„Quality? What Quality?“ – Bemerkenswerte Serien abseits des Qualitätskanons (II): „Lip Service“

Auf den Straßen von Glasgow: der Freundeskreis aus "Lip Service"; Foto: Kudos Film / BBC

Für das aktuelle „Goldene Serienzeitalter“ werden immer wieder die gleichen Beispiele angeführt: „Breaking Bad“, „Mad Men“, vielleicht noch „Homeland“. Aber auch abseits von HBO, AMC und Showtime gibt es Überraschungen zu entdecken, im Network-TV, bei kleineren Sendern oder in Europa. Heute: eine extrem unterhaltsame Serie über junge lesbische Frauen in Glasgow.

„Saying ‚I love you‘ is like a shootout: If you drop first, you better be sure you don’t miss.“ (Sam)

Optisch erinnert Frankie Alan (Ruta Gedmintas) stark an Cameron Howe, die unangepasste Coderin aus „Halt and Catch Fire“. Auch Frankie hält nicht viel von Konventionen, hat aber einen deutlich stärkeren Hang zur Selbstzerstörung als die punkige Programmiererin. Zu Beginn der BBC-Three-Serie „Lip Service“ lebt die freiberufliche Fotografin noch in New York, gleich die erste Szene endet mit spontanem Sex mit einer weiblichen beruflichen Bekanntschaft. Die Serie beginnt also noch vor dem ersten Vorspann so, wie man das von einer jüngeren TV-Produktion über lesbische Frauen erwarten könnte: mit heißem Sex zwischen zwei attraktiven Frauen.

Soweit die Klischees. Zum Glück entfernt sich Serienschöpferin Harriet Brown im Folgenden relativ weit von Stereotypen. Klar, es gibt eher „männliche“ Lesben wie die Polizistin Sam, es gibt aber auch Frauen, die man auf den ersten Blick wohl auf keinen Fall für lesbisch halten würde wie Cat und Tess. Es gibt viel Beziehungsstreit, On-Off-Beziehungen und fröhlichen PartnerInnen-Tausch wie in jeder Dramaserie mit Soapelementen. Vor allem aber werden die weiblichen Hauptfiguren als ganz normale Frauen gezeichnet, ebenso stark wie verletzlich, mit beruflichen Problemen und großen Träumen, immer auf der Suche nach Glück und wahrer Liebe, nur, dass sie eben zufällig nicht auf Männer stehen.

Dunkle Geheimnisse und würdelose Jobs

Auslöser für die Handlung ist, dass Frankie zu Beginn die Nachricht bekommt, dass ihre Tante, bei der sie aufgewachsen ist, gestorben ist. Frankie kehrt daraufhin nach Glasgow zurück, aus dem sie vor zwei Jahren geflüchtet war, nachdem sie ihre große Liebe Cat (Laura Fraser aus der letzten „Breaking Bad“-Staffel) verlassen hatte. Natürlich kommt es bald zwangsläufig zum Wiedersehen mit der ehrgeizigen Architektin und ebenso schnell wird klar, dass die beiden Frauen noch längst nicht übereinander hinweg sind. Aber Frankie neigt dazu, alles was sie anstrebt, leichtfertig wieder niederzureißen, während Cat die stark wirkende Polizistin Sam (Heather Peace) kennenlernt. Frankies Krise verstärkt sich dadurch weiter, dass sie einem dunklen Geheimnis in ihrer Familie auf die Spur kommt, das dort jeder ihr ganzes Leben vor ihr verborgen hat.

Für den comic relief sorgen anfangs Frankies und Cats beste Freundin Tess (großartig: Fiona Button) und deren bester Kumpel Ed (James Anthony Pearson), zugleich Cats Bruder. Tess ist eine erfolglose Schauspielerin, Ed schreibt Science-Fiction-Romane, beide müssen sich mit wechselnden würdelosen Jobs durchschlagen, etwa im Limonadendosenkostüm in der Fußgängerzone. Während Tess eine extrem witzige Person ist, leidet Ed hinter seiner fröhlichen Fassade daran, dass er heimlich in seine beste Freundin verliebt ist – was bei einer lesbischen Frau eher wenig Chancen auf Erfüllung hat.

Interessante, glaubwürdige Figuren, die eben zufällig lesbisch sind

„Lip Service“ (was einerseits so viel wie Lippenbekenntnis heißt, andererseits aber auch eine nicht nur bei lesbischen Frauen verbreitete Sexualpraktiv umschreiben kann) ist eine dieser typisch britischen Dramaserien, die im Ausland weitgehend unbekannt sind. Dabei stellt sie eine fast perfekte Mischung aus amerikanischen Network-Qualitäten wie Unterhaltsamkeit, Schnelligkeit und großen Emotionen und Edginess à la HBO oder Showtime dar, mit offener Sprache und freizügigen Sexszenen. Wobei Staffel 1 schon mehr und gewagteren Sex zeigt als sämtliche mir bekannten HBO-Serien. Ebenso bietet die Serie aber auch drei tolle Hauptdarstellerinnen und eine Reihe ebenfalls guter NebendarstellerInnen, gute Musik (Popsongs und Score gleichermaßen) und einen typisch britischen Kamerastil, der es schafft, das im Vergleich zu US-Serien niedrigere Budget durch Kreativität wettzumachen.

Und vor allem: interessante, emotional involvierende Handlungsstränge mit starken, glaubwürdigen Figuren. Dass die meisten davon dem eigenen Geschlecht zugeneigt sind, ist eigentlich nur der Aufhänger, verliert aber an Bedeutung, wenn man sie erst einmal näher kennengelernt hat. Bemerkenswert ist es natürlich trotzdem, wenn man bedenkt, dass es etwa in deutschen Serien immer noch als revolutionär verkauft wird, wenn eine Nebenfigur mal schwul oder lesbisch ist. An dem Tag, an dem ARD oder ZDF eine Serie für ihr Hauptabendprogramm ankündigen, in dem es um eine Gruppe homosexueller Figuren geht, ist dann auch das deutsche Fernsehen im 21. Jahrhundert angekommen (aber dafür müssten wohl erst einmal die Nonnen weg).

Kleine Sender, ambitionierte Serien

Natürlich gibt es auch bei „Lip Service“ Kritikpunkte: Einige Wendungen sind dann doch zu soapig ausgefallen. Wenn etwa ein homo-/heterosexuelles Freundespaar urplötzlich alkoholisiert übereinander herfällt, obwohl sich die Beiden seit Jahren kennen, ohne dass sie jemals irgendwelche Gefühle füreinander entwickelt hätten, wirkt das eher wie ein billiger Effekt als wie glaubwürdige Charakterzeichnung. Zumal sich die Serie bis dahin im Grunde auf ganz interessante Weise der Frage gewidmet hat, wie Freundschaften zwischen Frauen und Männern eigentlich aussehen können, wenn das sexuelle Element von vorneherein wegfällt.

Unverständlich bleibt, warum die BBC diese Serie nach der zweiten Staffel schon wieder absetzte. Andererseits kann man gar nicht hoch genug würdigen, dass im UK selbst kleinere, an ein eher jugendliches Publikum gerichtete Sender wie E4 (mit „Skins“, „Misfits“ oder „Glue“) und eben BBC Three überhaupt solche ebenso ambitionierten wie unterhaltsamen Serien produzieren lassen. Ob bei dem Sender, der im nächsten Jahr in ein reines Online-Angebot umgewandelt werden soll, dann noch die finanziellen Mittel für solche Projekte hat, ist wieder eine andere Frage.

Beide Staffeln sind bei Pro-Fun Media auf DVD erschienen (Originalfassung mit deutschen Untertiteln) und auch bei Maxdome als Download zu kaufen.

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