In der Horizontalen: ZDF versucht sich mit „Blochin“ an modernem Erzählen

Gemeinsam durch schlechte und schlechtere Zeiten: Jürgen Vogel als Blochin und Thomas Heinze als dessen Partner und Schwager Dominik Stötzner; Foto: ZDF/Stephan Rabold

Lange angekündigt und von Vielen heiß erwartet, läuft am Wochenende der Fünfteiler von Matthias Glasner im ZDF. Die Mainzer wollen auch endlich einmal „horizontal“ erzählen, wie es international schon seit 15 Jahren üblich ist. Das Ergebnis erinnert aber leider doch eher an den „Alten“ als an „The Wire“.

Düster und hart soll sie laut Sender sein, die neue ZDF-Thrillerserie „Blochin – Die Lebenden und die Toten“, und irgendwie anders. Anders als das Einerlei der deutschen Krimiserien, mit denen die Sendeanstalt sonst so sein Stammpublikum einlullt, Tag für Tag, zu mindestens drei bis vier verschiedenen Uhrzeiten: alleine drei SOKOs in jedem werktäglichen Tagesprogramm, dazu in der Primetime „Der Alte“, der Samtagskrimi, danach noch „Ein Fall für zwei“ in der Wiederholung. Arbeitet man sich durch eine Woche ZDF-Programm, gewinnt man den Eindruck, das sei kein Vollprogramm, sondern ein Spartensender für Freunde deutscher Krimiserien, unterbrochen von gelegentlichen Kochshows.

Die bislang letzte ambitioniertere Eigenproduktion der Mainzer in diesem dominanten Genre waren drei Staffeln „KDD“ – und das ist auch schon eine ganze Weile her. Kritiker liebten die von Orkun Ertener entwickelte Polizeiserie über die ebenso dysfunktionalen wie menschlichen Beamten des Kreuzberger Kriminaldauerdienstes, vor allem jene, die sonst Lobeshymnen auf US-Qualitätsserien wie „The Wire“ oder „The Shield“ singen. Weniger gut schnitt sie bei den ZDF-Zuschauern ab, vermutlich, weil die Serienfans, die so eine Produktion begeistern könnte, gar nicht erst auf die Idee kamen, man könne so etwas auf dem Freitagskrimi-Sendeplatz finden, wo sonst die „SOKO Leipzig“ eher zum Einschlafen einlädt. Als Regisseur einiger herausgehobener Folgen (unter anderem der allerersten) war damals schon Matthias Glasner beteiligt, einer der wenigen deutschen Filmemacher, die es immer wieder schaffen, Werke mit konsequentem Stilwillen und inhaltlicher Ambition zu verwirklichen, ohne dass die Unterhaltung auf der Strecke bliebe. Mit Cenk Batus Abschiedsfolge hat er auch einen der besten „Tatorte“ der vergangenen Jahre inszeniert.

Nach dem Lehrbuch für zeitgemäße Krimiserien

Nun durfte Glasner also mit „Blochin“ eine große, fortlaufend erzählte Geschichte über fünf Folgen entwickeln und in Szene setzen. Und die soll endlich einmal zeigen, dass auch das ZDF die aktuellen Trends im internationalen Seriengeschäft erkannt hat – wenn auch mit zehn Jahren Verspätung. Blochin, das ist Glasners Stammschauspieler Jürgen Vogel (unter anderem schon in dessen kontroversem Vergewaltigerdrama „Der freie Wille“ und in seinem bislang letzten Kinofilm „Gnade“ in den Hauptrollen). Blochin ist aber auch der Mann ohne Vergangenheit und ohne Vornamen, seinen Nachnamen lieh er sich von einem sowjetischen Fußballstar, nachdem er mit 14 Jahren erschossen worden war und im Leichenschauhaus wieder aufwachte. Seitdem erinnert er sich an nichts, was vorher geschah. Das alles spielt in den ersten beiden Folgen aber ohnehin keine Rolle, da diese ungewöhnlichen Ereignisse in jeweils einer Rückblende als Auftaktszene abgehandelt werden. Nach seiner Wiedergeburt war Blochin im Drogenhandel aktiv, hat dann aber den Absprung geschafft und die Seiten gewechselt, jetzt arbeitet er bei der Berliner Mordkommission. Alles andere an seiner Charakterentwicklung verläuft nach dem Lehrbuch für zeitgemäße Krimiserien.

Natürlich hat Blochin private Probleme (seine Ehefrau ist an MS erkrankt), natürlich holt ihn seine kriminelle Vergangenheit ein (als einer seiner ehemaligen Weggefährten ermordet wird und ein anderer ihn erpresst). Und natürlich manövriert sich Blochin immer stärker selbst ins Abseits. Bald kommt zudem noch die Politik ins Spiel, denn der getötete Dealer hatte in Afghanistan Geschäfte laufen, an denen auch Bundeswehrsoldaten beteiligt waren, und das will das Verteidigungsministerium gerne unter den Tisch kehren. Im Zentrum der Machtspiele steht rasch die ehrgeizige Staatssekretärin Katrin Steinbrenner (Jördis Triebel), die zufälligerweise auch die Geliebte von Blochins Partner Dominik Stötzner (Thomas Heinze) ist. Und der lädt, ebenso wie Blochin selbst, schon in der Auftaktfolge eine Schuld auf sich, die bald zum Verhängnis zu werden droht.

Austauschbarer Handlungsort statt Kaleidoskop einer Stadt

Man merkt schon: Glasner will hier ein ganz großes Fass aufmachen und auch der Sender schwärmt vom „Kaleidoskop der Stadt Berlin“, das sich entfalten soll. Nur, dass man von Berlin leider nicht mehr zu sehen bekommt als ein paar Postkartenmotive und der Handlungsort so total austauschbar bleibt. Während „The Wire“ (so) eben nur in Baltimore spielen konnte und etwa die italienische Mafiaserie „Gomorrha“ nur in Neapel, gibt es in Blochin nichts, was sich nicht auch in München, Düsseldorf oder Klagenfurt ereignen könnte. Ebenso bleiben die Figuren immer nur Chiffren, die bestimmte Rollen auszufüllen haben, werden nicht zu Charakteren entwickelt, die als Individuen interessant wären. Zudem werden ihnen Dialoge in den Mund gelegt, die so wohl nur in den Köpfen von Fernsehredakteuren vorkommen, aber in keinerlei Realität. Da bekommt der Innensenator in einem vertraulichen Meeting auf seine Frage, wie sein Gegenüber eigentlich heißt, nicht nur dessen Namen genannt, sondern auch noch den Zusatz „Verteidigungsministerium“ – so als würde ein Regierungsmitglied Einladungen zu Treffen annehmen, ohne überhaupt zu wissen, welche Behörde es einberufen hat. Nicht nur an dieser Stelle wirken die Dialoge, als hätte ein ZDF-Redakteur verlangt, man müsse noch eine Erklärung einfügen, um die Zuschauer mitzunehmen.

Da können auch die Schauspieler nicht mehr viel retten, obwohl zumindest einige durchaus zu den besten zählen, die die deutsche Film- und Fernsehlandschaft zu bieten hat. Jürgen Vogel bleibt immer nur Jürgen Vogel, der harte Bursche mit dem weichen Herz, und hat keine Chance, etwas Anderes zu zeigen, weil ihm sein Regisseur diesmal nichts Anderes zu tun gibt. Thomas Heinze spricht seine Zeilen irgendwie mechanisch abgehackt und wirkt ansonsten wie ein etwas abgehalfterter Kai Wiesinger. Einzig Jördis Triebel schafft es, etwas von dem ambivalenten Charme ihrer „KDD“-Rolle in die neue Figur hinüber zu retten.

Stilistisch hebt sich die Serie kaum von anderen deutschen Krimiserien ab – mit Ausnahme der weitgehend in schwarz-weiß gehaltenen Eröffnungssequenzen. Statt innovativer Kameraperspektiven gibt es langweilige Etablierungseinstellungen vom Roten Rathaus, die teilweise jazzige Hintergrundmusik der ersten Folge wird bereits in der zweiten durch einen austauschbaren Score aus der Grabbelkiste für Standard-Krimiuntermalung ersetzt.

Beruhigt schlafen gehen

Das Schlimmste ist aber: Die Serie ist über weite Strecken einfach furchtbar langweilig, echte Spannung kommt in den beiden ersten Folgen an keiner Stelle auf. Weder taugen die Hauptfiguren zur Identifikation, noch ist die Handlung packend. Und trotz angepriesener horizontal erzählter Geschichte muss am Ende der Auftaktepisode ein Teilstrang aufgeklärt und eine Frau abgeführt werden, damit der ZDF-Stammzuschauer beruhigt schlafen gehen kann. Übrigens hatte Glasner die Geschichte ursprünglich als abgeschlossenen 90-Minüter mit offenem Ende angelegt, bis ein ZDF-Redakteur auf die Idee kam, daraus eine (Mini-)Serie zu machen, weil er wissen wollte, wie es weitergeht. Ja, offene Enden mögen sie gar nicht beim deutschen Fernsehen. Bei so schrägen Entwicklungsgeschichten ist ein unausgegorenes Ergebnis fast schon vorprogrammiert.

Alles, was an dieser Produktion düster und gewagt sein soll, wird im Grunde immer nur behauptet, nie auf erzählerischer oder ästhetischer Ebene eingelöst. Dominik Graf wurde Mitte der 1990er Jahre nach seinem Kinoflopp „Die Sieger“ von Kritikern vorgeworfen, hinter all dem Aufwand und der großen Geste verberge sich letztendlich doch nur eine typisch deutsche Fernsehkrimigeschichte. So falsch das damals war, so sehr trifft es auf „Blochin“ zu: Am Ende entpuppt sich der viel gepriesene Versuch des Senders, an internationale Serienstandards anzuknüpfen, doch nur wieder als etwas ambitionierterer „Tatort“-Stoff.

Heute (Teil 1) und morgen (Teil 2 bis 4) um 20 Uhr 15 sowie am Sonntag (Teil 5) um 22 Uhr im ZDF. Alle Teile am Stück am 2. Oktober ab 20 Uhr 15 bei ZDFneo. Dieser Text erschien zuerst bei wunschliste.de.

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