Im Frauenknast: „Orange is the New Black“

Knapp ein Jahr nach dem Ende von „Weeds“ präsentiert Netflix die neue Serie von Jenji Kohan. Diesmal steht gleich ein ganzes Ensemble ungewöhnlicher Frauen im Mittelpunkt: die Insassinnen einer Haftanstalt. Piper Chapman wird nach ihrer Verurteilung aus ihrer geordneten Mittelschichtswelt gerissen und in die orangene Kluft eines Knastrookies gesteckt. In den 13 auf einen Schlag veröffentlichten Folgen begegnen ihr Lesbensex und gewaltbereite Mitinsassinnen, aber auch Lebenslust und Solidarität.

Harte Eingewöhnung: Chapman (Taylor Schilling, M.) mit anderen „Neuen“; Foto: Lionsgate TV/Netflix

„Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt“, dichtete Rainer Maria Rilke über einen im Zoo eingesperrten Panther. Und Regina Spektor zieht in ihrem Song „You’ve Got Time“, dem mitreißenden Titellied der Netflix-Serie „Orange is the New Black“, den Vergleich vom Tier zur Gefängnisinsassin. Wie fühlt sich die Welt an, wenn der sinnliche Horizont über einen längeren Zeitraum nicht weiter reicht als bis zur Knastmauer?

Das muss Piper Chapman am eigenen Leib erfahren, als die Dreißigjährige aus ihrem Upper-Middleclass-Alltag herausgerissen wird, um eine 15-monatige Haftstrafe anzutreten. Bevor sie sich in einem gutbürgerlichen Leben mit nerdig-nettem Verlobtem (Jason Biggs) und Selbständigkeit als Verkäuferin selbst hergestellter Seife eingerichtet hat, führte sie nämlich ein etwas wilderes Leben als Geliebte der Chefin eines Drogenrings. Dass sie ein einziges Mal als Geldkurierin für ihre Freundin Alex eingesprungen ist, hat sie nun, Jahre später, eingeholt. Im Frauengefängnis Litchfield im Staat New York ist die blonde, hübsche Weiße eine absolute Ausnahmeerscheinung, ist die typische Insassin hier doch eher schwarz oder hispanisch, arm und oft auch noch von der ein oder anderen Droge abhängig. Was einen überall anders weiterbringt, stellt einen im Knast eher ans Ende der Nahrungskette, weswegen ein wohlhabendes Blondchen es dort naturgemäß schwer hat, sich einzugewöhnen.

Vielfalt unterschiedlichster Frauenfiguren

Bereits in der ersten Folge ihrer neuen Serie bemüht „Weeds“-Schöpferin Jenji Kohan sämtliche Klischees, die man aus einschlägigen Frauenknast-Serien oder –Filmen kennen könnte: Da gibt’s die verrückten Mitinsassinnen, Oralsex in der Gemeinschaftsdusche und Wärter, die zwischen Macho und Arschloch changieren (allen voran der nur als „Pornstache“ titulierte Schnurrbartträger, den Pablo Schreiber aus „The Wire“ spielt). So fühlt sich die Serie zunächst eher an wie „Hinter Gittern“ auf Amerikanisch als wie eine realistische Schilderung des Gefängnisalltags. Der größte Schwachpunkt des Konzepts ist aber die Hauptfigur. Zunächst wirkt es  unglaubwürdig, dass eine weiße Frau mit einem solchen ökonomischen und familiären Hintergrund überhaupt eine Haftstrafe antreten muss. Dies ist aber wohl authentisch, da Chapman auf eine Gerichtsverhandlung verzichtet und sich schuldig erklärt hat – im Austausch für eine geringere Haftdauer von lediglich 15 Monaten (Die Story basiert auf der Autobiographie einer echten Straftäterin).

Zusätzlich verhält sich diese Chapman aber in den kritischsten Situationen immer völlig unpassend, fängt etwa an zu flennen, wo es gilt, Stärke zu demonstrieren. Das ist so nervig, dass man zeitweise schon fast wünscht, ihr würde eine Mitinsassin mal ordentlich eine verpassen. Vielleicht liegt es auch an der bisher noch nicht sonderlich aufgefallenen Taylor Schilling, die in dieser Rolle meist leicht überfordert wirkt.

Zum Glück konzentriert sich aber nur die Pilotfolge fast ausschließlich auf Piper, danach weiten sich die Geschichten auf gut eineinhalb Dutzend andere Gefangene aus. Pro Folge gerät meist eine von ihnen in den Mittelpunkt, Rückblenden beleuchten jeweils ihr Leben vor der Verurteilung und die Umstände, die sie so weit gebracht haben. Und fast alle dieser Kriminellen sind interessanter als die ex-lesbische Mittelstandsgöre: ob die ordentlich-strenge Miss Claudette (Michelle Hurst), die als Chefin einer Reinigungsagentur mal eben einen übergriffigen Kunden gerichtet hat, die transsexuelle Sophia (Laverne Cox), die zwischen ihrer Frauwerdung und der Liebe zu ihrer Familie schwankt (die von Jodie Foster inszenierte Folge, in der ihre Geschichte erzählt wird, ist eine der besten) oder die resolute russische Küchenchefin „Red“. Letztere verkörpert Kate Mulgrew, die in einer anderen Galaxis mal das Raumschiff Voyager kommandierte, mit einer herrlichen Mischung aus Stolz, Härte und Leidenschaft (vor allem fürs Kochen). Überhaupt macht es Spaß, endlich einmal eine Serie zu sehen, die sich um eine Vielzahl und Vielfalt unterschiedlichster Frauenfiguren dreht: schwarze, weiße und hispanische, junge und alte, hübsche, hässliche und „normale“, hetero-, homo- und bisexuelle, etc. Die wenigen Männer im Cast wirken hier fast wie Fremdkörper.

Zwischen Landschulheim und Einzelhaft

Eine weitere Stärke der Show ist, dass die meisten Figuren nicht die sind, die sie auf den ersten Blick zu sein scheinen: so entpuppt sich der verständnisvolle Berater als selbstgerechter Schwächling, während die zunächst als Tyrannin agierende „Red“ zunehmend sympathischere Seiten enthüllt. Und auch Piper legt irgendwann ihre härteren Seiten offen. Wirkt das Gefängnisleben anfangs noch eher wie eine Mischung aus Landschulheim und Studentinnen-Wohnheim mit nettem Geplausche und Gesellschaftsspielen im Gemeinschaftsraum, zeigen die Autoren später auch die realistischeren, abgründigeren Elemente des Systems, einschließlich Zwangsfixierung auf der Psychiatriestation und willkürlicher Einzelhaft. Innerhalb dieses Systems lernt die zunächst so unbedarfte Piper, sich anzupassen und durchzusetzen. Am Sympathischsten wirkt sie immer dann, wenn sie heuchlerischen Aufsehern entgegenschleudert, was sie wirklich von ihnen denkt, oder ihren Gefühlen zu ihrer Ex-Geliebten Alex (Laura Prepon, „That 70’s Show“) nachgibt (die natürlich rein zufällig im gleichen Gefängnis einsitzt). Die wechselhafte Beziehung zwischen diesen beiden an der Oberfläche so unterschiedlichen Frauen ist dann auch die spannendste der ganzen Serie.

Jenji Kohan, eine der wenigen Showrunnerinnen im US-Fernsehsystem, hat schon mit „Weeds“ gezeigt, dass sie fantastische Ideen hat, oft aber nicht weiß, wie sie eine Story glaubhaft weiterführen soll. Ihre neue Serie hat zwar nicht die Originalität und satirische Schärfe der frühen „Weeds“-Staffeln, nimmt sich dafür aber wesentlich mehr Zeit für Charakterentwicklung. Trotz vieler Klischees und unglaubwürdiger Elemente, vor allem in den ersten Folgen, entsteht dadurch zunehmend ein ganz eigener Sog, da man immer mehr von diesem faszinierenden Frauenensemble sehen möchte. Das ist zwar immer noch weit entfernt von dem, was man heute gemeinhin unter „Quality TV“ versteht, aber als unterhaltsames „Guilty Pleasure“ für Zwischendurch gut wegguckbar.

5 comments

  1. mann, mann, mann, dieser Ton: „weiß nicht, wie sie eine Story glaubhaft weiterführen soll“? „Unglaubwürdige Elemente“? „weit entfernt von Quality TV“? – Solange Ihr klingt wie deutsche Fernsehredakteure, aburteilend und sich meisterlich über andere erhebend und das vor dem Hintergrund erstaunlicher Ahnungslosigkeit, bloggt Ihr leider an Euren Lesern vorbei. Wo bleibt Eure Zärtlichkeit?

  2. also zunächst mal bitte die anführungsstriche vom „ihre“ im Absatz über Sophia entfernen, da sind wir 2013 doch wirklich schon weiter

    du konzentrierst dich für meinen geschmack zu sehr auf die ersten
    paar folgen, die serie wird nämlich mMn stetig besser und zum T

    1. Das war ein Missverständnis, die Anführungsstriche bezogen sich nicht auf die Transsexualität von Sophia, sondern ich meinte das so, dass es quasi ihre Folge ist, obwohl ja auch andere Handlungsstränge größeren Platz einnehmen, und genauso könnte man ja auch sagen, dass es Jodie Fosters Folge ist. Das wirkte aber tatsächlich sehr missverständlich.

      Ich stimme völlig zu, dass die Staffel stetig besser wird. Die erste Folge war mit Abstand die schlechteste, im letzten Drittel wird es zunehmend härter, spannender und die Peinlichkeiten verschwinden fast völlig.

      1. Ich fand genau das Gegenteil. Am Anfang war es neu und halbwegs spannend wie sie die erste Zeit meistert. Mit dem Wechsel der Kleidung wird auch die Serie farblos. Am Schlimmsten war dann die Storyline mit der selbsternannten Prophetin mit den schlechten Zähnen. Die fand ich nur mehr wirr (also die Story, nicht den Charakter. Den sowieso). Und das Ende dieses Fadens und auch der Staffel, das ja wirklich nur dazu da war Piper noch ein paar Staffeln im Knast zu halten, war an Vorhersehbarkeit/Langeweile nicht mehr zu überbieten.
        Auch diese ständigen 180° Charakteränderungen ohne nachvollziehbaren Grund von z.B. Healy oder Mendez (fällt mir aber immer mehr in anderen Serien auf) gingen mir auf die Nerven.
        Ich brauch keine zweite Staffel.

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