Nichts ist stärker als die Wahrheit: „Weissensee“ stürzt die Mauer und stürmt die Stasi

Euphorie, Erleichterung und Melancholie liegen bei der Wende nicht weit voneinander. Bild: ARD/Julia Terjung

Die Stasi, Nazis und Polizisten – das sind die Lieblingsthemen der deutschen Fernsehserien. Während Krimis am laufenden Band produziert werden, sind in der Vergangenheit angesiedelte Serien aus Kostengründen eine Rarität und damit auch Prestigeprojekte. „Weissensee“ ist eines davon und thematisiert in seiner dritten Staffel den Fall der Mauer. Warum sich Reinschauen lohnt.

„Weissensee“ begann in seiner ersten Staffel im Jahre 1980, als die DDR nach außen hin noch makellos zu funktionieren schien. Knapp zehn Jahre später sind die Risse in der Fassade schon längst sichtbar geworden. „Weissensee“ interessiert sich gar nicht dafür, wie es genau zum Mauerfall gekommen ist, sondern beginnt die dritte Staffel direkt am 9. November 1989. Indirekt hatte die Serie den inneren Zerfall der DDR in seinen ersten beiden Staffeln schon thematisiert, in Staffel 3 wird dem Staatssicherheitsdienst jedoch für seine Taten endlich der Spiegel vorgehalten. Natürlich ist es einfacher wegzuschauen und noch einfacher, die Beweise zu vernichten – doch wie lange können die Beamten das durchziehen?

Was bisher geschah

Zur Erinnerung (oder für jene, die erst mit der dritten Staffel in die Serie einsteigen): Der Tag, an dem sich Martin Kupfer in die ehemals aus der DDR flüchten wollende Julia Hausmann verliebte, veränderte alles. Martins Bruder Falk, Stasi-Offizier und -Hardliner erster Güte, setzt von da an alles daran, um das traute Liebesglück zu zerstören – zum Wohle der Deutschen Demokratischen Republik. Als seine Frau Vera von seinen ruchlosen, erpresserischen Mitteln erfährt, wird sie kurzzeitig selber zur Spitzel-Tätigkeit erpresst. Sie entfernt sich damit nicht nur privat zunehmend von Falk, sondern auch politisch – und wird schließlich zur Mitgründerin des Neuen Forums.

Unter anderem erpresst Falk außerdem noch Julias Mutter Dunja, eine Sängerin, dazu, ihre aufmüpfigen Lieder sein zu lassen und für das Ministerium für Staatssicherheit als Spitzel tätig zu werden, um ihre Tochter zu schützen. Jedoch vergebens: Julia stirbt bei einem Verkehrsunfall – für die Stasi ein Glücksfall, für Martin und Dunja bricht eine Welt zusammen. Trost findet Martin darin, dass er Julias und sein totgeglaubtes Kind wiederfindet, großgezogen von einer anderen Familie – ohne zu wissen, dass Falk hinter der Kindesverwechslung steckt…

Julia war in den beiden ersten Staffeln noch Dreh- und Angelpunkt der Serie – mit ihrem Tod richtet sich nun der Blick großteils in Richtung Falk. Für diesen bringt die Wende auch die größten Konflikte: Während Martin, Dunja, Vera und Co. den Fall der Mauer als große Chance wahrnehmen, ist nun Falk an der Reihe, den Teppich unter den Füßen weggezogen zu bekommen – und sich mit Händen, Füßen sowie der verbleibenden, wenn auch verpuffenden Macht der Stasi zu wehren. In der Tat ist vieles anders in der dritten Staffel, aber doch weniger, als man vielleicht erwarten würde: Falk ist auch in Staffel 3 der Intrigant, den man zu hassen liebt, und dabei ganz in seinem Element.

Die Fassaden bröckeln

Die dritte Staffel „Weissensee“ betritt allerdings insofern Neuland, als dass sie allein aus historischen Gründen selbstreflexiver ist als die Vorgänger: Weil die Protagonisten erfahren (und lernen) müssen, was Freiheit bedeutet, erhalten sie eine bessere Perspektive über das bislang Geschehene. Obwohl Martin in Windeseile (gemessen ausschließlich in Spielzeit) einen angenehm dezent gestalteten Ersatz für Julia findet, sucht Julias Memento gerade zu Beginn der Staffel unweigerlich Martin und Dunja heim. Durch ihre Abwesenheit wirft Julia die Klage auf, wie sinnlos die ganze Verfolgung und Spitzelei seitens der Stasi war, wo die DDR ohnehin zerbrechen würde.

Bild: ARD/Julia Terjung
Mittendrin und doch isoliert: Martin Kupfer (Florian Lukas); Bild: ARD/Julia Terjung

„Weissensees“ großes Ass im Ärmel ist dabei, wie geschickt die Serie diese Themen in ihre Geschichten verwebt. Die Serie spult nicht bloß die Geschichte ab und versucht sich nicht durch das Einfangen der Wende-Euphorie zu profilieren (obwohl die erste Grenzüberquerung durchaus Gänsehaut erzeugt), sondern fängt das Geschehen gelungen aus der Sicht der Figuren ein – und so sind die ersten Schritte im Westen nicht bloß Freudentaumel, sondern ein wesentlich komplexerer Mix aus Emotionen.

Wieder besteht die Staffel, dieses Mal zu gleichen Teilen aus den Federn von Annette Hess und Friedemann Fromm, aus sechs Folgen, die sich kaum als solche erkennen lassen – vielmehr wirkt die dritte Staffel (bis auf die eine oder andere Nebenhandlung) dank gewohnt verschachtelter Handlungsstränge wie aus einem Guss. Bemerkenswert: Sollte es nach dieser dritten Staffel keine weitere mehr geben, stellen die neuen Episoden genau jene Art von Höhepunkt dar, den man sich von einer in sich geschlossenen Geschichte wünschen würde: Die bislang behandelten Themen erhalten eine abschließende Re-Evaluierung, während die Konflikte etlicher Figuren (dank der Auflösung der Stasi) endlich ihre Ruhe finden – und nicht nur die Konflikte…

Der Mann hinter der Maske

Das Highlight ist wohl allerdings die Betrachtung und Charakterisierung von Falk Kupfer, dem Stasi-Monster, dessen Motive und Motivation schon die ersten zwei Staffeln zu ergründen versucht haben. Im Zuge der verzweifelten Versuche, einerseits die Stasi noch intakt zu halten, andererseits aber schonmal mit der Aktenvernichtung zu beginnen, erfahren wir, wer sich hinter der stoischen Maske Falk Kupfers wirklich verbirgt – und insbesondere, ob seine Ideologie weit genug reicht, um für seine Taten gerade zu stehen und mit dem sinkenden Schiff unterzugehen, oder ob er doch eher gewillt ist, in eines der ersten Rettungsboote einzusteigen.

Erhalten bleibt „Weissensee“ sein Suchtpotential: wem die erste Folge gefällt, wird nicht umhinkommen, die gesamte weitere Staffel sehen zu wollen. Auch noch mit von der Partie: der eine oder andere gar zu praktische Zufall und der ein oder andere nicht ganz so gelungene Cliffhanger. Zudem wurden die Titel- und Abspannmusik unerklärlicherweise geändert – das zeigt wohl, dass der durch den Mauerfall entstehende Frischwind nicht unbedingt überall punkten kann.

Schlussendlich erhält „Weissensee“ durch seine dritte Staffel allerdings eine würdige Fortsetzung, die nahtlos an die Qualität der ersten 12 Folgen anknüpfen und im Falle von Falk sogar noch etwas draufsetzen kann. „Weissensee“ ist die Art von Fernsehen, nach dem Deutschland ächzt: unterhaltsam und tiefsinnig und dank des Vertrauens seitens der ARD beachtenswert produziert. „Weissensee“ darf man gerne mal Menschen zeigen, die sich beklagen, es gäbe keine guten deutschen Serien – vielleicht hat man einfach nicht gut genug gesucht.

„Weissensee“ wird vom 29. September bis 1. Oktober täglich in Doppelfolgen um 20 Uhr 15 im Ersten ausgestrahlt. Fortsetzung.tv wird  die Serie jeden Fernsehabend pünktlich direkt nach der Sendung mit einem Artikel begleiten – wir hoffen, ihr seid dabei! Nach Ausstrahlung werden alle Episoden für sieben Tage in der ARD Mediathek zur Verfügung stehen.

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