„Die Brücke – Transit in den Tod“-Kritik: Episode 3.4

Saga (Sofia Helin) an einem weiteren Tatort. Foto: ZDF/Carolina Romare

In der vorletzten Episode wird die Figurenkonstellation von „Die Brücke“ III endlich klar, während Saga und Henrik erwartungsgemäß dem Täter langsam auf die Schliche kommen. Während aber immer noch etliche Fragen offen bleiben, geht dem Plot ein wenig die Puste aus.

Annikas Mordserie

Mein Tipp nach der Vorfolge bestätigt sich in Episode 4: Annika war’s. Das Motiv ist ein Rachefeldzug an all jenen, die ihre Kindheit zur Hölle gemacht haben – zumindest gilt das für den Großteil der Ermordeten. Warum Lukas und Morton dran glauben mussten, ist noch unklar – womöglich handelt es sich aber auch um einen weiteren Täter: Morton identifizierte mit seinen letzten Worten eindeutig einen Mann. Ich gebe damit Henrik recht und stelle Sagas Logik in Frage – wie könnte das denn bloß als geschlechtsneutral interpretiert werden?

Nun stellt sich die Frage, warum sie es auf Jeanette abgesehen hat – bloß warum? Sie weiß ja, soweit ich das verstehe, bloß zufällig von deren Leihmutterschaft: Während sie die Ex ihres liebsten Claes stalken ließ, schickte ihr Tina die Fotos von einer hochschwangeren Frau in Freddies Haus. Da sie den Großteil der Episode nicht auftauchte, nehme ich an, dass sie genau dieses Haus beobachtete, bis sich eine Gelegenheit bot, Jeanette zu verfolgen und sie dann zu entführen. Aber es muss noch eine andere Verbindung zwischen Annika und Freddie geben, denn die Nachahmung der Bilder sollte noch einen tieferen Grund besitzen, als dass sie das Hobby des Ehemannes der Ex von Annikas Geliebtem ist. Und warum muss der arme Marc dran glauben?

Ach, der arme Marc, die wohl prominenteste Nebenfigur der Staffel. Die Geschichte um die Spielsucht lief Gefahr, sich zu wiederholen, aber bekam dann durch Freddies Ratschläge an Jeanette, diesen Loser doch besser aufzugeben, eine durchaus spannende Komponente. Für seine Sucht besitzt wohl lediglich Jeanette die nötige Engelsgeduld. Es wäre das Gesündeste für sie, ein neues Leben anzufangen. Mit Marc, dem armen Tropf, wäre sie ohnehin nicht weit gekommen – früher oder später wäre das Haus wieder verspielt gewesen. Früher oder später musste die Frage ja auf den Tisch kommen, ob sie das Kind nicht doch behalten wollen – und natürlich könnte es sich der naive Marc durchaus vorstellen. „Die Brücke“ erzählt uns nicht direkt, ob sie das je gemeinsam erwägt haben, aber Marcs Charakterisierung war bislang konsistent und eindeutig genug, um zu folgern, dass er das nicht wirklich durchdacht hat. Die Überlegungen zum Behalten des Kindes erhöhen aber auf jeden Fall die Tragik seines Todes: Während er über die meiste Zeit eine Nervensäge war, tut er mir jetzt gehörig Leid.

So dicht das Figurennetz aber auch schlussendlich wirkt, so muss man der Serie auch ankreiden, dass sie sich doch ganz wesentlich auf ein paar arge Zufälle stützt. In dieser Episode etwa fällt es auf, dass ausgerechnet Marc das Tablet des Serienmörders stiehlt – und dann fängt die Serie gar nichts damit an! Es ist verständlich, dass die Serie nicht ständig neue Figuren einführen möchte, die sie uns näher vorstellen müsste, um eine gewisse Fallhöhe zu erzeugen, aber gleichzeitig ist es reinste Trickserei. Die vielen Verbindungen zwischen den zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren sind ein beeindruckendes Konstrukt. Dass die Serie auch auf ein paar transparent unwahrscheinliche Verknüpfungen zugreift, bringt die Komplexität aber erst in Perspektive: Erstens sind die Zufälle rar genug, um danach suchen zu müssen, und zweitens ist der Handlungsverlauf derlei komplex, dass es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint, ihn gänzlich nach Plotlöchern abzusuchen.

One-Woman Show

Das Herz der Serie ist trotz des ausgeklügelten Falles und der, mit Ausnahme der zum Glück beiseite gelegten Handlung rund um Annas und Bens Affäre, großteils sehr gelungen in die Haupthandlung integrierten Nebengeschichten das Privatleben von Saga. Und wie schon in den drei Episoden zuvor scheut sich „Die Brücke – Transit in den Tod“ hier nicht, Nägel mit Köpfen zu machen. Hans ist hirntot, und das macht Saga mehr zu schaffen als alles andere zuvor. Saga hatte Henrik nicht angelogen, als sie ihm erzählte, dass sie alle, die ihr je nahe standen, verloren habe. Nur kurze Zeit nach der Einbuchtung Martins ist nun auch ihr zweitbester Freund weg. Dass Henrik die Bester-Freund-Schuhe füllen kann, ist ein Glück, aber nur ein schwacher Trost.

Es ist wahrlich perfide, Hans‘ Tod dermaßen zu strecken – es lässt sich nicht leugnen, dass „Die Brücke“ dadurch den daraus resultierenden Schlag in die Magengrube amplifiziert. Die Serie labt sich dadurch allerdings nicht bloß an Sagas seelischen Qualen (obwohl sie das durchaus tut), sondern breitet diesen schleichenden Tod parallel zu Sagas neuer Beziehung mit ihrem Partner aus – ein Freund geht, ein neuer kommt. Gleichzeitig tut die Serie das, damit „Die Brücke“ III nicht wie eine gänzlich neue Serie wirkt, die lediglich die Hauptfigur mit der vorherigen teilt – selbst die Brücke dient nicht mehr als Schauplatz (funktioniert aber sehr wohl noch nach wie vor hervorragend als Metapher)! Der einzige weitere gemeinsame Nenner im Präsidium ist Jon, und der war noch nie sonderlich von Interesse. Staffel 3 versucht zwar, mit seiner Tochter und seiner Freundin das wett zu machen, aber tut das ziemlich transparent – gerade die Schusswunde, die seine Tochter erleidet, wirkt ein wenig an den Haaren herbeigezogen.

Die Hinweise haben sich verdichtet: Alles deutet auf Annika. ZDF/Carolina Romare
Die Hinweise haben sich verdichtet: Alles deutet auf Annika. ZDF/Carolina Romare

Damit ist lediglich das Motiv des Verbrechers gemeint, denn Sagas Unachtsamkeit ist durchaus charaktertreu. Wir erfahren in Episode 4 jede Menge neue Informationen über sie: etwa, dass sie bezüglich der sexuellen Übergriffe ihrer Eltern gelogen habe, was nicht nur eine absolut ungeheuerliche Straftat ist, sondern als solche die Anschwärzung von Martins Straftat am Ende von „Die Brücke“ II in ein völlig neues Licht stellt. Aber auch sie selbst lernt in solch schweren Stunden viel über sich selbst, allen voran die Tatsache, dass sie auch mal falsch liegen kann, auch wenn sie Fakten in der Hinterhand besitzen kann wie niemand zweiter.

Der Grundtenor der dritten Staffel scheint zu sein, dass selbst Saga nur ein Mensch ist – oder, um es positiv zu formulieren, dass auch sie ein Mensch ist, mit all der Bandbreite an Gefühlen, nur ein wenig gedämpft. Hans‘ Tod rührt sie fast zu Tränen und lässt sie wütend werden – beides nicht gerade rationale Gefühlsäußerungen. Dass sie (unter anderem) deshalb kurzfristig beurlaubt wird, raubt ihr zudem noch ihre Existenzgrundlage – denn was ist Saga schon ohne ihre Arbeit? Gleichzeitig lässt die Arbeitsfreistellung ihr Zeit, sich diese Frage zu stellen. Der Krimi wäre wohl vorbei, wenn sie sich diese Zeit tatsächlich nehmen würde, aber auch, weil die Arbeit für Saga eine Fluchtmöglichkeit ist.

Und zu alledem kommt noch hinzu, dass Saga nun unter Mordverdacht steht – „Die Brücke“ kann schon melodramatisch sein. Es ist beeindruckend, wie jeder neue Clue Saga noch verdächtiger macht – nicht zuletzt deshalb, weil Saga sich durch ihre analytische Art immer weiter selber in den Dreck reitet und die psychische Angeschlagenheit durch Hans‘ bevorstehenden Tod das Ihrige dazu beiträgt. „Die Brücke“ III fordert Saga mehr als je zuvor, weshalb die Serie nichts von ihrer Sogwirkung verliert. Das Finale läuft schon morgen (Montag).

Der ZDF strahlt die beiden letzten Folgen der Staffel 3 von „Die Brücke – Transit in den Tod“ am 6. März um 22 Uhr und 7. März um 22:15 Uhr aus – Fortsetzung.tv begleitet alle Episoden mit Artikeln.

Alle drei Staffeln sind zur Zeit zur Gänze in der ZDF Mediathek verfügbar (allerdings erst ab 22 Uhr). Auch Netflix bietet Staffeln 1 und 2 in seinem Angebot in Deutschland an.

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