Nazis taugen nicht zum Eskapismus: Die Faszination des Bösen in „The Man in the High Castle“

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Die Bösen haben immer die schönsten Uniformen: Rufus Sewell als Obergruppenführer John Smith; Foto: Amazon Studios

Die Alternative-History-Serie ist weltweit die bislang erfolgreichste Eigenproduktion der Amazon Studios. Nazis gehen eben immer. Als Deutschem fällt es einem aber nicht ganz so leicht, die phantasievoll weitergesponnene Geschichte des Dritten Reichs uneingeschränkt zu genießen.

Im Grunde ist es erstaunlich, dass diese Serie überhaupt in Deutschland veröffentlicht und ins Deutsche synchronisiert wird. Das ist wohl nur der globalen Strategie von Amazon (Prime) Video zu verdanken. Im linearen deutschen Fernsehen wäre eine solche Serie hingegen völlig unvorstellbar, da hat es ja schon Jahrzehnte gedauert, bis sich mal ein Sender traute, die legendäre Nazi-Folge von „Star Trek“ (TOS) auszustrahlen.

Nicht, dass die Macher der Serie den Nazionalsozialismus inhaltlich irgendwie verharmlosen oder gar verherrlichen würden. Dessen Ideologie und praktische Politik sind durchgehend als genauso grausam und menschenverachtend gezeichnet, wie sie auch in der Realität waren. Trotzdem lebt eine Serie, die sich mit einem alternativen Geschichtsverlauf auseinandersetzt, bei dem Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat, natürlich immer zu einem großen Teil, von der Faszination, die insbesondere die Nazi-Ästhetik immer noch auf viele Menschen ausübt. Oder wie schon Kirk und Spock es in den 1960er Jahren in oben erwähnter „Star Trek“-Folge ausdrückten: Die SS hatte einfach die beeindruckendsten Uniformen. Nicht nur die Kostümabteilung, das ganze Produktionsdesign der Serie zehrt von diesem NS-Chic: So beängstigend die Vorstellung ist, die Hakenkreuzflagge würde auf dem Empire State Building oder über dem Kapitol wehen, so eindrücklich wirkt es eben auch. Ebenso wie die gewaltigen steinernen Adler, die über diese Alternativwelt-Version von New York wachen oder eben die Krawattennadel, die SS-Obergruppenführer John Smith zu seiner tiefschwarzen Uniform trägt.

Das Böse schlechthin

Als Chiffre für das Böse schlechthin sind durchchoreographierte Massenansammlungen, wie Leni Riefenstahl sie filmisch inszeniert hat, noch heute popkulturelles Allgemeingut. Während diese Ästhetik etwa in Episode VII von „Star Wars“ in der Szene, in der General Hux (Domnhall Gleeson) die versammelten Sturmtruppen mit einer Rede anstachelt und sich dabei in ein Overacting hineinsteigert, dass auch Adolf Hitler gefallen hätte, befremdlich wirkt und für „WTF?“-Lacher im Publikum sorgt, übernimmt die Serie die Riefenstahl-Ästhetik hier eins zu eins. Da es aber ja um die echten Nazis geht, teilweise sogar reale NSDAP-Führungspersonen wie Heinrich Himmler in diesen Massenszenen auftreten, wirkt die Optik und Rhetorik diesmal nicht fehl am Platz, sondern trägt zur Authentizität des Gezeigten und Erzählten bei.  Im Gegensatz zu den deutschen Sprachfähigkeiten einiger der Darsteller. Klar, dies ist eine Serie, die hauptsächlich für den englischsprachigen und internationalen Markt produziert wird, nicht für den deutschsprachigen. Seltsam wirkt es schon, wenn man als Deutscher anhören muss, wie angeblich deutsche Haushälterinnen fast unverständliches Deutsch sprechen und selbst führende Nazis die Intonation ihrer deutschen Sätze vorher auswendig gelernt zu haben scheinen.

Bei so viel NS-Ästhetik und echten Akteuren wie Hitler, Himmler, Heydrich und Goebbels (nicht Goebbles, wie es im Abspann heißt, liebe Amazon-Leute, da hättet ihr doch echt mal die Namen checken können) bleibt die Frage nicht aus, ob es sich bei der Serie eigentlich um Naziploitation handelt. Hier kann Entwarnung gegeben werden: Das Thema wird nie als Selbstzweck missbraucht, um billige Effekte zu erzeugen. Dazu ist die Auseinandersetzung mit der Nazi-Ideologie dann doch zu tief, wenn sie auch eher subtil, am Rande eingebaut wird, nicht mit dem Holzhammer. Spätestens, wenn der amerikanische Obernazi selbst seinem an einer fortschreitenden Krankheit leidenen Sohn zu erklären versucht, dass er sich nie minderwertig fühlen dürfe, sollten die letzten Zweifel an der Intention der Autoren verfliegen.

Wenn einem der SS-Mann sympathisch wird

Eines lässt sich aber nicht abstreiten: Mit diesem Obergruppenführer Smith, großartig gespielt von Rufus Sewell, ist den Autoren einer der faszinierendsten Serienbösewichte der jüngeren Zeit gelungen. Verkörpert er in der Auftaktstaffel noch weitgehend das abgrundtiefe Böse schlechthin, wird er in den neuen Folgen deutlich ambivalenter gezeichnet: Gegenüber Gegnern ist er absolut skrupellos, wenn es um seine eigene Familie geht, ist er aber bereit, alles aufs Spiel zu setzen, auch sein eigenes Leben. Mehr und mehr ergibt sich der Eindruck, dass er selbst gar nicht an die von ihm vertretene Ideologie glaubt, er rein taktisch handelt, was sich auch darin zeigt, dass er die Widerständlerin Juliana Crain unter seinen persönlichen Schutz stellt. Am Ende der Staffel ist er einem fast sympathisch geworden.

Und da stellt sich schon wieder die Frage: Darf man das denn, einen SS-Offizier sympathisch finden respektive von Autorenseite so zeichnen? Die Amerikaner, Briten oder Zuschauer überall sonst auf der Welt dürften damit wahrscheinlich weniger Probleme haben. Deutschen Serienfans fällt es wohl in der Regel schwerer, eine solche Geschichte, die in einem über den Weltkrieg hinaus verlängerten Dritten Reich spielt, uneingeschränkt einfach so zur Unterhaltung zu genießen. Einen Vorwurf, diese Idee aufzugreifen, kann man Amazon aber nicht machen, solange das Thema so ernsthaft und differenziert entwickelt wird, wie es bei der Serie der Fall ist. So faszinierend das Worldbuilding ist, so froh ist man dann doch, dass am realen Times Square das Coca-Cola-Logo das einzige ist, was rot-weiß an den Gebäuden prangt.

Staffel 2 der Serie ist, jetzt auch auf Deutsch, bei Amazon (Prime) Video verfügbar.

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