„Zum einfach Runterrotzen bin ich der Falsche“: „Tempel“-Hauptdarsteller Ken Duken im Interview

Tempel Ken Duken
Ein Mann mit entgegengesetzten Seiten: Mark Tempel (Ken Duken); Fotos: ZDF/Reiner Bajo

Ken Duken ist der Hauptdarsteller der ersten Dramaserie von ZDFneo. Er spielt Mark Tempel, Altenpfleger in Berlin, Familienvater und ehemaliger Boxer mit Kontakten ins kriminelle Millieu. Fortsetzung.tv-Autor Hannes Blamayer sprach mit dem Schauspieler über seine Rollen in Pionier-Projekten der Sender, horizontales Erzählen im deutschen TV und seine Lust am Improvisieren.

Sie haben auch schon bei „Add a Friend“ eine Hauptrolle gespielt – das war damals die erste eigenproduzierte Serie im deutschsprachigen Pay-TV. Jetzt sind Sie Hauptdarsteller in der ersten Dramaserie von ZDFneo. Was macht Sie so interessant für solche Pionier-Produktionen?
Keine Ahnung. Mittlerweile weiß ich selber nicht mehr, wie in Deutschland entschieden wird. In erster Linie suche ich mir Projekte aus, die ich besonders und speziell finde. Und irgendwie finden die mich dann ja auch. In den letzten Jahren habe ich für mich entdeckt, dass das, was ich machen möchte – kreative Entwicklung und viel Innovation – in Deutschland fast nur im Fernsehen passiert. Durch die vielen Arbeiten, die ich gemacht habe – besonders durch die internationalen großen Produktionen – konnte ich dann doch immer die Projekte machen, die ich besonders finde.

Was reizt Sie an diesen neuen Serien wie „Add a Friend“ oder „Tempel“ so?
An „Add a Friend“ hat mich das Experiment gereizt. Als Schauspieler war es wahnsinnig spannend, so eine Staffel komplett zu tragen, in der man mehr oder weniger ans Bett gefesselt ist. Bei „Tempel“ ist es als Schauspieler sehr, sehr reizvoll, so jemanden darzustellen, der sowohl dieses Tier in sich trägt, diesen brodelnden Vulkan, als auch andererseits liebevoll Altenpflege betreibt und sich für seine Familie einsetzt. Gerade diesen Kontrast glaubhaften darzustellen – das ist spannend und auch nicht gerade einfach.

„Tempel“ ist stark horizontal erzählt, das sehen wir im deutschen Sprachraum nicht sehr häufig. Ist das als Schauspieler besonders spannend und anspruchsvoll?
Das war für mich die Prämisse, die Serie zu machen. Ich habe nach „Add a Friend“ so viele Serien angeboten bekommen, die ich einfach nicht als interessant erachtet habe, gerade weil oft bloß ein „Alibi-Horizont“ eingebaut wird, weil das zurzeit alle Serien machen und weil dieses stark Serialisierte gerade funktioniert. Bei „Tempel“ habe ich das erste Mal seit langer Zeit wieder keinen Grund gesehen, das nicht zu machen. Wer die ersten zwei, drei Folgen gesehen hat, wird meine Entscheidung verstehen – ob es einem gefällt oder nicht. Aber ich finde, dass die Serie inhaltlich und von der Geschichte her mit vielen internationalen Serien mithalten kann, weil sie das ist, was sie ist, und nicht versucht, etwas anderes zu sein.

Wie, denken Sie, sieht die Zukunft diesbezüglich im deutschsprachigen Raum aus?
Ich hoffe auf viel Innovation. Ich mache mir weniger Sorgen um das deutsche Fernsehen als um das deutsche Kino.

Sie spielen Mark Tempel, einen Mann mit einem bedeutungsschwangeren Namen. Wie würden Sie diesen interpretieren?
Hehe. Das möchte ich gar nicht. Ich glaube, es ist oft so, dass eine Erklärung den Leuten die Magie der Sache nimmt. Mark Tempel hat eine sehr, sehr konkrete Bedeutung für mich – die ist so konkret, zu konkret, um sie zu benennen.

Was treibt Mark Tempel dazu, wieder in diese Unterwelt einzutauchen, selbst nachdem er die Geige seiner Tochter schon abbezahlt hat?
Ich glaube, dass es einfach eine Ohnmachtssituation ist. Er ist ja damals für seine Frau und für seine Tochter raus aus diesem Milieu. Es ist nachvollziehbar – wie für einen trockenen Alkoholiker, der seit Jahren zum ersten mal wieder Champagner säuft –, dass er in dem Moment plötzlich wieder Blut leckt. Wir Menschen sind doch komplexe Wesen, und dieses Gefühl, das ihn treibt – sich wohl zu fühlen, oder zu Hause zu sein, oder sich wieder als derjenige zu fühlen, der er mal war und den er kennt –, diese Mechanismen, die dann wieder greifen, das ist sehr spannend. Da ist er quasi fremdgesteuert, emotional triebhaft.

Angenommen, die Verwüstung zu Beginn in Folge 1 wäre nicht passiert und die Familie wäre noch in Sicherheit. Denken Sie, Mark Tempel wäre als Krankenpfleger alt und glücklich geworden?
Ich glaube, in normalen Umständen schon. Ich denke, dass er durch den Unfall seiner Frau Schwierigkeiten hat, mit der körperlichen Nähe umzugehen, die sie sich wünscht. Das sind schon alles Dinge, die da mitspielen. Ein bisschen nach Tschechow: Das Drama entsteht nicht, wenn einer Recht hat, sondern wenn alle Recht haben.

Am Ende der ersten Episode trifft Mark Tempel auf Eva, eine alte Bekannte – wohl eine der Schlüsselszenen der Serie. Was empfindet Mark in diesem Moment?
Er steht zwischen zwei Stühlen, zwischen zwei Welten. Eva symbolisiert in diesem Rotlicht die eine Welt, während seine Ehefrau Sandra für die andere steht: Familie, Geborgenheit, Sicherheit. Das sind natürlich zwei extreme Kontraste, zwischen denen er sich da befindet.

Tempel Ken Duken
Starke Bildsprache: Mark Tempel kehrt in seine alte Welt, den Boxclub, zurück

Wie geht es mit „Tempel“ weiter?
Es könnte weitergehen, aber das wird erst noch entschieden – je nachdem, wie die Serie angenommen wird.

Wissen Sie, inwiefern da die Quoten eine Rolle spielen oder die kritische Rezeption?
Das weiß ich nicht. Ich glaube, dass Interesse von allen Seiten besteht – aber dann muss auch alles passen. Für mich war zum Beispiel der Regisseur Philipp Leinemann ausschlaggebend – einer der Gründe, warum ich die Serie sofort gemacht habe. Das wäre ein Kriterium für meine Entscheidung.

Wie viel Raum hat Ihnen Leinemann denn für Improvisation gegeben? Improvisieren Sie gerne?
Ja, natürlich. Andererseits weiß ich aber auch gerne, was ich machen soll. Je sicherer ich mich fühle, desto weniger muss ich abweichen. Es gibt ja fünf Millionen Arten, einen Satz auszusprechen, zu empfinden und darzustellen. Für mich ist es schon sehr wichtig, mit der Reduktion zu arbeiten – oft muss man eher Sätze streichen und einen Blick setzen, als dass man alles ausspricht. Das macht dann bestimmte Serien auch aus. Geschrieben wirkt immer alles noch einmal ein bisschen anders als dargestellt. Jeder Mensch hat eine andere Empfindung bei jedem Wort, das man sagt, und deswegen muss man auf jeden Fall Freiraum haben. Jeder, der mich kennt, weiß: Wer eine Puppe erwartet, die einfach runterrotzt, was da steht, für den bin ich eh der Falsche. Aber bei Philipp Leinemann und mir ist das mittlerweile so, dass Philipp einfach sagen kann, dass er was drehen möchte, und ich komme vorbei, ohne es durchlesen zu müssen, weil ich einfach weiß, dass er mit mir auf einer Wellenlänge ist. Das ist einer der Gründe, weshalb ich hier sofort blind gesagt habe: Mach ich.

Gerade bei „Tempel“ kann man das nur bestätigen, dass die Bildsprache oft mehr ausdrückt als die Dialoge.
Wenn Sie mein Regiedebüt anschauen, das ich Anfang des Jahres gemacht habe, da ist das ähnlich. Man muss die Leute finden, die man für sich und seinen Weg für richtig hält.

Welche Rollen spielen Sie gerne, und was wünschen Sie sich, in Zukunft spielen zu können?
Ich spiele immer gerne das, was ich vorher noch nicht gespielt habe. Sie haben „Add a Friend“ und „Tempel“ angesprochen – ich glaube, dass das zwei komplett unterschiedliche Charaktere sind, und genau das reizt mich.

„Tempel“ läuft ab dem 29. November dienstags ab 21 Uhr 45 in Doppelfolgen auf ZDFneo.

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