„CopStories“-Kritik: Ep 1.02: „Zund“

Eigentlich unfair: Dogan ist neu in der Stadt, trotzdem hätte der Geschäftsinhaber vorher schon zahlen sollen. Foto: CopStories DVD, Gebhardt Productions

Bevor im Herbst Staffeln 3 und 4 im Fernsehen anrollen sollen, strahlt der ORF zuvor noch einmal die ersten beiden aus. Dass nach den mauen Einschaltquoten der zweiten Staffel überhaupt eine vierte bestellt wurde, verheißt schon, dass  „CopStories“ eines der stärksten Pferde im österreichischen Serienstall ist.

Wer sich nicht vom heißen Sommerwetter abschrecken lässt, hat damit jetzt die optimale Gelegenheit, in die Serie hineinzuschnuppern. In Erwartung der neuen Staffel wird auch Fortsetzung.tv die Serie wöchentlich begleiten.

Eine der wichtigsten Fragen, der sich eine Serie während ihrer ersten paar Episoden stellen muss, ist jene bezüglich ihrer Serialität – wie stark können Episoden für sich stehen und isoliert genossen werden, und wie stark sind die Episoden miteinander vernetzt – und wie stellt sich das dar? Folge zwei zeigt, dass der Übergang zum Teil sehr fließend sein kann, und „CopStories“ damit gekonnt spielt: Wenn Frau Hartmann in „Zund“ einen gestohlenen Ofen reklamiert, kann das auch isoliert als kleine, nette Vignette verstanden werden; wer sich jedoch an ihre gestohlene Kaffeemaschine aus der Auftaktfolge erinnern kann, darf an dieser Stelle selber 1 und 1 zusammenzählen. Andere Handlungsstränge sind zwar ein wenig auf die Recap-Segmente zu Beginn angewiesen („Was bisher geschah“), aber bilden stets auch ihre eigenen kleinen Geschichten für die Episode.

Wie auch schon im Piloten funktioniert das Zusammenspiel von kleinen Vignetten (wie etwa die amüsante Inspektion von Kathi Bellowitschs Wagen) und den größeren Geschichten insgesamt ziemlich mühelos, und findet insbesondere in der Früh in der Kantine einen netten Ort, um die Figuren miteinander agieren zu lassen. Aber auch im späteren Verlauf finden sich Szenen, die mehrere Handlungsstränge verknüpfen und die Episode zu mehr machen als bloß einer Sammlung von Kurzgeschichten: Bergfeld etwa muss sowohl in Lukas’/Leilas Einsatz als auch Altans/Eberts Fall seine Autorität wahren oder erst gewinnen, was schon im Piloten kurz angeklungen ist.

Die Bösewichte

Die erste Staffel von „CopStories“ wird durch den Dogan-Handlungsstrang umrahmt, der der einzige ist, der in jeder Folge behandelt wird. Das wird schon in den ersten beiden Folgen klar, weil er schlichtweg die höchsten stakes besitzt – da steht am meisten auf dem Spiel, er involviert die meisten Figuren, und er involviert die ausgearbeitetste Bösewicht-Figur in der Form von Dogan, der in „Zund“ zum ersten Mal selber kriminell in Erscheinung tritt. Das tut er zwar nicht gerade subtil, kann dafür aber eine imposante Pose einnehmen.

Durch den (schwachbrüstig inszenierten) Tod von Theo wird die Spur erstmals blutig. Das baldige Ableben Theos ist ein bisschen eine vergeudete Chance für „CopStories“ – gerne hätte ich erfahren, was für ein Mensch hinter dieser Maske steckt, nicht zuletzt deshalb, weil er bislang der einzige Nicht-Türke ist, der mit Dogan in Interaktion getreten ist. Sei es drum, so gerät der Ball zumindest schneller ins Rollen – und da nun auch Bergfeld von Dogans Machenschaften erfahren hat, kann sich das gesamte Team endlich in die Ermittlungen stürzen, mit Altan zwischen den Fronten.

Lukas müht sich redlich den Schein zu wahren - vergebens. Foto: CopStories DVD, Gebhardt Productions
Nur coole Typen tragen auch drinnen Sonnenbrillen. Foto: CopStories DVD, Gebhardt Productions

„Zund“ widmet sich ein paar Figuren, die im Piloten noch keinen Raum erhielten, unter anderem Leila und Lukas. Diese werden standardsgemäß durch einen Konflikt charakterisiert – während Lukas die Obradovic-Mission um jeden Preis durchziehen will, möchte Leila die Aktion abbrechen, um die Kellnerin Susanne vor mehr Gewalt zu bewahren. Es ist ein spannendes Szenario mit vielen Variablen – mir gefällt etwa, dass sich Lukas schwer tut, in seiner Rolle als cooler Pimp aufzugehen – kein Wunder, dass Obradovic da verdächtig schaut. Und auch die Auflösung des Falls ist äußerst gelungen, weil unheimlich viel Geschichte in eine sehr knappe Zeitspanne gepackt wird: Lukas sieht sich gezwungen, seine Rolle als Zuhälter aufzugeben, um Leila aus den Fängen des von Palfrader vielleicht ein wenig zu übertrieben dargestellten Wirtshausbetreibers zu retten und gibt sich damit als doch nicht so abgebrüht und kühl zu erkennen.

Lyrische Fluchtversuche

Nicht ganz so gelungen ist der Fall rund um den Lehrer Wagenstein und das nicht nur wegen der nervtötenden Lyrik (die im Fernsehmedium einfach nicht gut funktioniert). Das ist schade, denn es geht um eine neue Facette der Autoritäts-Debatte, die auch schon den Piloten umrahmt hat, dieses Mal im Klassenzimmer. Bekanntlich hat man sich schon vor Tausenden von Jahren über die mangelnden Manieren der neuen Generation beschwert, und so ist Wagensteins Behauptung, dass sich die Zeiten und die Menschen und die Erziehung halt geändert haben, nichts Neues. Bei all den Parallelen ist es fast schade, dass Roman und Wagenstein ihren Problemen nicht in derselben Episode begegnen – andererseits beginnt sich damit ein roter thematischer Faden durch die Serie zu ziehen. Auch Wagenstein versucht zuerst, „gute Miene zum bösen Spiel“ zu machen, unwissend, dass er damit die SchülerInnen in ihrem Verhalten bloß verstärkt. Er scheint sich nicht imstande gefühlt zu haben, die Unterrichtsstörungen rechtzeitig zu adressieren, und so begannen die SchülerInnen ihm auf der Nase herumzutanzen – und sobald das einmal passiert, gibt es kein Zurück mehr.

Bei den Jugendlichen vergreift sich „CopStories“ allerdings im Ton – die wirken nicht unbedingt sehr authentisch, sondern eher wie Sprachrohre für die Autoren. Ein paar Perlen Weisheit werden durchaus fallengelassen: „Ja aber sie ist noch nicht 16“ sind beispielsweise die ersten Worte der besten Freundin der Übeltäterin, was davon zeugt, mit welchem diabolischen Kalkül die Beiden arbeiten. „Das is mir aber sowas von wurscht!“, antwortet Helga, und zeigt Wagenstein, wie man Herr der Lage werden kann – indem man vorübergehend über das Gesetz hinwegsieht, ohne es aber direkt zu brechen. Im Verhörraum zeigen sich die Jugendlichen dann aber wieder (auf eher unnatürliche Art) sperrig – es ist wohl auch der Punkt, dass die empathielosen Mädchen nichts aus der Sache lernen, sondern mit einem blauen Auge davonkommen. In diesem Sinne handelt es sich bei Wagenstein um einen der melancholischsten und traurigsten Fälle, weil schlussendlich alle Parteien verlieren und die lyrischen Einlagen naive Fluchtversuche aus dem Alltag bleiben.

Und so scheint „CopStories“ seinen Modus Operandi zu festigen: eine Sammlung von kurzen Geschichten, manche einfach bloß heiter (Bellowitsch, Frau Hartmann), manche gesellschaftskritisch (Wagenstein, dunkelhäutiger Autofahrer), manche über die persönlichen Probleme der Polizisten (Matthias, Helga) und manche mit Fokus auf die Charakterzüge (Lukas/Leila) – doch die meisten sind ein bunter Mix aus allen diesen Komponenten. Was „CopStories“ da besonders ausmacht, ist, wie dicht das Ganze miteinander verwoben ist, bei elf Hauptfiguren auch verwoben sein muss. Und das macht Spaß zu schauen.

„CopStories“ Staffeln 1 und 2 werden seit 7. Juli jeden Dienstag um 21:05 Uhr auf ORFeins ausgestrahlt. Danach sind die Folgen für sieben Tage in der ORF-TVthek (auch europaweit) verfügbar. Beide Staffeln sind als DVD erhältlich.

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