There’s no business like Finanzbusiness: „Billions“

Zwei Alphatiere im Clinch: Bobby Axelrod (Damian Lewis) und Chuck Rhoades (Paul Giamatti); Foto: Showtime

Die neue Dramaserie des Pay-TV-Senders Showtime ist clever konstruiert, wirkt bisweilen aber auch ein wenig zu sehr wie am Reißbrett entworfen. Die schauspielerischen Leistungen sind großartig, die Umsetzung ist jedoch wenig originell.

Man nehme ein Thema, das in den vergangenen Jahren die weltweiten Nachrichten bestimmt hat wie kaum ein anderes: das Finanzbusiness und seine Verwerfungen. Dazu besetze man die zwei gleichberechtigten Hauptrollen mit Schauspielern, die beide bereits Kritiker- und Publikumslieblinge sind: Paul Giamatti hat sich sein Ansehen vor allem mit Rollen in „kleinen“ Kinodramen wie „Sideways“ oder „Cosmopolis“ erspielt, war aber auch der frühere US-Präsident John Adams in der gleichnamigen HBO-Miniserie. Hier ist er nun zum ersten Mal in einer regulären Serienhauptrolle zu sehen. Damian Lewis hingegen kennt man hauptsächlich aus dem Fernsehen. In den ersten beiden „Homeland“-Staffeln war er als undurchsichtiger Soldat Nick Brody einer der größten Pluspunkte, bevor seine Storyline in Staffel 3 völlig den Bach runterging. Für Showtime war es naheliegend, den bewährten Star mit einem Folgeprojekt an sich zu binden.

In „Billions“ stehen sich die beiden Top-Schauspieler nun als Verkörperungen zweier entgegengesetzter Prinzipien gegenüber: Lewis ist Bobby Axelrod, von Freunden und Mitarbeitern nur Axe genannt, der charismatische Kopf eines Hedgefonds. Er steht für jene Gier, die die Welt gerade erst an den wirtschaftlichen Abgrund geführt hat. Giamatti vertritt hingegen als New Yorker Bezirksstaatsanwalt Chuck Rhoades die Gerechtigkeit, man könnte auch sagen die Interessen der Allgemeinheit. Er beginnt in der Pilotfolge mit einem Ermittlungsverfahren wegen Insiderhandels gegen Axelrod. Nun sind aber, wie von einer US-Qualitätsserie nicht anders zu erwarten, die Figuren nicht ganz so eindeutig charakterisiert wie es sich zunächst anhört. So gilt der Hedgefonds-Gigant nach außen hin als Mäzen und Wohltäter und zeigt etwa Loyalität zu seiner Herkunft aus einfachen Verhältnissen, indem er einen Pizzabäcker vor dem Ruin rettet, der ihn als Jungen kostenlos bewirtete. Andererseits lebt Axe seinen Hang zum Luxus ungebremst aus und kauft sich am Ende der Auftaktepisode ein schlossähnliches Anwesen am Meer, das ihm Rhoades heimlich wie einen Köder unter die Nase gehalten hat.

Schwanzvergleich zwischen zwei ewigen kleinen Jungs

Der Staatsanwalt wiederum wirkt zwar ehrlich und unkorrumpierbar, wird aber gleich in der ersten Szene in einer pikanten Situation eingeführt: Er lässt sich gefesselt in einem sadomasochistischen Sexakt quälen, von einer Frau, die seinen halbnackten Körper mit hochhackigen Schuhen und einer brennenden Zigarette malträtiert. Diese Szene treiben die Autoren eindeutig zu weit, wie überhaupt in den ersten beiden Folgen einiges an krassen Sexszenen abgearbeitet wird, was inzwischen zum Standardrepertoire amerikanischer Pay-TV-Serien gehört. So werden wir in Folge 2 Zeugen von „heißem“ Lesbensex inklusive von der Brust der Partnerin geschnupftem Kokain.

Die Finanzgeschäfte, die der Auslöser der Handlung sind, werden wohl für die meisten Zuschauscher genauso undurchschaubar bleiben wie die medizinischen Prozeduren in „Emergency Room“. Man muss sich hier als Laie darauf verlassen, dass Andrew Ross Sorkin, der die Serie gemeinsam mit den „Ocean’s 13“-Koautoren Brian Koppelman und David Levien entwickelt hat, weiß, wovon er redet. Sorkin ist ein in den USA bekannter Finanzjournalist und hat auch die Buchvorlage zum gefeierten HBO-Fernsehfilm „Too Big to Fail“ geschrieben, in dem es um den Ausbruch der Finanzkrise geht (und in dem auch Giamatti schon dabei war). Dass man nur die Hälfte von dem versteht, was die Protagonisten beruflich so besprechen, schadet der Spannung nicht, denn die resultiert sowieso aus der Konfrontation der beiden so entgegengesetzten Charaktere. Unangenehmer fallen die teils doch arg klischeehaften Dialoge auf, in denen das Eifern nach immer mehr Macht und immer größeren Häusern mit dem unvermeidlichen Wort „Schwanzvergleich“ belegt wird oder ständig die Rede davon ist, wer die „größeren Eier“ hat. Solche stereotypen Begriffe degradieren den zentralen Konflikt dann doch nur zu einem Konkurrenzkampf zweier ewiger kleiner Jungs in Männerkörpern.

Talking heads

Während Giamatti und Lewis ihre Rollen mit der Bravour spielen, die man von ihnen erwarten konnte, dabei aber leider ihre vertrauten Manierismen nicht ablegen, sind auch die Nebendarsteller Aufmerksamkeit wert. Vor allem Maggie Siff (in der ersten „Mad Men“-Staffel war sie die Kaufhauserbin, zu der sich Don Draper hingezogen fühlte) überzeugt als Rhoades‘ Gattin Wendy, die in einen Interessenkonflikt gerät, weil sie gleichzeitig als Psychologin in Axelrods Firma arbeitet und eine von dessen engsten Vertrauten ist. Axelrods Ehefrau Lara, bisher noch schwer einzuordnen, verkörpert die schwedisch-kanadische Schauspielerin Malin Åkerman („Trophy Wife“), seine rechte Hand Mike der zum Qualitätsserien-Stammpersonal gehörende David Costabile („The Wire“, „Breaking Bad“, „Low Winter Sun“).

Neil Burger („Divergent“) hat die ersten beiden Folgen solide im Standard-Hollywood-Stil inszeniert, eine besondere, auffällige Bildsprache hat er dabei nicht entwickelt. Hauptsächlich besteht die Serie aus talking heads, Menschen, die sich im Dialog gegenüberstehen. Das ist bislang nie wirklich langweilig, lässt sich allerdings auch ästhetisch origineller in Szene setzen, wie etwa „Mad Men“ immer wieder bewiesen hat. Richtig fesselnd wird „Billions“ bislang nur an wenigen Stellen, wenn die Figuren ihre Masken fallenlassen. So zeigt der scheinbar knallharte Staatsanwalt, dass er doch Skrupel kennt, als er einen von ihm ins Gefängnis gebrachten Mann an dessen letztem Tag in Freiheit mit seinen Kindern bei einem Parkspaziergang trifft. Und der Finanzhai Axelrod offenbart sich spätestens am Schluss der zweiten Folge als der selbst- und rachsüchtige Kotzbrocken, der er hinter der smarten Fassade in Wahrheit ist. Auch wenn diese Szene etwas zu übertrieben wirkt, nimmt die Geschichte an solchen Stellen Tempo auf und lässt einen gespannt darauf werden, wie sich der Kampf der beiden Antihelden entwickelt. Um dauerhaft ihren Platz unter den großen Dramaserien der jüngeren Zeit zu erobern, muss sich „Billions“ aber noch um einiges steigern. Das Potential ist da, die Alleinstellungsmerkmale fehlen bisher noch.

„Billions“ läuft sonntags auf Showtime und ist parallel über Sky Online, Go und On Demand abrufbar. Die Synchronfassung wird ab dem 25. April auf Sky Atlantic HD ausgestrahlt. Dieser Text erschien zuerst auf wunschliste.de.

One comment

  1. Sehe ich genauso, aber mir gefällt die Serie trotzdem sehr gut. Wenn man ‚The Big Short‘ mochte, dann ist das eine gute Fortsetzung. Allerdings ist Chuck Rhodes nicht ‚Bezirksstaatsanwalt‘, sondern Bundesstaatsanwalt, United States attorney.

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