Wenn Jed Bartlet Charlie Skinner heiraten würde: „Grace and Frankie“

"Stuck in the Middle With You": Robert, Sol, Frankie und Grace im feststeckenden Fahrstuhl; Foto: Netflix

Die neue Netflix-Comedy von „Friends“-Ko-Schöpferin Marta Kauffman vereint ein hervorragendes Ensemble von Altstars, die kein bisschen eingerostet wirken: Jane Fonda und Lilly Tomlin als betrogene Ehefrauen, Martin Sheen und Sam Waterston als Paar, das sich sehr spät outet.

Besonders grün waren sich die 70-jährigen Frauen Grace und Frankie nie, obwohl ihre Ehemänner seit Jahrzehnten Geschäftspartner und beste Freunde sind und sich die Wege der Gattinnen deshalb immer wieder gekreuzt haben. Auch beim Warten auf die Männer im Restaurant anlässlich eines Dinners zu Viert gehen sich die Beiden eher auf die Nerven. Dabei erwarten sie eine vermeintlich eher erfreuliche Ankündigung von Robert und Sol: dass die Anwälte sich endlich zur Ruhe setzen wollen. Aber die haben den ahnungslosen Frauen etwas ganz anderes zu offenbaren: Die beiden Männer sind heimlich seit zwanzig Jahren ein Paar und wollen nun endlich offen zusammenleben und einander heiraten.

Mit dieser sitcomtypischen Situation beginnt die neue Netflix-Comedy „Grace and Frankie“, aber was danach kommt, hat mit einer klassischen Sitcom nur wenig gemein. Das Grundkonzept der Serie könnte man mit Blick auf ihre vier HauptdarstellerInnen auch so zusammenfassen: Man nehme zwei männliche Hauptfiguren/Darsteller aus zwei Aaron-Sorkin-Serien und stelle sich vor, was wäre, wenn die Beiden schwul wären und sich ineinander verliebt hätten. Martin Sheen wirkt in seiner intellektuellen Pedanterie als Robert wie ein endgültig weißhaarig gewordener Präsident Jed Bartlet im Ruhestand, Sam Waterston schusselig und redselig wie sein Chalie Skinner in „The Newsroom“. Dazu nehme man zwei weibliche Nebenfiguren aus den beiden gleichen Sorkin-Serien und stelle sie über Kreuz als Ehefrauen an die Seite der beiden Männer. Jane Fonda, in „The Newsroom“ die Senderchefin und damit Vorgesetzte von Waterston, ist hier als Grace mit Sheen verheiratet, dessen ehemalige Sekretärin aus „The West Wing“, Lilly Tomlin, als Frankie mit Waterston. Was sich dadurch eröffnet, ist quasi eine attraktive Alternativversion des sorkinschen Serienuniversums.

Die große Tragik hinter der Komik

Schauspielerisch ist „Grace and Frankie“ dabei von Anfang an ein Fest. Auch wenn man beim fortgeschrittenen Lebensalter der vier Schauspieler (alle sind zwischen 70 und 80) zunächst an eine Art „Golden Girls“ denken mag, haben sie nichts von ihrem Können und ihrer Ausstrahlung verloren. Fonda verkörpert mühelos die Grazie einer ehemaligen Chefin eines Kosmetikunternehmens, Tomlin ist als esoterisch-künstlerischer Alt-Hippie angenehm durchgeknallt wie schon in ihren großen Filmkomödien, etwa an der Seite von Steve Martin, und Waterston und Sheen schaffen es, glaubwürdig eine homosexuelle Beziehung zu spielen, ohne sitcomtypisches Overacting  zu bemühen. Ein Kuss hier, ein zärtliches Wangenstreicheln dort – das muss reichen und ist auch völlig ausreichend.

Die eigentlichen Stars sind aber natürlich die beiden Titeldarstellerinnen, auch wenn die Männer sie in manchen Szenen dann doch an die Wand zu spielen drohen. Die Komik resultiert vor allem daraus, dass die Frauen, deren Lebensstil und Habitus nicht weiter voneinander entfernt sein könnten, plötzlich eine gemeinsame bittere Erfahrung machen müssen. Eher gezwungen raufen sie sich zunächst zusammen, ziehen gemeinsam in das Ferienhaus, das sie sich bislang in den Urlauben mit ihren Ehemännern geteilt hatten. Da prallen Welten aufeinander, wenn die immer beherrscht bleiben wollende Grace nachts am Strand auf die unkonventionelle Frankie trifft, die gerade mittels Peyote auf Selbsterkundungstrip geht – und Grace natürlich gleich gegen deren Willen darauf mitnimmt. Schon bald schimmert hinter dieser Komik aber eine große Ernsthaftigkeit auf, die im Grunde alle guten Komödien auszeichnet. Die Frauen lernen, ihre Differenzen zu überwinden und sich als Freundinnen zu akzeptieren. Aber auch das Verhätnis zu den Ex-Gatten gestaltet sich höchst ambivalent und interessant. Auch wenn diese sie zwanzig Jahre lang belogen und betrogen haben, Gefühle lassen sich nicht über Nacht abstellen, gewachsene Nähe nicht verdrängen. Und auch Robert und Sol leiden darunter, dass sie durch ihr Verhalten ausgerechnet die Menschen am meisten verletzt haben, die ihnen – neben einander – am meisten bedeuten.

Hochzeiten und Todesfälle

Die Serie braucht etwas Zeit, um in die Gänge zu kommen: Die Auftaktfolge etabliert die Grundsituation noch etwas brachial, wirkt insgesamt nicht wirklich neu oder originell. Auch die zweite bleibt etwas beliebig. Ab der dritten Episode steigert sich die Qualität der Geschichten und Dialoge aber deutlich und bis zum Staffelende gibt es dann nur noch eine schwächere Folge (die überwiegend aus einer langen Rückblende auf einen Tag fünf Jahre zuvor besteht). Davon abgesehen jagt eine tolle Folge die andere, ob die erwachsenen Kinder zum ersten Mal gemeinsam von Sol und Robert zum Abendessen eingeladen werden und nicht wissen, wie sich dort verhalten sollen, Grace und Frankie ihre Ex-Partner auf einer Beerdigung wiedertreffen oder die Hochzeitsvorbereitungen zu entgleiten drohen. Mit der Zeit schleichen sich auch herrliche Running Gags in die Handlung, etwa die immer wieder erwähnte Tatsache, dass Graces neuer Freund – ein Survivalkünstler vom Typ Reinhold Messner – einmal notgedrungen einen verhungerten Freund verzehren musste.

Insgesamt zeichnet die Serie eine große Warmherzigkeit und Respekt gegenüber ihren Figuren, deren Macken und Lebensentwürfen aus. Marta Kauffman, die sie gemeinsam mit Howard J. Morris erfunden hat, bewies schon als Ko-Schöpferin des modernen Klassikers „Friends“, dass sie mehr kann, als bloß Leute zum Lachen zu bringen (das kann sie freilich auch immer noch sehr gut). Wie auch schon bei „Episodes“, der aktuellen Serie ihres damaligen Schreibpartners David Crane, zeigt sich, dass der Erfolg von „Friends“ zu einem großen Teil den hervorragenden Autoren zu verdanken war. Nach Crane ist nun auch Kauffman im Premium-Fernsehen (bzw. -Streaming) angekommen und das ist im heutigen US-Mediensystem sicher auch der geeignetere Platz, um eine Comedyserie zu platzieren, die zugleich sehr erwachsen und aber immer wieder auch einfach sehr lustig ist. Wobei sich „erwachsen“ hier nicht in erster Linie auf das Alter der Schauspieler bezieht, sondern vielmehr auf die Beschäftigung mit Fragen nach Nähe und Enttäuschung, Neuanfang und Selbstbestimmung, die im Grunde jeden Menschen etwas angehen.

Alle 13 Folgen der ersten Staffel sind bei Netflix verfügbar.

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