Ohne starken Gegenspieler schlägt „Daredevil“ ins Leere

Im Punisher (Jon Bernthal) findet Daredevil (Charlie Cox) einen ebenbürtigen Gegner - vorläufig. Foto: Netflix

Seit dem 18. März ist die neue Staffel „Daredevil“ auf Netflix abrufbar. Nachdem die erste Staffel durchgehend positive Resonanzen erhielt, sollte Staffel 2 doch eine sichere Sache sein. Von wegen: Die zweite Staffel „Daredevil“ zeigt, warum zu viele Zutaten einen Mix erzeugen, der schlussendlich nach gar nichts schmeckt.

Was von den Stärken übrig bleibt

Die größten Stärken der ersten Staffel waren die Kinematographie, der fantastische Gegenspieler für den Protagonisten sowie die Tatsache, dass Matt Murdock trotz seiner spektakulären Kampfkünste stets der Underdog zu sein schien und wir ihn sich immer wieder blutend vom Boden aufrappeln sehen mussten. Nur eine dieser drei Stärken bleibt der Serie erhalten: „Daredevil“ ist nach wie vor wunderschön beleuchtet und sieht häufig absolut blockbuster-reif aus.

Die anderen beiden Stärken hat die Serie hingegen schlichtweg aufgegeben – eine völlig unverständliche Entscheidung in der Konzeptionsphase, und nicht die einzige. Vom Underdog ist in Staffel 2 jedenfalls nicht mehr viel zu spüren: Dank der Daredevil-Rüstung scheinen die wenigsten Kämpfe eine wirkliche Herausforderung für den blinden Helden darzustellen. Das macht die Kämpfe weniger spannend – schade, weil die Kampfchoreographie erneut einfach fantastisch ist (unter anderem erneut mit einer mehrminütigen, minutiös orchestrierten Massenkeulerei ohne einen einzigen Schnitt).

Was ebenfalls für weniger Spannung sorgt: Daredevil kämpft – mit der Ausnahme des Punishers, mehr zu diesem gleich – gegen mehr namen- und deshalb chancenlose Gegner denn je. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass Ninjas langfristig einfach nicht sehr glaubhaft auf Realfilm umsetzbar sind – man kann nicht anders, als sich zu fragen, warum sie nicht deutlich effizientere Waffen verwenden (wie zum Beispiel, sagen wir mal, Pistolen), was das Ganze ein wenig ins Lächerliche zieht. Aber auch abseits der unzähligen Ninjas fertigt Daredevil genug Biker, Iren und Gangster ab, die nie eine echte Gefahr darstellen. Das macht zwar Laune, aber wirklich involvierend ist es nicht.

Formlose Staffelstruktur

Und das führt uns zur größten Schwäche der Staffel: Anstatt eines formidablen, facettenreichen, eindrucksvollen Gegenspielers wie Mr. Fisk ist der große Antagonist eine gesichtslose Organisation (die „Hand“), die keinerlei interessante Fieslinge hervorbringt, die Daredevil auch nur ansatzweise das Wasser reichen könnten. Wir bekommen es zwar mit einer alten Nemesis aus Staffel 1 zu, aber die baut nie ein sonderliches Charisma auf, erhält keinerlei Hintergrund und ist darum fast genauso blass wie ihre verbrecherischen Kollegen. Aus diesem Grund ist „Daredevil“ in seiner zweiten Staffel eine trübe und uninspirierte Angelegenheit – und manchmal sogar recht langweilig.

Und das wiederum hat damit zu tun, dass „Daredevil“ viel zu lange wartet, um die Hauptgeschichte der Staffel zu erzählen, und selbst dann nur eine mysteriöse Verschwörungstheorie nach der anderen herunterspielt, ohne je wirklich eine kohärente Geschichte zu erzählen, oder den narrativen Schwung zu haben, viele der aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Diese zweite Staffel wirkt formlos, als ob den Autoren in der Konzeptionsphase einfach die Zeit ausgegangen wäre und sie sich dann voreilig auf ein paar halbgare Ideen geeinigt hätten – vor allem, was die fehlende Präsenz zu Beginn und den mysteriösen, aber nie wirklich erklärten Plan der Hand anbelangt. Staffel 2 wirkt, als ob sie aus zwei unfertigen Staffelhälften zusammengeschustert worden wäre – das kann ja gar nicht erst funktionieren. Die Showrunner Doug Petrie und Marco Ramirez wagen ein dramaturgisches Experiment, das in keinster Weise aufgeht.

Zumindest eine dieser Hälften funktioniert: Der Auftritt des Punishers ist nicht nur dank der diversen Fallhöhen und der schauspielerischen Leistung Jon Bernthals einprägsam, sondern erzählt auch eine in sich geschlossene Geschichte. Sie hat, wie die Staffel generell, zwar ihre Längen (vor allem Folgen 5, 6 und 7 bilden einen langen Durchhänger), aber besitzt eine menschliche Komponente, die der Welt der Ninjas komplett fehlt. Er scheint teilweise als Fisk-Ersatz zu fungieren und stellt einen ansprechenden Kontrast sowohl zu diesem als auch Matt Murdock dar. Aber eine gute Hälfte ist als groß-budgetierte Marvel-Produktion keinesfalls genug.

Nicht zuletzt bringt der Punisher auch das moralische Dilemma der Staffel zum Ausdruck:“Du triffst sie, und sie stehen wieder auf. Ich treff sie, und sie bleiben unten!“ Der Punisher kann das tun, wozu Daredevil nicht fähig ist – und während Daredevils Feinde zunehmend wieder Fuß fassen, muss er sich eingestehen, dass die Worte des Punishers durchaus einen Funken Wahrheit besitzen – aber wird Matt Murdock dafür seine christlichen Ideale über Bord werfen? Mir gefallen diese ethischen Überlegungen der Serie, auch wenn man sie so oder so ähnlich schon ein Dutzend Mal woanders gehört hat – auf Neuland begibt sich „Daredevil“ in seiner zweiten Staffel sicher nicht.

Starke Figuren – immerhin

Während die Serie vielen ihrer Stärken nicht treu geblieben ist, muss man ihr aber zugutehalten, dass sie konsequent die größte Schwäche der ersten Staffel aufarbeitet: Abseits von Matt Murdock waren die anderen Hauptfiguren zuvor noch ziemlich blass, in den neuen Episoden besitzen sie hingegen alle ihre eigenen Geschichten, Stränge und Bedürfnisse. Foggy Nelson ist nun weit mehr als bloß der lustige Dicke, sondern kann seine Stärken (Integrität und sein Geschick als Anwalt) vielfach unter Beweis stellen. Karen Page ist nicht mehr bloß die bildhübsche Prinzessin, die gerettet werden muss (obwohl sie das ab und zu auch muss), sondern kann in dieser Staffel eine Reihe an Erfolgen verbuchen, die durch ihr journalistisches Geschick entstehen. Leider bleibt „Daredevil“ trotzdem absolut eine Männerserie, und das nicht nur aufgrund der vielen Action: Den Bechdel-Test bestehen nur die wenigsten Folgen.

Mit Elektra (Élodie Yung) verbindet Daredevil nicht nur eine alte Freundschaft.
Mit Elektra (Élodie Yung) verbindet Daredevil nicht nur eine alte Freundschaft. Foto: Netflix

Und das, obwohl die Serie eine zweite weibliche Hauptfigur in Form von Murdocks ehemaliger Geliebter Elektra einführt – Liebesdreieck inklusive. Elektra Natchios ist eine interessante Ergänzung für die zweite Staffel, weil sie durch ihre abenteuerlustige Art den sonst so bedachten Matt Murdock auf Trab hält. Weil ihre Geschichte mit jener der Ninjas verknüpft ist, bin ich jedoch nicht restlos davon überzeugt, dass sie die Serie zum Positiven verändert hat – unter anderem auch deshalb, weil sie neben Charlie Cox und Jon Bernthal eindeutig den Kürzeren zieht und die Chemie zwischen Matt Murdock und Karen eindeutig heißer ist. Insgesamt stellt sich aber die Riege an Mitstreitern mit ihren eigenen Dilemmata als größte Stärke der Staffel dar – das hätte die Serie nicht besser machen können.

Insgesamt ist „Daredevil“s Zweitlingswerk aber eine Enttäuschung. Die neuen Folgen sind dank der vielen Action durchaus kurzweilig, doch sie zeigen eindrucksvoll, wie wichtig es für eine auf Netflix veröffentlichte Serie ist, einen starken, von Anfang an erkennbaren Staffelbogen zu besitzen. Es widerlegt die Theorie, dass Serien von den Protagonisten und ihren Charakterbögen leben – denn darin bleibt „Daredevil“ nichts schuldig. Die Serie besitzt noch genug Gutwillen aus der vorherigen Staffel, um dem Binge-Watching keinen Abbruch zu tun – falls sie aber eine dritte Staffel spendiert bekommt, sollte sie ihren Stärken in diesem Fall treu bleiben.

„Daredevil“ Staffeln 1 und 2 sind exklusiv auf Netflix verfügbar.

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