„CopStories“-Kritik 2.09: „Muckibude“

Lukas (Serge Falck) gibt nicht nur seinen Kollegen Rätsel auf. Fotos: ORF/Gebhard Productions

Ich empfehle Freunden ja wöchentlich, am Dienstagabend doch den ORF anzuschalten. Diese Woche habe ich das nicht getan, denn knapp vor dem Staffelfinale setzt „CopStories“ eine Folge ziemlich in den Sand.

Au weh!

“Muckibude” ist die schwächste Folge der Staffel, und das leider aus mehrerlei Gründen. An vorderster Stelle steht dabei, wie untreu die Serie hier Lukas behandelt: Ihn Christian dermaßen auf den Leim gehen zu lassen ist vollkommen uncharakteristisch für ihn, persönliche Involvierung hin oder her. „CopStories“ versucht, den Verrat als große Überraschung darzustellen, in Wirklichkeit zeichnete sich das schon in der Vorfolge ganz klar ab – ohne, dass wir mehr als Lukas gewusst hätten. Bei den unlesbaren Daten und Christians lahmer Verzögerungstaktik (“Des liegt wahrscheinlich an euren alten Polizeicomputern.”) hätten da bei Lukas längst die Alarmglocken schrillen sollen, stattdessen tappst er Christian höchst einfältig in die Falle.

Als Christian das Beweismaterial anzuzünden begann, war ich mir sicher, dass „CopStories hier die Wendung in petto gehabt hätte, dass Lukas zuvor Kopien gemacht habe – was für einen kühlen Kopf wie ihn doch eigentlich logisch wäre. So aber steht Lukas wie der ärgste Depp da, und das wird der Figur einfach nicht gerecht. Noch dazu kommt, dass Christians Triumph komplett dem Zufall zu verdanken ist: nämlich, dass die Razzia durch die Finanzpolizei vom Staatsanwalt bereits geordert wurde, bevor Lukas dafür die Beweise liefert – das heißt, Christian muss davon ausgehen, dass Lukas die Daten nicht kontrolliert, damit ihm seine Intrige überhaupt aufgeht.

Christian ist seinerseits nicht überzeugend genug, um vielleicht in der nächsten Staffel als Bösewicht wieder in Erscheinung treten zu können – dafür war er viel zu isoliert, war mit niemand anderem außer Lukas in Kontakt getreten. Enttäuschend, wie dieser Handlungsstrang endet, zumindest was Christian betrifft. Dass der Staatsanwalt jetzt mit leeren Händen da steht und auf Lukas wohl nicht so gut zu sprechen sein wird, ist wiederum eine spannende Entwicklung – was aber auch der Fall wäre, wenn Lukas eine Kopie der Dokumente gemacht hätte, um zumindest Dohringer das Handwerk zu legen. Das hätte dafür gesorgt, dass diese ehemalige Beziehung in die (zumindest teilweise) Zerstörung beider Karrieren geführt hätte, was zu einer interessanten Feindschaft geführt hätte.

Dabei handelt es sich allerdings nicht um den einzigen ärgerlichen Handlungsstrang. Übel stößt mir auch Florians Begegnung mit der Kickboxerin auf und wie „CopStories hier eine halbe Vergewaltigung verharmlost. Man stelle sich mal die Situation mit vertauschten Geschlechtern vor: Undenkbar, dass man sich über eine offensichtlich verteidigungslose Frau lustig machen würde, die von einem Mann mittels K.O.-Tropfen oder Drogen zum Sex genötigt würde, weil sie sonst nicht locker sein könne. „CopStories kann sich daraus retten, indem Florian in der nächsten Episode das strafrechtlich verfolgt, aber die Heiterkeit, mit der diese Szene als Scherz dargestellt wird, lässt darauf schließen, dass die Serie es darauf beruhen lassen wird, dass es sich bei dieser Begebenheit bloß um eine lustige Szene handle. Zuerst echauffiert sich Sylvester zumindest, begründet seine Sorge aber damit, dass Florian und er ja Polizisten seien – und bei anderen Menschen sei das korrekt?

Orientierungslose Figuren

Nicht viel besser als die falschen Dinge mit den Figuren anzustellen ist es, nicht zu wissen, was man mit den Figuren machen soll. Roman und seine “Können-wir-nicht-alle-nett-miteinander-sein”-Lösungsmethode empfand ich in Staffel 1 noch recht unglaubwürdig geschrieben; in Staffel 2 wirkt er wesentlich realistischer, aber hat gleichzeitig auch sein Alleinstellungsmerkmal verloren. Was hebt ihn hervor? Die Romanze mit seiner Freundin ist nur ein sehr marginaler Handlungsstrang, die Emanzipation von seiner Mutter ist abgeschlossen, das Theaterstück (Gottseidank) längst vergessen, und die Serie gibt noch keine rechte Richtung vor, wo sie Roman hinmanövrieren will. Darum ist es nicht verwunderlich, wie anonym er im Fall um den an Anabolika verstorbenen Boxer bleibt: Weil die Serie zur Zeit keine Seite dieser Figur findet, an der sie arbeiten und anecken kann.

Nicht unbedingt besser ergeht es Matthias. Es überrascht mich, dass Chantal immer noch nicht zurückgekehrt ist, auch wenn das nicht unbedingt mein Lieblingshandlungsstrang war – zumindest traf sie Matthias dort, wo es weh tat (ähem). Ohne sie tut sich die Serie mit dieser Figur schwer, schiebt ihm öfters die schwächeren oder belangloseren Fälle zu. Das wird zu kaschieren versucht, indem Matthias weit in die Rolle des comic reliefs gedrängt wird; Meist geht mir das süß-tirolerische Gehabe eher auf die Nerven, gelegentlich kann ich aber auch die humoristische Note davon genießen: Bei seinen aufmunternden Worten (“Ihre Stimme ist ein Geschenk Gottes. […] Sie können sich durch Ihren Gesang selber trösten. Und deshalb müssen Sie singen.”) stehen einem einerseits die Nackenhaare zu Berge, andererseits kann man über diese Übertriebenheit nur lachen – was mit der Ernstheit der Lage zu einem skurrilen, aber interessanten Kontrast führt. Das ist sicher beabsichtigt, trotzdem wäre mir lieber, ich würde mit der statt über diese Figur lachen.

Konsistenz

Bei anderen Figuren weiß „CopStories hingegen genau, worauf sich die Figuren zubewegen. So langsam wird Sylvester zum Beispiel Stammgast in der oberen Etage, was auch Bergfeld nicht ganz entgeht. Mir gefällt, wie da so ein kleiner, vager Zweifel in Bergfelds Stimme mitschwingt, als er anmerkt, wie oft auf Sylvester geschossen wird – „CopStories“ nimmt da diesen in der Tat recht unwahrscheinlichen Sachverhalt augenzwinkernd ins Narrativ auf (Sylvester: “Ned scho wieder laufen!”), deutet es schließlich darauf hin, dass Sylvester in solchen Situationen zu ungestüm und riskant handelt – oder einfach nur den nötigen Biss hat, sich solcher Situationen auch wirklich zu stellen? In meinen Augen deutet das darauf, dass das spätestens in der dritten Staffel einmal nach hinten losgehen wird.

Ebenso konsistent weiß „CopStories Helga zu charakterisieren. Mir gefällt zum Beispiel, wie sie sich mit den Worten “Mein Name ist Helga Rauper” vorstellt – so sehr sie auch betont, privat auf Besuch zu sein, verwendet sie das Vokabular und die Tonlage aus dem Dienst. Zuerst war ich noch sehr skeptisch, wie „CopStories“ diesen Junkie namens Stevy darstellt. Außerordentlich gut gefällt mir aber, wie viele Handlungsstränge dieser Staffel dabei aufgelöst werden, und wie sie Helgas Entscheidung, Toni am Ende der Folge endgültig zu verlassen, beeinflussen.

Das gestohlene Giftpackerl aus “Dreck” war also von Toni entwendet worden und hatte nichts mit dem vermeintlichen Verräter in den eigenen Reihen zu tun. Die Irreführung war dabei ausgezeichnet – dass mit dem “Gift” Drogen gemeint sind, ist im Nachhinein (bzw. für jene, die des Polizeijargons (?) mächtig sind) nachvollziehbar, hätte mich aber nie auf Toni schließen lassen. Dass sich das Rätsel hier derart auflöst, ist Testament dafür, wie sehr sich „CopStories“ dem horizontalen, also episodenübergreifenden Erzählen verschrieben hat – ohne die Serie intensiv zu verfolgen hat man keine Chance, die Hintergründe dazu zu wissen, und so muss dieser Tausch von harten Drogen gegen blaues Lieferauto für Serienneulinge ziemlich arbiträr wirken.

1A Setdeko. Fotos: ORF/Gebhard Productions
1A Setdeko. Fotos: ORF/Gebhard Productions

Auch ich habe mich ein wenig damit geplagt, zu begreifen, warum Stevy Helga so bereitwillig eine riesige Menge Drogen schenkt und Helga Stevy für die Übergabe dieses Päckchens harter Drogen so dankbar ist und ihn darum nicht anzeigt: Wenn Stevy das blaue Lieferauto zurücknimmt, bleibt ihm kein finanzieller Schaden, wenn er die Drogen weggibt. Und Stevy gibt die Drogen freiwillig weg, anstatt damit Millionen verdienen zu wollen, weil ihm diese ideologisch ein Dorn im Auge sind (und er sich damit vielleicht zum Ziel für Dogan macht) – für ihn kommt nur Cannabis in Frage. Helga hingegen lässt eine Verfolgung von Stevys Straftat nicht nur aus Gutmütigkeit und Attraktion unter den Tisch fallen: Wenn sie behauptet, die Polizei hätte das Päkchen nur irgendwo selber verschlampt gehabt, erspart sie nicht nur sich und ihrem Team jede Menge Fragen, sondern schützt Toni vor der Justiz.

Das steht in scheinbar krassem Widerspruch zu Helgas entsetzlichem Erstaunen über die Neuigkeit, Toni wäre ein “ausgesprochen guter Handwerker“, der fleißig wie der Teufel sein kann – und dann hat er Helga so eine Schmierenkomödie vorgespielt. Das ist, denke ich, der Moment, in dem sie erkennt, dass selbst Stevy sie mit seinen plumpen Eisenbahn-Metaphern-Anmachen besser behandelt, als es Toni je tat. Und so rettet sie dessen Hintern vor der Justiz in einem letzten liebevollen, respektvollen Akt, während sie gleichzeitig erkennt: Ab hier gibt es kein Zurück.

Anders interpretiert ist es aber vielleicht gerade die Toni bevorstehende Strafmilderung, die Helga ihrem Mann als Strafe verhängt: In “Au Weh” fand er hinter Gittern eine völlig neue Selbstsicherheit; kaum entlassen stottert er hingegen wieder eine halbgare Entschuldigung von sich. Drinnen darf sich Toni vielleicht in seiner Untätigkeit suhlen, draußen muss er hingegen die Scherben seines Lebens selber zusammensammeln – und das bedeutet für ihn verhasste Arbeit. Es ist ein ausgesprochen poetisches Ende, das allerdings mitnichten die Qualität der gesamten Episode widerspiegelt.

„CopStories“ Staffeln 1 und 2 werden seit Mitte 2015 jeden fußballfreien Dienstag um 21.05 Uhr auf ORFeins ausgestrahlt. Danach sind die Folgen jeweils für sieben Tage in der ORF-TVthek (auch weltweit) verfügbar. Beide Staffeln sind als DVD erhältlich.

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