Cologne Conference: Paul Abbotts „Shameless“ (US) und „Exile“

Asoziale, aber dennoch funktionale Familie: die Gallaghers aus "Shameless" (US)

Am Mittwochabend stellte der erfolgreiche britische TV-Autor Paul Abbott persönlich seine zwei aktuellsten Arbeiten vor: die US-Version seiner britischen Show „Shameless“ sowie den Dreiteiler „Exile“. Abbott schrieb in den 90ern einige Drehbücher für die legendäre Krimiserie „Cracker“ aka „Für alle Fälle Fitz“, bevor er mit der Mini-Serie „State of Play“ richtig bekannt wurde. Beide Stoffe wurden auch für den US-Markt adaptiert, letzterer sogar als Kinofilm. Bereits im achten Jahr läuft im UK Abbotts Erfolgsserie „Shameless“, die der US-Pay-TV-Sender Showtime jetzt adaptiert hat.

Dabei ist erstaunlich, wie stilsicher John Wells („ER“, „Third Watch“, „The West Wing“) die urbritische dramatische Komödie nach Chicago überführt. Während bei vielen anderen US-Adaptionen britischer Stoffe der Charme und die Authentizität des Originals völlig verloren gehen, gelingt es bei „Shameless“, beides zu erhalten. Die siebenköpfige Familie des allein „erziehenden“ Alkoholikers Frank Gallagher ist genauso asozial wie im Original, die Dialoge genauso rüde und wie in der Vorlage wartet gleich der Pilot mit Blowjobs unter Teenagern und Gesprächen über schwulen Analsex auf. Es ist wohl auch der Ausstrahlung bei Showtime zu verdanken, dass die Macher hier nichts für den amerikansichen Markt bis zur Unkenntlichkeit abmildern mussten.

Die SchaupielerInnen mögen in der US-Version etwas besser aussehen, man muss aber auch sagen, dass sie einfach sehr gut sind. William H. Macy ist die Idealbesetzung für den selbstsüchtigen, arbeitsscheuen Frank. Allein, wie er sich lasziv von der neuen Waschmaschine schwingt, ist schon herrlich gespielt. Mittelpunkt der Serie ist aber ganz klar seine älteste Filmtochter Fiona, der Emmy Rossum eine bemerkenswerte Ausdrucksspanne von lebenslustiger junger Frau über besorgte Ersatzmutter bis beschämter Tochter verleiht. Auch die Darsteller der jüngeren Kinder können durchweg überzeugen. Was an „Shameless“ neben dem oft herrlich überdrehten Slapstickhumor vor allem überzeugt, ist das ungewöhnliche Setting. Die Gallaghers sind im Grunde ein Musterbeispiel für das, was die Gesellschaft eine asoziale Familie nennt: Kaum jemand arbeitet, der Vater trinkt, vernachlässigt seine Kinder und lebt von Sozialbetrug, die Mutter ist abgehauen, die Kinder klauen etc. Trotzdem sind sie hoch sympathisch, alles andere als dumm, halten zusammen, wenn es darauf ankommt und bilden, auch zusammen mit dem Nachbarpaar, eine eingeschworene Gemeinschaft, wie man sie in der Mittelschicht wohl nur selten finden würde. Glamouröser sei die US-Version seiner Serie, meinte Abbott nach dem Screening, aber die Grundelemente des Originals seien trotzdem erhalten geblieben, vor allem der Respekt vor der Armut. Solange das Ergebnis so aussieht, lässt man sich Adaptionen gerne gefallen. Zumindest für alle, die die britische Version nicht kennen, ist „Shameless“ sicher einer der besten Neustarts der letzten Zeit.

Schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis: Jim Broadbent und John Simm in "Exile"; Fotos: Cologne Conference

Interessenten aus den USA für eine Adaption gibt es auch schon für Abbotts neue Miniserie „Exile“. Sie erinnert zunächst einmal stark an seinen Hit „State of Play“ (2003): Wieder steht ein Journalist im Mittelpunnkt, wieder spielt ihn John Simm („Life on Mars“). Erwartete man beim am Dienstag in Köln gezeigten „The Hour“ allerdings ein Journalismusdrama und bekam eher einen Verschwörungsthriller, ist es hier umgekehrt: Der erste Teil konzentriert sich überwiegend auf das Drama um den Journalisten Tom, der bei einem Männermagazin rausfliegt und von London zurück kehrt in sein Elternhaus in der Provinz, aus dem er vor Jahrzehnten geflohen ist – nachdem sein Vater ihn in einem Wutanfall fast krankenhausreif geschlagen hatte. Inzwischen ist der Vater dement, aber die Geister der Vergangenheit sind noch überall in dieser Kleinstadt präsent. Und natürlich kann der Journalist nicht anders, als in alten Spuren nach dem Geheimnis zu suchen, das seinen Vater damals zum Ausrasten brachte. Dieses Mysteryelement bleibt aber zunächst noch im Hintergrund, was sich sicher in den folgenden Teilen ändern wird. Stattdessen geht es erst einmal darum, was es heißt, nach Jahren zu seinen Wurzeln zurück zu kehren, inklusive Begegenungen mit alten Schulfreunden, die einem neiden, dass man es scheinbar „geschafft“ hat.

Der erste Teil von „Exile“ ist ein solides Drama, von John Simm und Jim Broadbent (als alzheimerkrankem Vater) hervorragend gespielt, wirkt aber noch etwas unoriginell. Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung es sich entwickelt, wenn mehr über das Geheimnis enthüllt wird. Auch wenn Abbott beklagte, es sei in den vergangenen Jahren härter geworden, solche Stoffe bei der BBC durchzusetzen: Insgesamt bewies der Abend, auf welch hohem Niveau das britische Fernsehen regelmäßig fiktionale Produktionen hervorbringt. Davon können wir in Deutschland weiterhin nur träumen.

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