Erfolgsrezept mit Variationen: „Fargo“ startet in die zweite Staffel

"Fargo" geht nächstes Jahr weiter, dann aber wieder mit neuem Cast; Fotos: MGM TV / FX Productions

Neue Geschichte, neues Ensemble, gleiche Stimmung: Seit vergangener Woche versucht Staffel 2 der FX-Serie an den überragenden Kritikererfolg der Debütstaffel anzuknüpfen. Das erweist sich wie schon bei ähnlich angelegten Anthologieserien zuvor als schwierig.

Traue nie einem Metzger! Vor allem dann nicht, wenn sein Laden auch spät nachts noch erleuchtet und er im Hinterzimmer immer noch am Fleischwolf beschäftigt ist. Wobei man in „Fargo“ sowieso selten jemandem trauen kann, weil die meisten Menschen sich nur selten so verhalten, wie man es aus seinem normalen Alltag gewohnt ist. Das hat sich auch in Staffel 2 nicht geändert.

Alles andere aber schon. Der ursprünglich als Miniserie geplante Ableger des Kultfilms der Coen-Brüder wurde auf Grund des großen Erfolgs schnell zur Anthologieserie ausgebaut, das heißt es geht zwar weiter, aber mit einer gänzlich neuen Geschichte und komplett ausgetauschtem Ensemble. Auf der Figurenebene gibt es zumindest eine Konstante: Lou Solverson, in Staffel 1 der Vater der cleveren Landpolizistin Molly, ist diesmal als junger Mann zu sehen, der 1979 noch als State Trooper in der Einöde von Minnesota arbeitet und von Patrick Wilson gespielt wird. Diese Kontinuität ist bislang allerdings eher behauptet als plausibel dargestellt, denn von gemeinsamen Charakterzügen zwischen dem jungen und dem alten Solverson ist nach zwei Folgen noch nichts zu erkennen. Aber vielleicht erweist er sich ja noch als ebenso intuitiv-hartnäckiger Ermittler wie später seine Tochter.

Ansonsten geht es diesmal um den Kampf zweier krimineller Familien über die regionale Vorherrschaft und einen besonders absurden Fall von Fahrerflucht. Bei dem hat die Unfallverursacherin (Kirsten Dunst) das Opfer gleich noch in der Windschutzscheibe steckend mitgenommen. Als es sich später in der heimischen  Garage wider Erwarten als höchst lebendig herausstellt, kommt Dunsts Ehegatte, der Metzgergeselle (Jesse Plemons), zum Einsatz und der Unglückliche endet – vorerst – in der Tiefkühltruhe. Damit haben wir wie schon in Staffel 1 wieder eine „normale“ Familie, die durch eine Übersprungshandlung (oder gleich zwei) ins Visier von Polizei und Berufsverbrechern gleichermaßen gerät.

Style statt Story

Die zweite Staffel einer anderen, im Vorjahr fast unisono von der Kritik gefeierten Anthologieserie, „True Detective“, stieß vor einigen Monaten auf große Ablehnung. Es ist eben nicht einfach, ein Erfolgsrezept zu wiederholen, wenn einem weder die ursprüngliche Besetzung noch Figuren und Geschichte zur Verfügung stehen. Ein ähnliches Problem hat Serienschöpfer Noah Hawley jetzt bei „Fargo“: Was macht eigentlich eine beliebte Serie aus, wenn nicht Charaktere, Schauspieler und Story? Vielleicht die Atmosphäre, und die trifft Hawley in den ersten beiden Folgen (von denen er die zweite erstmals auch selbst inszeniert hat) tatsächlich wieder perfekt. Sowohl filmisch mit den kinoreifen Bildern verschneiter, einsamer Landschaften und nächtlich beleuchteter Kleinstadt-Einkaufsstraßen, den aus der Vogelperspektive aufgenommenen Überlandfahrten oder dem langsamen „Schleichen“ der Kamera um Ecken und durch halb geöffnete Türen, die Schlimmes verdecken, als auch vom Tonfall her mit absurden Charakteren und ebenso absurden Dialogen.

Das nette Paar von nebenan: die Blomquists (Jesse Plemons, Kirsten Dunst)
Das nette Paar von nebenan: die Blomquists (Jesse Plemons, Kirsten Dunst)

Aber die Geschichte bleibt bislang blass, hat man ähnliche Konkurrenzkämpfe zwischen organisierten Verbrecherbanden doch schon häufig in filmischer Form gesehen. Der faustische Pakt, den Lester Nygaard zu Beginn von Staffel 1 – eher unabsichtlich – mit dem eiskalten Profikiller Lorne Malvo abschloss, hatte da noch eine ganz andere Fallhöhe und zog einen unmittelbar in die Handlung. Das naive und sozial wesentlich weniger gequälte Durchschnittspaar wirkt gegen den armen Nygaard eher wie ein Abklatsch.

Größer, teurer, gleicher?

Ein weiteres Problem wird erst in den nächsten Wochen deutlich werden: Während bei „True Detective“ der alleinige Autor Nic Pizzolatto das beide Staffeln verbindende Element darstellt, hat Hawley diesmal im Gegensatz zur Debütstaffel nicht alle „Fargo“-Folgen selbst geschrieben. Schon bei Folge 3 kommt ein anderer Autor zum Einsatz. Was aber bildet den Markenkern einer Serie ohne feste Figuren oder Schauspieler, wenn auch noch die Urheber der Drehbücher wechseln?

Zudem scheint es bei modernen Anthologieserien tendentiell einen Hang zu geben, den Aufwand jedes Jahr zu erhöhen. Bei „True Detective“ hatte man in der Debütstaffel mit Matthew McConaughey und Woody Harrelson zwei aus dem Kino bekannte Hauptdarsteller, in Staffel 2 mussten es schon Colin Farrel und Vince Vaughn und Rachel McAdams sein. Ähnlich jetzt bei „Fargo“: Auf Martin Freeman und Billy Bob Thornton folgen Kirsten Dunst (in ihrer ersten Serienhauptrolle!) UND Patrick Wilson UND Ted Danson. Aber garantieren große Namen einen gleichbleibenden Erfolg? Die deutlich gesunkenen Einschaltquoten in den USA scheinen dagegen zu sprechen.

Man kann mit den neuen Folgen durchaus seinen Spaß haben. Dafür sorgt der Sarkasmus, mit dem ein Gangster durch den Fleischwolf gedreht wird, ebenso wie die Monologe eines anderen Gangsters, die direkt aus einem Tarantino-Film stammen könnten. Dazu trägt die geschmackvolle Optik genauso bei wie die renommierten Schauspieler (Ted Danson ist ja immer schon die halbe Miete). Aber hinsichtlich der Handlung  darf schon die Frage erlaubt sein, ob die Folgestaffel wirklich mehr bietet als eine weitere Variation des immer Gleichen – und ob man sie dann wirklich gebraucht hätte. Den imposanten Eindruck des ersten Staffelauftakts erzielt sie bis jetzt jedenfalls noch nicht.

Die neuen Folgen sind in Deutschland exklusiv jede Woche ab Mitwoch bei Netflix zu sehen.

One comment

  1. Ach, das ist mir insgesamt zu negativ.
    Die zwei Folgen bisher sind doch wunderbar und etwas Besonderes. (Ich hatte extra im Spätsommer nochmal Fargo 1 angeschaut.)
    Bildgewaltig, sarkastisch, humorig, tarantinisch. Sichtlich lakonisch, anschließend an Fargo 1.

    Und ganz anders=spannender als e.g. was sonst grad läuft: „blindspot“, „river“, „those who kill“, „show me a hero“, „homeland“, etc.

    Jedenfalls, ich freue mich auf die 2.3 – wie, aus andern Gründen, auf die 6.2 von „Gold rush: Alaska“ !

    Rainer

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