Springt „Mad Men“ nun doch langsam „über den Hai“?

Eindrücke und Gedanken nach den ersten drei Wochen der sechsten Staffel der AMC-Serie

Hat den Dante mal zur Seite gelegt: Don Draper (Jon Hamm) mit Gattin Megan (Jessica Paré) am Strand; Foto: AMC

Die ersten Minuten der neuen „Mad Men“-Staffel sind gleichermaßen ungewohnt wie befremdlich: Don liegt mit seiner jungen Ehefrau Megan am Strand von Honolulu und liest Dantes „Inferno“. Was er gerade liest, bekommen wir als Voice Over zu hören. Von der Unglaubwürdigkeit der Lektürewahl einmal abgesehen – oder galt Dante in den 1960er Jahren noch als gängiges Mittel zur Zerstreuung am Meer? – : Wie weit kann man es mit den Symbolen treiben, bevor es zu dick aufgetragen wirkt?

Dass die allermeisten Serien, seien sie auch noch so gut, bei längerer Laufzeit irgendwann den Punkt erreichen, an dem sie kippen, ab dem es bergab geht, ist fast schon Konsens. Es ist eben so gut wie unmöglich, über fünf, sechs, sieben oder gar zwölf Staffeln so frisch und innovativ zu bleiben wie am Anfang und selbst die besten Autoren wiederholen sich früher oder später. Hinzu kommt, dass gerade bei erfolgreichen Networkserien oft lieb gewonnene Darsteller aussteigen, wenn sie das Gefühl haben, ihre Figuren seien auserzählt – oder Angst vor dem „Doktor-Brinkmann-Syndrom“ bekommen, also davor, zu sehr auf eine Rolle festgelegt zu werden. Bei „Mad Men“ dürfte zumindest die Gefahr, dass Jon Hamm oder ein anderer wichtiger Darsteller vorzeitig keine Lust mehr hat, gering sein – wahrscheinlicher ist da schon, dass Showrunner Matthew Weiner noch den ein oder anderen Nebencharakter vor Ende der Serie in knapp zwei Staffeln übers Messer springen respektive an der Bürotür baumeln lässt.

Das Phänomen, dass einstmals tolle Serien irgendwann den Absprung verpassen und ins Lächerliche kippen, haben Serienfans sogar mit einem eigenen Ausdruck versehen: „jumping the shark“. Als in der fünften Staffel der US-amerikanischen Serie „Happy Days“ eine Hauptfigur plötzlich auf Wasserskiern über einen Hai sprang, war das vielen Anhängern der Show einfach zu viel. Der Begriff wurde danach zu einem geflügelten Wort, auch wenn die Meinungen, wann nun welche Serie einen Haisprung zu viel gemacht hat, naturgemäß jeweils weit auseinandergehen. Momente, wo darüber weitgehend Einigkeit herrscht, sind etwa die Wendung, als Clark Kent seiner bis dato heimlich angebeteten Lois Lane verrät, dass er Superman ist und danach auch noch mit ihr zusammenkommt. Danach war die Luft irgendwie raus und man konnte auch über die von Anfang an meist recht dämlichen Episodenplots nicht mehr hinwegsehen, da der Hauptreiz, von dem „Lois & Clark“ gelebt hatte, leichtfertig verschenkt worden war.

Und was ist nun mit „Mad Men“, einer Serie, deren erste fünf Staffeln so brillant geschrieben waren, dass man eigentlich schon denken konnte, Herrn Weiner werden die großartigen Ideen und subtilen Dialoge niemals ausgehen? Begann die fünfte Staffel noch mit einem eineinhalbstündigen Knall, einer ebenso witzigen wie charmanten Doppelfolge, die durch die Tanzeinlage Jessica Parés fast schon legendär geworden ist, schleppen sich die 90 Minuten des sechsten Staffelauftakts eher gemächlich dahin. Vor allem wirken die diversen Storylines aber meist so, als wüsste Weiner nicht mehr so recht, worauf er eigentlich hinaus will. Don wird auf Hawaii mal wieder an seine Vergangenheit beim Militär erinnert, als er noch nicht Don war – die Rückblenden auf seine harte Kindheit, die seit zwei Staffeln keinen Platz mehr in der Serie hatten, lassen dann auch nicht lange auf sich warten. Aber haben wir diese Einschübe Steinbeck’schen Sozialrealismus‘ wirklich vermisst?

Betty taucht in einem noch befremdlicheren Handlungsstrang wieder auf, in dem sie sich plötzlich mit „Pennern“ in einem eigentlich unbewohnbaren Haus unterhält. Zumindest nach der Folge sieht es nicht so aus, als hätte diese Handlungslinie irgendwo hingeführt (und zwei Episoden später macht es noch denselben Eindruck, ist Betty doch in diesen gar nicht wieder zu sehen gewesen). Zu ihrem Charakter passen die Gespräche in dem squatter house jedenfalls überhaupt nicht – die Betty, die wir kennen, hätte nach einer Minute Reißaus genommen. Und am Ende des Staffelauftakts erfahren wir, dass Don wieder da ist, wo er seit Beginn der Serie war, mit Ausnahme der vergangenen Staffel, in der Position des untreuen Ehemanns, der nun also auch seine zweite Gattin mit der Nachbarin (immerhin Linda Cardellini aus „Freaks and Geeks“ und „ER“) betrügt (wenigstens diesmal keine Sekretärin). Aller vermeintlicher Fortschritt in seiner Charakterentwicklung war also Schall und Rauch – was sich freilich schon am Ende der fünften Staffel andeutete. Das mag konsequent sein, aber es ist eben auch ein bisschen langweilig, vielleicht die eine Variation des Immergleichen zu viel.

Auch mit thematischen Anspielungen kann man es übertreiben. Weiner tut das in der Folge nicht nur mit der Höllenlektüre am Strand, sondern auch mit diversen anderen Hinweisen auf eines seiner Lieblingsthemen: den Tod. Ich weiß nicht, ob an einer Treppenhaustür im Hintergrund wirklich stand, dass man keine Dinge mit durch nehmen kann, wie es im Guardian-Blog diskutiert wurde. Um das zu bemerken, hätte ich die Folge schon in Zeitlupe angucken müssen. Aber auch sonst muss man sagen: Subtil ist diesmal wirklich anders.

Auch die zweite Folge verbessert den durchwachsenen Eindruck des Staffelauftakts leider nicht. Erst in der dritten hat man den Eindruck, dass Weiner mal wieder etwas Neues wagt, wenn mit der Sekretärin Dawn erstmals eine Schwarze einen eigenen Handlungsstrang bekommt. Auch der Wettstreit zwischen Don und Peggy, die mit ihrer neuen Agentur zum ersten Mal mit SCDP um denselben Auftrag konkurriert, ist spannend anzusehen. Etwas platt wirkt es allerdings, wenn Dons neue Geliebte ihm gegenüber am Ende der Folge ausspricht, was eh alle Zuschauer schon seit mehreren Jahren denken: „Ich würde dir so gerne helfen, deinen Frieden zu finden.“

Fassen wir zusammen: unglaubwürdige und uninteressante Handlungsstränge, (zu) dick aufgetragene Symbolik, platte, laut ausgesprochene Erkenntnisse, zudem das Fehlen eines großartigen Charakters wie Lane Pryce, den man fast schmerzlich vermissen kann – einige gute Gründe für die Annahme, dass auch „Mad Men“ vielleicht seinen Zenit schon überschritten hat. Bislang hat uns Matthew Weiner immer noch eines Besseren belehrt. Hoffen wir, dass er es auch diesmal schafft, noch rechtzeitig die Kurve zu kriegen statt über den Hai zu springen.

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