Die Kupfers im Kapitalismus: „Weissensee“ Staffel 4 im Ersten

Weissensee, IV. Staffel
Der idyllische Eindruck trübt: Familie Kupfer sieht in eine ungewisse Zukunft; Foto: ARD/Frederic Batier

Kaum sind drei Jahre vergangen, da ist die ARD schon mit einer neuen Staffel ihrer Erfolgsserie am Start. Darin muss sich Familie Kupfer durch die Wirren und Umbrüche der DDR-Gesellschaft im Frühjahr 1990 lavieren. Wir hatten Gelegenheit, die neuen Folgen vorab zu sehen.

Nachdem am Ende der dritten Staffel die Mauer gefallen war, sind nun also auch die Kupfers endlich im demokratischen und kapitalistischen System angekommen – zumindest physisch. Der Geist ist bei den einzelnen Familienmitgliedern je nach Lebensalter und Grad der ideologischen Prägung mal mehr, mal weniger stark hinterher. So werden die Eltern wohl beide keine überzeugten Vertreter der Marktwirtschaft mehr werden, wenngleich Vater Hans (Uwe Kokisch) die demokratische Öffnung durchaus begrüßt. Er ist auch bereit, die eigenen Fehler und die Rolle seiner Institution, der Stasi, offen und öffentlich zu diskutieren. Das will natürlich sein ehemaliger Vorgesetzter Gaucke um jeden Preis verhindern. Mutter Marlene (Ruth Reinecke) erweist sich hingegen einmal mehr als unverbesserliche Altstalinistin, die versucht, das Vermögen der gewendeten Partei zu retten – und gleichzeitig ihre Familie, was sich als ziemlich unvereinbar herausstellt.

Am anpassungsfähigsten ist ausgerechnet Falk (Jörg Hartmann), dem der eigene Vorteil dann doch immer wichtiger war als seine Überzeugungen. Unter falschem Namen arbeitet er jetzt für einen westdeutschen Versicherungskonzern – den alten Klassenfeind also -, wendet dabei aber die gleichen Methoden an, die ihm als Ex-Stasi-Offizier so vertraut sind. Genau deshalb haben die Kapitalisten ihn auch angeheuert. Gleichzeitig ist Falk ein gebrochener Mann, der nach der Konfrontation mit Dunja Hausmann am Ende der Vorgängerstaffel im Rollstuhl sitzt und mit seinem Schicksal hadert. Hoffung bringt seine Physiotherapeutin Petra (Jördis Triebel, neuerdings in jeder deutschen Qualitätsserie von „Babylon Berlin“ bis „Dark“ dabei), der er sich behutsam annähert. Allerdings ist ausgerechnet sie ein Opfer der Stasi geworden und ahnt natürlich nicht, in wen sie sich da gerade verliebt.

Ein gesellschaftliches Problem pro Familienmitglied

Schon länger mit dem DDR-Regime abgeschlossen hatte der jüngere Kupfer-Bruder Martin (Florian Lukas), der ironischerweise aber das einzige Familienmitglied ist, das versucht, sozialistische Werte zu leben. So kämpft er nun als Anführer der Belegschaft darum, seinen Möbelbetrieb und damit die Arbeitsplätze zu retten. Leider war Martin aber auch schon immer recht naiv und geht prompt einem windigen West-Geschäftspartner auf den Leim, der Kredite verspricht. Aber was soll man sonst auch machen, wenn die gerade gegründete Treuhand-Anstalt überwiegend nur an der Abwicklung der einst volkseigenen Betriebe interessiert ist? Für jene Treuhand arbeitet jetzt auch Vera (Anna Loos), nachdem ihr Demokratisches Forum bei den ersten freien Wahlen krachend gescheitert ist. Auch innerhalb der neuen Behörde haben sich aber schon wieder Altkader ihre Pfründe gesichert…

Etwas arg konstruiert wirkt das natürlich schon, wie sämtliche gesellschaftlichen Problemlagen der Nachwendezeit hier auf die einzelnen Mitglieder der Familie Kupfer aufgeteilt werden. Das war schon immer etwas der Konstruktionsfehler der Serie, ist aber bei einer solchen Familienserie vielleicht auch gar nicht anders zu lösen. Was aber nicht sein musste, ist, dass nun auch noch die erwachsen gewordenen Kinder von Martin, Falk und Vera mit eigenen Handlungssträngen weitere soziale Aspekte durchdeklinieren müssen. So fällt Martins Älteste Anna (Ziva-Marie Faske) dem kapitalistischen Traum von Ruhm und Reichtum als Fotomodel zum Opfer, während ihr Cousin Roman (Ferdinand Lehmann), einst zwangsgedopter Leistungssportler, jetzt auch noch zum Neo-Nazi mutiert. Das ist dann doch etwas zu viel des Guten.

Wo ist Dunja?

Generell leidet die Staffel wie schon beim letzten Mal an Zeitknappheit. Da Autor und Regisseur Friedemann Fromm (nach dem Ausscheiden von Serienschöpferin Annette Hess nun alleiniger Lenker der Geschicke) versucht, alle relevanten Themen in die nur sechs gut 45-minütigen Folgen zu pressen, hetzt die Handlung von Szene zu Szene und von Figur zu Figur. Zeit zum Atmen bleibt den Figuren dabei kaum, weswegen sich auch die Charaktere nicht immer ausreichend entwickeln können. Es fällt gleich positiv auf, wenn es dann doch einmal eine nicht rein funktionale Szene gibt, wenn etwa Martin inmitten all seiner Probleme einfach mal einen Moment lang auf der Dachterasse seiner Wohnung luftgitarrespielend zu einem Rocksong tanzt.

Was die Serie nach wie vor auszeichnet, sind vor allem die Hauptdarsteller, die den auf dem Papier manchmal etwa zu schematischen Figuren Leben einhauchen. Einmal mehr sticht hier Jörg Hartmann heraus, der sich spätestens seit Staffel 3 zur eigentlichen Hauptfigur entwickelt hat. Sein Falk Kupfer ist diesmal deutlich ambivalenter angelegt als noch zu Beginn der Serie und erstmals zeigt er echte Skrupel angesichts dessen, was seine (alten und neuen) Vorgesetzten von ihm verlangen. Endgültig verabschiedet hat sich hingegen auch das letzte verbliebene Mitglied der Familie Hausmann, zumindest physisch: Ex-Protestsängerin Dunja taucht nur noch in Rückblenden oder als Stimme von Schallplatte auf (nachdem Katrin Sass wegen der ursprünglichen Kürzung ihrer Rolle ganz ausstieg), hat aber inhaltlich als Phantom, das von allen Seiten gesucht wird, dennoch eine wichtige Funktion. Das wirkt allerdings reichlich bemüht, zumal verschiedene Figuren auch noch ständig in ihrer verlassenen Wohnung herumschleichen müssen – vielleicht reichte das Budget nicht für neue Sets.

Geschichte  aus Sicht der Verlierer

Auf Drehbuchebene schwankt die Staffel zwischen etwas hölzern klingenden Dialogen und authentischeren Momenten hin und her. Inhaltlich interessant ist es allemal, wie das deutsche Fernsehen hier in fiktionalisierter Form die Fehlentwicklungen aufarbeitet, die es beim Einverleiben der DDR-Gesellschaft in die Bundesrepublik vor fast 30 Jahren gegeben hat. Beschönigt wird da erfreulicherweise nichts, was die unrühmliche Rolle der Treuhand und der westdeutschen Politik und Wirtschaft insgesamt betrifft. Zu einem großen Teil wird hier jüngere deutsche Geschichte noch einmal aus Sicht der Verlierer erzählt.

Am Ende steht ein echter Knalleffekt, der eine weitere Fortsetzung schwer vorstellbar macht. Was MDR-Fictionchefin Jana Brandt jedoch nicht davon abhält, über eine weitere Staffel bereits nachzudenken. Trotz aller Qualitäten, die „Weissensee“ zweifellos hat, sei hier zur Vorsicht geraten: Jede Serie ist irgendwann auserzählt, insbesondere, wenn tragende Figuren/Schauspieler nicht mehr zur Verfügung stehen. Und das Ende der DDR wäre auch ein logischer Zeitpunkt, das weitere Schicksal der Familie Kupfer der Fantasie der Zuschauer zu überlassen.

Die neue Staffel läuft am 8., 9. und 10. Mai jeweils ab 20 Uhr 15 in Doppelfolgen im Ersten.

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