Indie-Film in Staffellänge: Will Arnett auf Sinnsuche in „Flaked“

Stimmiges Bild von Venice: Chip unter der Sonne Kaliforniens; Foto: Netflix

Leben und Lieben im kalifornischen Venice: Die neue Netflix-Dramedy mit Will Arnett wirkt teilweise wie eine Live-Action-Variante von „Bojack Horseman“. Kein Wunder, gibt es doch beim Personal vor und hinter der Kamera mehrere Überschneidungen.

„Flaked“ ist einer der besten Independent-Filme der letzten Monate, nur dass die Handlung in diesem Fall über acht Episoden erzählt und in serieller Form auf Netflix ausgestrahlt wird. „Flaked“ eignet sich dementsprechend großartig, um an einem Wochenende gebinged zu werden und stellt eine interessante Art der dramaturgischen Konzeption dar: Im Gegensatz zu ähnlichen Netflix-Produktionen wie „Master of None“ oder „Love“ ist die jüngste Dramedy-Auskoppelung (wobei mehr Drama als Comedy) des Streamingdienstes mehr plot- als charakterorientiert, ohne dabei tatsächlich überwiegend plotlastig zu sein. Vielmehr handelt es sich um eine Charakterstudie, in der den einzelnen Protagonisten genug Raum zur Beleuchtung ihrer Seelenwelt und der Interaktionen miteinander gegeben wird, während dadurch ein stimmiges Bild des kalifornischen Venice gezeichnet wird, in das es die Hauptfigur vor einem Jahrzehnt verschlagen hat.

Will Arnett spielt in einer seiner stärksten Schauspielleistungen die Hauptfigur Chip, der sich nach einem folgenschweren Autounfall als scheinbar geläuterter Alkoholiker einen Namen innerhalb seiner Gemeinschaft gemacht hat und versucht, als gutes Beispiel voran zu gehen. Nur langsam eröffnet sich dem Zuseher das ganze Spektrum von Chips Wesen und die Details seiner Lebenssituation. Als Chips bester Freund Dennis agiert der Schauspieler David Sullivan, der, wenn überhaupt, noch aus seiner Debütrolle in dem bahnbrechenden No-Budget-Spielfilm „Primer“ im Gedächtnis geblieben ist und dank „Flaked“ wieder in einem größeren Rahmen sein Talent unter Beweis stellen darf. Ruth Kearney gibt love interest London, die neben Chips Vergangenheitsbewältigung und einer drohenden Gentrifizierung des Stadtteils für die Kernkonflikte der Serie sorgt und einen möglichen Keil zwischen die zwei besten Freunde treibt. In weiteren Nebenrollen sehen wir „Gaststars“ wie Heather Graham oder Kirstie Alley, sowie George Basil als Cooler und Lina Esco als Chips Etwas-mehr-als-eine-Affäre Kara, die ihre „Free the Nipple“ -Kampagne in der Pilotfolge ausleben darf.

Nach der vierten Staffel von „Arrested Development“ und „Bojack Horseman“ handelt es sich inzwischen schon um die dritte Zusammenarbeit von Will Arnett mit Netflix, der „Flaked“ gemeinsam mit Mark Chappell konzipiert und alle acht Folgen der Serie geschrieben hat. In weiterer Konsequenz war „Arrested Development“-Schöpfer Mitchell Hurwitz als Executive Producer involviert, während Raphael Bob-Waksberg („Bojack Horseman“) als Program Consultant in Erscheinung tritt. Dieser Aspekt gestaltet sich umso spannender, da Will Arnetts Charakter in „Flaked“ bisweilen wie eine Live-Action-Variante von Bojack wirkt, da beide mit einer verzerrten Selbstwahrnehmung und den daraus folgenden Problemen innerhalb ihres sozialen Umfelds zu kämpfen haben, während Momente der Erkenntnis und der unterdrückten Selbstverachtung immer wieder spürbar werden. Will Arnetts Vulnerabilität wird dabei fortwährend in seinem Spiel und vor allem in seinen Augen reflektiert, wodurch es ihm gelingt, Chip zu einer Person werden zu lassen, in der man sich als Zuseher in gewissen Momenten selbst wiedererkennen kann.

Die erste Staffel ist komplett bei Netflix (auch in Deutschland und Österreich) verfügbar.

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