„Wishlist 2.0“: Gestiegenes Budget, gestiegene Ansprüche

Wishlist 2.0
Sommerlich bekleidet im Pelzhaus: Jeanne Goursaud, Vita Tepel, Yung Ngo, Michael Glatschnig und Regisseur Marc Schießer; Foto: Lina Kokaly

Die erste Staffel der von funk beauftragten Webserie „Wishlist“ war noch ein Experiment. Nach dem überraschend großen Erfolg bei Zielgruppe und Kritikern und den wichtigsten Fernsehpreisen liegen die Erwartungen für die Fortsetzung höher. Bei den Dreharbeiten in Wuppertal versuchen die Macher, ihnen gerecht zu werden.

Die Schaufenster des „Pelzhaus“, einer schicken Bar in der Elberfelder Innenstadt, die früher anscheinend mal ein ebensolches Geschäft war, sind mit schwarzem Stoff abgedeckt. Es ist Mittag, draußen herrscht die typische Wuppertaler Mischung aus gelegentlichem Sonnenschein und Nieselregen, aber in der Bar soll es Abend sein. Denn dort entstehen gerade Szenen für Staffel 2, Folge 8 von „Wishlist“. Der hippe Schuppen heißt in der Serie „Plotpoint“ (also etwa „Handlungs(wende)punkt“) und wird in den neuen Folgen zum zentralen Treffpunkt der Clique um Mira (Vita Tepel), die Barbesitzerin als neue Figur eingeführt.

In dem engen Innenraum im Erdgeschoss muss sich Regisseur Marc Schießer in einer Ecke hinter den Monitoren verschanzen, um nicht selbst ins Bild zu geraten. Direkt neben ihm sitzen einige Crewmitglieder als Komparsen/Kneipengäste auf gemütlichen Stoffhockern. Drei der Hauptdarsteller warten gegenüber an der langen Theke auf ihren Einsatz, Kunstnebel wabert durch den Raum. Ein erster Take, ein zweiter. Schießer ist mit den regungslosen Kneipenbesuchern noch nicht zufrieden:“Die Komparsen sehen aus wie Wachsfiguren.“ Also noch mal von vorne mit etwas mehr Zuprosten, während Schießer die beiden Monitore fest im Blick hat – gedreht wird mit zwei Kameras gleichzeitig, eine für die Halbtotale, eine für eine Nahaufnahme für Janina, die in einem schwarzen Ausgehoutfit an der Theke vorbeischlendert.

Unterwasserszenen statt Selbstausbeutung

Das konnte nun wirklich niemand ahnen, als die erste Staffel entstand, dass sie es nicht nur auf bisher rund vier Millionen Aufrufe bei YouTube und mehr als 125.000 Abonnenten bringen sollte, sondern auch noch mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet werden würde. War „Wishlist“ doch zunächst nicht mehr als eine relativ billig produzierte zehnteilige Webserie, finanziert vom damals noch nicht gestarteten „jungen Angebot von ARD und ZDF“ namens funk und umgesetzt von einer eigens gegründeten Produktionsfirma, bestehend aus einigen jungen Filmemachern aus Wuppertal, die zuvor nicht mehr vorzuweisen hatten als Arbeiten für ein nichtkommerzielles lokales Medienprojekt und – eben YouTube.

Gut ein Jahr, eine Staffel und die wichtigsten deutschen Auszeichnungen für TV- und Webvideomacher später, wird in Wuppertal wieder gedreht, weitgehend mit dem gleichen Team, aber mit einem Vielfachen des Budgets. Das hatten sich die Produzenten um Regisseur Marc Schießer und seinen Ko-Drehbuchautor Marcel Becker-Neu vertraglich vereinbaren lassen, für den Fall, dass die erste Staffel ein Erfolg würde. Und man muss sagen: Die hat alle Wünsche der Macher und Auftraggeber übererfüllt. Deshalb entstehen jetzt gleich zwölf neue Folgen, die zudem jeweils wesentlich länger werden sollen: rund 25 statt nur 15 Minuten wie noch in der ersten Staffel. Dank des erhöhten Budgets (an dem diesmal auch die Filmstiftung NRW beteiligt ist) sind die Arbeitsbedingungen diesmal deutlich komfortabler, müssen sich etwa die Produzenten und Autoren nicht mehr gleichzeitig noch selbst ums Catering kümmern. „Bei der ersten Staffel musste ich immer neben der Kamera herlaufen, jetzt haben wir Monitore, das macht es natürlich leichter“, erklärt Marc Schießer in einer Drehpause. „Wir können jetzt unsere Vorstellungen einer deutschen High-Concept-Serie noch mehr umsetzen, mit richtigen Actionszenen und aufwendigen gebauten Sets.“ So wird es als neuen Handlungsort die riesige Zentrale des „Wishlist“-Konzerns geben, jenen Bösewichten, die hinter der titelgebenden Handy-App stecken, die das Schlechteste aus den Nutzern hervorbringt. Außerdem verspricht Schießer für Staffel 2 Verfolgungsjagden und sogar Unterwasserszenen.

Erzählerische Experimente

Als Vorbild nennt er die Eigenproduktionen des Streaminggiganten Netflix, „sowohl, was die Art des Erzählens, als auch was die Produktionsqualität angeht, das ganze Gefühl, das die Netflix-Serien ausstrahlen.“ Sein Ziel: „Dass unsere Serie bei denen laufen könnte, und zwischen den anderen Serien nicht negativ auffallen würde.“ Um diesen selbstgestellten Ansprüchen zu genügen, soll die Bildqualität noch einmal deutlich steigen. So gebe es nun eine im Vorhinein festgelegte Farbpalette für jede Einstellung. „Die schlechteste Szene der zweiten Staffel soll immer noch so aussehen wie die beste der ersten“, so Schießer. Das wird nicht einfach einzulösen sein, war doch die Bildgestaltung inklusive Grading und Schnitt schon die größte Stärke der bisherigen Folgen. Das sah, insbesondere wenn man das niedrige Budget bedenkt, schon verdammt gut aus – endlich einmal hatte man den Eindruck, dass sich hier deutsche Serienmacher nicht nur im Vorfeld genaue Gedanken gemacht hatten, wie ihre Serie aussehen sollte, sondern das dann auch noch konsequent durchgezogen hatten.

Staffel 2 soll aber auch inhaltlich zulegen, erwachsener werden, düsterer und mit mehr Tempo. „Staffel 1 war eigentlich eher die Exposition, in der wir die Figuren kennengelernt haben“, erläutert Schießer. Jetzt, wo die Grundsituation etabliert sei, die Helden sich in akuter Lebensgefahr befänden, könne die Geschichte erst richtig durchstarten. Es soll durchgehend zwei parallel laufende Handlungsstränge geben – einen um den von Becker-Neu gespielten Dustin, der auf der Flucht ist, und einen um seine Freunde, die nach ihm suchen. Dabei sollen auch die jungen Hauptfiguren ambivalenter gezeichnet werden als noch in der Debütstaffel. Erzählerisch will man zudem mit einer sogenannten Bottle-Episode experimenteller werden, wie es sie auch in US-Qualitätsserien wie etwa „Breaking Bad“ gibt, also einer Folge, die vom üblichen Erzählschema der Serie abweicht.

Authentisch und gewagt

Es bleibt aber auch einiges gleich: Das Team, weitgehend der Hauptcast – obwohl Janina-Darstellerin Nele Schepe aus privaten Gründen durch Jeanne Goursaud (Bibi aus „Der Lehrer“ und auch im nächsten Film von Clint Eastwood zu sehen) ersetzt werden musste -, die Drehorte in und um Wuppertal (der Heimatstadt der Autoren), die freundschaftliche Atmosphäre am Set. Und wie erklärt sich der Regisseur selbst den Erfolg der ersten Staffel? „Wir haben den Zeitgeist getroffen, indem wir das Mysterykonzept auf das Smartphone-Thema übertragen haben.“ Außerdem seien die Figuren und deren Sprache authentisch, so Schießer: „Wir müssen da nichts künstlich erfinden, sondern überlegen einfach bei jeder Szene, welche Medien wir selbst in der jeweiligen Situation nutzen würden.“ Die kritischen Aspekte sozialer Medien wie Datenschutz und Totalüberwachung würden auch in der Fortsetzung wieder angesprochen, aber eben ohne erhobenen Zeigefinger. Lina Kokaly, die die Serie für Radio Bremen betreut, sieht als Erfolgsrezept, dass „Wishlist“ „gewagter, origineller ist als die typische deutsche Serie, auch optisch, mit Netflix-hafterem Grading“. Da ist es wieder, das große Vorbild der jungen Serienmacher und -redakteure: nicht mehr HBO, das noch vor wenigen Jahren als Nonplusultra in Sachen serielles Erzählen galt, sondern der VoD-Anbieter aus dem Silicon Valley.

Einer der Pluspunkte der bisherigen Folgen war auch Hauptdarstellerin Vita Tepel. Ihre missmutige Mira, die ihre Umwelt mit einer Mischung aus Abscheu und Zynismus betrachtet und sich dabei doch insgeheim nach echten Freunden sehnt, ist eine ideale Identifikationsfigur nicht nur für Menschen, die selbst noch zur Schule gehen. Tepel betont, dass sie selbst ganz anders sei als ihre Figur: „Ich bin auf jeden Fall offener, nicht so misanthropisch. Ein Stück von mir steckt aber schon in Mira: Diesen grimmigen, bösen Blick hatte ich früher auch.“ Obwohl auch Tepel vom großen Anklang der Serie überrascht wurde, hat dieser bisher noch nicht zu vermehrten Rollenangeboten geführt. Aber vielleicht liegt die Zukunft der deutschen Qualitätsserie ja sowieso eher bei YouTube als in den klassisch linearen TV-Programmen von der ARD bis zu RTL. Auch wenn die erste „Wishlist“-Staffel Mitte Dezember an einem Spätabend auch im Ersten laufen soll (rechtzeitig zum geplanten Online-Start der Fortsetzung), mit allen Folgen am Stück, insgesamt also etwa 150 Minuten. Bingewatching à la ARD quasi, etwas antiquiert wirkend, aber eben auch auf verquere Weise crossmedial, so wie irgendwie dieses ganze Projekt namens funk. Aber so lange so etwas wie „Wishlist“ dabei herauskommt, ist dieses Verquere eben doch recht sympathisch.

Die erste Staffel ist komplett auf dem „Wishlist“-Kanal bei YouTube zu sehen.

3 comments

  1. Vielen Dank für diesen hervorragenden Tipp!

    Da ich selbst aus Wuppertal stamme habe ich natürlich sofort angebissen und die Serie in einem Rutsch durchgeschaut.
    Bin zwar altermäßig weit von der anvisierten Zielgruppe entfernt aber thematisch und gestalterisch ist Wishlist allererste Güte. Eine faszinierende „Dark Mirror“- würdige Ausgangsidee und interessante weil immer ambivalenter werdende Charaktere.

    Lieber Marcus, auf deine Tipps, Rezensionen und podcast Auftritte (leider viel zu selten) freue ich mich immer besonders. Anscheinend haben wir da geschmacklich eine große Schnittmenge. Ich denke da nur an „Wonderfalls“, ein weiteres Serienkleinod, welches mir ohne dich entgangen wäre.

    1. Danke, das höre ich natürlich gerne. Ich habe auch mal in Wuppertal gewohnt und bin neuerdings wieder zwecks Arbeit jeden Tag in der Stadt. Seltsam, dass dort so wenige Filme oder Serien gedreht wurden, ist die Topographie und Architektur doch sehr eigen.

      1. Mir fallen da spontan auch nur die Filme „Nichts bereuen“ (2001) mit Daniel Brühl und natürlich Tom Tykwers „Der Krieger und die Kaiserin“ ein. Beide fangen Wuppertals spezifische Eigenheiten filmisch sehr gut ein.
        Wobei „Wishlist“ stilistisch den frühen Filmen Tykwers auch recht ähnlich ist, finde ich.

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