„Weissensee“-Kritik 3.01: „Eine Nacht im November“ & 3.02: „Ein neues Leben“

Deutschland im Freudentaumel: "Weissensees" dritte Staffel beginnt am 9. November 1989. Bild: ARD/Julia Terjung

Gut Ding will Weile haben: Nach knapp zwei Jahren Pause geht „Weissensee“ nun endlich, kurz vor dem 25. Jahrestag der Deutschen Einheit, in die dritte Runde. Auch in der Serie sind zwei Jahre vergangen: Mittlerweile ist es November 1989, die DDR steht vor ihrem Zusammenbruch – und droht, die Familie Kupfer mitzureißen.

Dass „Weissensee“, aus der Feder von Annette Hess und später auch Friedemann Fromm, zu einem der künstlerisch erfolgreichsten Serienprojekte der Öffentlich-Rechtlichen in den letzten Jahren gehört, sollte hier nicht extra erwähnt werden – als historische Serie sind die Produktionskosten automatisch höher als normal, und trotzdem bekam die Serie mit Starbesetzung nun schon die dritte Staffel spendiert. Insofern sind die Erwartungen zwangsweise hoch – und da kann man schon mal enttäuscht sein zu entdecken, wie einfallslos und mit welch schwachen Dialogen „Eine Nacht im November“ beginnt.

Sehnsucht nach mehr

Es ist fast erschreckend, wie sehr die ersten paar Minuten der dritten Staffel „Weissensee“ an die vorherigen Staffeln erinnern: ein wehmütiger Martin, eine schicksalshafte Begegnung mit einem unbekannten Mädchen, Falks indirekter, versehentlicher Mord an einer Hauptfigur und die heimliche Aufnahme, die der Beweis für Falks Lügenkonstrukt sein wird – das alles gab es schon einmal. Trotz des spannenden historischen Hintergrunds macht „Weissensee“ erst einmal den Eindruck, sich bloß wiederholen zu wollen, anstatt den Zeitgeist der Wende auch in seiner Erzählstruktur einzuflechten. „Never change a running system“, scheint vorerst das Motto der Redakteure/Autoren gewesen zu sein – wenn es nach diesen ginge, wären die Grenzen nie geöffnet worden. Um es in den Worten von „Weissensee“ auszudrücken: Der Staffelauftakt bietet uns reichlich Holz, Werkzeug und Segel, aber weckt nicht die Sehnsucht nach dem Meer.

Vielleicht ist das aber auch gerade die richtige Strategie für die Serie. Seit der Ausstrahlung der ersten Staffel sind nun schon fünf Jahre vergangen, die Wiederholungen waren im Morgenprogramm versteckt – nicht unwahrscheinlich, dass der Großteil der Zuseherinnen und Zuseher diese sich wiederholenden Muster nicht wahrnimmt. Es lässt sich aber auch nicht abstreiten, dass diese Strategie funktioniert: Nach wie vor ist es verdammt schwierig, nach einer Folge etwas anderes tun zu wollen als einfach weiterzuschauen, selbst bei einem schwachen, nicht wirklich organisch wirkenden Cliffhanger wie jenem in „Eine Nacht im November“ – es ist nicht das erste Mal, dass eine der Hauptfiguren beinah Suizid begeht, und davon abgesehen ist Marlene auch nicht gerade eine spannende Figur. Trotzdem weckt der erste Fernsehabend mit „Weissensee“-Staffel 3 Sehnsucht nach mehr.

Der Blick nach Westen

„Weissensee“ ist also seinen Stärken treu geblieben. Während Julias schmerzvoller Tod nach wie vor wie eine dunkle Wolke über Martin schwebt, trifft er auf ein neues Mädchen: Katja Wiese, die kecke Wessi-Journalistin. Es ist Liebe auf den ersten Blick – oder zumindest so ähnlich. Ganz abgesehen davon, wie viel narrativen Pfeffer die Dame in die Serie bringt (sie erwischt Falk auf frischer Tat, sie gefährdet Dunjas Spitzel-Vergangenheit, und nicht zuletzt personifiziert sie all die mentalen Unterschiede zwischen Ost und West), lässt Katja sofort wieder diese Romantik entstehen, die in Staffel 1 schon so schön war – und das, obwohl wir sie und Martin sich lediglich schöne Augen machen sehen. Allem Anschein nach dürfte es aber bloß eine Frage der Zeit sein, bis mehr daraus wird.

Dass Martin nun doch seine Tochter finden möchte, obwohl Staffel 2 genau mit dem Gegenteil geendet war, ist eine jener Entwicklungen, für die sich „Weissensee“ ein wenig strecken muss – ebenso wie für Katjas zufällige Beobachtung von Roberts Verhaftung oder dessen erzählerisch allzu  praktischen Tod -, die sich aber langfristig für die Geschichte sicher lohnen wird. In jenem Moment, als sich herausstellt, dass Annas Eltern in den Westen geflohen sind, wird klar, dass Martin‘ (erneute!) Suche nach seiner Tochter wohl seine große Staffelaufgabe sein wird – während er gleichzeitig die Chance haben wird, mit Katja ein neues Leben aufzubauen. Oder wird doch alles ganz anders kommen?

Die Staffel am 9. November 1989 beginnen zu lassen gewährt jedenfalls der Serie die Möglichkeit, sowohl der DDR beim Zerfallen über die Schulter, als auch auf der anderen Seite Deutschlands optimistisch einer vereinten Zukunft entgegen zu sehen. Der ohnehin nach einem neuen Leben suchende Martin schlägt sich natürlich sofort auf die Seite des Westens – alle anderen Figuren haben hingegen vielmehr alle Hände voll damit zu tun, die vier Wände ihrer Leben im Osten zusammenzuhalten. Mit dem plötzlichen Verlust der Macht ist sich nicht bloß die Stasi uneinig, wie es weitergehen und was als nächstes geschehen soll, und jeder Akteur versucht das auf seine Art zu beeinflussen.

Der Zeitgeist ist der Serie dabei augenscheinlich sehr wichtig – andererseits wäre der Fall der Mauer ohne Ost-West-Nostalgie auch gar nicht möglich gewesen. Martin‘ Grenzüberquerung ist der klassische Gänsehaut-Moment, den eine Geschichte, die am Tag des Mauerfalls spielt, liefern soll: Euphorie und Freudentaumel neben Chaos und Wehmut. Wenn Martin seine ersten Erfahrungen über das Leben im Westen macht – Obdachlose, köstliche Milch, freizügige Frauen und sinnfreie elektrische Eilochstecher -, ist es schwierig, nicht daran zu denken, wie knapp Julia und er ein glückliches Leben verpasst haben: Wären sie nur eine Dekade oder eine halbe später geboren, alles wäre anders gewesen.

"Es war doch bloß ein Unfall." Bild: ARD/Julia Terjung
„Es war doch bloß ein Unfall“ ist das Paradebeispiel dafür, was in der DDR falsch lief. Bild: ARD/Julia Terjung

Dieselbe Erfahrung muss Vera machen: Robert muss zu einem der letzten Opfer der Stasi gehören. Nicht, dass sie das wüsste, aber für sie stellt es sich nicht minder schlimm dar: Für sie hat es den Anschein, als ob Robert so kurz vor dem Ziel aufgegeben hätte. Pfarrer Robert Wolff war nicht unbedingt eine der spannendsten Figuren, sondern mehr Stellvertreter für die demokratische Bewegung in der DDR; jetzt erfüllen Vera, Nicole und Dunja diese Rolle. Trotzdem geht Roberts Tod nah, einerseits weil er so sinnlos erscheint, andererseits weil Vera und Nicole dadurch in ein wahres Wechselbad der Gefühle gerissen werden: Sie haben ihr erstes großes Ziel endlich erreicht, können es aber dennoch nicht zelebrieren.

Die Unschuld der Stasi

Obwohl die Serie erst 12 Folgen alt ist, kann sie doch schon (nicht zuletzt aufgrund des historischen Hintergrunds) auf eine reiche Geschichte zurückgreifen, die die Figuren miterlebt haben. Aus diesem Grund entsteht auch so etwas wie Mitleid für Falk, der doch eigentlich ein Monster ist und die Familie schon mehrmals fast auseinander gerissen hat. Hier sehen wir hinter dem Meister der Intrigen einen Mann, der sich wie kastriert fühlt: Das Land, für das er alles gegeben und sogar seine eigene Familie zerstört hat, zerbricht – und damit auch sein Lebenswerk. Es dauert aber nicht lange, bis er den Opportunisten in sich wieder entdeckt und plötzlich davon spricht, mit dem Feind zusammenarbeiten zu wollen oder zu müssen – und schon wird er zum Ersatz für General Gauke ernannt.

Natürlich bleibt er das Monster, das er schon immer war – und inszeniert in schauerlich kalkulierter Manier (für das Diktieren des Abschiedsbriefes braucht er bloß 30 Minuten – Übung scheint ihn zum Meister gemacht zu haben) Roberts Selbstmord. Wie schon damals bei der benötigten Organspende für seinen Sohn zögert Falk nicht lange, um einen guten Grund zu finden, ein aus persönlichen Motiven begangenes Verbrechen mit Hilfe der Stasi-Ideologie zu beschönigen: Weil es (zumindest laut ihm) noch nie eine friedliche Revolution gab, ergibt es Sinn, Waffengewalt anzuwenden. Und beim Mord an Pfarrer Robert geht es ihm auch sicher nicht darum, seinen eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen – vielmehr ist er sicherlich ausschließlich darauf bedacht, dass dieser Vorfall nicht als Zündstoff für eine Revolution dienen kann. Falk ist jedoch leider nicht nur sehr gut darin, sich selbst zu belügen, sondern weiß auch, wie solche Lügen geheim bleiben können. So können auch Monster ruhig schlafen – in diesem Sinne ist Falk der Walter White der DDR, der selbst ihm unliebsame Fakten zu seinen Gunsten umdichten kann.

Fordernde Tage für die Stasi: Inmitten des Zusammenbruchs der DDR gilt es, die eigenen Köpfe zu retten. Bild: ARD/Julia Terjung
Krise bei der Stasi: Inmitten des Zusammenbruchs der DDR gilt es, die eigenen Köpfe zu retten. Bild: ARD/Julia Terjung

Dabei bezieht sich die Frage nach dem Schuldbewusstsein nicht nur auf Falk selber, sondern auf die gesamte Stasi. Als ersten großen Befehl lässt er sämtliche Akten vernichten, soweit das möglich ist – ein Vergleich zu den Nazis, die zum Schluss des Krieges sämtliche Beweise für ihre Konzentrationslager zerstören wollten, ist nicht von der Hand zu weisen. Auch hier (er)findet Falk wieder einen Grund, warum das nicht bloß getan wird, um die Verbrechen oder zumindest die Größe und den Wirkungsradius des Stasiapperats zu vertuschen. Indirekt erhoffen sich die Stasi-Beamten dasselbe wie sämtliche Nazis nach dem Krieg, nachdem sie realisierten, dass der Staat und das System grundsätzlich neu erfunden werden müssen: in den Fugen des neuen Systems zu verschwinden, anstatt für alte Verbrechen angeklagt zu werden, die doch eh Produkt ihrer Zeit waren und deshalb nicht mehr geahndet werden sollten – eine Thematik, die sicherlich in der weiteren Staffel noch näher behandelt werden wird.

Liberale Herzen

Irgendwo zwischen den Welten von Martin und Falk befinden sich Hans Kupfer und Dunja Hausmann. Ersterer ist die liberale Stimme der Vernunft in der Staatssicherheitspolizei, der sein Haus zusammenhalten (und überhaupt erst behalten) muss. Dunja steht Hans offensichtlich deutlich näher als Marlene – ein Zeichen dafür, dass Politik doch nicht so einfach vom Privatleben zu trennen ist. Marlene und Hans haben sich mittlerweile ziemlich entfremdet (siehe auch: Suizidversuch), auch wenn es der Familie gegenüber nicht wirklich diesen Anschein macht: Als Hans seiner Ehefrau eine neue Uhr übergibt, machen sie den Anschein einer glücklichen Familie. Doch die Uhr wird zum Ausdruck der unterschiedlichen Ansichten der beiden: Warum etwas neu erfinden, wenn die alte Uhr doch noch gut funktionierte? Die Metapher ist nicht gerade subtil, aber trotzdem elegant: Marlene ist nicht erfreut über die Wende, weil sie sich gerne mit dem Status Quo begnügt. Bei all dem Unglück, den ihre Familie in den 80ern erlitt, hat sie gelernt, sich Scheuklappen aufzusetzen – diese wieder abzunehmen stellt nun eine Herausforderung dar.

Dunja hat diese Phase – ihre Alkoholphase – schon längst hinter sich. Sie kämpft nun um die Vernichtung der Beweise, dass sie sich als mehr oder weniger unfreiwilliger Stasi-Spitzel betätigt hatte. Obwohl sie damit ein ähnliches Ziel wie Falk verfolgt, würde man ihr das Zurücklassen ihrer Vergangenheit im Gegensatz zu Falk gönnen. Mit diesem Handlungsstrang ergänzt „Weissensee“ sein ohnehin schon sehr reiches Gesellschaftspanorama der Wende um eine weitere Facette: Nachdem wir zwei Staffeln lang gesehen haben, warum der Überwachungsstaat Gift für die Bevölkerung war, sehen wir nun, weshalb Menschen diese Verbrechen (wenn man sie denn so nennen darf – rechtlich war das oftmals durchaus erlaubt) kollektiv decken würden: Weil selbst viele unschuldige Parteien in Zwickmühlen getrieben wurden, die sie Teil des Apparates werden ließen. Im Nachhinein ist das dann oft nicht vertretbar, selbst wenn Julia noch am Leben wäre. Mit ihrer Schuld zu leben ist für Dunja eine Sache – aber nun dafür auch noch von der Öffentlichkeit zur Verantwortung gezogen zu werden eine andere.

Am Ende der Doppelfolge ist also zwar die Mauer weg, aber doch irgendwie wieder alles beim Alten: Falk ist der opportunistische Staatspolizist, Martin frisch verliebt, und die Kupfer-Familie einmal mehr zwischen allen Fronten. „Weissensee“ knüpft aus all den einzelnen Schicksalen und Handlungssträngen ein kompaktes Netz aus Geschichten, das einen schnell in seinen Sog saugt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich die Serie dafür ein paar praktischer Zufällen bedient – insgesamt tut das der Spannung aber keinen Abbruch. Zum Glück will das auch die ARD nicht: Schon morgen geht es mit den nächsten beiden Folgen weiter.

„Weissensee“ wird vom 29. September bis 1. Oktober täglich in Doppelfolgen um 20:15 Uhr im Ersten ausgestrahlt. Fortsetzung.tv wird die Serie jeden Fernsehabend pünktlich direkt nach der Sendung mit einem Artikel begleiten – wir hoffen, Sie tun es mit uns! Nach Ausstrahlung werden alle Episoden für 7 Tage in der ARD Mediathek zur Verfügung stehen.

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