Knietief im Klischee: „4 Blocks“ startet auf TNT Serie

4 Blocks
Brüder und Rivalen: Toni und Abbas; Fotos: Turner Broadcasting System Europe Limited & Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.

Nach Achtungserfolgen mit „Add a Friend“ und „Weinberg“ versucht sich der kleine Münchner Bezahlsender an einer weiteren fiktiven Eigenproduktion. Das Gangsterdrama über einen arabischen Clan in Neukölln hat auf Festivals wie der Berlinale und dem Pariser Séries Mania schon viele Vorschusslorbeeren bekommen. Zu Recht?

Nach dem in Kreuzberg eingesetzten „KDD“ und dem Wedding in „Tempel“ erschließt „4 Blocks“ einen weiteren Berliner Problemkiez als Schauplatz für eine deutsche Dramaserie. Anders als in der ZDFneo-Produktion mit Ken Duken spielt Gentrifizierung diesmal aber nur eine Rolle am Rande. Vielmehr ist die Hood für die kriminellen Protagonisten hier noch weitgehend in Ordnung: Gegner sind verfeindete Clans oder die Bullen, weniger Baulöwen und Spekulanten, mit denen man sogar Geschäfte macht – die dritte „The Wire“-Staffel lässt grüßen. Wie dereinst Stringer Bell will auch Ali Hamady (Kida Khodr Ramadan), der von allen nur Toni genannte Patriarch eines libanesischen Gangsterclans, die Verbrechen hinter sich lassen und legit werden: Immobilien statt Drogen. Aber es kann bekanntlich auch, wer hehre Absichten hat, nicht in Frieden leben, wenn es den Gegnern (auch denen in der eigenen Familie) nicht gefällt. So zwingen ihn sowohl die Verhaftung seines Schwagers als auch die Aufmüpfigkeit seines Bruders Abbas (Veysel Gelin) dazu, gegen seinen Willen doch wieder die Leitung der kriminellen Geschäfte zu übernehmen. Was wiederum seiner Ehefrau Kalila (Maryam Zaree) überhaupt nicht gefällt, die sich nichts mehr erträumt als ein bürgerliches Leben mit Gatten und Töchterchen.

Und dann taucht zu allem Überfluss auch noch ein alter Freund aus Jugendtagen wieder auf: der Deutsche Vince (Frederick Lau), mit dem Toni damals in einer Bande den Kiez unsicher machte. Wenn Vince jetzt wieder mit seinem Kumpel von früher durch die Stadt zieht und dabei in Kneipen und Nachtclubs landet, hat man wegen der Kombination aus Schauspieler und Setting fast das Gefühl, eine Serienfassung von „Victoria“ zu sehen. Es kommt dann ab der zweiten Folge dank einer Wendung – die man allerdings schon erahnen konnte – doch anders. Nun fühlt man sich eher in einer Neuauflage von Martin Scorseses „The Departed“. Überhaupt gehört Scorsese offensichtlich zu den großen Vorbildern von Regisseur Marvin Kren („Blutgletscher“) und seinen Mitautoren Richard Kropf, Bob Konrad und Hanno Hackfort (die neulich schon die Drehbuchvorlagen für das eher bemüht wirkende „You Are Wanted“ von Amazon lieferten): Irgendwie erinnert das doch alles sehr an Filme wie „Good Fellas“, wie hier einerseits der „Gangster auf großem Fuß“-Lifestyle der führenden Clanmitglieder zelebriert und dieser andererseits immer wieder mit plötzlichen brutalen Gewaltausbrüchen konterkariert wird.

Schauspielernde Deutschrapper und Gangsterrap auf der Tonspur

Leider – aus dramaturgischer Sicht – ist Neukölln dann aber doch nicht die Bronx und die deutschen Darsteller mit und ohne Migrationshintergrund reichen auch nicht an Robert de Niro oder Al Pacino heran (auch wenn es für Kida Khodr Ramadan im April zumindest für den Preis als „Bester Hauptdarsteller“ auf dem Séries-Mania-Festival gereicht hat). Vor allem die Laiendarsteller – zu denen auch diverse Deutschrapper gehören – wirken eben doch eher bemüht als authentisch. Genrefan Kren bemüht sich, seine Bildsprache möglichst weit von deutschen Fernsehstandards abzuheben. Was ihm weitgehend auch gelingt. Rein auf der Ebene des Abgebildeten bleibt er aber doch wieder im Klischee verhaftet: Berlin ist groß, laut und brutal, ein wirkliches Gespür für die unterschiedlichen Schauplätze bekommt man als Ortsfremder aber nicht. Die Stereotype verstärkend wirkt zudem der häufige Einsatz von Gangsterrap-Stücken auf der Tonspur. Statt zum offensichtlichen Genre zu greifen, um die Bilder von aggressiv die Straßen entlang ziehenden arabischstämigen Kriminellen akustisch zu unterlegen, wäre es mutiger gewesen, das Gezeigte zu konterkarieren, indem man etwa elektronische Musik oder Free Jazz einspielt.

Mit ihrer Rolle unzufrieden: Amara (Almila Bagriacik)

Am meisten hapert es aber doch wieder mal am Drehbuch, das für ständige Déjà-Vus sorgt: Das hat man alles schon mehrfach in Film und Serie gesehen – und manchmal auch schon besser, etwa in der italienischen Sky-Serie „Gomorrha“. Dreht sich dort meist jede Folge um eine oder zwei Hauptfiguren, springt „4 Blocks“ ständig zwischen mindestens einem Dutzend Charakteren hin und her. Wirklich nahe kommt einem dabei bisher noch keiner. Interessanter als die Männer, die sowieso alle gängigen Rollenbildern entsprechen – der tumbe Macho, der ruhige, aber innerlich brutale Patriarch -, wären ohnehin die Frauenfiguren, die in dieser Welt traditionell auf die Rollen der braven Ehefrauen beschränkt werden, die sich um Heim und Kindererziehung zu kümmern haben. Wie etwa Amara (Almila Bagriacik) mit ihrem Schwager Abbas spricht, deutet schon an, dass sie sich mit dieser ihr zugewiesenen Rolle keinesfalls abfinden will. Auch Abbas‘ Frau Ewa (Karolina Lodyga), die als Polin von den anderen Clanmitgliedern nicht ernst genommen wird, hat Potential zu einer interessanten Charakterentwicklung. Leider bekommen die beiden, ebenso wie Tonis Gattin, die sich ebenfalls traut, ihm Widerworte zu geben, zu wenig Screentime im Vergleich zu den Männern.

„4 Blocks“ hat durchaus seine Momente und in der zweiten Folge zieht das Tempo gegenüber dem Auftakt auch spürbar an. Die Actionszenen sind überzeugend inszeniert und lassen die Brutalität etwa der Faustkämpfe gut nachempfinden. Der Flow der Geschichte, der sich an einigen Stellen einzustellen beginnt, wird aber immer wieder durch zu schnelle Schnitte und Wechsel zu einem anderen Erzählstrang unterbrochen. Und hinter den gelungen rauhen Bildern steckt letztlich doch wieder eine Geschichte, die sich aus allzu bekannten Versatzstücken zusammensetzt. Potential wäre aber auf jeden Fall da, das Ganze in der bereits bestellten zweiten Staffel in unerwartete Richtungen weiterzuentwickeln, zumal die Macher hier einen Sender im Rücken haben, der sich spürbar mehr an internationalen Bezahlserien orientiert als am sonstigen deutschen Serienschaffen.

„4 Blocks“ läuft ab dem 8. Mai jeweils montags um 21 Uhr auf TNT Serie.

3 comments

    1. Ist geplant. Leider sind uns in letzter Zeit die meisten Mitdiskutanten abhanden gekommen. Hari und Hannes z.B. podcasten momentan nur zu österreichischen Film- und TV-Themen auf Bruttofilmlandsprodukt.net, wir wollen hier auf Fortsetzung.tv aber bald zumindest zu Zweit wieder was ausprobieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.