Once upon a stew: Quentin Tarantinos „The Hateful 8“

Leichen pflastern ihren Weg: Zwei Kopfgeldjäger (Kurt Russell, Samuel L. Jackson) treffen sich im Schnee; Foto: Buena Vista / Universum Film

Ein Gastbeitrag von Samir Kandil.

Quentin Tarantino ist zurück! Er scheint wohlauf zu sein – und lädt uns herzlich ins Schauspielhaus ein.

Es gibt ein beliebtes Spiel unter Cineasten und Tarantino-Fans: Während man über den jeweils jüngsten Film des Regisseurs spricht, zählt man auf, welche Selbstzitate oder Zitate aus der Filmgeschichte man erkannt hat. Das Spiel kann aus den unterschiedlichsten Motivationen gespielt werden: zum Beispiel um nachzuweisen, wie gut man sich selbst in der inzwischen 120jährigen Geschichte des Films auskennt, oder um anzudeuten, dass der Regisseur vielleicht in seiner Originalität überschätzt wird und man es ihm gleichtun könnte, wenn man lediglich 100 Millionen Dollar zur Verfügung hätte. Aber das Spiel macht tatsächlich nie oder zumindest nur selten so viel Spaß wie nach einem Tarantino-Film. Ganz einfach aus dem Grund, weil die Liebe des Regisseurs zum Kino so stark ist, dass sein Zitieren gelegentlich sogar wie Mundraub wirkt.

Es ist keine bloße Streberei, die immer wieder dazu anstachelt, Quentins Quellen ausfindig zu machen, es ist die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Quentin, dem VJ, der einem in der Stammvideothek die latent besten Filme empfehlen und in minutenlangen, sehr unterhaltsamen Monologen begründen kann, was sie so großartig macht. Quentin, so denkt man vielleicht, sieht keine Filme: er sieht etwas in den Filmen.

„The Hateful 8“ ist im wahrsten Sinne des Wortes bereits rein formell ein Statement. Der Film verdient den Namen film schon allein deshalb, weil er tatsächlich auf analogem Filmmaterial gedreht worden ist. In einem besonderen Format (Super Panavision 70), das die Filmindustrie an einem Punkt hervorgebracht hat, als es an der Zeit schien, die Magie des Kinos noch einmal in aller Eindringlichkeit zu beschwören, um es vom immer beliebter werdenden Medium Fernsehen abzugrenzen. Wir wissen in der Zwischenzeit, wer (auch mit Hilfe der Schwerkraft) den Kampf um die Gunst der Massen gewonnen hat. Zumal es scheint, dass der Gewinner sich gerade dem nächsten Medium geschlagengeben muss. Was bleibt ist das Geschichtenerzählen selbst. Es ist zeitlos und überlebt alle Medien. Die älteste dramatische Art, Geschichten durch mehr als einen Schauspieler erzählen zu lassen, ist das Theater. Und genau dort ist Tarantino mit seinem neusten Film angelangt. Quentin Tarantinos achter Film sieht nicht aus wie ein abgefilmtes Theaterstück, er ist ein Theaterstück, das mit den Mitteln des Films erzählt wird.

Acht Gaststars in einem Drama zusammenbringen

Dementsprechend spielt der Film an wenigen Schauplätzen, größtenteils in „Minnies Miederwarenladen“, einer Melange aus Postkutschenstation und Gemischtwarenhandlung während eines Schneesturms irgendwann kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Acht Reisende und ein Kutscher verbringen hier notgedrungen ein paar Stunden miteinander: ein Kopfgeldjäger (Kurt Russell) und seine Gefangene (Jennifer Jason Leigh), ein ehemaliger Nordstaatenmajor (Samuel L. Jackson), der sich ebenfalls als Kopfgeldjäger verdingt, ein alter Südstaatengeneral (Bruce Dern), ein Cowboy (Michael Madsen), der nach eigenen Angaben zu Weihnachten seine Mutter besuchen möchte, ein angehender Sheriff (eine Entdeckung: Walton Goggins) und ein Mann, der sich als reisender Henker vorstellt (Tim Roth). Die Hausherrin und ihr Partner sind abwesend, statt ihrer hütet eine mexikanische Hilfskraft (Demián Bichir) Haus und Hof. Die Tür zur Hütte ist kaputt und muss nach jeder Benutzung mit zwei Brettern vernagelt werden.

Neben John Carpenters „The Thing“ („Das Ding aus einer anderen Welt“, 1982) und seinem eigenen Erstling „Reservoir Dogs“ (1992) waren laut Quentin Tarantino seine Hauptinspiration dieses Mal Westernserien wie „The Virginian“ („Die Leute von der Shiloh Ranch“, 1962-1971) und aus ihrer Fülle an dramatischen Geschichten insbesondere Episoden mit einem Gaststar, denn die Figur, die ein Gaststar spielte, so Tarantino, war schwer einzuschätzen und meist wusste man erst am Ende der Episode, ob er Freund oder Feind war. Tarantinos Idee bestand nun darin, acht solcher „Gaststars“ in einem einzigen Drama zusammenzubringen und dafür auf eine moralische Instanz in Form eines heldenhaften Protagonisten zu verzichten.

Es gibt keinen Helden in diesem Stück, und dennoch ist es seinem Autor nicht ganz gelungen, ohne eine moralische Instanz auszukommen.

Er verkörpert sie selbst.

Anrührendes neben Abstoßendem

Das Publikum hat niemanden, zu dem es durchgängig, klar und vorbehaltlos halten könnte – außer vielleicht den Erzähler, sofern es denn mit ihm sympathisiert. Quentin Tarantino ist längst zum größten Star seiner eigenen Filme geworden, und mit „The Hateful 8“ erweist er sich als sehr sicherer, selbstbewusster Erzähler, der seine jüngste Mär wie immer zu seinen Konditionen erzählt: im Tempo, das ihm genehm ist (und selbst von vielen Fans gelegentlich als brutal gemächlich empfunden wird), mit vielen radikalen und kontroversen Momenten, mit seinem eigenen, trotz aller Versuche unnachahmlichen Humor und einer persönlichen Vorstellung von poetic justice, die man eigentlich schon fast treffender als „poetische Selbstjustiz“ bezeichnen könnte.

Das gesamte Ensemble hat ein ausgezeichnetes Gespür für die Dialoge und den Humor des Drehbuchs. Es wird auf hohem Niveau gespielt (und gelegentlich auch chargiert) und neben einigen ausgesucht abstoßenden Vorkommnissen kann man, oft nur Sekunden entfernt, Anrührendes, unerwartet Lustiges und gelegentlich wirkliche Poesie entdecken: Der allerletzte Schluss reflektiert gar die Kunst selbst, der sich der Regisseur verschrieben hat. Es ist die vielleicht schönste Szene des Films und sie folgt auf eine wahrhaft abgründige. Aber jede der unangenehmen Sequenzen lässt den Zuschauer, der sich auf das Werk einlässt, auch denken.

Der Hass der „hasserfüllten“ Acht ist vielschichtig: Wir haben es mit anerzogenem Hass, Hass aufgrund von persönlichen Erfahrungen, Hass aus Verblendung und nicht zuletzt mit rassistischem Hass zu tun, um nur einige der hier vorkommenden Spielarten zu nennen. Das Ensemble spielt ihn souverän und konsequent und professionell und im Fall von Jennifer Jason Leigh beängstigend existentiell.

Tätersuche à la Agatha Christie

Die Gefangene und (sobald sie vor ein ordentliches Gericht gestellt worden ist) fraglos Todgeweihte Daisy Domergue stellt sich sehr schnell als Motor der Handlung heraus. Und bald sterben die ersten ihrer Mitreisenden, ohne dass wir sie in den entscheidenden Momenten aus den Augen verlieren. Offensichtlich hat sie einen Helfershelfer; aber wer von ihren wenig glorreichen sieben Mit-Antagonisten ist es?

Mysteries nennt man Krimis mit einer verzwickten, „geheimnisvollen“ Handlung und überraschenden Lösung im Englischen. Und das Vergnügen besteht immer darin zu erraten, wer der Täter ist und – vor allem seit Agatha Christie – wie er es angestellt hat. Quentin Tarantino ist nicht Agatha Christie, weshalb es gegen Ende des immerhin fast dreistündigen Films auch eine Spur brachialer als verblüffend zugeht, aber das tut der Geschlossenheit und denkwürdigen Kompaktheit des Ganzen keinen Abbruch.

Wie schon bei „Kill Bill“ (2003/04), „Inglourious Basterds“ (2009) und „Django Unchained“ (2013) hat der große amerikanische Cinematograph Robert Richardson („JFK“, 1991; „Casino“, 1995; „Aviator“, 2004) die Lichtgestaltung des Films übernommen, und er leistet – wie Ennio Morricone mit seiner fast schon sparsam eingesetzten, zeitlosen Musik – wunderbare, unterhaltsam-atmosphärische Arbeit.

Insgesamt überfrachtet Tarantino sein Werk nicht mit Lachern, wahrscheinlich allerdings auch aus einem literarischen Ehrgeiz heraus. Der Regisseur will es seinem Publikum nicht allzu leicht verdaulich machen, das Stew, das er anrührt, und das dennoch Appetit auf mehr machen und unverwechselbar nach seinem Stew schmecken soll.

USA 2015, 167 min (digital) | 187 min (70 mm), Farbe. Drehbuch & Regie: Quentin Tarantino. Mit: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Walton Goggins, Demián Bichir, Tim Roth, Michael Madsen, Bruce Dern, James Parks u.a.

Ab dem 28. Januar im Kino (in Berlin, Hamburg, Essen und Karlsruhe auch in der 70mm-Fassung).

Link-Tipp:

Was ist das Besondere an 70mm-Film?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.