Best of 2015 #4 – Hannes

2015 ging eines der großen Kapitel der Seriengeschichte zu Ende. Foto: Lionsgate

Wir schauen fern in einer Luxus-Ära – es gibt viel zu viele gute Serien, als dass man sich auch nur annähernd alle ansehen könnte, selbst als Vielseher wie wir. Weil ich einige der größten Hits der Kollegen nicht gesehen habe, schaut meine Liste ganz anders aus.

Platz 10 – „Sense8“, Staffel 1

Manche Serien werden besser, je länger es her ist, dass man sie gesehen hat. Das passiert bei mir immer dann, wenn eine Serie sich viel vornimmt, dann aber an einigen ihrer Ziele scheitert. „Sense8“ ist das Paradebeispiel dafür: In meiner Kritik ärgerten mich dutzende kleinere und größere Schwächen, die ich mittlerweile beinah alle vergessen habe. Was in Erinnerung bleibt, ist die wohl ambitionierteste Serie des Jahres, vor allem was die Produktion anbelangt: Gedreht in neun Weltstädten auf vier Kontinenten besitzt die Serie einfach eine Opulenz, mit der es keine andere Serie aufnehmen kann. Das spannende Sci-Fi-Setting und die kinoreifen Action-Sequenzen tun das ihrige.

Die 8 Sensates: Wolfgang (Max Riemelt), Kala (Tina Desai), Lito (Maguel Ángel Silvestre), Capheus (Aml Ameen), Nomi (Jamie Clayton), Will (Brian J. Smith), Riley (Tuppence Middleton) und Sun (Doona Bae).
Multikulturell und wunderschön: „Sense8“. Foto: Netflix

Platz 9 – „The Americans“, Staffel 3

Warum „The Americans“ nicht als ähnlich hohes Gut wie etwa „Breaking Bad“ gehandelt wird, ist mir schleierhaft – ich glaube, es gibt heutzutage einfach zu viele gute Serien von deren Kaliber. Auch bei mir findet sich die Serie rund um zwei russische Spione, die sich in Amerika als Deckmantel eine Familie aufgebaut haben, lediglich auf Platz 9, ohne dass ich sagen könnte, was sie hätte besser machen können. Wie die dritte Staffel damit umging, dass Paige die Wahrheit über ihre Eltern erfuhr, war schon weltklasse – und bietet eine ausgezeichnete Plattform für die vierte Staffel.

Dass die junge Holly Taylor in so einem talentierten Cast auffallen kann, grenzt an ein (Casting-) Wunder.
Dass die junge Holly Taylor in so einem talentierten Cast auffallen kann, grenzt an ein (Casting-) Wunder. Foto: FX

Platz 8 – „Review“, Staffel 2

Die einzige Serie in dieser Liste, die ich nur fragmentarisch sehen konnte, für die aber selbst schon Fragmente und Rezensionen allein ihren Platz in der Bestenliste verdienen: „Review“ ist nicht nur hysterisch, sondern verfolgt vor allem spannende Ideen. Forrest MacNeil rezensiert im Stile von Fortsetzung.tv, aber nicht Serien, sondern Lebenserfahrungen. Weil diese oftmals außerhalb seiner eigenen Welt sind, muss er sich dazu arglos in die wildesten Situationen stürzen. Dabei ist ihm nichts zu schade, vor allem nicht seine Seele und seine Mitmenschen – nachdem er sich für seine Serie in der ersten Staffel scheiden hat lassen, lässt er sein Leben in Staffel 2 komplett einstürzen. Tragisch, lustig, und für mich natürlich sehr meta.

Forrest MacNeil (Andy Daly) rezensiert das Leben und all seine Tücken.
Forrest MacNeil (Andy Daly) rezensiert das Leben und all seine Tücken. Foto: Comedy Central

Platz 7 – „Master of None“, Staffel 1

Normalerweise halte ich mich ja von Comedys fern, aber in „Master of None“ schaute ich dann doch mal rein – nur um einige Folgen sogar zwei Mal zu schauen. Obwohl die Serie durchaus auch witzig ist, will ich sie vielmehr eigentlich für ihre Charaktere loben – realer fühlen sich selbst die Mädels von „Girls“ nicht an. Die Romanze zwischen Dev und Rachel ist die zuckersüßeste des Jahres. Die Serie gibt mir das Gefühl, einfach gemeinsam mit den Figuren Spaß zu haben, ohne dass sie sich bloß von Punchline zu Punchline hangeln würden. Selten gelingt es einer Serie so gut, die Scherzchen und Späße unter Freunden so gut einzufangen.

Soo süß: Dev (Aziz Ansari) und Rachel (Noel Wells). Foto: Netflix
Soo süß: Dev (Aziz Ansari) und Rachel (Noel Wells). Foto: Netflix

Platz 6 – „Daredevil“, Staffel 1

Netflix ist in dieser Liste nicht nur so stark vertreten, weil die Serien am leichtesten zugänglich sind – wie die Kollegen im Endjahres-Podcast angemerkt haben, hat der Konzern einfach ein phänomenales Jahr hinter sich. „Daredevil“ hat durchaus seine Macken (die lächerliche Maske, die schwachen weiblichen Figuren), aber besitzt dafür eine kinoreife Optik, die sich vor den Marvel-Produktionen für die Leinwand nicht verstecken muss. Die Kampfszenen waren die mit Abstand besten des Jahres, Matt Murdock der beste Superheld im TV-Jahr, und Wilson Fisk ein formidabler Gegner, dem erst in der letzten Folge die Luft ausging. Als Netflix gleich fünf Superhelden-Serien auf einmal bestellte, war ich skeptisch; von der Skepsis ist wenig übrig geblieben.

Die Cinematographie der Serie ist unverwechselbar. Foto: Netflix
Die Cinematographie der Serie ist unverwechselbar. Foto: Netflix

Platz 5 – „Game of Thrones“, Staffel 5

Jaja, ich bin ein Fan der Buchvorlage. Aber die Serie ist schon auch unglaublich gut und hatte dieses Jahr sogar ein paar handfeste Überraschungen für Kenner der „Song of Ice and Fire“-Bücher. Mit einem enormen Budget ausgestattet, weiß die Serie nicht nur, wie sie ihre unzähligen, komplex verworrenen Handlungsstränge auf spannende Weise fortsetzen kann, sondern auch, wie sie das zu Must-Watch-TV verarbeiten kann. Egal ob an der Mauer, in King’s Landing oder in Essos – „Game of Thrones“ ist eine Tour de Force, die auch in ihrer fünften Staffel keinerlei Anzeichen von Müdigkeit aufweisen kann – und das, obwohl das die Bücher sehr wohl tun.

Eine der besten Episoden des gesamten TV-Jahres: Hardhome. Foto: HBO
Eine der besten Episoden des gesamten TV-Jahres: „Hardhome„. Foto: HBO

Platz 4 – „Jessica Jones“, Staffel 1

„Jessica Jones“ ähnelt in vielerlei Hinsicht seinem „Daredevil“-Geschwisterchen, und hinkt in Sachen Action diesem sogar deutlich hinterher. Aber „Jessica Jones“ ist thematisch deutlich stärker und gedankenvoller. Ihr Gegenspieler ist nicht bloß ein psychotischer Bösewicht (obwohl er das schon auch ist), sondern in erster Linie das Paradebeispiel für einen Sexualstraftäter: Er sieht sich selbst als Produkt der Gesellschaft, er gibt den Opfern Teil der Schuld, er leugnet das Ausmaß seiner Taten, und er besitzt kein Verständnis dafür, wie Vergewaltigung die Opfer psychisch beeinträchtigen wird. Wie „Jessica Jones“ bzw. David Tennant Kilgrave darstellen ist meisterhaft, aber auch Krysten Ritter als innerlich verletzte, aber äußerlich starke Jessica ist fantastisch. Die gesamte Staffel ist ein bedeutungsschwangeres Werk, dessen feministische Ader nicht zu aufdringlich wirkt – und gerade deshalb mit seiner Botschaft ankommt.

Ein großer Teil des Psychoterrors in "Jessica Jones" fand im Kopf statt. Collage: Netflix
Ein großer Teil des Psychoterrors in „Jessica Jones“ fand im Kopf statt. Collage: Netflix

Platz 3 – „Orange is the New Black“, Staffel 3

Schon wieder Netflix. Ein Nachteil des Binge-Watching-Modells von Netflix ist, dass Staffeln, die man innerhalb von nur wenigen Tagen zur Gänze konsumiert, schnell wieder aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwinden. Scheinbar hat die halbe Fernsehwelt (aber nicht Marcus) schon wieder vergessen, was für eine großartige Staffel „Orange is the New Black“ dieses Jahr hingelegt hat. Nach wie vor besitzt die Serie das stärkste Figurenensemble der TV-Landschaft; neu dazugekommen ist ein deutlich stärkerer sozialpolitischer Aspekt: Staffel 3 ist ein Appell dafür, was für eine grundlegend schreckliche Idee es ist, ein Gefängnis zu privatisieren und profitorientiert führen zu lassen. Wachgerüttelt scheint das die amerikanische Politik aber leider nicht zu haben.

Viele bekannte Gesichter, eine Figur besser als die andere. Foto: Netflix
Viele bekannte Gesichter, eine Figur besser als die andere. Foto: Netflix

Platz 2 – „The 100“, Staffel 2

Eine klassische „Trojanisches Pferd“-Serie: Während die ersten drei Folgen der Serie nach typischer CW-Ware aussehen (bildhübsche junge Schauspieler, Liebesdreiecke, Popmusik-Montagen), wird nach ein paar Folgen und dutzenden grausamen Toden schnell klar, dass man The CW so bloß die Serie verkaufen wollte. Staffel 2 ist hingegen wie aus einem Guss und so selbstsicher, wie ein so unerfahrener Showrunner wie Jason Rothenberg es auf keinen Fall vermuten lässt. „The 100“ ist brutaler und schonungsloser, als man es sich je von CW erwarten hätte können – aber gerade das macht „The 100“ zur derzeit besten Science Fiction-Serie. Am Ende der zweiten Staffel blicken die (noch lebenden) Hauptfiguren auf ihre längst vergangene, verlorene Kindheit der ersten Staffel zurück – auch emotional vermochte „The 100“ ein paar echt harte Hiebe auszuteilen.

"The 100" ist ein überraschend bewegendes und spannendes Drama. Foto: Cate Cameron/ The CW
„The 100“ ist ein überraschend bewegendes und spannendes Drama. Foto: Cate Cameron/ The CW

Platz 1 – „Mad Men“, Staffel 7.2

Ich hatte das Privileg, Staffel 7.2 großteils bloß in Skriptform zu schauen – aber das genügte. Nachdem ich die ganze Serie diesen Sommer zum ersten Mal gesehen habe, steht für mich fest, dass „Mad Men“ schlichtweg das größte Serienwerk aller Zeiten ist (obwohl ich zugeben muss, „The Wire“ noch nicht gesehen zu haben). Die letzten sieben Folgen sind ein wunderschöner Abschluss, und jede Folge war ein Highlight für sich – „Mad Men“ zeigt in seinem Abschlussakt eindrucksvoll, was sich mit seriellem Erzählen alles anstellen lässt. Egal ob Joanne, Pete, Sterling, Peggy, Betty oder Don – all ihre Schicksale bewegten mich zutiefst. Was für eine wunderbare Serie, und was für ein grandioses Ende.

Peggy (Elizabeth Moss) kam zum Schluss ganz groß raus, "Mad Men" war von Anfang an perfekt. Foto: Lionsgate TV
Peggy (Elizabeth Moss) kam zum Schluss ganz groß raus, „Mad Men“ war von Anfang an perfekt. Foto: Lionsgate TV

Bonus: Platz 0 – „The Leftovers“, Staffel 2

Ich hatte leider nicht die Gelegenheit, die zweite Staffel von „The Leftovers“ zu schauen – verfolgt habe ich sie per Social Media, Rezensionen sowie unserem Podcast allerdings sehr wohl (trotz der Spoiler). Obwohl ich sie also bis auf die erste Episode nicht gesehen habe, bin ich mir sicher, dass „The Leftovers“ die beste Serie des Jahres war. Nicht nur, weil ich schon „The Leftovers“ als beste Serie des Vorjahres bezeichnete und der Konsensus ist, dass Staffel 2 eine Steigerung ist; Nein, ich liebe „The Leftovers“, weil es seine existentiellen Themen tiefer erforscht als wohl je eine Serie zuvor – glaube ich zumindest, ich habe die Staffel ja gar nicht gesehen. Dass Lindelof eine so hoch gelobte Staffel schaffen kann, nachdem die erste Staffel eigentlich schon das komplette Material der Vorlage verbraucht hatte, grenzt an ein Wunder – aber das passt ja zur Serie.

Staffel 2 von "The Leftovers" ist die beste Serie, die ich nie gesehen habe. Foto: HBO
Staffel 2 von „The Leftovers“ ist die beste Serie, die ich nie gesehen habe. Foto: HBO

Und was waren eure Lieblingsserien 2015?

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