Wem nutzen Anthologie-Serien? (I)

Die Gattung “Anthology” ist nicht neu, erlebt aber mit „American Horror Story“ und „True Detective“ eine Renaissance. Das Konzept hat gerade in der momentanen Hoch-Zeit der Qualitätsserien unbestreitbare ökonomische Vorteile für die Sender. Hari List rechnet in zwei Teilen vor, warum das so ist.

Serien-Anthologien sind so alt wie das Fernsehen selbst. Bereits zuvor im Radio gab es Sendungen, die Inhalte wechselten und die oft mit verschiedenen Sprechern besetzt waren, aber unter dem gleichen Titel liefen. Den roten Faden gab der Titel vor, der entweder grob das Thema umriss und/oder einfach den Namen des Zugpferdes beinhaltete. “Alfred Hitchcock presents…”, um nur ein Bespiel zu nennen, das gleichzeitig einen berühmten Namen und das mit dem Namen assoziierte Genre an das Publikum kommunizierte: Hier erwartet Sie “Suspense”!

Statt “Anthologie” könnte man auch “Dachmarke” oder “Label” verwenden. Ziel ist es da wie dort, unter einem einfachen Leitmotiv oder einer tatsächlichen Marke, Kunden zu binden und dabei trotzdem möglichst variabel zu bleiben. Im Idealfall kaufen die Kunden das Produkt, weil es von Apple ist und nicht weil es das beste Telefon oder Tablet am Markt wäre. Und der “Tatort” wird angeschaut, jeden Sonntag, egal woher er kommt oder wer darin ermittelt. “Tatort” steht für Konstanz, für Identifikationspotenzial, für Tradition.

Die Quintessenz der Qualitätsserien

Tradition muss irgendwo beginnen. Und wenn die Sender ihre aktuellen Versuche nicht allzu schnell in den Sand setzen, dann können wir uns noch lange an jeweils gut erzählten, dichten und abgeschlossenen acht- bis zwölfteiligen Staffeln erfreuen. Mit “True Detective” (Audio-Review) läuft gerade auf HBO eine starbesetzte, auf zunächst acht Folgen angelegte Crime-Serie. Wie aus einem Guss sind alle Folgen vom gleichen Autor geschrieben und vom gleichen Regisseur verantwortet. Geplant ist, dass es in weiteren Staffeln andere Schauplätze und andere Ermittler geben soll. Dem Genre wird gefolgt und der Titel ist entsprechend vage gehalten, um sowohl die Nachvollziehbarkeit der Handlung, Wahrhaftigkeit im Handwerk als auch emotionale Wahrheit in vielschichtigen Figuren zu suggerieren – was so ziemlich die Quintessenz von dem darstellt, was quer durch das Neuland Internet als DIE zentralen Erfolgskriterien von Qualitätsserien beschrieben wird.

Schon ein paar Schritte weiter ist FX mit “American Horror Story” – ebenfalls ein sehr vage gehaltener Titel, der aber zielgenau auf den Punkt bringt, was den Zuschauer erwartet. Jede Staffel ein anderer Schauplatz, eine andere Epoche, eine andere Handlung und ein anderes Personal, auch wenn es den Produzenten Brad Falchuk und Ryan Murphy (“Glee”, “Nip/Tuck”) in vielen Fällen gelang, ihre Hauptdarsteller wieder zu gewinnen – allerdings für komplett andere Rollen.

Meine These ist, dass wir in nächster Zeit noch mehr solcher “Dachmarken” serviert bekommen. Für die Sender, die Autoren und auch für uns Zuseher ergibt das durchaus Sinn.

Teil 2 des Artikels, der sich mit den Verwertungsstrategien der Sender beschäftigen wird,  findet ihr HIER.

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