„Ku’damm 56“-Kritik: Episode 1.3

Der Ball gerät aus den Fugen. Foto: ZDF / Stefan Erhard

Beim Sternbild des Orion, ich hab mir wegen eines sich lange abzeichnenden, möglichen Endes vor Aufregung fast in die Hose gemacht. Ob meine Befürchtungen unbegründet waren oder nicht, sag ich noch nicht. Nur soviel vorweg: „Ku’damm 56“ macht die Frage „Wer mit wem?“ endlich mal wieder spannend.

Den ersten Schreck kriegt man gleich aufgrund der obligatorischen Symptome einer Schwangerschaft von Monika (Sonja Gerhardt), die auch nicht lange auf sich warten lässt – sie erwartet ein Kind von Freddy (Trystan Pütter). Mutter Caterina (Claudia Michelsen) erkennt darin sogleich die Gelegenheit, Joachim (Sabin Tambrea) den „Karl für einen Heinz“ zu verkaufen, und gesteht ihrer Tochter bei der Gelegenheit ohne mit der Wimper zu zucken, dass sie zwei Abtreibungen hinter sich hat. Da ist Monika erstmal sprachlos, entpuppt sich ihre Mutter doch da langsam als jemand, hinter deren Fassade es mal Leben gegeben haben muss, von dem keine der Töchter etwas weiß. Trotzdem läuft es einem eiskalt über den Rücken, wenn Caterina „dann hast du ausgesorgt“ sagt – es klingt, als meinte sie „das Leben ausgesaugt“. Die im Vokabular der Kriegsgeneration offen hervortretende Brutalität solcher Ausdrücke spricht Bände und wird den Zuschauern schonungslos um die Ohren gehauen.

"Masters of Sex" in Berlin. Foto: ZDF / Stefan Erhard
„Masters of Sex“ in Berlin. Foto: ZDF / Stefan Erhard

Ehrlichkeit währt am Längsten, denken sich derweil Joachim und Monika, als sie auf dem Hotelzimmer mit offenen Karten spielen und damit alle restlichen Hindernisse für das vorhersehbare Traumpaar aus dem Weg räumen. Für den Moment muss es aber Sex tun. Die Entscheidung über eine mögliche Eheschließung gibt es erst im Finale, bis dahin gehen sie wieder getrennte Wege und bieten ihren Erziehungsberechtigten die Stirn.

Monika setzt mit den Schülern ihres Tanzkurses im Rücken durch, dass nun doch Rock’n’Roll getanzt werden darf – jedenfalls in ihrer Klasse, was prompt eine Anmeldewelle auslöst, die die ökonomische Zukunft der Tanzschule sichern könnte.

“Du hast doch nichts zu erzählen! Du hast doch nichts erlebt!”

Mit diesen Worten ermutigt Vater Franck (Markus Boysen) seinen Sohn zur Schriftstellerei. Der kehrt ihm den Rücken und verlässt das Elternhaus, ohne noch einen Blick in den zerbrochenen Rückspiegel zu werfen und kommt dafür mit dem Leben davon. Der Spiegel Rätsel hingegen muss sein Papa wohl alleine lösen.

Unterschlupf findet Joachim vorübergehend bei Sonja Lundi (Katharina Schüttler), auf dessen Schreibzimmeraussicht wahrscheinlich nicht nur Frau Hess neidisch ist. Eine Unverschämtheit, wie gut es die nur gespielten Schriftsteller im Vergleich zu den Berufsschreibern haben. Mit seinem ersten Wurf wird Joachim sich jedenfalls von Zuhause losschreiben und befreien, dabei in eine ungewisse berufliche Zukunft blickend. Und wie steht es mit dem Glück in der Liebe? Auch da hat Sonja den besten Rat an alle möglichen zukünftigen Väter, gestern wie heute, auf den Lippen: „Du denkst zu viel.“ Treffer, versenkt.

“Ich dachte, du wusstest das?”

Gerd Schöllack (Robert Schupp) macht den Anfang und lässt sich von seinen Töchtern zur Rede stellen. Die Ungewissheit hat ein Ende, das zu lange Gedachte wird ausgesprochen und steht in seiner ganzen Monstrosität im Raum. Bis Monika die Hand des Mannes ergreift, der vielleicht gar nicht mal weiß, dass sie nicht seine leibliche Tochter ist. Mehr nicht. Die Hand halten, verzeihen und vergeben können. Keine gestammelten Entschuldigungen, sondern eine Geste, von jedem Kitsch befreit, eine pure, menschliche Geste. Als es dann Eva (Emilia Schüle) nur in den Fingern zuckt, hatte ich Tränen in den Augen. Ob Helga und Eva schon zu dem Schritt fähig waren, darf bezweifelt werden. Es wird aber offen gelassen, zunächst einmal ist es jetzt der Vater, der alleine zurück bleibt.

Vergeben und vergessen? Foto: ZDF / Stefan Erhard
Vergeben und vergessen? Foto: ZDF / Stefan Erhard

Eva hat sowieso andere Probleme, denn die Gattin ihres Torwarts ist so weit genesen, dass sie nach Hause darf. Zu ihrer Überraschung möchte Rudi (Steve Windolf) sich dann aber doch für sie scheiden lassen. Ob das gut geht?

“Bald sind wir zwei wieder allein.”

Hut ab vor Christa Hauer (Anne Werner) – wie gelassen sie hier die betrogene Ehefrau gibt, gefasst, klar, verständnisvoll, das war eine großartige darstellerische Leistung. Leider kann ihr Ende nicht damit mithalten, das dann doch mal einen moralischen Zeigefinger durchschimmern lässt und die Ehebrecher allesamt bestraft. Den Freitod kann man zwar auf ihren nicht wirklich behandelten psychischen Zustand schieben, das fände ich aber zu einfach. Wie es mit dem Torwart weiter geht, bleibt ungewiss und Eva endet „im Sarkophagen einer Grunewalder Pyramide“, wie es Freddy ausdrücken würde – das ist bitter, doch wohl leider exemplarisch. Eva hatte ja nichts anbrennen lassen und der Herr Professor Fassbender (Heino Ferch) in der Küche auch nicht. Sein Geständnis über die Lagertätigkeiten als KZ-Arzt will sie genauso wenig hören wie beim Kauen beobachtet werden. Als sie sich dann selbst mit Schuld belädt, kann sie sich doch in dessen Arme flüchten. So ist es Christa, die am Ende Recht behält: „Die ist nicht gut für dich, Rudi. Die ist berechnend.“

“Aber nimmt er dich auch, wenn du leer bist?”

Die Frage könnte man auch Helga (Maria Ehrich) stellen, die, mit der „unheilbaren“ Homosexualität ihres Mannes konfrontiert, vor die Wahl gestellt ist, ob sie die Scheidung will oder ob man zusammenbleibt (die gleiche Frage stand übrigens auch in der aktuellen Folge von „Girls“ zur Debatte). Ehemann Wolfgang (August Wittgenstein) quält obendrein, dass er Freunde seiner Familie verraten hat, um beruflich aufzusteigen, so wie es Helga von ihm wollte. So richten sich beide auf ihre Weise hinter der Fassade ihrer Musterehe ein und Helga kann sich den Spruch ihrer Mutter aufs Unterkleid häkeln: Frauen haben keine Bedürfnisse. Den Schein wahren und weitermachen. Das Grauen.

“Dann wissen doch alle, was wir in den letzten 20 Jahren miteinander getrieben haben.”

Selbst Mutter Schöllack belügt sich in der Hinsicht selbst, sie mag nicht allein kämpfen müssen, sich aber ebenso wenig von Fritz Assmann (Uwe Ochsenknecht) in Liebesdingen die metaphorische Pistole auf die Brust setzen lassen. Der fordert endlich, öffentlich reinen Tisch machen, sie müsse sich zu ihm bekennen oder er sei weg. Das Ansehen siegt und so bleibt ihr nur die Pulle „Frauengold“ auf dem Tisch. Na denn: Prost.

Haben Frauen wirklich keine Bedürfnisse? Foto: ZDF / Stefan Erhard
Haben Frauen wirklich keine Bedürfnisse? Foto: ZDF / Stefan Erhard

Einen echt glücklichen Moment hatte sie ja immerhin, als sie kurz erleichtert zwischen ihren todunglücklichen, aber frisch verlobten Töchtern saß, selbst wenn da beides nicht so ganz der Wahrheit entsprach. Kinder wollen halt ihre Eltern glücklich machen – nur zu welchem Preis?

Ball der gebrochenen Herzen (und Nasen)

Der jährliche Ball in der Tanzschule „Galant“ muss es richten, hier treffen alle aufeinander und niemand bekommt, was er will. Eva lässt ihren Torwart stehen, Caterina ihren Fritz und als Freddy mit Monika die Party mit Rock’n’Roll aufmischt, platzt Joachim der Kragen und die beiden Streithähne lösen eine Schlägerei aus, die die halbe Tanzschule zerlegt – da lachen auch endlich mal die alten Nazis wieder und sind ausnahmsweise nur als Zaungäste dabei.

Tischmanieren ungenügend. Foto: ZDF / Stefan Erhard
Tischmanieren ungenügend. Foto: ZDF / Stefan Erhard

Leider stört mich in dieser Szene die Ästhetisierung der Gewalt mittels Zeitlupe und Filmmusik sehr. Ausgerechnet da, wo man die Kraft des Rock’n’Roll hätte voll ausspielen können, ungeschminkt – da wäre mehr drin gewesen, so dass man Angst um die Figuren hat, dass jemandem etwas passiert oder wieder alles in Trümmern endet.

Versöhnt hat mich kurz zuvor der Moment zwischen Mutter und Tochter, als sie einander anlächeln, zum ersten und einzigen Mal im gleichen Rhythmus miteinander sind, sich wie durch ein Wunder zwischen den gleichen Taktstrichen befinden. Zum zweiten Mal wird hier eine einfache Geste, ein Blick, das einander wirklich Sehen und für gut Befinden, in seiner ganzen Wucht ins Zentrum gestellt. Und mal ehrlich, wer braucht denn im Leben mehr als das?

Vorm Fernseher gewesen. Geweint.

Wen nimmt sich Monika nun am Ende, Joachim oder Freddy? Die Antwort ist … keinen von beiden. Annette Hess lässt es uns von Sabin Tambrea sogar noch genüsslich in aller Deutlichkeit unter die Nase reiben: “natürlich heiratet sie am Ende den Gutsherren“ – aber Monika ist so „Franck“ und frei, wie sie es nur sein kann. Sie darf eine moderne Frau sein, die selbst entscheidet, was gut für sie ist, das Ende bleibt völlig offen, trotz zweier möglicher Väter. Als „Versorger“ taugen beide nicht, ein Detail, für das ich sehr dankbar bin, weil diese Last auf den Schultern der Männer ebenso viel Schaden anrichtet wie die falsche Annahme, Kindererziehung sei allein Frauensache. Viel weiter sind wir da 70 Jahre später auch nicht. Leider. Jedenfalls könnte sich Monika sogar einen dritten Wunschvater suchen oder eine alleinerziehende Mutter werden, sie ist am Ende dieses Dreiteilers nicht ökonomisch abgesichert, sondern frei wie ein Vogel, wenn sie den Ku’damm hinunter tanzt. Hier kommt endlich einmal die Kür vor der Pflicht und ich hab wieder ein bisschen geheult. Aber nicht zu lang, Evchen, nicht zu lang.

Hoppla, da haben wir wohl eine geschnittene Szene entdeckt ... Foto: ZDF / Stefan Erhard
Hoppla, da haben wir wohl eine geschnittene Szene entdeckt … Foto: ZDF / Stefan Erhard

Randnotizen

– An alle aufgebrachten Fans von Bayern München, die meinen, keine Tipps von Torhütern aus dem Osten zu brauchen: Der FCB wurde weder in der Saison 55/56 noch 56/57 Deutscher Meister, sondern beide Male Borussia Dortmund. Ups.
– Endlich gab es eine Montagesequenz! Zwar wieder mit doofen Speedramps statt „nur“ Zeitlupe, aber immerhin. Mehr davon, ihr habt es euch doch verdient – das ist die einzige Zutat, die noch zum Goldstandard fehlt, das Selbstvertrauen, die Bilder eine Weile mal allein für sich sprechen zu lassen. Wenn man es sich erarbeitet hat, dann gönnt euch diese kurze Verschnaufspause vor der Ernte.
– Annette Hess blüht auf, wenn sie lange Formate schreibt und sie wird immer besser. „Ku’damm 56“ stellt ihre bisher vielleicht reifste Arbeit dar und macht Lust auf mehr. Vor allem auf mehr Raum für Szenen wie die Montagesequenz und die geschnittenen Szenen (siehe Foto weiter oben). Tipp ans ZDF: Macht das Fenster zu mehr Sendezeit auf, ihr werdet es nicht bereuen. Eine Fortsetzung ist nicht undenkbar, ja wäre sogar wünschenswert. Darum habe ich vorsorglich mal die eins oben in den Titel eingebaut, so bleiben da alle Optionen offen.
– War die Beteigeuze eine Referenz an Douglas Adams? Monika wusste ja auch, wo Evas Handtuch ist … ok, das ist jetzt wohl doch eher Wunschdenken.
– Ist es Opportunismus, wenn Mutter Caterina am Ende ein bisschen mit der Hüfte zu Elvis schwingt? It’s alright, Mama – die Waffen der Frau kommen nie aus der Mode.

„Ku’damm 56“ gibt es noch eine Weile in der ZDF Mediathek zum Ansehen und Herunterladen.

12 comments

  1. Drei sehr gute Rezensionen zu „Ku’damm 56“, die ich so unterschreiben würde. Natürlich ist die Serie nicht perfekt, aber sie hat einiges vollbracht, um mich mit dem Rundfunkbeitrag zu versöhnen.

    Natürlich, wo Licht, da auch Schatten. Die in Mimik und sonstigem Gestus sehr genussvolle und genießbare Darstellung der Caterina Schöllack wird, wie dies auch bei Joachim Frank der Fall ist, unterwandert von allzu starkem Rezitierhochdeutsch. Gute alte Zeit hin, damalige Umgangsprache her, so überdeutlich wie Michelsen und Tambrea jede Silbe vor Abschwächung und Verschleifung bewahren, klingt es am Ende eben doch zu oft geschauspielert und auswändiggelernt, als es sein müsste – denn dass sie es perfekt kann, zeigt sie, als sie mit Gerds neuer Lebensgefährtin konfrontiert wird. Die sparchliche Natürlichkeit, mit der sie sich über seinen „aktiven Antifaschismus“ auslässt, täte auch ihrer restlichen Darstellung gut.

    Rein erzählerisch negativ aufgefallen ist mir außerdem eine der (noch) größeren Kinderkrankheiten deutscher Serienplotschreibung: der überstrapazierte, oder zumindest falsch präsentierte, Zufall. Die Figur Simon Crohn über eine Verwechslung einzuführen, stärkt sozusagen das Papa-Gerd-ist-nicht-Tod-Element, aber andererseits wirkt es umso deutlicher konstruiert, dass die Figur nur der Entdecktwerdung harrt und positioniert wurde, um eine sehr präzise Handlungsanweisung an Monika weiterzugeben, um den Arisierungaspekt anzusprechen. Hätte man die Figur in zwei oder drei 20-Sekunden-Szenen vorher vor der Tanzschule stehen und auf das Gebäude schauen und dann Monika dies nach dem zweiten Mal bemerken lassen, wäre dies wohl natürlicher gelungen.

    Genauso opportun, wie Wolfgang etablierterweise regelmäßig im Buschwerk des Volksparks zu seinen Freu(n)den kommt, aber genau dann auf dem Präsentierteller des gut beleuchteten Geblasenwerdens serviert wird, wo Monika ihn um Willen des Drehbuchs auch gefälligst zu entdecken hat.

    Deine Probleme mit der Präsentation der Schlägerei auf dem Galant-Tanzball kann ich nachvollziehen. Ich war, bis dann zumindest die Musikuntermalung ins Dramatischere wechselte, doch innerlich etwas peinlich berührt, weil durch die Dramaturgie ja klargemacht wurde, dass die Serie selbst diese Szene als eine Art Höhepunkt versteht – ironisch, dass mir genau das missfiel.

    Löblich aber das Spiel mit den Erwartungen und vorgefassten Meinungen des Zuschauers. Erleichtert nimmt man zur Kenntnis, dass man es unterlässt, Freddys durchs Bild huschenden Damenbesuch zum Anlass zu nehmen, um mit Monika einen Enttäuschungs-/Empörungs-/Eifersuchtsplot zu erxerzieren.

    Besonders erfreulich, dass in Freddys Aussage, er dachte bisher immer, seine Familie solle mit ihm ihr Ende finden, nebenbei subtil auch auf das tragisch-perverse „Schuldgefühl der Überlebthabenden“ angedeutet wird.

    Auch die Rolle des Wolfang von Boost hat besonders durch den dritten Teil sehr viel an charakterlicher Tiefe gewonnen. Die Gummibärchensüße seines allerersten Satzes und das Kinderschokoladenjungelächeln, mit dem er dem Handwerker Hilfe anbietet, kontrastieren schauspielerisch so prägnant mit dem durchgehenden Bassbariton aller seiner folgenden Szenen, dass man merkt: Wittgensteins hat mehr Potential, als nur den selbsthassenden Ehemann zu liefern, durch den Helga ins Unglück stürzen kann. Die ethische Dimension seiner anwaltlichen Tätigkeit hätte gerne noch intensiver beleuchtet werden dürfen, aber auch so wird klar: nicht nur seine Natur unterwandert Helgas Glück, auch Helga, die sich vielleicht als die biederste der drei Schwestern entpuppt, hat das Potential, Wolfgangs Ideale zu unterwandern.

    Ob nun Freddy oder Joachim oder keiner (oder beide) in Zukunft an Monikas Seite stehen, ist so ungeklärt wie die Zukunft von Rudi. Er, der ohne Frau nun ohnehin nicht mehr gezwungen ist, sich zurückzunehmen, kann den Kampf um Eva aufnehmen, von der er weiß, dass sie ihn liebt. Wolfgang, der es nach und nach immer schwieriger finden wird, sich so „diskret“ zu verhalten, wie Helga dies wünscht, wird womöglich flankiert von einer Frau, die außerhalb dieser Scheinehe auch wieder als Frau begehrt werden will. Insgesamt ist mehr als genug Stoff für eine Fortsetzung als Serie vorhanden, und ich hoffe sie wird kömmen, oder meine Versöhnung mit dem Rundfunkbeiträg währte nur kurz.

    1. Ausgezeichnete Beobachtungen, da steige ich direkt mal drauf ein!

      Zum Schauspiel mag ich mich ungern äußern, weil ich bisher weder Claudia Michelsen noch Sabin Tambrea (bewusst) in anderen Rollen gesehen habe. Den bisherigen Kommentaren im Netz nach scheint vor allem das Spiel von Frau Michelsen sehr zu polarisieren, entweder löst sie Begeisterung oder Abneigung aus. Ob dabei der Theaterhintergrund eine Rolle spielt, weiß ich nicht – aus eigener Erfahrung vom Schnitt weiß ich allerdings, dass man dort vieles ausbügeln kann, je nachdem wie groß die Bandbreite der Takes ist. Ich erinnere mich an Darsteller, die in den meisten Takes des Rohmaterials fürchterlich hölzern waren, aber im Zusammenschnitt der reduziert natürlichen Schnipsel plötzlich überzeugender wirkten, als die besseren Schauspieler. Darauf hat natürlich auch die Regie großen Einfluss bzw. wie eng der Drehplan ist, ob der Variationen oder gar Proben zulässt. Da ich aber weder am Set war noch das Rohmaterial gesichtet habe, mag ich mir kein Urteil erlauben, ich mochte beide Darsteller sehr, Tambrea im Verlauf sogar immer mehr – das kann aber auch auf die Rollenentwicklung zurückzuführen sein.

      Beim Kriegsheimkehrer-Betrüger / Simon Crohn gebe ich Ihnen Recht – und weiß doch nicht ob es solche vorbereitenden Szenen gegeben hat, oder nicht. Ich weiß von Pressefotos (wie dem im Artikel), dass es geschnittene Szenen gibt, die nur aus Zeitgründen aus dem Endschnitt gefallen sind, damit jeder der drei Teile auf das Bild genau ins Sendeschema vom ZDF passte – dazu bräuchte es aber Informationen aus dem Schnittprozess.

      Monika, die mit der Pulle nuckelnd an Wolfgang vorbei läuft? Ja, dafür gibt es keine Entschuldigung außer dem Plot. Sie hätten ja unbemerkt aneinander vorbeilaufen können – das wäre schick gewesen und Eva hätte immer noch über die Krankenakte dahinterkommen können. Wolfgang und Helga kamen mir zu kurz. Wäre das eine Staffel mit 10 Teilen gewesen, hätte man ihre gemeinsame Routine näher beleuchten können. Den Rotweinsoßenfleck fand ich bei den beiden übrigens völlig überzogen. Es hätte völlig gereicht, wenn es da eine Falte oder einen Faden in der Tischdecke gegeben hätte, und Helga oder sogar Wolfgang schiebt was von dem Geschirr drüber. Toll war das Gesicht von Wittgenstein, wie er die Nachrichten verfolgt – für solches Verweben von realen Ereignissen und fiktiven Erzählen blieb einfach zu wenig Zeit. Vielleicht gibt sich das ZDF aufgrund des Erfolges ja einen Ruck? Die sollen sich nur einmal vorstellen, was der Social Media Hype schaffen könnte, wenn er nicht nur drei Tage, sondern 10 Wochen zur Verfügung hätte. Do the math at Lerchenberg!

      Die Darstellung von Freddy fand ich auch sehr angenehm und mal eine ganz andere Herangehensweise an einen jungen Holocaust-Überlebenden, der das Leben feiert, mit Musik, Tanz und Sex.

      Mir würde es auch gefallen, wenn sich Rudi nicht geschlagen gibt. Noch ist Eva nicht verheiratet, die wirklich nichts von Männern verstanden hat – außer sie nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Nur sind es halt nicht ihre Ziele, die sie verfolgt, sondern die ihrer Mutter. Um Monika muss man sich keine Sorgen machen, bei Joachim schon eher.

      Man merkt schon: Bei der Vorarbeit und Grundlage schreibt sich eine Fortsetzung fast von selbst, aus den Figuren heraus … und das ZDF wird da hoffentlich nicht so lange fackeln wie die ARD bei “Weissensee”, sondern Nägel mit Köpfen machen, also eine Staffel mit 10 Folgen à 55 Minuten.

      1. Manchmal bekomme ich das Gefühl, du schießt dich zu sehr auf „den ZDF“ oder „die Redakteure“ ein, wenn es um die Schuldfrage geht, wenn dir mal was missfällt. Bis auf bei Streamingdiensten muss jede Serie ihre Episoden auf die Minute genau hinkriegen. Das Sendeschema vom ZDF ist das selbe wie überall sonst auch.

        Mir ist Crohns Auftauchen genauso aufgefallen wie euch – aber wie der Schnitt dafür verantwortlich sein soll, dass Crohn auf offener Straße mit dem Vater verwechselt wird, nur um angesprochen werden zu wollen, ist mir schleierhaft.

        1. Wenn mir was missfällt ist das zuallerst ein Bauchgefühl, das ich dann gerne verstehen und benennen können möchte – so arbeite ich auch umgekehrt als Cutter, damit ich jeden Schnitt begründen kann, sollte jemand nachfragen. Das gehört dort genauso zu meinem Job wie Sendungen oder Werbespots aufs Bild genau zuzuschneiden. Mit Schuldzuweisungen hat das nichts zu tun, außerdem erweist sich das „reverse engineering“ bei den Werken anderer immer als lückenhaft, man kann nur spekulieren und ist sehr anfällig für Fehleinschätzungen.

          Die Redakteure haben im Fall von „Ku’damm 56“ so ziemlich alles richtig gemacht, das ging schon aus dem Interview mit Annette Hess hervor und was danach noch bleibt sind vielleicht verschiedene Geschmäcker, damit hat es sich aber. Mir ist eher daran gelegen genau den Redakteuren den Rücken gegenüber ihrem Sender zu stärken, um die Sendeschemata aufzuweichen. Aufgrund der „aktuellen Ereignisse“ wurde die dritte Folge doch 10 Minuten später ausgestrahlt – das zeigt ebenso wie bei Liveübertragungen, dass man sehr wohl flexibler sein kann, wenn man nur will. Wenn sich also früh im Schnittprozess andeutet, dass man tolle Szenen verliert, wenn das Korsett zu eng ist, dann könnte man doch das Rahmenprogramm anpassen – bei der Eventprogrammierung wird der fiktionale Teil doch ohnehin gerne mit Dokumentationen, Reportagen und Interviews abgerundet – gerade letztere könnte man besser kürzen, als das Hauptprogramm. Um mehr geht es mir nicht. Bei der UFA Fiction wird man kein Problem damit haben die geschnittenen Szenen als zusätzlichen Kaufanreiz auf die DVDs zu packen.

          Derart große Projekte mit solcher Plotdichte (wie du es ja selber in deinem Kommentar weiter unten ansprichst) wären dankbar für neue Experimente auch hinsichtlich ihrer Planung. Die Quote ging bei Teil 2 und 3 nach oben, nachdem der erste Teil noch gegen den „Tatort“ lief. Dank der Mediathek und dem Buzz in den sozialen Medien konnten aber viele Zuschauer hinzugewonnen werden, innerhalb von drei Tagen! Wäre der Ausstrahlungsrhythmus ein anderer, könnte sich ein Hype entwickeln, wie ihn das ZDF lange nicht erlebt hat – vielleicht seit den Weihnachtsmehrteilern in den 80er Jahren nicht mehr. Vielleicht geht die Reise ja dahin zurück, ich sehe eigentlich nur Gewinner bei so einem Prozess, und kein Sender beweist in den letzten Monaten so viel Mut wie das ZDF – die sind endlich auf dem richtigen Weg.

  2. >>Ehemann Wolfgang quält obendrein, dass er Freunde seiner Familie verraten hat.

    Das kommt mir gerade erst, aber das dürfte historisch ungenau sein. Was hat ein West-Berliner Staatsanwalt mit dem KPD-Verbot und den sich daran anschließenden Maßnahmen gegen deren Funktionäre zu tun?

    Wir erinnern uns: Auf Geheiß der sowjetischen Besatzungsmacht wurden im Osten – und zwar, das ist entscheidend, einschließlich Gesamt-Berlins – KPD und SPD zur SED vereinigt. In West-Berlin freilich konnten die Sowjets nicht verhindern, daß die von der SPD, die da nicht mitmachen wollten, die SPD weiterbetrieben (bis zur ersten Abgeordnetenhauswahl wurden sie von einigen Kommunisten für eine unbedeutende Abweichlertruppe gehalten, haben dann aber die SED an der Urne deklassiert). Jedenfalls aber agierte die SED auch in West-Berlin und war neben ihr eine der (Rest-)SPD gleichartige Rest-KPD nicht vorhanden.

    Und die SED West-Berlin (nach dem Mauerbau „SEW“ genannt) war vom Verbot formal nicht betroffen und hat jedenfalls ungehindert weiteragiert. (Deswegen gab es auch später in West-Berlin keinen DKP-Landesverband.)

    1. Vielen Dank für den Beitrag, nur bin ich mit der Materie nicht hinreichend vertraut um mir ein Urteil über die Recherchetiefe zu erlauben. Ein kurzer Blick auf Wikipedia war in der Hinsicht nicht ausreichend erhellend, förderte aber die Quelle Gerd Pfeiffer/Hans-Georg Strickert: KPD-Prozess, 3 Bände, Verlag C.F. Müller, Karlsruhe 1956 zutage, was zumindest auf einen westdeutschen Prozess schließen lässt. Leider habe ich gerade keinen Historiker zur Hand, aber ich hoffe darauf, dass sich einer meldet, der sich in der Materie auskennt.

  3. Hallo Leute,
    ich fand den 3 Teiler toll, man muß doch nicht immer einen Film so analysieren und seine Einzelszenen zerlegen.
    Er war unterhaltsam und gut is.
    Weiß eigentlich jemand wie man an die einzelnen Titel-Namen der Hintergrundmusik kommen kann?
    Als Tanzmusiker waren für mich ein paar Sachen dabei die mich interressieren würden.
    Vielen Dank
    Gruß
    Dieter

  4. Gute Kritik und gute Serie. Es passiert immer so verdammt viel in 90 (dieses Mal sogar 97) Minuten, dass man gar nicht auf alles eingehen kann in solchen Kommentaren. Das ist einer der Gründe, warum mir 90-minütige Episoden ziemlich missfallen – weil die Episodenstruktur ganz schön wirr ist. Das vermindert nicht die Qualität der Geschichte an sich, sondern jene, wie man darüber reden kann. (Es hilft natürlich nicht, dass die Episoden keine Namen haben.)

    Ich bin überrascht, dass Hess für einen Vergewaltiger so viel Empathie in ihrer Protagonistin finden kann. (Überraschende Wendungen finden, das kann Annette Hess wirklich gut! Wenn ich an die 2. „Weissensee“-Staffel denke, bricht mir immer wieder das Herz.) Ich bin überrascht, dass das nicht kontroverser rezipiert wird – trotz der emotionalen Narben, die Monika vor allem in Folge 1 zu spüren bekommt, kann man diese Wendung als Verharmlosung interpretieren. Ich halte es deshalb für eine gefährliche, oder zumindest kontroverse Romantisierung eines schweren Verbrechens, weil die Narben der 1. Folge in Vergessenheit geraten zu scheinen. Eine mildernde Tatsache ist, dass in der Serie ja die Augen von vielen Verbrechen abgewandt werden. Hier hat mir aber, gerade zum Schluss, ein wenig Reflexion gefehlt.

    Gleichzeitig ist der innere Konflikt in Monika ein irre spannender, hinter dem ich voll dahinterstehe, und der mich über alle 3 Folgen lang sehr gefesselt hat.

    Eine inszenatorische Entscheidung, die ich spannend fand, war die doch sehr freizügige Nacktheit der Protagonistinnen. Die funktionierte wunderbar als Metapher für den Befreiungsschlag, und wurde gerade dadurch betont, dass die Episoden gänzlich unterschiedlichen Zugang zur Nacktheit hatten. Episode 1 war noch ziemlich prüde, das Finale alles andere. Schön, dass man sich dazu hat durchringen können (ich frage mich bei sowas immer, wie das wohl psychologisch für die Schauspielerinnen ist, sich einem Millionenpublikum nackt zu präsentieren).

    1. Da bin ich ganz bei dir, 6 mal eine Stunde wären toll, und das im Wochenrhythmus. Die Geschichten könnten etwas mehr atmen und es gäbe mehr Zeit sich über die Serie auszutauschen. Wie damals bei den Weihnachtsmehrteilern.

      An der Vergewaltigung und ihren Folgen finde ich nichts romantisierendes. Weder sind die beiden nach der Messerattacke wieder „quitt“, noch würde ich von Liebe sprechen – jedenfalls nicht bei Monika. In der zweiten Folge bringt er sie zum Lachen, tanzen bzw. von ihm berührt werden will sie nicht, sie stößt ihn von sich und lässt ihn stehen. Sein Interesse an ihr ist größer, er verliebt sich wohl tatsächlich in sie und wird ein anderer.

      Monika hingegen macht eine andere Entwicklung durch – sie lernt zu verzeihen. Das sollte man nicht mit Romantisierung verwechseln. Damit meine ich nicht den Sex im Hotelzimmer, sondern was sie schon bei ihrem (falschen) Vater bewiesen hat – sie verzeiht ihm und hält seine Hand. Joachim ist ihr nicht egal, sie will sich nicht an ihm Rächen, ihm nichts unterschieben, er verheimlicht ihr nicht seine Zeugungsunfähigkeit – das zeigt ein anderes Kaliber ihrer Beziehung. Sie sind beide gebrannte Kinder ihrer Eltern, flüchten einander in die Arme, weil sie die ähnlich verloren sind, aber über den „versöhnlichen“ Sex hinaus ist da nichts, jedenfalls nicht bei Monika. Ich finde das wird deutlich, und mutig erzählt obendrein, von Verharmlosung keine Spur.

      Die Verbrechen werden angesprochen, ohne das mit dem moralischen Zeigefinger herumgewedelt wird – das empfand ich als äußerst erfrischend, man wurde als mündiges Publikum behandelt, statt als tumber Zuschauer, dem alles vorgekaut werden muss.

      Sehr gut von dir beobachtet finde ich den inszenatorischen Bogen, wie mit Nacktheit umgegangen wird – habe ich glatt übersehen, so offensichtlich ist es – danke für’s Augen öffnen. Was natürliche Nacktheit vor der Kamera angeht, da tut derzeit „Girls“ mehr für die Frauen, und „The Leftovers“ mehr für die Herren als alle anderen Serien zusammen.

      1. Monika scheint zu verzeihen, obwohl es Joachim kaum Leid tut. Eine halbgare Entschuldigung ist es ihm Wert. Dass Monika nicht mehr Selbstreflexion fordert, um ihm verzeihen zu können, verstehe ich nicht. Ich habe nicht das Gefühl bekommen, dass Joachim das Ausmaß dessen bewusst ist, was er Monika angetan hat – oder zumindest lässt er es nicht durchblicken.

        Das Wechselbad der Gefühle, das Monika in Sachen Joachim durchmacht, finde ich sehr schön und konfliktreich. Und ich finde spannend, was sie in ihm sieht. Mit ihrem Vergewaltiger ins Bett zu springen interpretiere ich aber nicht unbedingt als Befreiungsschlag.

        Ich muss aber in aller Fairness zugeben, dass ich die Serie an 2 Abenden gesehen habe und das jetzt schon wieder ein paar Tage her ist, vielleicht kann ich mich nicht mehr an alle Nuancen erinnern. (das verdammte Binge-Watching!)

        1. Monika verzeiht. Das ist ihre größte Stärke, das hat sie ihren Schwestern und Eltern voraus. Das ist nicht aufgesetzt, keine Maske, sondern ihr Wesen. Vor allem lernt sie sich selbst zu verzeihen, dass sie das mit der Kochwäsche nicht beherrscht, aber was alle von ihr erwarten. Sie lässt das alles hinter sich, wie auch die falsche Sexualmoral der 50er. Denn ihre Mutter übt sich ja immer noch im “Ehebruch”, lebt in “Schande”, wahrt aber brav nach außen die Form, damit ihren Töchtern ihr eigenes Schicksal erspart bleibt. Monika macht weder ihr noch ihrem Vater Vorhaltungen – sie kann verzeihen, weil alle Opfer dieser Zeit sind, auch Joachim.

          Die Entschuldigung von Joachim empfinde ich nicht als halbgar, wenn man 70 Jahre abzieht. Frauen gehörten an den Herd, häusliche Gewalt und Vergewaltigung in der Ehe nicht geahndet. Der Moment in dem er begriffen hat, dass es nicht nur ihn und seinen Schmerz gibt, dass andere ebenso leiden war als Monika ihn im Krankenhaus besuchte und sich ausgekotzt hat. Gleichzeitig hat sie sich damit so verwundbar gezeigt wie niemanden sonst. Das hat bei ihm etwas ausgelöst, nur will sie dann nichts mehr von ihr wissen, bis es zur Schwangerschaft mit Freddy kommt. Mit ihm springt sie ins Bett, weil es ihr Spaß macht, hat keine Erwartungen darüber hinaus, weil sie ihm ja auch keine Vorhaltungen macht, dass er es auch mit anderen treibt. Das gleiche Recht gesteht sie sich auch zu und auch Joachim lebt so. Das passt schon, die drei sind jener Teil einer neuen Generation, die nicht ins Bild passt und gegen Konventionen verstösst.

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