„Im TV will niemand dem Helden beim Denken zusehen“: Interview mit Ricky Whittle zu „American Gods“

Ricky Whittle
Shadow Moon (Ricky Whittle) trifft von Anfang an auf merkwürdige Gestalten; Foto: Starz/Amazon

Am Montag (1. Mai) startet die lang erwartete Serienadaption von Neil Gaimans Erfolgsroman auch in Deutschland (via Amazon Prime). Die Hauptrolle in der schrägen Fantasyserie spielt der Brite Ricky Whittle, der international bisher in „The 100“ auffiel. Ein Gespräch über den Wechsel nach Hollywood, ethnisch vielfältige Rollen und die Arbeit mit Bryan Fuller.

Sie haben Ihre Schauspielkarriere im UK begonnen, wo Sie langjährige Engagements in der Fußballserie „Dream Team“ (2002-2007) und der populären Soap „Hollyoaks“ (2006-2011) hatten. Wie sind Sie dann nach Hollywood gekommen und ins US-Fernsehgeschäft gewechselt?

Im Grunde geht es darum, seinem Traum zu folgen. Ich wollte lieber ausprobieren, ob ich nach Amerika gehen und dort arbeiten könnte, als den Rest meines Lebens zu bereuen, es nicht versucht zu haben. Hollywood ist ein so großes Zentrum unserer Industrie. Während ich aufwuchs, kamen alle meine Lieblingsserien von dort. Da wollte ich sein und da bin ich hingegangen.

Ihre erste Stammrolle in einer US-Serie war Lincoln in „The 100“. Nachdem Sie die Serie verlassen hatten, beschuldigten Sie den Showrunner Jason Rothenberg auf Twitter des Mobbings. Welche Probleme hatten Sie mit ihm?

Rothenberg hat mich auf einer beruflichen Ebene derart gemobbt, dass die Situation unhaltbar wurde. Ich liebte die Serie, meine Figur und das Team, aber diese eine Person machte die Situation für mich unmöglich und ich versuche, solche negativen Einflüsse zu vermeiden. Das war ein Mensch, den ich nicht in meinem Leben haben wollte. Die Chefs des Studios Warner Bros. und des Senders The CW waren sehr großzügig und unterstützend und ließen mich für „American Gods“ vorsprechen. Als ich die Rolle bekam, kündigte ich an, zum Ende der Staffel bei „The 100“ aussteigen zu wollen. Aber Rothenberg hat meine Figur dann früher sterben lassen. Insgesamt denke ich aber mit positiven Gefühlen an die Zeit bei der Serie zurück.

Jetzt spielen Sie die Hauptrolle des Shadow Moon in „American Gods“, der Adaption von Neil Gaimans Bestsellerroman. Haben Sie das Buch gelesen, bevor Sie die Rolle bekamen?

Während des Casting-Prozesses habe ich angefangen, es zu lesen, aber die Produzenten Bryan Fuller und Michael Green haben mich gestoppt. Sie wollten, dass ich die TV-Version von Shadow Moon werde. Im Buch denkt er sehr viel. Aber im Fernsehen will man niemandem jede Woche beim Denken zusehen. In der Serie redet er deshalb mehr, stellt mehr Fragen, er hat mehr Charme und ist einfach jemand, dem man lieber zuschaut. Er ist aber immer noch der Shadow aus dem Buch. Emily Browning, die seine Ehefrau Laura spielt, und ich haben den Roman aber dann gelesen, nachdem wir die Staffel abgedreht hatten.

Haben Sie andere Sachen von Gaiman gelesen, zum Beispiel seine Comics wie „Sandman“?

Nein, ich bin leider noch nicht dazu gekommen, weil ich so viel arbeite. Wenn ich nicht drehe, gebe ich Interviews. Aber Ian McShane, der den Mr. Wednesday spielt, hat mit Gaiman an „Coraline“ gearbeitet. Und ich habe viel Gutes über „Sandman“ gehört.

Ist Gaiman dann nicht besonders stark in die Produktion involviert?

Doch, es ist im Wesentlichen seine Geschichte. Er war beim Casting beteiligt, bei den Drehbüchern und auch bei den Storyboards. Die Serie trägt überall seine Fingerabdrücke.

Wie würden Sie ihre Figur Shadow Moon beschreiben und was hat Sie an ihr am meisten angezogen?

Er ist ein starker stiller Held, ein gebrochener Mann. Wenn wir ihn zum ersten Mal treffen, hat er gerade seine Ehefrau in einem tragischen Autounfall verloren. Sie war alles, was er hatte. Durch den Verlust ist er nun wie ein leeres Gefäß. Er ist ein Zyniker und ein Ungläubiger. Als all diese fantastischen Dinge vor seinen Augen geschehen, glaubt er nicht daran. Er ist sehr intelligent und versucht, logische Erklärungen zu finden. Mr. Wednesday muss ihn erst erwecken.

Was meine Besetzung angeht, schulde ich den Fans des Buchs eine Menge. Starz hatte in den sozialen Medien unter #castingshadow gefragt, wen die Fans in der Rolle sehen wollten. Dabei wurde mein Name mit am häufigsten genannt. Das hat mich auf das Projekt und das Buch aufmerksam gemacht, über das ich vorher nicht viel wusste. Ich fand die Figur interessant und habe über meine Agenten anfragen lassen, ob die Produzenten interessiert wären, dass ich vorspreche. Fünf Monate und 16 Casting-Tapes später hatte ich die Rolle dann tatsächlich. Das war der verrückteste, komplexeste Casting-Prozess, den ich je mitgemacht habe. Sie wollten sicher sein, dass der Schaupieler, den sie besetzen, auf die emotionale Achterbahnfahrt vorbereitet ist, die die Figur durchmacht.

Im Roman wird Shadow als ethnisch uneindeutig beschrieben, mit einer Mutter, die entweder amerikanische Ureinwohnerin oder Afro-Amerikanerin sein könnte. In vielen Fällen tendiert Hollywood dazu, solche Rollen mit weißen Schaupielern zu besetzen. Gaiman hat sich ziemlich enthusiastisch über Ihre Besetzung geäußert. Was denken Sie über das sehr heterogene Ensemble der Serie, auch mit Blick auf die jüngste Whitewashing-Diskussion in Bezug auf Hollywood?

Es ist ein sehr gemischtes Ensemble: Alte und Junge, verschiedene Ethnien, Religionen und sexuelle Orientierungen. Es ist die echte Welt: Amerika ist heute dieser riesige Schmelztiegel. Was das Land so groß macht, sind all diese verschiedenen Ethnien und Kulturen, die dorthin gekommen sind. Es geht darum, vereint voranzuschreiten statt alle Gruppen voneinander zu trennen.

Bei der Serie bestand nie die Gefahr des Whitewashings, weil Gaiman, Fuller und Green dem Buch treu bleiben wollten. Im Buch wird Shadow als ethnisch uneindeutig beschrieben, deshalb ließen sie keine „weißen“ oder „schwarzen“ Schaupieler vorsprechen, sondern Leute, die ethnisch nicht einzuordnen waren. Man hat mir oft gesagt, man könne nicht erkennen, wo ich herkäme: Ich könnte Amerikaner sein, Europäer, Araber, Inder, Südamerikaner. Race war bei der Besetzung kein Thema, die Produzenten suchten einfach danach, was der Roman verlangte.

Der Tonfall der Serie ist ziemlich ungewöhnlich, nicht mainstreamig, hat mich aber manchmal an jüngere Comic-Adaptionen wie „Preacher“ oder „Legion“ erinnert. Obwohl sie selbst nicht auf einem Comic basiert, ist Gaiman zuerst mit seinen Comics bekannt geworden. Wo würden Sie die Serie im Feld der neueren comicesken Shows einordnen?

In den USA gibt es jetzt auch Comics zu „American Gods“, die einen ähnlichen Tonfall haben, was etwa die Gewaltdarstellung angeht. Der Stil der Serie ist ziemlich einzigartig, aber Fans von Bryan Fuller werden Parallen zu seinem „Hannibal“ erkennen, das einen ähnlich düsteren Ton hatte. Die Serie ist auf eine fast künstlerische Weise gedreht, visuell sehr anregend. Ich habe so etwas bisher noch nicht im Fernsehen gesehen.

Es gibt einen hohen Grad an Gewaltdarstellung und ziemlich verstörende Sexszenen. Ich hatte an manchen Stellen den Eindruck, als versuche Starz, die Grenzen ein bisschen zu verschieben, was im US-Fernsehen in diesen Hinsichten möglich ist. Haben Sie keine Angst, dass das für manche Zuschauer ein wenig zu viel werden könnte?

Ich denke, Starz hat die Latte schon dadurch höher gelegt, dass sie diesen Roman verfilmen, der so viele Auszeichnungen bekommen hat. Es ist eine echte Prestigeserie. Was die schockierenden Elemente angeht: Die sind gleich von Beginn an da. Das ist etwas, das Gaiman im Buch sehr clever gemacht hat. Er führt schon am Anfang ein Element ein, das nur schwer auszuhalten ist. Es ist wie eine Herausforderung für den Leser: Wenn man das durchsteht, weiß man, dass es nicht noch drastischer wird. Wenn es einem zuviel wird, ist das Buch wohl nichts für einen. Auch die Serie hat alles  von Anfang an: Action, Story, Magie. Es gibt natürlich trotzdem einen Storyaufbau, aber nicht wie in anderen Serien, wo es erst lange dauert, bis die Handlung richtig in Gang kommt. Es gibt viele Enthüllungen, immer wenn man denkt, man wisse jetzt, was los sei, stellen wir alles wieder auf den Kopf. Selbst Leser des Romans können nie sicher sein, was passiert, denn Fuller und Green haben die Timeline der Handlung geändert und zusätzliche Dinge hinzugefügt. Leser werden in der Serie alles wiederfinden, was sie am Buch lieben, aber sie werden auch viele neue Sachen entdecken.

Ich persönlich bin ein großer Fan von Bryan Fullers früheren Serien wie „Dead Like Me“ und „Wonderfalls“. Wie ist es, mit ihm zu arbeiten?

Bryan und Michael Green – ich nenne die beiden immer gemeinsam – sind zwei der großartigsten Menschen, die ich kenne. Ich habe meine Mutter nach Toronto eingeflogen, damit sie den Set sehen und Ian McShane treffen konnte. Und Michael flog extra von L.A. nach Toronto, um meine Mutter kennenzulernen. Das zeigt, was für ein toller Mensch er ist. Und mit Bryan ist es dasselbe: Die beiden schaffen echt eine familiäre Atmosphäre am Set. Ich habe mich noch nie von Produzenten so unterstützt gefühlt. Auf professioneller Ebene sind sie unglaublich kreativ, was das Visuelle angeht: Sie schaffen wirklich einen eigenen Look, den man nirgendwo sonst im Fernsehen sieht. Für Bryan existiert der Begriff „kleines Detail“ gar nicht. Er achtet auf alles, von der Farbe der Krawatte bis zu der Anzahl der brennenden Kerzen.

Auf der einen Seite ist „American Gods“ ein Charakterdrama, auf der anderen Seite gibt es auch einige Actionszenen. Gleich in der Pilotfolge etwa haben Sie einen brutalen Faustkampf in einer Kneipe. Welche Art von Szenen spielen Sie am liebsten?

Ich liebe alles: Einerseits bin ich sehr sportlich, deshalb mag ich die Actionszenen. Es fiel mir leicht, die Choreografie zu lernen, weil ich für die britische TV-Show „Strictly Come Dancing“ tanzen gelernt hatte – und Kampszenen sind wie Tanzen. Ich mag es, ein Actionheld zu sein. Aber ich mag auch die Dialogszenen, eine meiner Lieblingsszenen ist die, in der Mr. Wednesday und Shadow sich während der Autofahrt unterhalten. Eine sehr einfache Situation: Nur zwei Männer in einem Auto. Eine weitere meiner Lieblingsszenen ist zwischen Shadow und Laura (Emily Browning), wenn sie sich unterhalten, obwohl sie schon tot ist. Man vergisst das aufgrund des tollen Drehbuchs: Man sieht nur noch zwei Liebende, die miteinander reden.

Und sie ist eine der Hauptfiguren, obwohl sie stirbt, bevor wir sie überhaupt zum ersten Mal sehen.

Ja, als sie noch lebt, hören wir nur einmal ihre Stimme am Telefon. Es wird ein paar Rückblenden geben, aber im Wesentlichen sehen wir ihr während der Serie beim Verwesen zu. Sie ist tot und wird entsprechend zunehmend verwesen – es klingt seltsam, aber es macht Spaß zuzusehen.

Sie haben ja auf beiden Seiten des Atlantiks gearbeitet. Wie groß sind die Unterschiede, für eine britische und eine amerikanische Serie zu spielen?

Die Arbeit selbst ist nicht so unterschiedlich, aber die US-Fernsehindustrie ist so viel größer. Deshalb gibt es dort viel mehr Arbeit und eine viel größere Bandbreite an Rollen. In England spielt man einen Arzt, einen Polizisten, einen Anwalt oder einen Ladenbesitzer. Aber in den USA kann man auch einen Krieger, Superhelden oder FBI-Agenten spielen. Es gibt dort so viele Sender und Serien, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt.

Welche Art von Rolle würden Sie in Zukunft noch gerne spielen, vielleicht in einem Kinofilm?

Da gibt es einige: Ich würde gerne einen Actionhelden spielen – Marvel, DC, James Bond, etwas in der Richtung. Aber ich liebe auch Comedys, also vielleicht eine Romantic Comedy mit einer tollen Schauspielerin, wo wir etwas zu lachen hätten. Und dann gerne etwas Düsteres, weil ich sonst immer den Guten spiele, den Helden oder das love interest. Also einen Bösewicht, um meine dunkle Seite hervorholen zu können und den Leuten eine Gänsehaut zu machen.

„American Gods“ erscheint ab dem 1. Mai mit einer neuen Folge pro Woche bei Amazon Prime Video.

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