Schluss mit dem Theater: „Der Tatortreiniger“ Staffel 5

'More of the same' oder wie viel Pfirsichmelba verträgt Schotty? Foto: NDR

Seit Jahren drückt sich der NDR erfolgreich um die Einrichtung eines festen Sendeplatzes für seinen preisgekrönten „Tatortreiniger“ und versendet die neuen Folgen wie gehabt um die Weihnachtsfeiertage herum. Wir haben es uns nicht nehmen lassen, zu diesem Anlass den Blick von dort aus bis zu den Anfängen zurück zu richten.

Wer unsere Artikel und Podcasts in den letzten Jahren verfolgt hat, dem wird nicht entgangen sein, dass “Der Tatortreiniger” von uns gerne als eines der wenigen aktuellen Beispiele für eine deutsche Qualitätsserie herangezogen wird. Damit sind wir nicht alleine, dennoch ist es jetzt an der Zeit für ein “aber”, das hoffentlich konstruktiv aufgenommen wird, von Fans ebenso wie eventuell den Kreativen dahinter.

Für sich genommen weist auch die fünfte Staffel die gleichen bisherigen Stärken wie Schwächen auf, nämlich dass es einerseits mindestens eine überragende Folge pro Jahr gibt (diesmal wohl am ehesten “Bestattungsvorsorge”), während andererseits gut die Hälfte der Episoden an überlangen, theaterhaften Dialogen leidet, die manchmal obendrein von missionarischem Eifer durchzogen sind, was aufgrund der sicheren Inszenierung meist wieder in Vergessenheit gerät. Diese Staffel möchte den Finger behutsam auf diese Wunde legen. Meist kommt es dann zum Sprechdurchfall, wenn allzu offensichtlich ein konkretes Thema allzu kompetent abgehandelt wird, Vegetarismus und Fleischkonsum (“Fleischfresser”) etwa, oder Glaubensfragen (“Anbieterwechsel”) in der aktuellen Staffel. Geschieht dies jedoch spielerisch wie in der preisgekrönten Folge “Schottys Kampf”, wenn er sowohl mit einem intelligenten, als auch einem selten dämlichen Nazi konfrontiert wird, kann man grinsend darüber hinweg sehen. Das Thema hatte man schon so ähnlich in der ersten Staffel in der Folge “Nicht über mein Sofa” thematisiert, was in keinster Weise negativ gemeint ist – hatte mich doch genau diese Folge endgültig zum Fan gemacht, obwohl ich nichts von Autos verstehe. Darauf komme ich etwas später noch zurück.

Putzfimmel

Die schönsten und besten Momente waren für mich meist jene, in denen wir Schotty ganz ohne Konfrontation mit dem Gaststar der Woche beiwohnen durften, etwa dann, wenn er in “Über den Wolken” versucht, sich das Rauchen abzugewöhnen, das ihn sichtlich an der Arbeit hinderte. Oder wenn er in “Angehörige” die Requisiten eines Zauberers untersucht. In beiden Fällen leben die Szenen von der Beobachtung, dem Schauspiel und der Inszenierung, nicht den (oft grandios natürlichen) Dialogen.

Einsilbigkeit hoch drei; Foto: NDR
Einsilbigkeit hoch drei; Foto: NDR

Die finanziellen Einschränkungen der frühen Tage hat man der Serie damals kaum angesehen, um so wohltuender ist die Feststellung, dass die schwer erkämpften Freiräume für höhere Budgets und mehr Drehtage das Niveau der Folgen in ihrem production value erkennbar gesteigert haben, ob in Folgen wie “Carpe Diem” oder jetzt “E.M.M.A. 206” – ohne mehr Zeit und Geld wären Episoden wie diese gar nicht möglich gewesen. Außerdem erlaubt es dem Team am Set zu improvisieren, etwa die Sexszene in der Folge “Schweine”, die laut Drehbuch nur aus einem Satz bestand. Hier zeigt sich wie eingespielt und präzise das Team um Arne Feldhusen und seinen Star Bjarne Mädel funktioniert, die alles aus den Drehbüchern heraus holen, was darin angelegt ist.

Nichts als (F)Lausen im Kopf

Womit wir bei Mizzy Meyer angekommen wären, die alle bisherigen 24 Folgen im Alleingang geschrieben und bereits den Auftrag für die nächsten sechs bekommen hat. Dahinter verbirgt sich die renommierte Theaterautorin Ingrid Lausund, deren Nachname nicht umsonst dem der Reinigungsfirma “Lausen” verdächtig ähnlich klingt.

Auf den Blickwinkel kommt es an; Foto: NDR
Auf den Blickwinkel kommt es an; Foto: NDR

Ihre bisherige Arbeit kann man gar nicht genug loben, doch mein “aber” setzt trotzdem bei ihr an, weshalb ich sie hiermit auch allzu gerne in den Autoren’nen Podcast einladen möchte. Dort kann man nach Lust und Laune sprechen, das ist schließlich das Wesen eines Podcasts, weniger im Theater, noch weniger jedoch im Fernsehen. So gerne ich Schotty beim Reden zuhöre, noch mehr genieße ich es, ihm einfach nur zuzusehen, gerne auch gerade beim Nichtstun und Alleinsein. Und wie gerne würde ich ihn mal außerhalb seiner Arbeitszeit sehen, aber nicht nur im Abspann wie bei der „Wattolümpiade“.

Bisher dominiert die Episoden ihr jeweiliger Gaststar, und/oder ihr Thema. Horizontale Elemente haben zaghaft Einzug in die Serie gehalten, etwa mit dem fantastischen wiederkehrenden Bestatterduo, wie auch der Beziehung zu seiner tragischen, vergeblichen, großen Liebe Merle. Beides ist sehr zu begrüßen, wie auch das Crossover zu “Dittsche” und Olli Dittrich in “Carpe Diem” bzw. dem “Polizeiruf 110” in der Pilotfolge.

Allein unter Freunden; Foto: NDR
Allein unter Freunden; Foto: NDR

Die fünfte Staffel bietet Bjarne Mädel nun die seltene Gelegenheit, auch einmal richtig unsympathisch rüber zu kommen, wenn er pampig bis unsensibel auf Mitmenschen reagiert, die er nicht leiden kann, oder rechthaberisch wird und sich von einer unnachgiebigen Seite zeigt. Man bemüht sich also sichtlich um Abwechslung, ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus und erforscht vielleicht eine Idee zu zaghaft neue Wege. Das ist an sich großartig und hat bisher auch gereicht, doch die fünfte Staffel ist nun die erste, die mich nicht nachhaltig zu begeistern wusste. Stattdessen mache ich mir nun Sorgen, dass die Serie stagniert, dass sechs Folgen im Jahr für Ingrid Lausund zu viel Druck bedeuten, wofür ich allergrößtes Verständnis habe. Es ist nicht so einfach, sich jedes Jahr alleine drei Stunden originelles Material aus dem Ärmel zu schütteln, das sollte man auch nicht erwarten. Gleichzeitig verstehe ich, wenn man sich als Zuschauer zwölf Folgen im Jahr vom NDR wünscht, wie auch nach wie vor einen verdammten, regelmäßigen Sendeplatz! Lieber NDR, das kann nicht so schwer sein, wie ihr euch anstellt. Das gilt mindestens ebenso laut für die ARD, die es ja besser machen könnte und selbst jetzt, nach dem Abschied von Jauch nicht auf den Gedanken kommt, das Offensichtliche zu tun, nämlich Schotty nach dem “Tatort” (oder meinetwegen „Polizeiruf“) den letzten Dreck wegputzen zu lassen.

Was wir vielleicht sehen wollen könnten

Längst hat sich Schotty in unseren Köpfen festgesetzt, ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir sein “Wa?” ebenso hören wie das dieses Jahr schmerzlich vermisste “Ja, dazu kann ich nichts sagen.” Schlimmer noch: Als ich vorletztes Jahr jemanden kennengelernt habe, der bei der “Spusi” (Spurensicherung) arbeitet, kam ich nicht umhin, mir vorzustellen, was passieren würde, wenn so ein akribischer Arbeiter nicht fertig wird, während Schotty von der “Spube” (Spurenbeseitigung) umso schneller damit anfangen will, am Ende aber beide gemeinsam dem wahren Täter auf die Schliche kommen. Perfektes Material für ein “spec script”, möchte man meinen, wie es bestimmt zuhauf weitere bei Kollegen im Lande gibt. Mehr als das würde ich Schotty ja gerne mal bei seinem Arbeitgeber erleben und Herrn oder Frau Lausen in der Firma kennenlernen, selbst bei der Lohnsteuerabrechnung möchte man Heiko Schotte zusehen dürfen! Bei seiner Arbeit haben wir ihn schon so oft erlebt, aber uns (na gut, oder nur mich) interessiert seine ganze Welt, weit über den Arbeitsplatz hinaus. Anknüpfungspunkte dafür gibt es zuhauf, aktuell ist mit seiner Mutter und den Freunden fast ein halbes Dutzend hinzu gekommen. Darüber habe ich mich mehr gefreut als über die zweimalige Referenz auf die in der ersten Staffel eingeführte Liebe zum Maserati, selbst wenn es so charmant daher kommt wie in diesem Ohrwurm:

Wenn solcherlei Selbstzitate überhand nehmen, dann geht man kein Risiko mehr ein, was schade wäre. Wenn Schotty endlos monologisiert wie in “E.M.M.A. 206”, dann können selbst die originellen Harfenklänge irgendwann die Eintönigkeit der Szene nicht mehr überspielen, deren Zeitsprünge man nach zehn Minuten einfach nicht mehr wahrnimmt, dann zerrt jeder weitere Satz leider nur noch an den Nerven. Dabei ist das Thema brandaktuell, wenn Schotty in einem unbeobachteten Moment dem Roboter an den Busen grapscht, nachdem er sich damit überfordert zeigt zu erklären, welchen Nutzen denn nun eigentlich Emotionen haben. Da wäre mehr drin gewesen – auch für Simon Schwarz übrigens.

Simon Schwarz hat einen an der Bio-Klapse; Foto: NDR
Simon Schwarz hat einen an der Bio-Klapse; Foto: NDR

Wenn es ein übegreifendes Thema in dieser Staffel gab, dann jenes des Feststeckens. Ob es das Auto der Bestatter im Wald ist, der immergleiche Geschmack von Pfirsichmelba, die wiederholte Frage rund um 500 Mark, der eingeschränkte Bewegungsradius des weiblichen Roboters, der Stillstand bei der Qual der Wahl, oder der berechtigte Wunsch nach einem freien Wochenende, den sich vor allen anderen einmal Schotty selbst gönnen sollte. Ihn möchte ich gerne als Zuschauer auf ein Wellnesswochenende begleiten. Gerne würde ich auch eine Episode sehen, in der Heiko Schotte niemandem am Tatort begegnet und eigentlich nur seiner Tätigkeit nachgeht, seinen Gedanken nachhängt und allein mit der Atmosphäre der Wohnung, deren Geist (nicht wörtlich wie in “Geschmackssache”) konfrontiert wird. Oder mit einer Erkältung daheim in seiner Bude. Oder wie wäre es mit einer Fortbildung? Weihnachtsfeier? Einer Prüfung am Arbeitsplatz? Muttertag? Tatsächlicher Vaterschaft (wie in der vielleicht schönsten Folge “Angehörige” angedeutet) und er hat sein Baby bei der Arbeit dabei?

Schotty ist so lebendig gezeichnet, dass er längst den Rahmen des Formats sprengt und zunehmend ungehalten auf der Stelle tritt, wenn wir ihn nur beim Putzen sehen. Der Putz bröckelt und vielleicht sollte man bei der Gelegenheit gleich mal eine Wand rausnehmen – “Der Tatortreiniger” wird es mühelos tragen und wir werden ihm neugierig überallhin folgen, wo immer es ihn in den nächsten Episoden auch hintreiben möge. Hoffentlich zu neuen Ufern.

Die aktuellen Folgen kann man noch mindestens bis Ende des Monats in der Mediathek bzw. auf der Webseite des NDR ansehen.

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