„Die Brücke – Transit in den Tod“-Kritik: Episode 3.5

Freddie Holst (Nicolas Bro) kämpft im Staffelfinale verzweifelt um seinen Sohn. Foto: ZDF/Carolina Romare

Das Finale von „Die Brücke“ III wartet mit einigen handfesten Überraschungen auf, und das nicht nur, was den Täter betrifft: Auch strukturell geht „Die Brücke“ neue Wege. Folge 5 zeigt aber auch, dass die Serie nach wie vor weiß, an welcher Stelle ihr Herz schlägt, und dieses Herz hat einen Namen: Saga Norén.

Das Ende des Falls

Da hat uns „Die Brücke – Transit in den Tod“ (ein Titel, der in Staffel 3 ein neues Plateau an unfreiwilliger Irreführung erreicht) ja in Episode 4 ganz schön aufs Glatteis geführt: Annika ist unschuldig, ihr Pflegebruder war der Täter. Die Irreführung war fantastisch: Die ständigen Andeutungen, dass es sich um einen Mann handle, rückten Claes in den Vordergrund, und dessen Absenz durch die Beerdigung seines Vaters regte den perfekten Verdacht an. (Kalt von Orsa, nicht der Beerdigung des Vaters ihres Ex-Mannes beizuwohnen, wodurch Claes kein Alibi besaß.) Gleichzeitig wussten wir aber von Episode 2 oder 3, dass Claes nicht viel für Annika übrig hat, und dass das nicht bloß gespielt ist. „Die Brücke“ wanderte über lange Zeit ihrer dritten Staffel hin eine ausgesprochen spannende Gratwanderung, was das Mitraten anbelangt: Wer die vielen Hinweise selber gut zusammensetzen konnte, war den Schnüffelnasen Saga und Henrik oft einen Schritt voraus. „Die Brücke“ ist ein anspruchsvoller Krimi, weil die Serie das Mitdenken und Miträtseln belohnt.

Die Serie lässt sich in ihrer letzten Episode reichlich Zeit, ihren komplexen Plot nochmal ganz von vorne zu erklären, was in eine äußerst lange, teilweise recht platte, gleichzeitig aber auch dringendst notwendige Verhörszene mündet, in der Emil die gesamte Geschichte, seine Vorgehensweise sowie seine Motive aufrollt. Emils Motivation und seine Eignung zum minutiösen Serienmörder sind ziemlich dünn, aber anders geht es bei einem Dutzend Mordopfer und einem effekthascherischen Alleinstellungsmerkmal der Mordserie (die Tatorte Kunstwerken nachzuempfinden) wohl nicht.

Ich tat der Serie im gestrigen Artikel unrecht, als ich erwähnte, die Brücke würde mittlerweile lediglich als Metapher verwendet werden, und auch das nur in den atmosphärischen Insertshots. „Die Brücke“ III lässt ihren Showdown aber ausgerechnet und nicht ganz zufällig auf Saltholm stattfinden, einer Insel unmittelbar neben der Öresundbrücke. Dass die Serie hier ihrem Namen wie aus dem Nichts gerecht wird, ist einer der größten „Aha“-Erlebnisse der Folge. Die Insel dient nicht nur als wunderschöne Location – schade, dass die Kamera keine 360°-Drehung macht, als Freddie versucht, sich zu orientieren, aber da war wohl die Crew im Weg – sondern dient als jener Ort, an dem Schweden und Dänemark zusammenkommen müssen, um ihr Ziel zu erreichen.

Leben und Leben lassen

Damit sind nicht nur Saga und Henrik gemeint, sondern auch Saga und Martin, denn letzterer wird im großen Showdown eindringlich hervorgerufen. Ich bin überrascht, ihn nicht tatsächlich auftauchen zu sehen – vor allem Sagas Besuch im Gefängnis ließ mich (wohl ganz bewusst fälschlicherweise) darauf hoffen. Aber Sagas Entscheidung, Emil das Leben zu retten, spiegelt die Entscheidung Martins wider, sich am Mörder seines Sohnes zu rächen. Gestern bezeichnete ich Saga noch als hypokritisch; das kann ich im Staffelfinale nicht tun. Weil sich Saga durchringen kann, Hans‘ Mörder am Leben zu lassen, ist sie die Größere von den beiden. Mehr noch: Wahrscheinlich ist es ihre Erfahrung mit ihrem ehemaligen Partner, der sie zu dieser Entscheidung kommen lässt.

Oder tut sie das gar nicht? Saga lässt die Büroklammer liegen, mit der sich Emil das Leben nimmt. Sagas Reaktion, als sie hektisch das unterzeichnete Protokoll hervorkramt, wirkt ehrlich – und Saga ist ja keine gute Schauspielerin. Ich bezweifle deshalb, dass Saga ihm absichtlich die Büroklammer untergejubelt hat, nicht zuletzt auch, weil sie auf Saltholm die genau gegenteilige Entscheidung getroffen hat (und das nicht, um ihre Karriere als Polizistin zu retten – die scheint ohnehin dem Ende geweiht zu sein). Zudem gäbe es einen Präzedenzfall, dass Saga unter emotionalem Druck Fehler unterlaufen, Julias Schusswunde ist Zeuge davon.

Dennoch bleibt „Die Brücke“ da uneindeutig – war es vielleicht eine unbewusste Entscheidung? Linn und Saga scheinen diese Gedanken zu teilen, aber auch zufrieden damit zu sein, das unter den Tisch fallen zu lassen. Eine Welt ohne Emil ist vielleicht eine bessere Welt. „Die Brücke“ III erzählt uns durch diese eine, kleine vergessene Büroklammer nicht nur die komplexe Entscheidungswelt von Saga, sondern vermittelt auch, dass Linn und Saga am Ende der Staffel auf Augenhöhe zusammenarbeiten können.

Epiloge

Oder könnten. Das Ende der Staffel deutet darauf hin, dass „Die Brücke“ IV womöglich eine Geschichte außerhalb des Polizeipräsidiums erzählen könnte – außer natürlich, Saga und Henrik werden so schnell und unkompliziert wieder in den Fall involviert, wie sie es zu Beginn des Staffelfinales taten. Mit der Suche nach Henriks Kindern hat die Serie auf jeden Fall einen Fall in petto, den sie sowohl als Hauptfall als auch Privatfall einer Staffel ansetzen kann – oder auch beides.

Sagas Fall um ihren angeblichen Mord an ihrer Mutter wird wohl wahrscheinlich ein Nebenstrang der nächsten Staffel. Ich bin überrascht, dass die Serie das so offen lässt – ich habe damit gerechnet, dass Saga entweder den Fall in Folge 5 löst oder aber die Staffel hinter Gittern endet. (Dann könnte sie Brieffreundin von Martin werden.) Stattdessen bietet uns „Die Brücke“ III lediglich ein bedeutungsschwangeres Unterzeichnen ihrer Aussagen – die Kamera bleibt da so lange drauf, dass es sich anfühlt, als würde sie damit ihr eigenes Todesurteil unterschreiben. Die vielen offenen Handlungsstränge zeigen, dass der Serie nicht so bald ihre Ideen ausgehen werden – und das, obwohl die Serie in jeder Folge den Status Quo in den Privatleben ihrer Protagonisten aufkrempelt.

Das Ende von „Die Brücke“ III ist auf jeden Fall ein neuer Anfang für die Serie – und das, obwohl es Staffel 3 war, die eine der zwei Hauptfiguren durch eine neue ersetzt hatte. Der Epilog von Folge 5 ist eine geschlagene halbe Stunde lang – das erreicht schon fast „Herr der Ringe“-Dimensionen. Das zeigt aber auch eindrucksvoll, worum es in der Serie wirklich geht, und weshalb auch die größten Teile dieser Artikel diesem Thema gewidmet sind: den Charakteren, insbesondere Saga. Um einen neuen Anfang zu wagen, muss es aber auch zuvor ein Ende geben, und das bietet „Die Brücke“ hier in der Form von Hans‘ Begräbnis.

Saga (Sofia Helin) bei ihrer ersten Beerdigung. ZDF/Carolina Romare
Saga (Sofia Helin) bei ihrer ersten Beerdigung. Foto: ZDF/Carolina Romare

Genaugenommen sind es sowohl der Verlust von Hans als auch die Mordbezichtigung durch ihre Mutter, die Saga an ihrem Lebenswillen zweifeln lassen – und dann kommt noch hinzu, dass Henrik sie nicht zum Begräbnis begleitet. Zudem geben Saga und Henrik ein Zitat Sagas wider, das durch die kürzlichen Vorfälle eine neue Bedeutung erhält, nachdem es schon vor ein paar Episoden der zentrale Satz der Folge war: „Alle, die mir jemals wichtig waren, haben mich verletzt.“ Nachdem Saga in dieser Episode denselben Drang verspürt, Rache am Mörder eines engen Vertrauten zu nehmen, dem Martin erlegen war, muss sie erkennen: Sein Handeln ist verständlich, aber sie hat ihn verraten. Sie selbst ist es, die der gemeinsame Nenner ist: Vielleicht ist sie es, die alle verletzt, die ihr je wichtig waren.

Dieselbe Spiegelung trifft auch auf Jennifer zu: Saga war ihr Leben lang der Überzeugung gewesen, dass sowohl Jennifer als auch Marie-Louise sie verletzt hatten. Was aber, wenn an den Worten ihrer Mutter doch was dran war – dass sie selbst es war, die die beiden in ihre Suizide getrieben hat? Saga ist ein rationaler Mensch: Analytisch betrachtet ist sie dabei der gemeinsame Nenner. Und so ist es kein Wunder, dass wir sie an den Gleisen wiedersehen, an denen sich Jennifer mit 14 Jahren das Leben nahm. Die Familiensaga Norén ist ein Drama, das Shakespeare alle Ehre gemacht hätte.

Die Szene an den Gleisen ist zwar nicht überraschend, aber unheimlich ergreifend in ihrer Charakterdynamik. In Henrik und seiner Suche nach seinen Kindern findet Saga einen Grund zum Weitermachen, nachdem ihr Staffel III und das Ende von Staffel II alles geraubt haben, was ihr lieb und teuer waren: Martin, Hans, ihr Job. Henriks Empathie erlaubt es ihr, dann doch endlich mal ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Es ist eine Befreiung für sie, und statt einem jehen Ende ein neuer Anfang.

Trotz der langen Dauer des Epilogs – fast schon eine Ansammlung von Epilogen – möchte man keine Sekunde davon missen, weil es das spannendste Material ist, das „Die Brücke“ je abgeliefert hat.

Alle drei Staffeln sind zur Zeit zur Gänze in der ZDF Mediathek verfügbar (allerdings erst ab 22 Uhr). Auch Netflix bietet Staffeln 1 und 2 in seinem Angebot in Deutschland an.

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