Mit einem guten Drehbuch kann man auch vom NSU erzählen: „Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch“

Surreale Begegnung: Paul Winter (Florian Lukas) trifft Amor (Christian Berkel); Foto: BR/Wiedemann & Berg Television GmbH & Co. KG/Stefan Erhard

Geht doch, ARD. Nach dem auf gleich mehreren Ebenen schauerlichen Auftakt des Dreiteilers über den NSU hatte ich arge Bedenken, ob dabei noch etwas Gutes herauskommen könnte. Der gestern Abend gezeigte Abschlussfilm bewies aber, dass man mit fähigen Drehbuchautoren auch aus einem noch längst nicht zu Ende ermittelten realen Kriminalstoff einen sehenswerten Fernsehfilm machen kann.

Lässt man die zu Recht heiß diskutierte Frage einmal außer Acht, wie sinnvoll es ist, eine solche fiktionalisierte Bearbeitung vorzunehmen, bevor der Strafprozess überhaupt abgeschlossen ist, gelang es Rolf Basedow, Christoph Busche und Jan Braren hier, einen Film zu schreiben, der zugleich spannend ist und einen kopfschüttelnd darüber zurücklässt, was in einem Rechtsstaat wie Deutschland möglich ist. Ähnlich wie in den neueren Polizeifilmen von Dominik Graf (für einige von ihnen hat Basedow die Drehbücher geliefert) ist ein Anliegen der Autoren, aufzuzeigen, welche unglaublichen Missstände teilweise im Staats- und Justizapparat herrschen, wie da geleugnet und gemauert wird, um eigene Interessen zu schützen und eigenes Versagen zu kaschieren.

Dass einen das als Zuschauer emotional so aufwühlt, liegt natürlich zu einem großen Teil auch daran, dass die Identifikation mit dem Erzählten über starke Figuren läuft. Hier sind es die Zielfahnder Walter Ahler (Sylvester Groth) und Paul Winter (Florian Lukas) und ihre Kollegen, die für die Suche nach der Wahrheit stehen, für das, was David Simon in „The Wire“ als good police bezeichnete: geradlinige Polizeiarbeit ohne auf das Ansehen von Personen und „übergeordnete Interessen“ Rücksicht nehmen zu müssen. Die beiden „Helden“ machen einfach ihre Arbeit und geben nicht auf, obwohl sie mit der Zeit zunehmend aufgerieben werden – vor allem von den Widerständen des Verfassungsschutzes. Sylvester Groths Walter Ahler ist dabei eine typische Basedow-Figur, vergleichbar mit dem von Uwe Kokisch gespielten Ermittler in „Eine Stadt wird erpresst“.

Der Ermittler rezitiert Hesse

Auf der anderen Seite stehen die Vertreter des Verfassungsschutzes als Antagonisten, wobei insbesondere Ulrich Noethen einmal mehr als herrlich schmieriger Beamter glänzt, dem seine eigene verquere Agenda über alles geht. Die ganze Absurdität der Rolle, die er und seine Behörde in diesem Fall spielen, zeigt sich in der Sequenz, in der Winter in eine Karnevalsfeier des Amtes gerät. Während ein V-Mann anderswo beinahe einen Ausländer tot schlägt, feiern seine Aufseher bieder-ausgelassen Maskenball. Es sind solche fast schon surrealen Überhöhungen, die die Drehbücher Basedows von jeher auszeichnen. Da dienen Dialoge eben nicht immer nur dazu, eine Information zu vermitteln oder die Handlung voranzutreiben, da darf ein Ermittler auch mal aus dem Off ein melancholisches Hesse-Gedicht rezitieren. So entstehen Figuren aus Fleisch und Blut und Filme, an denen man auch wirklich Anteil nehmen kann.

Auch Regisseur Florian Cossen gelingt es, Bilder zu finden, die tatsächlich filmisch sind, statt nur Vorgänge zu bebildern (wie es im ersten Teil der Fall war). Manchmal reicht es schon, wenn der todkranke Kommissar Ahler während einer Autofahrt aus dem Seitenfenster in den Himmel guckt und dieser dann auch im Gegenschuss gezeigt wird. Aber auch die Schlusssequenz ist eindringlich inszeniert. Man ahnt schon, was passieren wird, aber wie es in Szene gesetzt wird, steigert die Spannung und das ungläubige Entsetzen über das Geschehen doch noch um einiges.

Fazit: Man kann auch aus einem realen Kriminalfall, über den man glaubt, schon alles gehört zu haben, einen filmisch packenden und politisch anklagenden Stoff machen, wenn die richtigen Leute daran beteiligt sind. Insbesondere Rolf Basedow hat schon oft bewiesen, dass ihm solche skandalbehafteten Polizeigeschichten liegen. Und wenn die Drehbuchautoren wissen, was sie wollen und das auch handwerklich umsetzen können, dann stimmt auch das Ergebnis.

Der Film ist noch in der ARD-Mediathek abrufbar.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.