Zurück in unsere Zukunft: AMCs „Halt and Catch Fire“ beleuchtet die frühe PC-Ära

Nach dem Ende von „Breaking Bad“ und mit „Mad Men“ in seiner letzten Staffel braucht AMC dringend einen neuen Serienhit. Heißer Kandidat ist „Halt and Catch Fire“, ein weiteres Period Drama, allerdings eines, das nicht im 18. oder 19. Jahrhundert angesiedelt ist wie die eher mäßig laufenden Neustarts der vergangenen Jahre „Turn“ und „Hell on Wheels“, sondern noch näher an unserer Gegenwart als „Mad Men“: in den frühen 1980er Jahren.

Der Nerd und der Menschenfänger: Gordon Clark (Scoot McNairy) und Joe MacMillan (Lee Pace); Foto: AMC

Es ist der Beginn eines Zeitalters, das durch den Siegeszug der Computertechnologie gekennzeichnet sein wird. Wir erleben hier quasi „live“, wie das, was man heute „Digitale Revolution“ nennt, seinen Anfang nahm. Und so haben sich die Serienschöpfer Christopher Cantwell und Christopher C. Rogers genau das vorgenommen, was im Grunde jedes gute historische Drama anstrebt: etwas über unsere Gegenwart zu erzählen, indem man die Vergangenheit beleuchtet.

Wir schreiben das Jahr 1983 und der dynamische Vertriebsmanager Joe MacMillan (Lee Pace, der Tote erweckende Zuckerbäcker aus „Pushing Daisies“) drückt aufs Gas seines schnittigen Wagens, um zu seiner Vorlesung zu kommen. Dabei überfährt er erst einmal ein über die Straße schlurfendes Gürteltier. Das skurril wirkende Tier erinnert vielleicht nicht ganz zufällig an die Vertreter der Fauna, mit denen der Computerbuchverlag O’Reilly seine populären Ratgeber über Betriebssysteme und Software-Anwendungen illustriert. Nachdem MacMillan einen inspirierenden Vortrag vor Informatikstudenten gehalten hat, landet er mit einer der damals noch wenigen weiblichen Vertreterinnen dieser Fachrichtung fast im Bett – aber eben nur fast, denn mit der flapsigen Bemerkung, das würde ihr noch keinen Job sichern, vergrault er sie auch schon wieder.

An der Zeitenwende

Kurz darauf tritt das Verkaufsgenie (auch und vor allem in eigener Sache) einen neuen Job bei der Softwarefirma Cardiff Electric an. Gleich bei seinem ersten Vertreterbesuch beweist er sein Talent, entlarvt sich aber auch gegenüber dem begleitenden Kollegen Gordon Clark (Scoot McNairy) als unbarmherziger Egomane. Auch wenn er ihn in Wahrheit nur deshalb herunterputzt, um dessen Ehrgeiz wieder zu erwecken. Denn eigentlich ist Clark der einzige Grund, warum MacMillan überhaupt bei dem Unternehmen angeheuert hat. Er hat vor Jahren einen visionären Zeitschriftenartikel Clarks über das Potential von PCs gelesen und will ihn nun für sein gewagtes Projekt gewinnen: einen PC zu entwickeln, der dem marktbeherrschenden IBM überlegen ist, um dem Konzern so den Rang abzulaufen. Dafür braucht er einen brillanten, aber komplett unterschätzten Ingenieur wie Clark.

Die Inszenierung des argentinischen Regisseurs Juan José Campanella, immerhin Gewinner des Fremdsprachen-Oscars für seinen Film „In ihren Augen“ von 2009, schafft es, einen unmittelbar in die Handlung hineinzuziehen. Dynamische Kameraperspektiven, eine filmisch wirkende Ausleuchtung und ein temporeicher, aber nie hektischer Schnitt erzeugen das Niveau, das man von anderen AMC-Serien gewohnt ist und lassen einen gleichzeitig die Rasanz spüren, die die zeitgeschichtliche Situation in sich birgt. Es ist eine Ära, die den meisten Zuschauern vertraut genug erscheinen dürfte, um sich mit den Figuren zu identifizieren, aber die eben doch vor der entscheidenden Entwicklung liegt, die unser modernes Leben so verändert hat: dem Durchbruch des Personal Computers als Massenprodukt, der Vernetzung auch des privaten Alltags.

Schillernde Figurenkonstellation

In einer Branche, die dominiert wird von autistischen (Verkaufs-)Genies wie Bill Gates und brillanten Menschenfängern wie Steve Jobs ist ein Joe MacMillan fast eine paradigmatische Figur. Lee Pace spielt ihn mit genau der richtigen Mischung aus Charisma, beinahe aggressiver sexueller Ausstrahlung, arroganter Selbstüberschätzung und innerem Zweifel. Denn natürlich ist der selbst bei IBM geschasste Vertriebler nur an der Oberfläche so glatt wie er scheint. Umgekehrt steckt in der „grauen Maus“ Gordon Clark, nach dem ökonomischen Scheitern seiner eigenen PC-Firma längst in der inneren Immigration, viel mehr als ein eher mäßig begabter Vertreter. Als Dritte im sich bildenden Team sorgt die Studentin vom Anfang, Cameron Howe (Mackenzie Davis) für burschikosen Punk-Charme und die weibliche Variante unkonventionellen Nerdtums. Diese Figurenkonstellation wirkt auf Anhieb schillernder als die doch eher am Reißbrett entworfenen Programmierfreaks in HBOs kurz zuvor gestarteter – und im Jetzt angesiedelten – Comedy „Silicon Valley“.

Abgesehen von Pace haben die Macher hier auf eher unbekannte Gesichter gesetzt: Sowohl McNairy („Argo“, „12 Years a Slave“) als auch Toby Huss, der den Chef von Cardiff Electric spielt, waren bislang auf Nebenrollen spezialisiert (Huss war der grantige Felix „Stumpy“ Dreifuss in „Carnivàle“ und lieh auch Opa Cotton in „King of the Hills“ seine Stimme). Und die junge Kanadierin Davis kennt hierzulande wohl erst recht noch fast niemand. Das könnte sich rasch ändern, denn selten war ein Ensemble auf Anhieb so sympathisch.

Grüne Schrift auf schwarzen Bildschirmen

Ungewöhnlich gut gelingt  Autoren und Regie auch die Visualisierung des Innenlebens eines Computers – und das ganz ohne optische Spielereien à la „Sherlock“. In unterschiedlichen Farben blinkende Lämpchen auf einer Platine und Tafeln voller Programmcode genügen völlig, ein realistisches und faszinierendes Bild dieser Technik zu vermitteln. Auch wenn die meisten Zuschauer oft keine Ahnung haben dürften, worüber genau die Spezialisten gerade diskutieren, erschließen sich doch deren Konflikte und Entscheidungen problemlos. Hinzu kommt der Einsatz zeitgenössischer Popsongs, die gemeinsam mit den Original-Geräten und grüner Schrift auf schwarzen Bildschirmen perfekt die nostalgische Atmosphäre vermitteln.

Trotz einiger unnötiger Klischees bei der Schilderung des Ingenieurs-/Programmiereralltags vereint „Halt and Catch Fire“ (der Titel ist übrigens ein ebenso unsinniger wie fiktiver früher Computerbefehl) genau die Stärken, die AMC groß gemacht haben: ein stilvolles, authentisches Ambiente, packende Figuren und Parallelen zum echten, heutigen Leben. Damit könnte der ersehnte nächste Sender-Hit endlich gefunden sein.

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