Wedding statt West Wing: die ARD-Politserie „Die Stadt und die Macht“

Politik als Vater-Tochter-Konflikt: Susanne Kröhmer (Anna Loos) und Daddy "KK"; Fotos: ARD/Frédéric Batier

Kurz nach dem ZDF versucht sich nun auch die ARD an einer horizontal erzählten Miniserie: Die Fromm-Brüder schicken Anna Loos als idealistische Berliner Politikerin in einen Kampf ums Bürgermeisteramt und gegen ihren Vater. Das Ergebnis ist so ausgefallen, wie sich Klein Hänschen Politik vorstellt.

„Der Müll, die Stadt und der Tod“ hieß Mitte der 1970er Jahre ein höchst umstrittenes Theaterstück von Rainer Werner Fassbinder, in dem es um das korrupte Frankfurt ging. In der sechsteiligen Miniserie „Die Stadt und die Macht“ ist es Berlin, dessen Landespolitik nicht weniger korrupt gezeichnet wird. Die große Koalition hat die Hauptstadt fest im Griff, der sozialdemokratische Regierende Bürgermeister Degenhardt (Burghart Klaußner) und der christdemokratische Fraktionsvorsitzende Karl-Heinz „KK“ Kröhmer (Thomas Thieme) spielen nur für die Öffentlichkeit Konkurrenten, sichern sich aber in Wahrheit gegenseitig die Machtbeteiligung, weil sie eine gemeinsame Leiche im Keller liegen haben. Eher zufällig gerät nun ausgerechnet Kröhmers Tochter Susanne (Anna Loos), eine engagierte Anwältin für Sozialrecht, in die Rolle der Bürgermeisterkandidatin gegen Degenhardt, was ihrem machtbewussten Vater gar nicht Recht sein kann. Als sie einen Bauskandal aufdeckt, hat die Außenseiterkandidatin plötzlich Chancen, tatsächlich Regierungschefin zu werden. Das könnte aber nicht nur ihre eigene Familie zerstören.

Was zeichnet eine gute Politserie zuallererst aus? Die Glaubwürdigkeit, die genaue Abbildung politischer Prozesse, der Suche nach Mehrheiten, der Aushandelungsprozesse in einer Demokratie, ja, auch der Intrigen, die sich dabei fast zwangsläufig einstellen. Aaron Sorkin hat das in den ersten vier Staffeln seines „The West Wing“ mustergültig vorgeführt. Aber auch Adam Price und sein dänisches Autorenteam zeigten in „Borgen“, wie so etwas geht. Und nun kamen also die Serienredakteure der ARD auf die Idee, man könne doch auch im deutschen Fernsehen mal Politik nachspielen lassen. Das sieht dann aber leider so aus, wie sich Klein Hänschen den Politikbetrieb vorstellt.

Kohl als Vorbild

Zunächst mal braucht die Heldin natürlich eine düstere Kindheit und Jugend. Da gibt es also den übermächtigen Vater, den skrupellosen politischen Strippenzieher, eine Mischung aus Helmut Kohl und Herbert Wehner, äußerlich aber deutlich mehr an ersteren „angelehnt“. Passenderweise hat der Darsteller Thomas Thieme auch schon den echten Kohl gespielt und bringt also Erfahrung als feister, egomanischer Macht- und Genussmensch mit. Vater KK hat während Susannes Kindheit auch schon mal deren Lieblingspuppe aus Wut auf den Grill geschleudert, außerdem hat er sie später zur Abtreibung gedrängt, als sie mit 16 von ihrem Freund, der „nicht gut für sie war“, schwanger wurde.  Ggenau diese Jugendliebe muss sich  in der Gegenwart nun auch noch vom Dach seines Penthouses stürzen, aus Gründen, in die mutmaßlich Susannes Vater verwickelt ist. Ach ja, und die Mutter ist irgendwie liebesunfähig und außerdem schon vor längerem verrückt geworden.

In der Berliner Landespolitk ist Susanne natürlich die einzige idealistische Akteurin, während alle anderen nur am eigenen Machterhalt oder Aufstieg interessiert sind. Um inhaltliche Ziele geht es niemandem, außer der Newcomerin, die aber bald merkt, dass sich ihre Anständigkeit im Wahlkampf nicht aufrechterhalten lässt. Wenn eine Frau wirklich an die Spitze will, muss sie erst mal lernen, über Leichen zu gehen. Soweit die Stammtischmeinung, soweit auch das Weltbild der ARD-Redakteure und ihrer Drehbuchautoren. Die wirklichen Entscheidungen treffen nach diesem Weltbild drei ältere Herren, während sie am Spreeufer Steine aufs Wasser werfen – und das nicht ein Mal, nicht zwei Mal, sondern immer wieder. Wie näher an der Wirklichkeit ist da Christoph Hochhäuslers letztjähriger Kinofilm „Die Lügen der Sieger“, in dem die wahren Machtzentren längst die Lobby- und PR-Agenturen sind.

Symbolik mit dem Holzhammer

Sind KK und der amtierende Bürgermeister schon eher als Typen denn als Charaktere angelegt, traut man spätestens zu Beginn der zweiten Folge mit Einführung des Wahlkampfmanagers Georg (sprich: „Schorsch“) Lassnitz (Martin Brambach) seinen Augen nicht mehr. Eine Figur, die so überzeichnet ist, erwartet man vielleicht in einer Sitcom à la „30 Rock“, aber ganz gewiss nicht in einer Dramaserie, die auch nur den geringsten Anspruch erhebt, ernstgenommen zu werden. Schorsch hat eine geschmacklose Gelfrisur, trägt tuntige Klamotten, staucht permanent seine Mitarbeiter zusammen und spricht mit einem Akzent, der wie der verunglückte Versuch eines Berliners klingt, Kölsch zu reden. An dieser Stelle wird die Miniserie endgültig zur Kolportage.

Wandelndes Klischee: Wahlkampfmanager Georg (Martin Brambach)
Wandelndes Klischee: Wahlkampfmanager Georg (Martin Brambach)

Symbolik muss natürlich immer mit dem Holzhammer vermittelt werden, etwa wenn eine Prostituierte auf dem Straßenstrich ein Wildschwein abstechen muss, das KK nachts vors Auto gelaufen ist. Wenn KK das gleiche Mädchen zu Beginn der zweiten Folge in einem Lokal als Begleitung russischer Geschäftsleute wiedersieht, muss natürlich noch mal die Szene mit dem Messer zwischengeschnitten werden, denn dem durchschnittlichen ARD-Zuschauer traut man beim Sender nicht zu, dass er sich noch an das erinnert, was er zehn Minuten vorher gesehen hat. Es  ist zum Jammern.

Suche nach den Schuldigen

Und wer trägt an all dem eigentlich wieder Schuld? Anna Loos bestimmt nicht, denn die hat in „Weissensee“ gezeigt, dass sie in der Lage ist, eine vielschichtige Hauptrolle glaubwürdig zu spielen und macht auch hier überwiegend ihre Sache so gut, wie es das Drehbuch eben zulässt. Die anderen Schauspieler auch nicht, denn Thieme, Klaußner und auch Brambach haben ihr Können ebenfalls alle bereits an anderer Stelle unter Beweis gestellt. Regisseur Friedemann Fromm hat zumindest „Weissensee“ sehr solide inszeniert. Also mal wieder das Drehbuch? Das stammt neben Annette Simon und Martin Behnke auch von Christoph Fromm, der immerhin einige der frühen Filme von Dominik Graf geschrieben hat („Treffer“, „Die Katze“), die heute immer noch zum besten gehören, was das deutsche Kino in den 1980ern hervorgebracht hat.

Da es unwahrscheinlich ist, dass er so stark abgebaut hat, gab es wohl mal wieder zu enge Vorgaben und zu viel Reingerede von Senderseite (immerhin listet die Stabliste vier RedakteurInnen von NDR und WDR auf, wobei eine dann auch noch nach der vierten Folge wechselte). Wobei ich dieses Totschlagargument langsam auch nicht mehr hören kann. Liebe deutsche Drehbuchautoren, wenn ihr doch angeblich genauso gut seid wie eure Kollegen in anderen Ländern, warum sieht man das dann eigentlich euren Serien fast nie an?  Warum wirken eure Fernseharbeiten meistens so, als wären sie ein Konglomerat fauler Kompromisse? Selbst bei Matthias Glasner („Blochin“) oder jetzt eben Fromm, die ja gezeigt haben, dass sie es besser können? Warum lasst ihr es dann nicht einfach sein, wenn ihr merkt, dass ihr eure ursprünglichen Ideen im deutschen Fernsehen nicht durchsetzen könnt? Es zwingt euch ja keiner, für ARD und ZDF zu arbeiten.

Die Floskel vom horizontalen Erzählen

Sicher hat „Die Stadt und die Macht“ einen gewissen Unterhaltungswert, aber im Vergleich mit den amerikanischen, britischen, dänischen Vorbildern  wirkt es einfach so wie die „Lindenstraße“ im Vergleich zu „Six Feet Under“. So bleibt der Einstieg ins vielgepriesene horizontale Erzählen, das ARD und ZDF in ihren Pressetexten immer wieder bemühen, eine hohle Floskel. Was die weltweit beliebten Serien von HBO, AMC, der BBC oder dem DR ausmacht, ist ja nicht in erster Linie, dass sie fortlaufend erzählt sind, sondern dass sie glaubwürdig sind, dass sie Figuren zeigen, mit denen man sich identifizieren kann, und keine Abziehbilder, dass sie einen konsistenten Erzählton etablieren und diesen auch durchhalten, dass sie eben keine Stammtischparolen verfilmen, sondern etwas über das echte Leben aussagen.

All das findet sich weder in „Blochin“ noch in „Die Stadt und die Macht“ und auch nicht in den unzähligen Serien und Reihen, die anscheinend nur produziert werden, um die mehr als 30 wöchentlichen Krimisendeplätze in den beiden öffentlich-rechtlichen Hauptprogrammen zu füllen. Wenn dann in diesem System doch mal eine Serie gelingt, ist das  leider nur ein Zusammentreffen glücklicher Umstände (respektive der richtigen Leute), aber nicht Ergebnis eines etablierten Prozesses. So lange hiesige Senderverantwortliche ausländische Autoren weiterhin fragen „Wie macht ihr das?“ wie Gebhard Henke vom WDR (hier einer der betreuenden Redakteure) neulich David Schalko auf der Cologne Conference, statt ihre eigenen Autoren zu ermutigen, originelle Stoffe glaubwürdig zu entwickeln, wird sich daran wohl auch nichts ändern.

Die Miniserie läuft am 12., 13. und 14. Januar jeweils ab 20 Uhr 15 mit zwei Folgen pro Abend im Ersten. Jeweils ab dem nächsten Tag sind sie auch bei Netflix abrufbar.

Hörtipp:

Wie hoch die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung beim WDR ist, zeigen die Äußerungen von Serienchef Henke in diesem Interview (MP3-Link) zur Serie mit dem hauseigenen Medienmagazin auf WDR5: alles total authentisch, ausländische Serien werden nur abgefeiert, weil sie aus dem Ausland kommen, und Schuld am schlechten Ruf ist eigentlich das Feuilleton.

 

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