst du mit mir ins Tal?“, haucht eine Stimme zu Beginn jeder „Pregau“-Folge. Es ist, als ob uns die tote Rosa dazu einlädt, die Geheimnisse des Dorfs zu entdecken. In „Die Lügen“ ist das gerade zu Beginn eine langatmige Affäre. 

Die Besprechung von der ersten Folge „Der Fehler“ findet ihr HIER.

Vorab: Die App hat bei unseren beiden Mobiltelefonen in Folge 2 leider versagt, trotz mehrerer Neustarts wollte der Lügendetektor nur die Dialoge von „Der Fehler“ bewerten. Das war ärgerlich und ablenkend. Sobald ich mich aber auf die Serie fokussierte, hatte ich andererseits nicht das Gefühl, etwas zu verpassen – obwohl zu Beginn schon öfter der Blick auf die Uhr wanderte.

Das Tempo der ersten Hälfte von „Die Lügen“ als gemächlich zu bezeichnen wäre nämlich eine Untertreibung. Man fragt sich ständig, wann denn endlich etwas passiert, das nicht entweder schon in der ersten Folge passiert war (Maria und Lukas steigen ins Bett, die Geschichte vom Tod der Frau Hölzl wird erneut erzählt) oder tatsächlich wichtig für die Geschichte wäre. Die Dramaturgie von eineinhalbstündigen Episoden ist eine gänzlich andere als jene von den traditionellen 45-minütigen – das darf aber auf keinen Fall ein Freibrief dafür sein, so uninspirierte Szenen wie in den ersten 30 bis 40 Minuten von „Die Lügen“ zu zeigen.

Elias Hartmann trichtert beispielsweise Franz ein, dass sie jetzt zusammenhalten müssen – aber erstens sind beide Figuren nur in ihren Konturen erkennbar, und zweitens gibt es da nicht wirklich einen Konflikt. (Dass das Blocking der Szene unlogisch ist, passiert bei „Pregau“ übrigens nicht zum ersten Mal.) Was ist also der Zweck dieser Szene? Auch die Storyline um den Autobahnschützen ist fad – weder gibt es Fortschritte noch hat es etwas mit der Hauptgeschichte zu tun. Bei letzterem lasse ich mich gerne noch von „Pregau“ eines anderen belehren, ein offenkundiger Zusammenhang lässt sich jedoch vorerst nicht erkennen.

Franz steigt 5 Sekunden nach Elias aus, stapft dann aber allein durch die TKV, bis er bei Elias ankommt. Foto: ORF/Petro Domenigg
Franz steigt fünf Sekunden nach Elias aus, muss dann Elias aber erst suchen gehen. Foto: ORF/Petro Domenigg

Viel Lärm um nichts

„Warum muss ich dir das eigentlich immer erzählen?“, fragt Hannes seine Tochter zu Beginn der Folge, als er uns gerade ihre Hintergrundgeschichte aufgetischt hat. In der Postproduktion hat man offensichtlich gemerkt, dass die vorangegangenen Dialoge alles andere als authentisch waren. Stellt sich bloß die Frage, warum man auf diesen Gedanken nicht schon vorher gekommen ist – und dabei ist es in „Pregau“ Gang und Gäbe, dass die Charaktere ihre Sätze mit „Du weißt ja, …“ beginnen.  „Weil’s mich beruhigt, Papa“, lautet die kleinlaute Antwort – und ist damit exemplarisch für die viel zu lange erste Stunde von „Die Lügen.“

Es wird zu viel geredet und nicht genug getan. Die Fehde zwischen den Hartmanns und den Hölzls wird beispielsweise erneut erwähnt, aber geschehen ist bislang noch nichts. Bürgerinitiative, Umfahrungsstraße, Verkauf der Tierkörperverwertungsanlage, Bürgerbefragung – das ist nicht gerade mitreißendes Material für ein Drama, vor allem, weil die Serie da nicht vermitteln kann, wie sehr den Figuren das am Herzen liegt oder was sie zu verlieren haben. Vielleicht können Folgen 3 und 4 da noch nachlegen, aber bislang war das eine dröge Geschichte.

Der Dialog ist hier auch keine Hilfe, etwa wenn er sich in der Wenzel-Dana-Szene nicht traut, die Bilder die Geschichte erzählen zu lassen. Oder wenn der Priester sagt, seine Kirche wolle doch so modern werden – Klischee lass nach. Oder wenn jeder mit Hannes redet, als ob er erst vorgestern nach Pregau gezogen wäre, selbst seine Frau. Beispiele gäbe es Dutzende. Man muss natürlich dazu sagen, dass die schlechten Zeilen viel eher ins Auge springen als die guten, weil sie einen immer wieder aus der Geschichte herausreißen. Aber es gibt auch Lichtblicke: Willbrandt hat ein Talent dafür, seinen Figuren treffende, ironische Aussagen in den Mund zu legen – etwa wenn Edith ausgerechnet Hannes als den einzigen bezeichnet, der nicht verrückt sei. Da muss selbst Hannes fast schmunzeln.

Zudem steckt da jede Menge gelungenes Foreshadowing drin: Gegenüber Matthias behauptet Hannes etwa, dass „der Unbekannte“ (er selber) wahrscheinlich nichts mit dem Unfall zu tun hätte, dass der Sebastian niemanden umbringen wird, und dass Sebastian den Unbekannten gar nicht finden kann. Ersteres ist gelogen, die letzteren beiden entpuppen sich am Ende der Folge als tragische Ironien – das entbehrt nicht einer gewissen Poesie.

Trotzdem ist in der Episode erneut festzuhalten, dass es der Serie vor allem bei Dialogen an Qualitätskontrolle mangelt. Der negative Eindruck überwiegt schlussendlich, weil man es als Zuseher einfach erwarten darf, dass die Dialoge authentisch wirken – und jede Zeile auffällt, die es nicht ist. Derer gibt es in „Pregau“ schlichtweg zu viele.

Die Spirale der Gewalt

Die Schlinge zieht sich immer enger um Hannes‘ Hals: zuerst wegen der Sperma-Spuren an Rosas Hals, dann aufgrund der scharfsinnigen Schlussfolgerungen von Matthias, und schließlich durch die Konfrontation durch Sebastian. Hannes‘ Charakterbogen beginnt, Form anzunehmen: Das Vertuschen seiner Rolle bei Rosas Tod führt in eine Spirale der titelgebenden Lügen, die am Ende der Folge schließlich in den Tod Sebastians mündet – damit aber wohl beileibe noch nicht beendet sein wird.

Der Selbstschutz verwandelt sich ganz schnell zum egoistischen, destruktiven Selbstverwirklichungstrip. Man muss nur schauen, was für eine ungemeine Freude Hannes bei der vermeintlich gelungenen Flucht empfindet, um zu verstehen: Das ist nicht mehr der Mann, der sich vor neun Monaten aus Salzburg rausmobben ließ. Auch der Traum (Vision?) vom brennenden Kreuz lässt vermuten, dass er sich verändert, nicht unbedingt zum Positiven. Hannes sieht sich am Kreuz hängen – einerseits kommt er sich also vom Dorf verfolgt vor, andererseits sieht er sich als Opfer, so als ob er es gar nicht verdient hätte. Auch hier spielt „Pregau“ mit Ironien. In Anbetracht von Hannes‘ Taten erscheinen Sarahs Prophezeiung, dass ihre Mutter böse werden würde, da nicht nur ironisch, sondern geradezu lächerlich. (Na gut, letzteres nicht nur deswegen.)

Auffällig ist, dass sich seine Rolle in den Todesfällen der zwei Geschwister steigert. Bei Rosa war es noch dummer Leichtsinn, bei Sebastian ist es streng genommen Notwehr – wobei er die Notsituation schlussendlich durch Rosas Tod selbst heraufbeschworen hat. Diesmal drückt er selbst ab, diesmal ist er dazu gezwungen, seine Spuren beherzter wegzuwischen. Ein Hartmann-Geschwister ist noch übrig – ausgerechnet jenes, auf das Hannes nicht gerade gut zu sprechen sein dürfte, wenn er erfährt, warum seine Frau so spät heimkommt. Unsere Prophezeiung deshalb: Lukas wird auch noch Hannes zum Opfer fallen, dieses Mal wird es für Hannes aber keine Ausreden mehr geben. Das würde einer erzählerischen Eleganz entsprechen, die durchaus in der DNA von „Pregau“ erkennbar ist.

RIP Hase. Foto: ORF/Petro Domenigg
RIP Hase. Foto: ORF/Petro Domenigg

Ein Nebeneffekt von Hannes‘ Charakterentwicklung in „Die Lügen“ ist, wie sein Eingangsmonolog einen gänzlich neuen Kontext bekommt. In diesem spekuliert er ja, was bloß wäre, wenn er „diesen einen Fehler“ nicht gemacht hätte – dabei verharmlost er allerdings, welche weiteren Entscheidungen er in Zuge dessen gefällt hat. Er gibt zwar zu, den ersten Dominostein in einer langen Kette angestoßen zu haben, verschleiert damit jedoch, dass er aktiv am Umkippen der weiteren Steinchen beteiligt war, etwa durch die Beseitigung von Sebastians Leiche – dafür benötigt es schon eine besondere Art von Kaltblütigkeit und Egoismus, von denen im Voice-Over natürlich keine Spur herrscht.

Noch einmal davongekommen

Die letzte halbe Stunde von „Die Lügen“ ist rasant und spannend. Letzteres gerade durch die Unvorhersehbarkeit: Ob Dana verschwinden würde, ob der Zuhälter zurückkommen würde, wer oder was da im Dachboden ist, ob Hannes Matthias entkommen kann – alles Konflikte, die so oder so hätten ausgehen können. Zudem verdichten sich die Plots, endlich gibt es greifbare Verknüpfungen zwischen der Hauptgeschichte um Rosas Tod und dem klischeebehafteten Nebenstrang um das Bordell. Das ist schon viel eher die Serie, die ich mir von „Pregau“ versprochen habe – hoffentlich kann die Serie das Momentum halten.

Zudem ist das Ende von „Die Lügen“ einfach fantastisch – nicht umsonst heißt es, dass die besten Cliffhanger jene sind, bei denen man sich nicht vorstellen kann, wie sich der Held (oder hier: Anti-Held) davonwinden kann, und wie Hannes in einem PKW ohne Nummerntafel und mit aus dem Kofferraum hängenden Haaren der Polizeikontrolle entgehen kann, ist mir schleierhaft. Der abrupte Umschwung seiner zuvor empfundenen Euphorie in blankes Entsetzen trägt das Seinige bei. Weiter geht es am Freitag, wir sind, zumindest zum Schluss, gespannt.

Die Besprechung von Episode 3 „Die Erpressung“ findet ihr HIER.

„Pregau – Kein Weg zurück“ läuft am 26., 27. und 30. September sowie 4. Oktober auf ORFeins. Danach sind die Folgen jeweils eine Woche in der TV-Thek verfügbar. Die Ausstrahlung im deutschen Fernsehen ist für Ende des Jahres angekündigt.

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