„Nobel“ & Co.: Wo ist die deutsche Serie über den Afghanistan-Einsatz?

Nobel
Afghanistan: Die Norweger waren da, ihr Fernsehen auch (hier mit "Nobel"), aber wo bleibt die Degeto?; Foto: NRK/Netflix

Die Briten haben „Our Girl“ (neulich auf arte), die Norweger „Nobel“ (neu auf Netflix): Serien, die in unterhaltsamer Form die Afghanistan-Einsätze ihrer jeweiligen Armeen behandeln. Auch die Deutschen spielten in dem Krieg eine Rolle, sind teilweise noch immer dort stationiert. Aber wo bleibt die entsprechende Serie eines deutschen Senders? Wir hätten schon mal ein Konzept.

Gerade konnte man mal wieder beobachten, wie internationale Serienmacher unabhängig voneinander aktuelle gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen und im Rahmen einer Unterhaltungsserie spiegeln: arte zeigte bis vorletzte Woche als Wiederholung die erste Staffel der BBC-Serie „Our Girl“, in der die 18-jährige Molly, die im Londoner East End in „Shameless“-ähnlichen Familienverhältnisen aufgewachsen ist, sich zur Army meldet und in Afghanistan über sich hinaus wächst. Und fast zeitgleich stellte Netflix die norwegische Dramaserie „Nobel“ online, die eine Spezialeinheit in den Mittelpunkt stellt, die die US-Truppen im gleichen Krieg unterstützt, indem sie besonders heikle Missionen übernimmt.

Beide europäische Produktionen sind teilweise ziemlich patriotisch. „Our Girl“ ist auch ansonsten weitgehend unkritisch, was die eigene Armee insgesamt und deren Rolle im Afghanistankrieg im Besonderen anbelangt. Dennoch ist die Serie nicht nur spannend gemacht, sondern zeigt zum Beispiel auch recht deutlich, was ein solcher Kriegseinsatz mit den westlichen SoldatInnen macht, wie schwer es ihnen fällt, sich zuhause wieder in den Alltag zu integrieren. Wesentlich kritischer gegenüber der eigenen Regierung und deren Außenpolitik fällt das norwegische Pendant aus: Sie lässt keinen Zweifel daran, dass Großmachtstreben und eigene wirtschaftliche Interessen bei dem Auslandseinsatz wichtige Motivationen sind und die Politik die Soldaten im Grunde verheizt. Die Kohlen aus dem Feuer holen dürfen sie gerne, aber wenn etwas schief läuft oder ihr Verhalten in der Öffentlichkeit nicht mehr opportun erscheint, haben die Oberen keine Skrupel, sie fallen zu lassen.

Während man von den Briten gut gemachte Serien ja inzwischen erwartet, ist „Nobel“ eine echte Überraschung und wirft einmal mehr die Frage auf, wie die Skandinavier es eigentlich immer wieder schaffen, solche Serien zu produzieren, die nicht nur inhaltlich anspruchsvoll sind, sondern auch noch gut (und teuer) aussehen. Und danach stellen sich gleich andere Fragen mit Bezug zur deutschen Serienlandschaft: Wann hat es zum letzten Mal eine deutsche Serie gegeben, die über weite Teile in Afrika oder im Nahen Osten gedreht wurde? ARD und ZDF schaffen es ja höchstens bis Venedig oder Istanbul, um dort deutsche Schauspieler als vermeintliche Einheimische auf Deutsch bei den jeweiligen Mordkommissionen ermitteln zu lassen. Wann gab es überhaupt mal eine deutsche Serie, die einen Krieg behandelt hätte, der nach 1945 stattfand? Wo sind insgesamt die Eigenproduktionen mit gesellschaftlich aktuellen Fragestellungen?

Man hat den Eindruck, für die Verantwortlichen bei ARD und ZDF endete die Geschichte 1989: Zweiter Weltkrieg und DDR gehen immer, aber dann ist auch schon Schluss. Lieber flüchten wir uns noch mal ins 19. Jahrhundert als ins 21. Fast allen Länder um uns herum gelingt es hingegen, Serien vorzulegen, die sich von der internationalen Finanzkrise (Dänemarks „Follow the Money“) über die zukünftige Ölknappheit (Norwegens „Occupied“) bis zum nicht enden wollenden Nahostkonflikt (Israels „Fauda“) mit allen möglichen aktuell oder in naher Zukunft relevanten Problemlagen auseinanderzusetzen, von denen die eigenen Gesellschaften betroffen sind.

Falls es sich die hiesigen Senderoberen mal anders überlegen, haben wir hier schon mal ein altes Konzept für eine im Afghanistankrieg spielende Serie ausgegraben, das ich vor ungefähr acht Jahren geschrieben habe. Degeto, bitte melden.

Mazar-i-Sharif

Eine Stadt am Rande der Zivilisation, ein Krieg, der nicht zu gewinnen ist. Soldaten, Polizisten und Ärzte in ihrem Kampf für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenleben in Afghanistan.

Die Serie zeigt den harten Alltag der Soldaten, Polizisten und Krankenhausmitarbeiter in der nordafghanischen Provinzhauptstadt Mazar-i-Sharif. Im Mittelpunkt stehen die deutschen Soldaten des ISAF-Stützpunkts Cape Marmal sowie ihre schwedischen Kameraden des örtlichen Provincial Reconstruction Teams (PRT), die Ärzte und Schwestern des örtlichen Allgemeinkrankenhauses und die Mitglieder der afghanischen Polizei. All diese Berufsgruppen werden täglich mit den Gefahren und Folgen des Krieges gegen die aufständischen Taliban konfrontiert. Sie müssen, so gut es geht, versuchen, Konflikte friedlich zu lösen, Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen zu retten und inmitten der anarchistischen Wirren für Recht und Gerechtigkeit zu sorgen. Dabei gehen sie regelmäßig bis an ihre eigenen physischen und psychischen Grenzen – und setzen ein ums andere Mal ihr eigenes Leben aufs Spiel. In den Straßen der Großstadt sind die Soldaten und Polizisten die einzigen Menschen, die Gewalt und Anarchie etwas entgegen setzen können. Wenn es dennoch zu Gefechten und Gewalttaten kommt, sind es die Mitarbeiter der Notaufnahme der Klinik, die Verwundete wieder zusammenflicken müssen.

Mazar-i-Sharif ist eine Action-Dramaserie: Dramatische Momente wechseln sich mit spannenden Actionszenen ab. Während die erzählerische Tiefe durch die Beleuchtung menschlicher Schicksale in Zeiten des Krieges und der psycholgischen Folgen des Kriegsalltags für die Hauptfiguren erreicht wird, sorgen Schussgefechte, Verfolgungsjagden, Bombenentschärfungen sowie der Kampf um Leben und Tod schwer verwundeter Patienten für Spannung und Nervenkitzel. Dabei stellt die Serie immer wieder direkt und indirekt auch die Frage nach Sinn und Unsinn des Einsatzes der internationalen Truppen in Afghanistan.

Die Verbindung von drei attraktiven Berufsgruppen mit großem dramatischen und Gefahren-Potential sowie der aktuelle Bezug zum Afghanistankrieg sorgen für ein unerschöpfliches Reservoir spannender und bewegender Geschichten. Wer „ER“ und „Third Watch“ mochte, wird Mazar-i-Sharif lieben.

Die Schauplätze:

Camp Marmal, Sitz des Regionalkommandos Nord der ISAF sowie des Stabes der deutschen Truppen in Afghanistan

Auf dem zwei Quadratkilometer großen Stützpunkt, dem größten der Bundeswehr außerhalb Deutschlands, leisten 2000 Soldaten ihren Dienst, darunter 1500 deutsche sowie Angehörige von 19 weiteren Nationen. Wir begleiten die Soldaten bei ihren gefährlichen Missionen in der Stadt und der Provinz Balkh. Dazu gehören Aufklärung und Nachrichtenbeschaffung ebenso wie der Schutz von Gebäuden und Personen. Desweiteren ist das Camp Sitz des schwedisch geführten PRT, das beim Wiederaufbau der Infrastruktur helfen soll. Immer wieder kommt es dabei zu Gefechten mit Aufständischen, aber auch zu Konflikten mit Stammesführern und einheimischer Bevölkerung. Kulturelle Unterschiede sorgen für Spannungen und Missverständnisse, aber auch für lustige Situationen und zwischenmenschliche Begegnungen.

– die Ali ibn Abi Talib-Klinik, das größte Allgemeinkrankenhaus in der Stadt

In der Notaufnahme werden die Ärzte und Schwestern täglich mit unvorstellbarem Leid konfrontiert. Hierhin werden die Schwerverletzten gebracht, die auf Minen getreten, bei Schussgefechten und Selbstmordanschlägen verwundet wurden. Mit einfachsten Mitteln, die mit westlichen Standards nicht zu vergleichen sind, kämpfen die oft überarbeiteten Mitarbeiter verzweifelt um das Leben der Zivilisten. Aber oft genug müssen sie akzeptieren, dass auch in diesem Krieg unschuldige Frauen, Männer und Kinder die ersten Opfer sind.

– Revier 23 der örtlichen afghanischen Polizei

Hier begleiten wir zwei afghanische Streifenpolizisten, die selbst erst vor kurzer Zeit von den deutschen Truppen ausgebildet wurden, auf ihren täglichen Patroulliengängen durch die Stadt. Kriminalität und Gesetzlosigkeit sind in einem Land, das jahrzehntelange Kriege und Willkürherrschaft hinter sich hat, an der Tagesordnung. Die Einsätze der Polizisten reichen von kleinen Streitereien unter Nachbarn bis zum Kampf gegen die allgegenwärtige Korruption.

Die Personen:

Klaus Schäfer (45), Berufsoldat aus Hamburg. Nach einem schweren Schicksalsschlag (dem Tod seiner kompletten Familie, Frau und zwei Töchtern, bei einem Autounfall) hat er sich freiwillig für den Auslandseinsatz gemeldet. Schäfer ist Spezialist in Bomben- und Minenentschärfung, ein besonnener Soldat, der jedoch durch wiederholte Konfrontation mit dem Tod afghanischer Frauen und Kinder an seine psychischen Grenzen stößt.

Frank Westendorf (24), Zeitsoldat aus Münster. Ein junger, draufgängerischer, teilweise noch etwas naiver Ingenieur auf seinem ersten Auslandseinsatz. Westendorf glaubt anfangs noch stark an den Sinn des Einsatzes und die Möglichkeit, den Krieg mit militärischen Mitteln zu beenden. Dabei neigt er bei seinen Missionen manchmal dazu, sich selbst zu überschätzen. Im Laufe der Zeit weicht sein Idealismus einer realistischeren Betrachtung der Umstände. Überzeugter Junggeselle ohne Kinder.

Steffanie „Steffi“ Walter (27), Zeitsoldatin aus Erfurt. Realistin. Überzeugte Verfechterin der Gleichberechtigung, die am Soldatentum das Abenteuer genauso liebt wie die Möglichkeit, den Wehrlosen beizustehen. Walter ist ein Kumpeltyp, gleichzeitig das gute Gewissen der Truppe. Mutter einer kleinen Tochter, die Trennung von ihr ist Walters größtes psychisches Problem während des Einsatzes.

Lars Seegeberg (31), Berufssoldat aus Stockholm. Leiter des schwedischen PRT, im Zivilleben Polizist. Glaubt, dass er auf den Straßen Mazar-i-Sharifs mehr ausrichten kann als zuhause in Stockholm. Ein ruhiger, zurückhaltender junger Mann, der in Gefahrensituationen einen kühlen Kopf behält und über sich hinaus wächst. Bei seinen Kameraden wegen seines trockenen Humors beliebt. Verliebt sich in Steffi Walter, was diese wegen ihrer Familie zuhause in große Gewissensnöte stürzt.

Dr. Mustaffa Abbas (46), Leiter der Notaufnahme der Ali ibn Abi Talib-Klinik. Allgemeinmediziner. Ein Mann, der während seiner 20 Jahre Berufspraxis schon viel gesehen hat und den fast nichts mehr überrascht. Ein herzensguter Mann, der in seinem Glauben die Kraft für seine tägliche Arbeit findet. Verheiratet, fünf Kinder.

Dr. Jamâl Husseini (34), Chirurg in der Notaufnahme. Hat in den USA Medizin studiert. Sein westlich geprägter Lebensstil bringt ihn immer wieder in Konflikt mit streng religiösen Patienten und Kollegen. Ein Zyniker, der nicht mehr an das Gute im Menschen glaubt. Seine Arbeit betrachtet er eher als sportliche Herausforderung denn als Hilfe für die Bevölkerung. Dennoch ist Husseini ein hervorragender Chirurg, der in besonderen Situationen noch zu Mitgefühl fähig ist. Verheiratet, betrügt seine Frau jedoch mit Mitarbeiterinnen westlicher Hilfsorganisationen.

Hatice Barrakani (23), Krankenschwester in der Notaufnahme. Streng religiös. Zunächst eine verständnisvolle und intelligente junge Frau, gerät sie im Laufe der Serie zunehmend unter den Einfluss ihres Schwagers, der für die Taliban kämpft. Zunehmend hin- und hergerissen zwischen ihrem Beruf und der Loyalität zu ihren Kollegen und Patienten einerseits und ihrer religiösen Überzeugung sowie dem fundamentalistischen Weltbild ihres Schwagers andererseits.

Abd ar-Rahmân Aziz (39), seit einem halben Jahr Angehöriger der afghanischen Polizeikräfte. Vorher Soldat der Nord-Allianz. Will seinen Beitrag leisten, ein friedliches und ziviles Land aufzubauen. Ein einfacher Mann mit einem starken Gerechtigkeitssinn. Vater von sechs Kindern.

Muhammad al-Kunduz (41), Partner von Aziz. Früher Händler. Nachdem sein jüngerer Bruder von den Taliban getötet wurde, meldete er sich zu den Polizeikräften, um für mehr Sicherheit zu kämpfen. Verliert jedoch schnell die Geduld, was ihn des Öfteren in brenzlige Situationen bringt. Heimlich verliebt in die Schwester seines Partners.

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