„Fight Club“ im Rechenzentrum: „Mr. Robot“

Christian Slater liest William Gibson's "Neuromancer"; Foto: USA Network

[login]Wenn es diesen Sommer eine Serie gab, die sich als Surrogat für die pausierenden Qualitätsserien anbot, dann „Mr Robot“ vom USA Network. Die von Sam Esmail geschriebene und erdachte Serie rund um den Hacker Elliot (Rami Malek) erweist sich dabei leider eher als Placebo ohne Wirkstoff, der nur aufgrund des Wunschdenkens der Zuschauer funktionieren kann.[/login]

Nicht, dass man mich falsch versteht, den Piloten fand ich noch stark: abgesehen vom übermäßigen Musikkleister ein sehr gut ausgewogenes Ding, dem man die sorgfältige, mehrfache Überarbeitung (durch den Autor) anmerkt und das tatsächlich Lust auf mehr gemacht hat. Dann sackte die Serie leider gnadenlos ab und erreichte das vorgelegte Niveau einfach nicht mehr, so dass ich nach fünf Folgen endgültig abbrach und nur noch die Recaps verfolgte. Es ist daher allein den vielen Lobeshymnen geschuldet, dass ich mich verpflichtet fühle, eine Gegenstimme zu erheben, um die Zustimmung meinerseits frech zu hacken.

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Elliot, das Schummelmonster, ist ein Computerkünstler, der sich in seinem Job als Programmierer in einer Sicherheitsfirma langweilt und unterfordert ist. In seiner Freizeit bricht er recht sportlich serienmäßig die Privatsphäre anderer, was stets sein stumm gehegtes Misstrauen anderen gegenüber bestätigt, gleichzeitig aber dessen Kriminalität plump legitimiert. Wobei stumm nicht ganz richtig ist, schließlich hören wir seine inneren Monologe, die ausdrücklich an uns adressiert sind, was der vielleicht cleverste Kniff für ein Voiceover ist, der mir seit langem untergekommen ist. Daraus macht die Serie aber nichts, sondern stellt Elliot im titelgebenden und von Christian Slater gespielten Mr. Robot einen so offensichtlich dem „Fight Club“ entsprungenen Mr. Durden an die Seite, dass seine Sätze auch von Elliot stammen könnten. Ebenso sieht man immer nur einen von ihnen etwas tun, der Verdacht liegt nahe – und warum auch nicht? Immerhin scheint auch dessen Plan, alle Kreditinformationen der Welt zu löschen, direkt aus „Fight Club“ übernommen worden zu sein.

Was ich jetzt gerne gesehen hätte, ist, wie es denn nach einer Löschung der Kreditinformationen mit der Welt weitergehen würde – nämlich so wie immer – die Reichen schwimmen weiter oben, die Armen bleiben unten – und man müsste zeigen, warum das so ist und ob man mit den Mitteln der Informatik daran etwas ändern kann. Dafür interessieren sich die Autoren aber (noch?) nicht und folgerichtig ich mich immer weniger für diese Serie. Vielleicht wird das ja was in der zweiten Staffel?

Da der Hauptplot ewig nicht vorankommt, bleiben ja noch die Nebenschauplätze der Subplots, die mit weiteren eher platten Charakteren besetzt sind, die allesamt unterm Strich ziemlich blass bleiben, weil man sie so oder ähnlich schon dutzende Male gesehen hat. Direkt von Rudis-Recherche-Rampe eben. Wenn man in den 80er und 90er Jahren durchschnittlich häufig im Kino war, lässt man sich von Business-Menschen, die dauernd im Hintergrund Klassik hören, sich über Wein unterhalten, sich vor dem Spiegel selbst ohrfeigen, Obdachlose gegen Geld verprügeln und ein krankes Verhältnis zu Sexualität haben, nicht mehr beeindrucken. Das ist sooo 1991. Ebenso wie die Klischee-Hackertruppe, der nur ein Brillenträger im karierten Hemd, aus dem ein Kugelschreiber guckt, fehlt – das wär dann doch zu 80er gewesen. Mit der Muslimin zum Beispiel wissen die Drehbuchautoren anscheinend rein gar nichts anzufangen, außer Kopftuch und mal beten lassen ist da nichts gewesen. Ob eine gläubige Muslimin keinen inneren Konflikt mit ihrer Hackertätigkeit hätte? Ach, sind ja im Grunde alles „Terroristen“, nicht wahr? Ich vergaß. Bin ja Deutscher.

Bessere Passwörter

Lobend erwähnen möchte ich hingegen die „Hacker-Szenen“, die sich tatsächlich mal an der Programmierer-Realität orientieren, statt auf offensichtlichen Quatsch zu setzten, wie noch in den 90er Jahren gerne praktiziert. [Seiner Zeit voraus war aber natürlich die „Johnny Mnemonic“-Verfilmung mit Keanu Reeves als gleichnamigem Hacker, leider bis heute der einzige Film nach einem Buch von William Gibson; d. Red.] Dazu passen auch die schönen, ungewöhnlichen Episodentitel, die sich wie „d3bug.mkv“ oder „3xpl0its.wmv“ lesen und vielleicht mal zu besseren Passwörtern unter den eher jungen Zuschauern beitragen können.

Nervtötend hingegen ist die mitunter wirklich schlechte Kameraarbeit, die permanent Leute in die Bildkanten sprechen lässt, wie es in der Werbung vor zehn Jahren mal populär war. In Gegenschnitt-Szenen sieht das dann richtig doof aus. Für sich genommen wäre das okay, wenn es die Ausnahme bliebe, hier ist es aber leider zur Regel geworden und nervt endlos. Man würde das jedem Anfänger in Seminaren zu Recht als Fehler ankreiden, hier ist es so hipp wie der Kapuzenpulli von Elliot.

Positiv aufgefallen ist mir noch Frankie Shaw als Nachbarin/Dealerin/Freundin/Lover-vom-Dienst Shayla, die einen bleibenden Eindruck hinterlässt und neben der man gerne selbst bedenkenlos einziehen möchte.

Abschließend noch der Hinweis auf ein sympathisches Interview mit dem Autor Sam Esmail beim Hollywood Reporter, das immerhin eine Resthoffnung erzeugt, dass noch Stoff für ein paar Staffeln vorhanden ist. Wer weiß, vielleicht wächst er in die fordernde Rolle eines Showrunners hinein, ich wünsche es ihm und seinen Fans von Herzen.

Oh, und falls mich jetzt jemand auf die tolle „Realitäts-Rede“ zum Staffelende hinweisen will, dem kann ich nur gähnend erwidern, dass ich 1988 „They Live“ von John Carpenter im Kino gesehen habe, dessen beste Szene das stärker und obendrein ganz ohne Worte erzählt. Schönen Tag noch:

[logoff] Just my [insertcoin][insertcoin][insertcoin][insertcoin][insertcoin] cents. [/logoff]

Die Pilotfolge der Serie ist auch am Montag (28. September) um 20 Uhr im Rahmen der Cologne Conference im Kölner Residenz zu sehen. Produzenten und Darsteller sind anwesend.

2 comments

  1. Seit gestern ist die ganze Staffel hier bei der WGA Library in Skriptform erhältlich, und habe bislang die ersten beide Folgen gelesen. Der Pilot ist schlichtweg der Wahnsinn, doch Folge zwei dann schon ein gutes Stück weniger spannend. Bin gespannt, ob ich am Ende der Staffel dir zustimmen kann – was ich sonst so gelesen habe, soll gerade das Staffelfinale die ganze Staffel nochmal um eine Ecke stärker machen.

    1. Klasse, gibt’s dazu einen öffentlichen Link? Bin gespannt auf deine Einschätzung dazu, ich war nach der schwachen Folge im Hochsicherheitsserverzentrum endgültig raus, da war „Sneakers“ (1992) deutlich spannender und verdeutlicht sehr gut, was hier alles versäumt wurde. Wem man da so zufällig über den Weg läuft, dass es keine Videoaufzeichnungen von Besuchern gibt, das es dort ein Restaurant anstelle einer Kantine gibt … Potential hat die Serie aufgrund des Piloten und da jetzt die Durden-Situation aufgelöst ist, kann ja was daraus werden. Die Post-Credit-Szene lässt halt nicht unbedingt darauf schließen, aber warten wir’s ab. Don’t believe the hype und bilde dir eine eigene Meinung 🙂

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