„Viele US-Autoren sind neidisch auf uns Europäer“: Programmdirektor Gerhard Maier über das Münchner Seriencamp

Seriencamp München
Die besten neuen Serien aus Europa und Amerika: Eingangsbereich des Festivals; Foto: Mitya Kolomiyets

Vor gut zwei Wochen ging das zweite Seriencamp in München zu Ende. Gerhard Maier ist Programmdirektor des ersten reinen Serienfestivals in Deutschland. Fortsetzung.tv-Autor Stefan Appenowitz traf ihn im Nachgang des Festivals für ein ausführliches Interview in München.

Fortsetzung.tv: Hallo Gerhard, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, jetzt im Nachhinein mit uns über euer vor einigen Tagen zu Ende gegangenes zweites Seriencamp zu sprechen. Erzähl doch einfach mal, wann und wie die Idee dazu entstanden ist.

GM: Vor dreieinhalb Jahren haben Malko Solf, Christopher Büchele und ich Konzepte für einige unserer Kunden entworfen, bei denen es darum ging, was man im Bereich Filmredaktion machen kann, das über das klassische „Ich mache ein Heft und in dem Heft steht etwas über Filme und Serien“ hinaus geht. Im Rahmen dieses Brainstorming kam dann auch wieder unsere alte Idee auf den Tisch, ein Serienfestival zu veranstalten, wofür die Idee schon vor fünf Jahren das erste Mal aufgepoppt ist, die wir aber damals noch verworfen haben.

Dieses Mal haben wir uns etwas intensiver mit der Idee beschäftigt. Da Christopher und ich uns als Autoren und Redakteure sowieso schon sehr viel mit der Thematik Film und Serie beschäftigen und Malko und die anderen privat Serienfans sind, ist bei uns der Glaube gereift, dass das was werden könnte. Gar nicht mal so sehr unter dem finanziellen Aspekt, also um damit vielleicht schnell Geld zu verdienen, sondern weil wir an die Idee geglaubt haben und dafür Bedarf in Deutschland bestand.

Nach der Entscheidung, so ein Festival aufzuziehen, waren wir ein halbes Jahr in der Ideenfindungsphase, wo wir uns zum Beispiel auch die drei, vier großen Serienfestivals in Europa angeschaut haben. Was die so machen, wie sie es machen, was die zeigen, was funktioniert und was eventuell nicht so funktioniert und sind dann daran gegangenn unser Seriencamp in die Tat umzusetzen.

Fortsetzung.tv: Du bist für die Programmzusammenstellung verantwortlich. Wie entsteht euer Programm? Wie kommst Du an die Serien? Neben vielen vom Namen her ja schon bekannten Serientiteln wie „Westworld“, „The Young Pope“ oder „American Horror Story: Roanoke“ sind die meisten neuen Serien, die bei Euch gescreent wurden, ja noch nicht so geläufig.

GM: Wir haben grundsätzlich zwei Schienen. Die eine, die wir New Shows genannt haben, mit Serien, die bald anlaufen oder gerade angelaufen sind, zum Beispiel auch bei unseren Partnern wie Sky, Vox, RTL Crime, Fox, Syfy oder TNT. Diese Partner bieten uns in der Regel Serien an, die sie demnächst zeigen werden. Daraus können wir auswählen. Das erste Jahr kam natürlich das meiste aus dieser Vorauswahl. Dieses Jahr haben wir es ein bisschen mehr aufgeteilt und ein paar neue Sachen mit reingenommen, was wir Sneak Peak nennen. Das sind entweder Sachen, die noch nicht nach Deutschland verkauft worden sind oder erst nächstes Jahr anlaufen werden.

Fortsetzung.tv: Wie kommt Ihr an diese Serien, die noch nicht verkauft sind?

GM: Das ist der Großteil der Arbeit. Diese Sachen finden wir dann meist auf unserer Festivalrunde, wie wir das intern nennen. Da fahren wir auf die MIPCOM nach Cannes, zur Series Mania nach Paris oder nach Edinburgh zum TV Festival. Dort sprechen wir dann entweder mit Produzenten, Autoren und TV-Sendern. Die zeigen uns oder reden mit uns dort über Serien, die sie demnächst machen oder zeigen werden. Der Tipp zu der Serie „Killing Grandma“ kam zum Beispiel über einen Kontakt in München, der uns gesagt hat, er kennt den Macher und das ist eine tolle Serie und ob wir uns das nicht mal anschauen wollen. Diese Serie ist zum Beispiel eine tolle Entdeckung, sie hat zuletzt in Israel vier von den dort vergebenen TV-Oscars gewonnen.

Oder ein paar andere Sachen, wie „Bonusfamiljen“. Hier haben wir die Macher ebenfalls auf einem anderen Festival getroffen und uns mit ihnen unterhalten. Die Serie hat bei uns jetzt Weltpremiere gefeiert. Die läuft in Schweden erst im kommenden Frühjahr an.

Aus diesen Festivaltouren haben wir dann einen Pool von etwa 30 hauptsächlich europäischen Serien, aus denen wir danach für uns die auswählen, die wir bekommen können, die wir zeigen dürfen und die natürlich auch in unser Programm passen. Es ist wie ein Puzzle, wo sich ständig die Teile verändern. Es geht ja auch darum, dass wir nicht nur zehn neue Krimiserien zeigen. Sondern, dass da eine Bandbreite besteht: von einem Politthriller über eine Dramady, eine Mysteryserie, eine Teenieserie bis hin zu einem Kriegsdrama. Alles am Ende ergänzt von den Sachen, die von den Partnern kommen.

Fortsetzung.tv: Was hat sich bei eurem Programm geändert vom ersten zum zweiten Festival?

GM: Als wir angefangen haben mit dem Festival, war die Idee, hauptsächlich US-Serien zu zeigen, weil das das war, mit dem wir uns damals hauptsächlich beschäftigt haben. Als wir dann jedoch auf diesen Festivals in Europa unterwegs waren, haben wir festgestellt, dass da auf dem Kontinent gerade so viel passiert, es komischerweise aber kaum oder nur sehr wenig Austausch untereinander gibt.

Wir haben innerhalb sehr kurzer Zeit ganz viele tolle Serien gesehen, die zum Beispiel aus Frankreich kommen, aber es nicht nach Deutschland schaffen. Die aus Norwegen kommen, jedoch nur in Großbritannien gezeigt werden. Wir haben dann ein Jahr vor dem ersten Festival auch angefangen, ein wenig mehr den Fokus auf Serien aus Europa zu legen, womit wir wahrscheinlich sogar ein wenig vor dem Trend lagen.

Forsetzung.tv: Welchen Vorteil haben die europäische Serienmacher gegenüber ihren amerikanischen Kollegen?

GM: Ich habe mich vor etwa zwei Monaten mit Matthew Graham unterhalten, der zum Beispiel „Life on Mars“, „Ashes to Ashes“ und „Childhood’s End“ gemacht hat. Der hat gemeint, dass viele Autoren in den USA, auf die wir Europäer ja immer so schauen, unheimlich neidisch sind, was gerade in Europa passiert. Weil hier Serien produziert werden, die in den USA nie produziert werden würden. Für eine Serie wie das belgische „Beau Séjour“ fallen mir vielleicht zwei US-Sender ein, die sich trauen würden, so eine Serie zu machen.

Was zudem gerade entsteht, ist eine neue Schicht von Serien, für die „Beau Séjour“ und „Baron Noir“ super Beispiele sind, die sich Sachen trauen – erzählerisch, dramaturgisch, inszenatorisch -, die sich in den USA keiner traut, oder wenn nur Unternehmen wie HBO oder AMC, aber dann auch nur unter Vorbehalt und abgeschwächt.

Zudem scheren sich in Belgien, Frankreich, Großbritannien die wenigsten Leute um Staffellängen. Da muss eine Staffel nicht immer zehn oder dreizehn oder gar 22 Folgen lang sein. Wenn man nicht mehr zu erzählen hat, reichen dann auch mal nur acht Folgen.

Blick ins europäische Ausland: Programmmacher Gerhard Maier; Foto: privat
Blick ins europäische Ausland: Programmmacher Gerhard Maier; Foto: privat

Fortsetzung.tv: Wie ist Deine persönliche Serienneigung?

GM: Ich selber habe mich in der Vergangenheit vorrangig mit US-Serien beschäftigt, weil ich amerikanische Kulturgeschichtliche mit Filmschwerpunkt studiert habe und damals Sachen rauskamen, wie „The Wire“, die auf einmal Krimi erzählen, aber weg gehen von diesem Episodischen mit weit überlappenden Handlungen und alles sehr realistisch.

Was für mich so interessant war, in den letzten drei Jahren zu sehen: dass in den USA zwar unheimlich viele Serien produziert werden, aber wenn du genau hinschaust, es sehr schwer ist, etwas zu finden, was heraus sticht, sich etwas Neues traut und nicht nur eine Variation von einem alten Thema oder Genre ist. Ich habe daher vielleicht nur zwei, drei US-Serien im Jahr, die ich weiterschaue über die jeweils ersten drei Episoden hinaus, die ich mir eigentlich immer ansehe.

Was mich in diesem Jahr am meisten überrascht hat, war Atlanta, weil ich nicht genau wusste, was mich erwarten würde. Und was die Serie schafft, ist, dass es komplett etwas Eigenes ist, das ich in der Form im amerikanischen Fernsehen noch nie gesehen habe. Das fasziniert mich an der Serie.
Und wo ich ebenfalls dabei geblieben bin, ist natürlich bei „Westworld“, weil ich schon Fan des Originals war und auch Fan von dem, was Nolan und Abrams machen. Sonst schaue ich aktuell wirklich sehr viele europäische Serien.

Forsetzung.tv: Ihr habt Euer Seriencamp auf dem Gelände der Hochschule für Fernsehen und Film in München durchgeführt. Gab es da einen persönlichen Bezug zur HFF?

GM:. Für uns ausschlaggebend ist die vorhandene Technik dort. Die HFF hat drei wirklich tolle Kinos mit der neuesten Technik und sehr kompetenten und technisch versierten Mitarbeitern, die uns bei allem unheimlich toll unterstützt haben. Zudem wollten wir eine Location, wo man auch nach den Screenings vielleicht noch zusammensteht und sich unterhält. Wir möchten als Ereignis wahrgenommen werden und dass die Besucher vor und nach den Vorstellungen noch etwas bleiben und nicht gleich wieder nach Hause gehen, was bei einem normalen Kino als Veranstaltungsort wahrscheinlicher gewesen wäre.

Fortsetzung.tv: Vor den Publikumstagen mit den Filmscreenings habt ihr noch zwei für die Teilnehmer kostenpflichtige Professional Days gepackt. Was verbirgt sich dahinter?

GM: Das Seriencamp war ursprünglich geplant als reine Publikumsveranstaltung. Wir haben dann aber gesehen, als wir auf den anderen Festivals in Europa unterwegs waren, dass auf diesen internationalen Festivals kaum deutsche Autoren oder Produzenten anwesend waren. Deshalb haben wir uns überlegt, diesen Leuten bei uns eine Plattform zu geben, die nicht die Zeit oder die Muße haben, auf ein internationales Festival zu fahren. Wir möchten damit den Menschen, die in diesem Branchenumfeld arbeiten, die Möglichkeit geben, sich ein Netzwerk aufzubauen, sich auszutauschen, zu lernen, sich inspirieren zu lassen. Wir hatten rund 250 Teilnehmer dieses Jahr, was etwas weniger war als letztes Jahr, was aber daran lag, dass diesmal parallel im gleichen Zeitraum die MIPCOM stattfand und viele potentielle Teilnehmer dadurch nicht bei uns sein konnten.

Fortsetzung.tv: Ihr habt auch dem Thema Webserien einen Platz in Eurem Programm eingeräumt.

GM: Ja, diesen Bereich hatten wir ja auch schon vergangenes Jahr bei uns aufgenommen. Das ist deshalb so interessant, weil die Szene noch relativ klein ist in Deutschland im Vergleich zu den anderen Ländern, speziell den USA oder Großbritannien. Da ist gerade etwas am Entstehen. Man sieht bei vielen neuen Projekten, die jetzt kommen, dass es eine komplett eigenständige Form wird. Du hast als Serienmacher die Möglichkeit, episodisch zu erzählen und bist nicht gebunden an Episodenlängen und es ermöglicht dir eventuell einen angestrebten Karrieresprung ins Fernsehen. HBO hat etwa die Webserie High Maintenance ins klassische Serienformat im TV überführt.

Fortsetzung.tv: Zum Schluss die unvermeidliche Frage: deine absoluten Lieblingsserien?

GM: „Adventure Time“ ist für mich immer noch eine der tollsten Serien, die es gibt. Das ist eine Cartoon-Network-Serie, Zeichentrick, die aussieht, als wäre sie für Kinder, aber die mit Ideen daher kommt und philosophischem Subtext, den ich vielen anderen Serien nicht zutraue.

Immer noch ziemlich weit oben ist „The Wire“. Für mich als Amerikanist interessant, wie politische, soziologische und gesellschaftliche Themen in der Serie aufgegriffen werden. Dazu ist die Erzählform und wie die Charaktere entwickelt werden einfach absolut großartig.

Zudem zählt die erste Staffel von „Utopia“ aus Großbritannien zu den tollsten Sachen, die ich jemals aus diesem Genre im Fernsehen gesehen habe. Das ist eine Mischung aus „Akte X“ und „Twin Peaks“ auf Acid. Bei uns in Deutschland ist sie auf RTL Crime gelaufen.

Gerhard Maier ist einer von drei Inhabern der Contentagentur tibtap in München, die unter anderem für Piranha, Axel Springer und Constantin Film arbeitet. 2015 starteten die Drei das erste Seriencamp Festival in München.

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