Quality? What Quality? – Bemerkenswerte Serien abseits des Qualitätskanons (IV): „Lie to me“

Procedural mit viel verschenktem Potenzial: "Lie to me". Foto: 20th Century Fox TV

Für das aktuelle „Goldene Serienzeitalter“ werden immer wieder die gleichen Beispiele angeführt: „Breaking Bad“, „Mad Men“, vielleicht noch „Homeland“. Aber auch abseits von HBO, AMC und Showtime gibt es Überraschungen zu entdecken, im Network-TV, bei kleineren Sendern oder in Europa. Heute: ein klassisches Procedural mit (verschenktem) edukativen Potenzial und den besten Nebendarstellern aller Zeiten.

Unser heutiger Qualitätsfall der Woche ist „Lie to me“, auf den ersten, zweiten und dritten Blick ein durchkomponiertes, schnelles Procedural mit abgeschlossenen Episodenfällen und gut für ein abzuschaltendes Hirn nach einem harten Arbeitstag.

Es ist alles da: der weiße Ermittler, der zwischen Genie und Arschloch hin und her oszilliert, eine problematische Vergangenheit verheimlicht und eine Hass-Liebe zur Exfrau pflegt. Dabei bleibt er aber ein liebender, wenn auch manchmal immer schrulliger Vater eines Teenagers.

Im Büro schert er sich nicht wirklich um Vorschriften oder sowas wie Geld, hat aber irgendwie seinen eigenen, situationselastischen Code. Damit der Wahnsinn aber nicht zu sehr mit ihm durchgeht, hat er eine – in dem Fall gleichgestellte (manchmal auch übergeordnete) – Kollegin, in die er auch insgeheim verliebt ist. Hier zieht er seine moralische Grenze und ist dafür umso fieser zu seinen jungen, diverser gecasteten Untergebenen, die alle ihre Art von Nutzen für die Lösung der Fälle und genügend Hintergrund für ein paar „einem aus dem Team muss man helfen“-Storys mitbringen.

Pro Woche werden dann zwei Fälle gelöst. Im Hauptstrang arbeitet unser Held immer mit demjenigen Teammitglied, das mit dem Opfer/Täter/Zeugen irgendwie am meisten verbunden ist und so dem Meister eventuell im Weg steht, damit er mit noch größerer Genialität den Fall zum Abschluss bringt. Im untergeordneten Fall dürfen die anderen ran, was aber keinen interessiert und nur die restlichen zehn Minuten Spielzeit füllt.

Wir ergötzen uns maximal an einem überdurchschnittlichen Fall, wollen aber eigentlich nur die Marotten des Chefs begutachten. Das führt dann öfters dazu, dass die Autoren ihren ursprünglich gut ausbalancierten Hauptcharakter endgültig zum Clown degradieren, was dann keiner mehr sehen will, worauf die Serie eingestellt wird. So geschehen auch bei „Lie to me“.

Wo ist jetzt die Qualität?

Jetzt fragt sich der geneigte Leser, warum man sich den x-ten „Navy House CSI“-Aufguss ansehen soll. „Lie to me“ spielt nicht wie wie die üblichen Polizeiprocedurals (ja, „Dr. House“ zählt da auch dazu) innerhalb einer Abteilung einer Polizei(spezial)einheit, sondern extern. Die von Cal Lightman (Tim Roth) „geleitete“ Lightman Group wird bei verzwickten Ermittlungen beigezogen oder findet sich ihre Fälle selbst, die unwahrscheinlich oft einfach so zur Tür hereinkommen oder Lightman auf der Straße auffallen. Lightman und sein Team sind Experten für das Lügen und entdecken die (Un)Wahrheit im Gesicht und im Achselzucken der zu Vernehmenden.

Loker (Brendan Hines) und Foster (Kelli WIlliams) haben immer die Kamera dabei, um danach im "Labor" die Gesichtsexpressionen studieren zu können, die ihnen zuvor entgangen waren; Foto: Fox/20th Century
Loker (Brendan Hines) und Foster (Kelli Williams) haben immer die Kamera dabei, um danach im „Labor“ die Gesichtsexpressionen studieren zu können, die ihnen zuvor entgangen waren; Foto: 20th Century Fox TV

Diese Mikroexpressionen und anderen psychologischen Erkenntnisse werden in der Montage der Serie auch mit realen Fotos von bekannten Persönlichkeiten in Verbindung gesetzt, um die jeweils dargestellte Emotion zu verdeutlichen. Weil es sich hier um zwischenmenschliche Kommunikation und nicht um Pseudoforensik à la „CSI“ handelt, könnte hier sowas wie Allgemeinbildung vermittelt oder zumindest Kompetenzvermittlung betrieben werden. Diese Chance wird aber vertan, weil man durch die fixen Story beats hetzen muss und für echte Wissensvermittlung im US-Networkfernsehen sowieso kein Platz ist. Eine vergebene Chance. (Die deutsch-österreichische Kopie „Spuren des Bösen“ hat’s übrigens auch nicht besser gemacht.)

Weil aber das ganze Konzept eine wissenschaftliche Basis hat und sich 80 Prozent der Handlung in den Gesichtern der Verdächtigen und Zeugen abspielt, braucht es hier eine besondere Qualität. Ohne empirische Beweise wage ich zu behaupten, dass noch nie im Fernsehen besser gecasted wurde als in „Lie to me“. Nicht nur dass dem Serienfan sehr viele Darsteller bekannt sein dürften, werden von diesen auch einige schauspielerische Glanzleistungen abgeliefert. Und das auch noch, während einem Tim Roth mit seiner unangenehmen britisch-schluderigen Art (manchmal wortwörtlich) ins Gesicht fährt.

Den Casting-Höhepunkt hat man in der zweiten Staffel erreicht. Shawn Ryan übernahm die Position des Showrunners (was die Serie deutlich verbesserte) und versammelte in einer Folge gleich sechs (!) Darsteller von Hauptrollen aus seiner grandiosen Polizeiserie „The Shield“.

Suchbild: auf diesem Bild befinden sich drei Hauptdarsteller von "The Shield"; Foto: Fox/20th Century
Suchbild: auf diesem Bild befinden sich drei Hauptdarsteller von „The Shield“; Foto: Fox/20th Century

In der dritten Staffel wurde Lightman dann komplett zum Hampelmann und vom Genie war kaum noch was über. Mekhi Phifer, der als FBI-Liason Ben Reynolds für zwei Staffeln zur Verfügung stand, verließ die Serie und es fehlte das moralische, zweifelnde Gegengewicht, das Lightman auch mit der Kraft seiner Polizeimarke den Rücken freihielt.

„Lie to me“ hatte eine Menge verschenktes Potenzial, darf aber im Kanon der langweiligen Polizeiprocedurals einen Ehrenplatz einnehmen.

Alle 48 Folgen aus den drei Staffeln sind bei Netflix in Deutschland und Österreich verfügbar.

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