„Better Call Saul“-Kritik Ep. 2.05: „Rebecca“

Neue Kollegin: Erin soll Jimmy kontrollieren; Foto: Sony TV/AMC

Diese Woche bei „Better Call Saul“: keine Waffen, keine Schlägereien, dafür ein alter Bekannter, eine neue Nebenrolle und eine herrlich ironische Szene.

So wie Jimmy McGill (Bob Odenkirk) seit mittlerweile 15 Folgen nach seiner Bestimmung sucht – oder zumindest nach dem, was später einmal aus ihm werden wird – so sucht die Kamera am Anfang von „Rebecca“ nach einem Fokus. Unklare Formen stellen sich schließlich als Lampenhalterung heraus, in die sein Bruder Chuck (Michael McKean) eine Birne einschraubt. Der Zuschauer merkt: Wir befinden uns in der Vergangenheit, denn Chuck hat keinerlei Probleme mit Elektrizität. Bei einem Abendessen mit Jimmy und Chucks Ehefrau, der Violinistin Rebecca (Ann Cusack), lernen wir etwas über die Hintergründe des schwelenden Bruderkonfliktes. Jimmy nimmt den Anwaltsberuf nicht ernst und macht endlose Witze über Chucks Profession, was diesem überhaupt nicht gefällt. Auch nicht, dass Rebecca in die Scherze mit einstimmt. Der Gegensatz der Brüder wird schon bei der Getränkewahl deutlich: Chuck trinkt Weißwein, Jimmy Bier.

In einer späteren Szene erzählt Chuck etwas mehr über seinen Bruder und ihren Vater: Der betrieb ein Ladengeschäft, bis nach und nach 14.000 Dollar fehlten, entwendet von Jimmy. Der Vater starb bald darauf. Chucks Resümee: „My brother’s not a bad person. He’s got a good heart but he just can’t help himself.“ Wo Chuck vorher unfair und hart in der Serie erschien, entwickelt sich vonseiten des Zuschauers plötzlich Verständnis. Nach diesen Erfahrungen ist es nur allzu nachvollziehbar, dass er seinem Bruder jetzt grundsätzlich misstraut.

Undankbare Jobs

In der Präsens-Zeit steht Jimmy unter Bewachung: Nach seinem Lapsus aus der Vorwoche und der Bewährung, die man ihm gewährt hat, werden seine Schriftstücke nun akribisch von der viel jüngeren Kollegin Erin (herrlich in ihrer Rolle: Jessie Ennis) kontrolliert und korrigiert. Man könnte sie Assistentin nennen, Wachhund passt allerdings auch. Erin hat fürderhin ein Auge darauf, dass Jimmy sich nicht durchmogelt und die legalen Abläufe respektiert.

Ein interessantes Hin und Her bietet der Handlungsstrang rund um Kim Wexler (Rhea Seehorn). Die Anwältin will weiterhin wenig Kontakt und schon gar keine Hilfe von McGill haben und ergibt sich zunächst in ihr Schicksal, ergo ihre neue Tätigkeit in der Dokumentenrevision ihrer Kanzlei. Nebenbei versucht sie aber doch, aus diesem Loch herauszukommen und neue Aufträge für ihren Arbeitgeber zu akquirieren – erfolglos. Das gipfelt in einer wunderbar ironischen Sequenz, in der Wexler versucht, diverse Menschen telefonisch zu erreichen, aber immer scheitert. Untermalt wird das Ganze von der spanischen „My Way“-Version der Gypsy Kings, „A mi manera“. Köstlich! Am Ende sind die Bemühungen von Erfolg gekrönt, so scheint es. Harte Arbeit zahlt sich aus, wollen uns die Autoren vermitteln? Mitnichten. Der Auftrag geht zwar durch, aber Kims Hoffnungen zerschellen: Howard Hamlin (Patrick Fabian) sieht keinerlei Notwendigkeit, sie wieder mit mehr Verantwortung auszustatten. Chuck will später aber ein gutes Wort für sie einlegen.

Die Rückkehr von Onkel Hector

Derweil sitzt Mike Ehrmantraut mit ramponierter Visage im Parkplatzwächterhäuschen und muss sich auch noch von Jimmy verhöhnen lassen, der beim Vorbeifahren die „Rocky“-Melodie summt. Diese Kleinigkeiten, die sich nicht jedem Zuschauer sofort erschließen werden, machen die Serie liebenswert. In einer folgenden Szene wird deutlich, wie gut Jimmy es bei seiner Kanzlei hat. Im Gespräch mit einem Pflichtverteidigerkollegen ist dieser neidisch auf Jimmys Arbeitplatz, die von der Kanzlei gestellte Wohnung sowie die Klienten. „Lucky bastard“, nennt er McGill, der das selbst überhaupt nicht so sieht.

Ein Cameo wurde angekündigt, ein Cameo wird geliefert: Am Ende der Folge sitzt Mike in einem Diner, als sich plötzlich jemand zu ihm gesellt… Onkel Hector Salamanca (Mark Margolis), uns allen bestens als der Mann mit der Klingel aus „Breaking Bad“ bekannt. Hier kann er allerdings noch laufen und sprechen. Werden wir im weiteren Verlauf der Serie wohl noch erfahren, was ihn in den Rollstuhl gebracht hat? Salamanca macht Mike ein Angebot: Um seinen Neffen Tuco vor einer langen Haftstrafe zu bewahren, solle Ehrmantraut den Waffenbesitz auf seine Kappe nehmen, dafür gebe es ein nettes Sümmchen als Gegenleistung. Mike überlegt und entpuppt sich erneut als Cliffhanger-König von „Better Call Saul“.

Nach den Ereignissen der letzten Woche lässt es das Team um die beiden Showrunner Vince Gilligan und Peter Gould in dieser Folge wieder etwas ereignisärmer angehen. Oder sagen wir: unspektakulärer, aber nicht weniger sehenswert. Denn die Szenenabfolge ist elegant montiert, mit schönen Bildern wie immer. Allein die erwähnte Gypsy-Kings-Szene lohnt sich schon, da blitzt die Ironie von „Breaking Bad“ auf. Die neu eingeführte Nebenfigur Erin könnte uns noch viel Spaß bereiten, hoffentlich sehen wir von ihr mehr in den kommenden Wochen. Mark Margolis als Hector Salamanca nehme ich auch gerne noch mal, so lässt sich Fan-Service durchaus vertragen.

„Better Call Saul“ ist in Deutschland auf Netflix zu sehen, jeden Dienstag wird eine neue Folge online gestellt.

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